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Medikationsmanagement: Von England lernen

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Medikationsmanagement

Von England lernen


Von Eva Goebel / Was unsere Apothekenbetriebsordnung in ihrer Novelle erstmals explizit Medikationsmanagement nennt, gehört in Großbritannien seit 2005 zum Berufsalltag. In Medicines Use Reviews (MURs) genannten Konsultationen analysieren Apotheker gemeinsam mit ihren Patienten deren gesamte Medikation. Ziele sind verbesserte Compliance, eine sichere und effiziente Arzneitherapie sowie nicht zuletzt Kostenersparnis und weniger Arzneimittelmüll.

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»Verstehe Deine Arzneimittel« – so lautet die Überschrift einer Broschüre, die Patienten den Nutzen einer Medicines Use Review nahebringen soll. Entwickelt wurde sie von der nationalen Gesundheitsbehörde National Health Service (NHS). Sie wirbt für MURs und sie zahlt dafür – derzeit 28 Pfund pro MUR. Jede Apotheke Großbritanniens darf bis zu 400 MUR pro Jahr durchführen und abrechnen. 2011 gab der NHS nach einer Berechnung der Tax Payers Alliance etwa 67 Millionen Pfund für Medicines Use Reviews aus. Inwieweit die Investition sich rentiert und zum gewünschten Erfolg führt, wird kontrovers diskutiert. Dennoch sind MUR seit nunmehr sieben Jahren fester Bestandteil des Dienstleistungsangebots der Apotheken Großbritanniens.




Foto: Fotolia/vege


Konnten Apotheken bis Oktober 2011 noch jedem Patienten, der mehr als ein Arzneimittel regelmäßig einnimmt, einmal im Jahr eine MUR anbieten, hat der NHS seitdem die Gruppe der geeigneten Patienten eingegrenzt. Mindestens 50 Prozent aller MUR müssen jetzt bei Patienten durchgeführt werden, die eines der drei Kriterien erfüllen: sie nehmen ein definiertes Hochrisiko­arzneimittel ein (NSAID, Antikoagulans, Thrombozytenaggregationshemmer, Diuretikum), sie wurden kürzlich mit geänderter Medikation aus dem Krankenhaus entlassen oder sie verwenden bestimmte Arzneimittel zur Therapie einer Atemwegserkrankung. Die Einschränkun­gen hat der NHS 2011 vorgenommen, da Erhebungen der vergangenen Jahre zeigten, dass diese Patientengruppen offenbar am meisten von MUR profitieren. Zudem führen in diesen Fällen fehlerhafte Arzneimittelanwendungen oder unentdeckte Interaktionen am ehesten zu kostenintensiven Krankenhauseinweisungen.

 

Ist ein geeigneter Patient in der Apotheke identifiziert, erhält er einen Termin bei einem von einer Universität für MUR akkreditierten Apotheker. Der Patient wird gebeten, zu dem Termin eine Liste aller eingenommenen Arzneimittel mitzubringen. Die Konsultation findet in einem separaten Raum statt und dauert in der Regel zwischen zehn und 30 Minuten. Zur Dokumentation des Gespräches verwendet der Apotheker ein zweiseitiges Standardformular mit je einem Durchschlag für den Patienten und den behandelnden Arzt.

 

Schematischer Ablauf

 

Im ersten Teil der Konsultation kommt der Patient zu Wort. Welche chronischen Erkrankungen sind diagnostiziert? Sind Allergien bekannt? Anschließend geht der Apotheker mit dem Patienten jedes verordnete und OTC-Arzneimittel einzeln durch. Hierbei fragt er ihn jeweils, ob, wann und wie er das Arzneimittel einnimmt und wofür er es seines Wissens benötigt. Durch gezieltes und geschicktes Nachfragen muss der Apotheker für jedes Arzneimittel bewerten und in dem Formular ankreuzen, ob der Patient weiß, wofür er das Arzneimittel nimmt (ja/nein), ob die Darreichungsform geeignet ist (ja/nein) und ob Nebenwirkungen auftreten (ja/nein). Ferner muss er jeweils die Compliance des Patienten beurteilen.

 

Im zweiten Teil der Konsultation erstellt der Apotheker einen sogenannten Medicines Use Review Action Plan. Hier trägt er identifizierte Probleme, die jeweils vorgeschlagene Maßnahme, den Verantwortlichen für die Maßnahme (Patient/Arzt/Apotheker) und möglichst – zu einem späteren Datum – das Resultat der Maßnahme ein. Zudem kreuzt der Apotheker für den Patienten eine Handlungsanweisung an:

 

Dies ist Ihre Kopie zur Kenntnis­nahme
Bitte befolgen Sie die erwähnten Anweisungen
Bitte besprechen Sie die Empfehlungen mit Ihrem Arzt

 

Für den Arzt kreuzt der Apotheker außerdem wahlweise an:

 

Nur zur Information, keine Maßnahme erforderlich
Bitte beachten Sie die oben genannten Vorschläge.

 

Ist nach MUR Action Plan der Patient für eine Maßnahme der Verantwort­liche, kann der Apotheker ihn zum Beispiel schriftlich zu regelmäßiger Einnahme oder Anwendung eines Arzneimittels und/oder zur Einnahme eines Arzneimittels zu einer bestimmten Zeit auffordern. Dass ein inhalatives Corticosteroid bei Asthma regelmäßig angewendet werden muss, ein Protonenpumpenhemmer nüchtern oder Simvastatin abends eingenommen werden sollten, wird dem Patienten häufig erst während einer MUR klar.




Abbildung 1: Ergebnisse der MUR-Konsulation von 110 Patienten


Auch nicht medikamentöse Maßnahmen wie die Teilnahme an einem Gewichtsmanagement- oder Raucherentwöhnungsprogramm kann der Apotheker dem Patienten auf diesem Wege schriftlich nahelegen. Zudem finden Hinweise auf besondere Vorsichtsmaßnahmen wie »Auf Sonnenbäder verzichten« oder »Nach der Einnahme eines Bisphosphonats nicht wieder hinlegen« im MUR Action Plan ihren Platz.

 

Wendet der Patient beispielsweise seine Inhalationssysteme nicht korrekt an oder gibt es Hinweise auf Non-Compliance, kommt als Verantwortlicher der Apotheker ins Spiel. Gemäß MUR Action Plan schult er in diesen Fällen den Patienten erneut im Gebrauch seiner Inhalatoren oder erstellt einen detaillierten Medikationsplan. Er erläutert den Nutzen und die Wirkungsweise von Arzneimitteln und vermerkt dies im MUR Action Plan.




Abbildung 2: Gründe für eine Intervention durch Apotheker

In der Kategorie »Verantwortlicher: Arzt« geht es um Empfehlungen des Apothekers an den Arzt. Therapieverantwortlicher bleibt der Arzt. Das Spektrum der arzneimittelbezogenen Probleme, die ein Apotheker bei einer MUR identifizieren kann, reicht von ungeeigneten Darreichungsformen über Nebenwirkungen und Interaktionen bis zu anscheinend unzureichender Therapie. Inwieweit der Patient profitiert, hängt maßgeblich von der Qualität der Arzt-Apotheker-Kommunikation und -Kooperation ab.

 

Patienten benötigen Hilfe

 

Eine nicht repräsentative, eigene Erhebung in einer Apotheke im Großraum Manchester zwei Jahre nach Einführung der MUR hat ergeben: Von 110 Patienten einer MUR-Konsultation nahmen lediglich 18 Patienten alle Arzneimittel nach Anweisung ein und hatten dabei weder Nebenwirkungen noch sonstige Probleme. In 61 Fällen traten Probleme auf, bei denen der Apotheker helfen konnte, 31 Patienten mussten an ihren Arzt überwiesen werden (Abbildung 1). Die 61 Patienten, denen der Apotheker helfen konnte, machten entweder Fehler bei der Anwendung ihrer Arzneimittel oder nahmen ihre Arzneimittel unregelmäßig oder zur falschen Zeit ein. Einige Patienten wussten bis dahin überhaupt nicht, wofür ihr Arzneimittel gut sein soll. Eine Aufschlüsselung der Gründe für die Apothekerintervention zeigt Abbildung 2.




Abbildung 3: Gründe für eine Überweisung an Arzt

Den Patienten, die Arzneimittel zu falschen Zeiten, unregelmäßig oder – aus Unwissenheit – gar nicht einnahmen, wurden Nutzen und Wirkungsweise der Arzneitherapie ausführlich erläutert. Sie bekamen einen schriftlichen Medikationsplan. Die Patienten, die ihre Arzneimittel – meist Inhalationssysteme oder Insulinpens – fehlerhaft anwendeten, erhielten eine Schulung. Die Gründe für die Arztüberweisungen sind in Abbildung 3 zusammengefasst.

 

Ausblick

 

Ein MUR-ähnliches Beratungsgespräch, in dem der Apotheker mit dem Patienten dessen gesamte Medikation durchgeht, findet im deutschen Apothekenalltag aufgrund Zeitmangels und fehlender Vergütung bisher selten statt. Möglicherweise würden solche Gespräche zu ähnlichen Resultaten führen. Vor allem, seit Präparatewechsel aufgrund von Rabattverträgen Patienten verunsichern können. Ein Medikationsmanagement im Stil der Medicines Use Reviews könnte vielen Patienten helfen, ihre Arzneitherapie richtig zu verstehen und optimal zu nutzen. Die neue Apothekenbetriebsordnung erteilt den Apothekern in Deutschland den Auftrag zum Medikationsmanagement. Sie bietet ihnen damit die große Chance, sich auf ihre Kernkompetenzen zu besinnen. /


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Beitrag erschienen in Ausgabe 46/2012

 

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