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Lebertransplantationen: Organe werden häufig abgelehnt

MEDIZIN

 
Lebertransplantationen

Organe werden häufig abgelehnt


Von Annette Mende / Viele Patienten, die eine neue Leber brauchen, sterben, weil es nicht genügend Organspender gibt – sollte man meinen. Die Autoren einer aktuellen US-Studie stellen jetzt diese Einschätzung infrage. Demnach hätten die meisten Patienten, die letztlich starben, neue Organe erhalten können.

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Wie häufig bekommen Patienten auf der Warteliste für eine Spenderleber eigentlich ein Organ angeboten? Dieser Frage gingen Jennifer Cindy Lai, Sandy Feng und John Paul Roberts von der University of California in San Francisco nach. Das Ergebnis ihrer Recherche überraschte sie selbst: Die allermeisten Patienten, die später starben, hatten zuvor mindestens ein Angebot erhalten, das ihre Ärzte oder sie selbst jedoch ausschlugen. Die häufigen Ablehnungen erklärten »einen beträchtlichen Anteil der Wartelisten-Mortalität«, die offenbar nicht ausschließlich auf einem Mangel an Organen beruhe, schreiben die Autoren im Fachjournal »Gastro­enterology« (doi: 10.1053/j.gastro.2012. 07.105).

 

Im Schnitt sechs Angebote

 

Grundlage der Arbeit bildet eine Auswertung sämtlicher Daten des US-amerikanischen Transplantationsregisters von Februar 2005 bis einschließlich Januar 2010. In dieser Zeit standen knapp 33 400 Patienten auf der Warteliste für eine Lebertransplantation. 20 Prozent von ihnen starben oder mussten von der Liste genommen werden, weil sich ihr Zustand so sehr verschlechtert hatte, dass eine Transplantation nicht mehr infrage kam. Von diesen Patienten hatten 84 Prozent zuvor Organe angeboten bekommen – und das nicht nur einmal, sondern im Schnitt sogar sechsmal.




Nicht jeder Patient auf der Warteliste für eine neue Leber hat so viel Glück, rechtzeitig ein geeignetes Spenderorgan zu erhalten. Zum Teil schlagen die betreuenden Ärzte entsprechende Angebote aus.

Foto: Deutsche Stiftung Organspende


Um Organe von schlechter Qualität auszuschließen, bezogen die Autoren in ihre Untersuchung nur Lebern ein, die letztlich einem anderen Patienten transplantiert werden konnten. Allerdings erfüllten nicht alle angebotenen Organe sämtliche von Lai und Kollegen aufgestellten Kriterien für hohe Qualität. Diese waren gegeben, wenn auf den Spender unter anderem Folgendes zutraf: Alter 18 bis 50 Jahre, Körpergröße 170 cm oder mehr, helle Hautfarbe und negativer Hepatitis-C-Antikörpernachweis. Die Hautfarbe des Spenders wird eigentlich nur zu statistischen Zwecken erfasst und nicht offiziell als Qualitätskriterium gewertet. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2006 rechtfertigt jedoch die Berücksichtigung dieses auf den ersten Blick diskriminierend wirkenden Merkmals: Darin war dunkle Hautfarbe des Spenders mit einer geringfügig häufigeren Transplantatabstoßung assoziiert (doi: 10.1111/ j.1600-6143.2006.01242.x).

 

In der vorliegenden Arbeit hatten 55 Prozent der Patienten, die später starben oder von der Warteliste gestrichen werden mussten, zuvor mindestens ein Organ angeboten bekommen, das sämtliche Qualitätskriterien erfüllte. Häufigster Grund für eine Ablehnung war »Qualität des Organs beziehungsweise Alter des Spenders«. Welche dieser beiden Eigenschaften den Ausschlag gegeben hatte, wurde nicht weiter aufgeschlüsselt. Da diese Begründung auch bei Ablehnung der von den Autoren als qualitativ hochwertig eingestuften Lebern am meisten genannt wurde, vermuten Lai und Kollegen, dass in Wirklichkeit auch andere Faktoren eine Rolle gespielt haben.

 

So könne es sein, dass Patienten bereits als Kandidaten auf die Warteliste gesetzt wurden, bevor sie alle vorbereitenden Tests durchlaufen hatten, also de facto noch gar nicht für eine Transplantation bereit waren. Auch sei denkbar, dass Ärzte den Gesundheitszustand ihres Patienten überschätzten und daher das Risiko eingingen, ein Angebot abzulehnen und auf ein besseres zu spekulieren.

 

Patienten entscheiden nicht mit

 

Der Patient selbst erfährt von diesen verpassten Gelegenheiten unter Umständen gar nichts, da in den USA – wie übrigens auch in Deutschland – bei einem Angebot zunächst die Transplantationszentren informiert werden. Die dortigen Ärzte müssen dann beurteilen, ob das Organ gut genug für ihren Patienten ist. In diese Entscheidungsfindung werden die Patienten nicht immer eingebunden.

 

Das bemängeln die Gastroenterologen Michael L. Volk und Carl L. Berg. »Es wäre interessant zu erfahren, was die Patienten davon halten, dass in ihrem Namen mehrere Organe abgelehnt werden – Organe, die später anderen Kandidaten auf der Warteliste implantiert werden«, schreiben sie in einem begleitenden Editorial (doi: 10.1053/j.gastro.2012.09.022).

 

Ein weiteres Problem besteht offenbar darin, dass die Qualität der gespendeten Lebern generell immer schlechter wird und dass sowohl Patienten als auch Ärzte die Chancen auf ein ideales Spenderorgan überschätzen. Das führt dazu, dass suboptimale, aber nicht gänzlich ungeeignete Organe in Erwartung eines besseren Angebots abgelehnt werden, das dann aber nie kommt.

 

Dieses Vabanquespiel wird aus Sicht der beiden Editorialisten zusätzlich vom Wettbewerb der Transplanta­tionszentren untereinander gefördert. Deren Qualität wird ausschließlich nach Überlebenszeiten und Komplikationsraten bewertet. Als Maß für die Güte eines Zentrums sollte die Wartelisten-Mortalität mit einbezogen werden, fordern Volk und Berg.

 

In Deutschland ist für die Zuteilung von Spenderorganen die Stiftung Eurotransplant zuständig. In ihr sind außer der Bundesrepublik auch Belgien, Kroatien, Luxemburg, die Niederlande, Österreich und Slowenien Mitglieder. Pro Jahr vermittelt Eurotransplant circa 7000 Spenderorgane. Wie das Vergabeverfahren abzulaufen hat, regeln die Richtlinien zur Transplantationsmedizin der Bundesärztekammer.

 

Beschleunigtes Verfahren

 

Demnach bietet Eurotransplant jedes Spenderorgan zunächst einem Transplantationszentrum für einen bestimmten Patienten an. Das Angebot erhält derjenige, der am höchsten auf der Warteliste steht. Lehnt das Zen­trum ab oder besteht die Gefahr, das Organ zu verlieren, leitet Eurotransplant ein sogenanntes beschleunigtes Vermittlungsverfahren ein. Dabei wird das Organ möglichst schnell ortsnah an einen geeigneten Patienten vergeben. Wer berücksichtigt wird, entscheidet dann nicht Eurotransplant, sondern die Klinik. Dieses Verfahren soll sicherstellen, dass möglichst alle Spenderorgane einen Empfänger finden, ist aber durch die Manipulationen in Göttingen und Regensburg in die Kritik geraten.

 

Laut Eurotransplant konnten 2011 in Deutschland 85 Prozent aller Spenderlebern vermittelt werden. »Das zeigt, dass das beschleunigte Vermittlungsverfahren den Verlust von Organen verhindert, obwohl der Spender-Risikoindex von Eurotransplant deutlich höher ist als der in den USA«, hieß es auf Nachfrage der Pharmazeutischen Zeitung. Darüber, welche Begründung im Fall einer Ablehnung am häufigsten genannt wurde, erteilte Eurotransplant jedoch keine Auskunft. /


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Beitrag erschienen in Ausgabe 46/2012

 

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