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Evidenzbasierte Medizin: Die begründete Entscheidung

TITEL

 
Evidenzbasierte Medizin


Die begründete Entscheidung


Von Hannelore Gießen / Seit der Antike stützt sich ärztliche Kunst vor allem auf individuelle Erfahrung. Erst im 18. Jahrhundert begann man, medizinische Behandlungsformen mit naturwissenschaftlichen Methoden zu beurteilen. Heute wird der Nachweis der Wirksamkeit als Grundlage medizinischer Entscheidungen angestrebt.

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Mitunter zeigt eine systematische Auswertung verschiedener Studien, dass die gewohnte therapeutische Praxis dem Patienten mehr schadet als nutzt. Ein Beispiel: In den 1970er- und 1980er-Jahren erhielten Herzinfarktpatienten Lidocain, um den Herzrhythmus zu stabilisieren. Im Einzelfall hatten Kardiologen damit gute Erfolge erzielt. Doch 1989 zeigten zwei Übersichtsarbeiten, dass durch das Klasse-I-Antiarrhythmikum mehr statt weniger Patienten starben (1).




Evidenzbasierte Medizin ist keine »Kochbuch­medizin«, sondern stützt sich auf drei Säulen: den aktuellen Stand der klinischen Forschung, die individuelle klinische Erfahrung und die Wünsche des Patienten.

Foto: Fotolia/beermedia


Es gibt jedoch auch viele Beispiele mit umgekehrtem Ausgang. Eines davon: Lässt sich eine Frühgeburt nicht mehr vermeiden, erhalten Schwangere Corticosteroide, um die Lungen­reifung des Fötus zu beschleunigen. Die Überlebens- und Entwicklungs­chancen des vorzeitig geborenen Babys erhöhen sich damit deutlich. Grundlage dieser Maßnahme, die sich seit 1990 als Standard etabliert hat, ist eine zusammenfassende Beurteilung von acht systematischen Übersichtsarbeiten zu Schwangerschaft und Geburt.

 

Messen und Rechnen

 

Die Überlegung, medizinische Behandlungsformen mit naturwissenschaftlichen Methoden zu beurteilen, ist mehr als 200 Jahre alt. In Schottland hatte sich der Arzt George Fordyce in seinem 1793 publizierten Artikel »An attempt to improve the Evidence of Medicine« für eine Prüfung therapeutischer Maßnahmen eingesetzt.

 

Rund 70 Jahre später veröffentlichte der französische Physiologe Claude Bernard seine »Einführung in das Studium der experimentellen Medizin«, die als grundlegendes Werk der modernen naturwissenschaftlichen Heilkunde gilt. Er betonte darin die Notwendigkeit vergleichender Studien.

 

Fast zur gleichen Zeit führte der französische Arzt Pierre Charles-Alexandre Louis die numerisch-statistische Bewertung von Studien in die Medizin ein. Auch er unterstrich die Bedeutung des Vergleichs in der klinischen Forschung, hielt aber außerdem noch eine mathematische Auswertung für erforderlich. Er gilt heute als einer der Begründer der Epidemiologie. Beide Ansätze zusammen – die experimentelle Richtung und die numerisch-statistische Denkart – führten Anfang des 20. Jahrhunderts zu den verschiedenen Möglichkeiten, Therapien über Studien zu bewerten.

 

Die Gründung der modernen Evidenzbasierten Medizin geht auf die Arbeitsgruppe um David Sackett zurück, der die Methode im angloamerikanischen Raum einführte (Kasten). 1967 gründete er das erste Institut für klinische Epidemiologie in Kanada an der McMaster University und später das Oxford Centre for Evidence-based Medicine. Einen weiteren Meilenstein in der Entwicklung markiert der britische Epidemiologe Archibald Cochrane. 1972 erschien sein Buch »Effectiveness and Efficiency: Random Reflections on Health Services«, das zu weiterer Akzeptanz klinischer Epidemiologie und kontrollierter Studien führte (2, 3).


EbM im Überblick

Der heute in Kanada lebende Epidemiologe David Sackett fasste 1996 die Kriterien für EbM im British Medical Journal zusammen: »Evidenzbasierte Medizin ist der gewissenhafte, ausdrückliche und vernünftige Gebrauch der besten verfügbaren externen wissen­schaftlichen Evidenz für Entscheidungen in der medizinischen Versorgung individueller Patienten. Es bedarf der klinischen Erfahrung des Arztes und der Berücksichtigung der patientenindividuellen Situation, um die bestmögliche externe Evidenz in eine für den individuellen Patienten bedarfsgerechte Therapieentscheidung umzusetzen. Gute Ärzte benutzen ihre eigene klinische Erfahrung und die beste verfügbare externe Evidenz, denn keines von beiden reicht für sich allein genommen aus.«

 

Sackett, D. L., et al., Evidence based Medicine: what it is and what it isn’t. It’s about integrating individual clinical expertise and the best external evidence. BMJ 312 (1996) 71-72.

Stand zuvor in der tradierten Medizin die aus individueller Erfahrung gewonnene Expertenmeinung im Vordergrund, so stützt sich eine rationale therapeutische Entscheidung in der Evidenzbasierten Medizin (EbM) zunehmend auf einen empirischen Nachweis der Wirksamkeit.

 

Die deutsche Begrifflichkeit ist allerdings verwirrend: Die Bezeichnung »Evidenz« ist die Übertragung des englischen Begriffs »evidence: Nachweis, Beleg«. Dessen Aussage stimmt aber nicht mit der Bedeutung von »evident« im Deutschen im Sinne von »offensichtlich« oder »klar auf der Hand liegend« überein. Die »Evidenz« oder besser die Beweislage in EbM bezieht sich auf die Informationen aus wissenschaftlichen Studien und systematisch zusammengetragenen klinischen Daten, die einen Sachverhalt erhärten oder widerlegen.

 

Evidenz und Erfahrung

 

Erfahrung allein ist in der Medizin und der Wissenschaft ein problematischer Ratgeber. Als Bestätigungs- oder Attributionsfehler werden kognitive Verzerrungen bezeichnet, wonach ein Mensch bevorzugt jene Informationen aufnimmt, die ihn in seinen Erwartungen bestätigen. Mit wissenschaftlichen Nachweisen will EbM eine Barrikade gegen solche Denkfehler errichten.

 

Als beste »Evidenz« gelten nicht verzerrte, statistische Daten, wohingegen Expertenmeinungen in der EbM nachrangig eingestuft werden. Randomisierte, kontrollierte klinische Studien und besonders systematische Übersichten dieser Studien (Meta-Analysen) führen mit höherer Wahrscheinlichkeit zu einem korrekten Ergebnis als Einzelfallbetrachtungen und lassen falsche Schlussfolgerungen weniger wahrscheinlich sein. Daher dienen sie als »Goldstandard« für die Beantwortung der Frage, ob eine Therapiemaßnahme dem Patienten mehr nützt als schadet oder umgekehrt.

 

Unter Evidenzbasierter Medizin im engeren Sinne versteht man die Versorgung des Patienten mit der besten zur Verfügung stehenden Therapie. Dieses Vorgehen umfasst die systematische Suche nach relevanten Nachweisen in der medizinischen Literatur für ein konkretes klinisches Problem, die kritische Beurteilung der Glaubwürdigkeit dieser Belege nach klinisch-epidemiologischen Gesichtspunkten, die Bewertung der Größe des beobachteten Effekts sowie die Anwendung dieser Evidenz auf den konkreten Patienten. An diesem Punkt kommen die klinische Erfahrung des Behandlers und die Vorstellungen der Patienten mit ins Spiel. EbM stützt sich somit auf drei Säulen:

 

den aktuellen Stand der klinischen Forschung (externe Evidenz),
die individuelle klinische Erfahrung (interne Evidenz) sowie
die Werte und Wünsche des Patienten.

 

Überblick durch Übersichtsarbeiten

 

Nach dem Epidemiologen Archibald Cochrane wurde 1993 ein internationales Netzwerk zur Wirksamkeitsbewertung in der Medizin benannt: die Coch­rane Collaboration. Die Entwicklung der EbM und der Cochrane Collaboration sind eng miteinander verwoben.




Ist diese Therapie evidenzbasiert? Randomisierte kontrollierte Studien können die Antwort geben.

Foto: TK


Die Cochrane-Wissenschaftler eröffnen einen Lösungsweg für ein Grundproblem der EbM: das Missverhältnis zwischen dem Umfang der Literatur und der Lesezeit des Anwenders. Denn alle fünf Jahre verdoppelt sich das medizinische Wissen, und die Zahl medizinischer Publikationen ist kaum mehr zu überblicken. Durch systematische Recherche und Bewertung sowie eine zusammenfassende Aufbereitung der Ergebnisse wird Wissenstransfer aus der klinischen Forschung in den klinischen Alltag vereinfacht. Bisher sind weltweit über 600 000 randomisierte kontrollierte Studien in der Cochrane Library erfasst (www.cochranelibrary.com).

 

Allerdings bewertet die Cochrane Collaboration bisher ausschließlich randomisierte kontrollierte Studien zur Wirksamkeit therapeutischer, präventiver oder diagnostischer Maßnahmen. Für viele Fragen stehen aber keine solchen Studien zur Verfügung oder sie sind kaum oder gar nicht durchführbar, zum Beispiel bei vielen chirurgischen Eingriffen (4).

 

Mehr als eine halbe Million vergleichender Studien liegen weltweit vor, und jedes Jahr kommen weit über 20 000 hinzu. Gleichwohl bleiben viele Fragen unbeantwortet, besonders wenn die Industrie kein wirtschaftliches Interesse daran hat, Studien zu initiieren, beispielsweise bei seltenen Erkrankungen. Auch bei Kindern, Schwangeren und hochbetagten Menschen stützt sich die Therapie vielfach auf eine mäßige oder unbefriedigende Daten­basis.

 

Fehlende Daten schwächen Transparenz

 

Die Arbeit der Cochrane Collaboration, die ihren deutschen Sitz in Freiburg hat, wird noch auf andere Weise begrenzt: Das Institut analysiert nur in Fachjournalen publizierte Daten. Doch rund die Hälfte aller Studien wird gar nicht veröffentlicht, unabhängig davon, ob sie beendet wurden oder nicht. Auf diesen Missstand weist Professor Gerd Antes, Direktor des Deutschen Cochrane Zentrums, deutlich hin: »Diese Erkenntnis gilt weltweit. Wir haben sie für Deutschland bestätigt, indem wir die Zahl der bei der Ethikkommission der Universitätsklinik Freiburg begutachteten Studien mit der publizierten Anzahl verglichen haben.« Studien mit statistisch signifikantem und/oder positivem Ergebnis würden deutlich häufiger veröffentlicht als andere, berichtet er im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung.


Tabelle: Evidenzklassen für klinische Studien

Klasse Evidenz belegt durch 
Ia Meta-Analysen von mehreren randomisierten, kontrollierten Studien 
Ib mindestens eine randomisierte, kontrollierte Studie 
IIa mindestens eine gut angelegte, jedoch nicht randomisierte und kontrollierte Studie 
IIb mindestens eine gut angelegte, quasi-experimentelle Studie 
III gut angelegte, nicht-experimentelle deskriptive Studien, etwa Vergleichsstudien, Korrelationsstudien oder Fall-Kontroll-Studien 
IV Berichte von Expertenausschüssen oder Expertenmeinungen 

Seit Jahrzehnten fordert die Cochrane Collaboration, dass alle Studien, die geplant und begonnen werden, registriert und später publiziert werden – unabhängig davon, zu welchem Ergebnis sie kommen und ob sie beendet wurden. So könne man verfolgen, ob Studien abgebrochen wurden. Nur so ergebe sich ein vollständiges Bild des gesamten Studiengeschehens (5, 6).

 

Jahrelang verhallte dieser Ruf ohne Resonanz. Dies änderte sich erst, als 2004 zahlreiche große medizinische Fachzeitschriften ankündigten, nur noch jene Studien zu veröffentlichen, die schon zu Beginn registriert wurden. Danach stieg die Zahl der wöchentlich registrierten Studien von 30 auf 220, fiel danach jedoch wieder ab.

 

»Leider hat man es auch bei der Novellierung des Arzneimittelgesetzes versäumt, in den Paragrafen 42 b die Registrierungspflicht für alle Studien aufzunehmen«, moniert Antes. »Selbst Ethikkommissionen haben keinen Überblick über laufende Studien.«

 

Stufenweise Empfehlung

 

Um für eine bestimmte therapeutische Frage die vorhandene Evidenz darzustellen, haben sich in der EbM systematische Übersichten, sogenannte Reviews, etabliert. Diese fassen die Ergebnisse von Einzelstudien zusammen, die sich mit dieser Frage befasst haben. Die Beweiskraft der in Reviews eingeschlossenen Einzelstudien wird nach Validitätskriterien hierarchisch geordnet. Dabei orientieren sich die Wissenschaftler daran, ob durch das Studiendesign systematische Fehler (Bias) vermieden werden.

 

Die höchste Aussagekraft haben randomisierte kontrollierte Studien (RCT: randomized controlled trial). Dabei bedeutet Randomisierung, dass die Zuordnung zu den Behandlungsgruppen, etwa mit Medikament A oder B, nach dem Zufalls­prinzip erfolgt. Dies ist Voraussetzung dafür, bekannte und nicht bekannte Einflussfaktoren auf alle Gruppen gleichmäßig zu verteilen. Daher muss die Anzahl der zu untersuchenden Personen auch ausreichend groß sein.




Leitplanken vermitteln Orientierung und Sicherheit im Straßenverkehr, Leitlinien in der Medizin.

Foto: Fotolia/suzesizu


Kontrolliert heißt eine Studie, die die Ergebnisse einer Studiengruppe mit denen einer Kontrollgruppe vergleicht. Als Kontrollintervention wird entweder eine Placebo- oder die bisherige Standardtherapie herangezogen. Weder Arzt noch Patient dürfen wissen, zu welchem Studienarm der Patient gehört, und diese sogenannte Verblindung muss während des gesamten Studienzeitraums bestehen bleiben. Um zu aussagekräftigen Ergebnissen zu kommen, muss schließlich gewährleistet sein, dass alle anfangs randomisierten Patienten bei der Auswertung erfasst werden, auch solche, die schon früher aus der Studie ausgeschieden sind (7, 8, 9).

 

Die Empfehlung für eine Therapie richtet sich in erster Linie nach den unterschiedlichen Evidenzklassen (Tabelle). Studien der Klasse Ia haben die höchste Evidenz, Studien der Klasse IV die geringste. Je höher die Evidenzklasse, desto besser ist eine Therapieempfehlung wissenschaftlich begründet. Falls keine kontrollierte Studie für die besondere Situation eines Patienten vorliegt, muss die nächstbeste externe Evidenz berücksichtigt werden. Dies kann auch ein Expertenkonsens (Klasse IV) oder ein übertragbares Ergebnis aus der Grundlagenforschung sein.

 

Neben den Evidenzklassen existieren weitere Einteilungen und Grade zur Stärke von Empfehlungen. Diese berücksichtigen neben der Qualität der Einzelstudien die Gesamtheit der Evidenz zu einer Frage. Ein bekanntes Beispiel ist die Einteilung von SIGN (Scottish Intercollegiate Guidelines Network), das Empfehlungen zwischen A und D vergibt.

 

Dieses Nebeneinander unterschiedlicher Systeme kann verwirren. Seit dem Jahr 2000 bemüht sich eine internationale Arbeitsgruppe, die GRADE Working Group (Grading of Recommendations Assessment, Development and Evaluation), die unterschiedlichen Klassifikationen zu ordnen. Dabei will die Arbeitsgruppe weitere wichtige Aspekte wie die Relevanz von Studien mitberücksichtigen (10, 11).

 

Leitlinien als Leitplanken

 

Auf Evidenzbasierter Medizin beruht auch die Entwicklung von Leitlinien für Diagnostik und Therapie, die seit 1995 von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) koordiniert wird (12). Die sogenannten Leitlinien werden je nach Qualität des Entwicklungsprozesses mit S1 bis S3 bezeichnet. Die stärkste Aussagekraft haben S3-Leitlinien: mit vollständigem Literaturverzeichnis, Berücksichtigung zusammengefasster Literatur, Einordnung der Empfehlungsstärke und Bewertung der Ergebnisrelevanz.

 

Daneben existieren Nationale Versorgungsleitlinien zu ausgewählten Krankheiten wie Diabetes mellitus, Hyper­tonie oder Demenz. Dies ist ein gemeinsames Programm von Bundesärztekammer (BÄK), Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) und AWMF.

 

Die Therapieempfehlungen der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft sind ebenfalls evidenzbasierte Leitlinien, insbesondere für Hausärzte. Sie zeigen auf, welche therapeutischen Maßnahmen durch klinische Studien gut gesichert sind. Sie geben aber auch dort Orientierung, wo die Datenlage unzureichend ist (13, 14).

 

»Leitlinien sind entscheidende Scharniere zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und klinischer Praxis«, erläutert Antes. Eine große Schwachstelle im deutschen Gesundheitssystem bestehe jedoch in der völlig unzureichenden unabhängigen Finanzierung von Studien. Ganz überwiegend würden diese von der pharmazeutischen Industrie initiiert. Dies führe zu Interessenkonflikten bei klinisch tätigen Ärzten und Wissenschaftlern, die an Studien sowie der Erstellung der Leitlinien beteiligt sind.

 

Das EbM-Netzwerk

 

In Deutschland wurde 2000 das Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin DNEbM e. V. gegründet, eine interdisziplinäre Plattform für alle Aspekte und Aktivitäten der EbM. Das Netzwerk entwickelt und koordiniert unter anderem EbM in Aus-, Fort- und Weiterbildung von Gesundheitsberufen, vor allem von Medizinern (3).




Kompetenz zeigen – evidenzbasiert beraten

Foto: ABDA


Die Evidenzbasierte Medizin hat sich auch auf weitere Bereiche ausgedehnt. So schließt eine Evidenzbasierte Gesundheitsversorgung (EbHC: Evidence-based Health Care) neben medizinischen auch epidemiologische, ökonomische und soziale Aspekte mit ein. Eine Patientenversorgung nach den Grundsätzen der EbM ist im Sozialgesetzbuch (SGB), unter anderem § 137f SGB V, festgelegt. Sie ist Basis der Bewertungen des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) sowie der Entscheidungen des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA).

 

Zunächst beurteilte das IQWiG ausschließlich den medizinischen Nutzen von Arzneimitteln auf der Basis Evidenzbasierter Medizin. Mit der Gesundheitsreform (GKV-WSG) im April 2007 hat der Gesetzgeber die Aufgaben des Instituts erweitert. Seither wird es vom G-BA meist auch beauftragt, die Kosten medikamentöser Therapien ins Verhältnis zu dem ermittelten Nutzen zu setzen (15).

 

Evidenzbasierte Pharmazie

 

Aus EbM und Gesundheitsversorgung hat sich vor wenigen Jahren eine Evidenzbasierte Pharmazie (EbPharm) abgeleitet. In angelsächsischen Ländern hat sich EbPharm schon länger in der Praxis etabliert, um in der pharmazeutischen Beratung und Patientenversorgung systematisch nach wissenschaftlichen Belegen zu suchen.

 

Aus einem aktuellen Beratungsfall wird dazu zunächst eine Frage abgeleitet. Diese Frage ist Grundlage für die Recherche in der medizinischen Fachliteratur. Findet der Apotheker relevante Studien und Aufsätze, muss er die Ergebnisse auf ihre Zuverlässigkeit hin bewerten. Zusammen mit seinem pharmazeutischen Fachwissen und seiner Erfahrung kann er mit Blick auf den Patienten schließlich eine individuelle Beratung, basierend auf dem bestmöglichen Wissen, anbieten.

 

Ein Beispiel: In der kalten Jahreszeit fragen viele Kunden nach einem wirksamen Arzneimittel gegen Husten. Im ersten Schritt muss das Apothekenteam die Eigendiagnose des Kunden hinterfragen und prüfen, ob es den Kunden an einen Arzt verweisen muss. Bei akutem Husten im Rahmen eines grippalen Infekts zeigt eine Suche in der Literatur, beispielsweise in Leitlinien, Cochrane Reviews oder via Medline-Recherche, dass es zwar keine starken Beweise, aber gute Hinweise gibt, welche chemisch-synthetischen Wirkstoffe und welche Phytotherapeutika dem Patienten tatsächlich nutzen können.

 

Die so recherchierten Ergebnisse müssten kritisch bewertet werden, mahnt Dr. Judith Günther, Mitglied des Fachbereichs EbPharm im Deutschen Netzwerk Evidenzbasierte Medizin. Eine Empfehlung müsse sich auf mindestens zwei voneinander unabhängige aussagekräftige Studien stützen können.

 

Recherchiert ein Apothekenteam die Datenlage zu den häufigsten im Apothekenalltag vorkommenden Fragen, können die Ergebnisse als Musterprozess auch in das Qualitätsmanagementsystem (QMS) der Apotheke übernommen werden. So lohnt sich die Arbeit doppelt.

 

Günther erklärt den Nutzen für die Apotheker. »Pharmazeuten, die mit EbM vertraut sind, können sich selbst ein Urteil über die Wirksamkeit eines Medikaments bilden und Patienten in der Selbstmedikation besser beraten. Zudem nehmen sie an der aktuellen Entwicklung teil, können die Entscheidungen des IQWiG oder des G-BA besser nachvollziehen und sich auch in die Nutzendiskussion einbringen«, unterstreicht die Apothekerin im Gespräch mit der PZ. »Ich plädiere sehr dafür, der Evidenzbasierten Pharmazie in Aus-, Fort- und Weiterbildung größeren Raum zu geben. Die strukturierte Vorgehensweise muss in speziellen Kursen erlernt und in Qualitätszirkeln trainiert werden.«




Valide Informationen zu Nutzen und Risiko eines Medikaments bilden die Basis der Evidenzbasierten Pharmazie.

Foto: Fotolia/Prill Mediendesign


Im Mittelpunkt der EbPharm stehen der Patient und seine Erwartungen an eine Therapie. Daher stehe am Anfang die konkrete Frage nach den Zielen des Patienten; diese liefern die Kennwörter für eine effiziente Recherche, hebt Günther hervor. Valide Datenquellen sind in der Pharmaziebibliothek des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin zusammengestellt (www.ebm-netzwerk.de/pharmaziebibliothek). Diese enthält nicht nur Informationen über Arzneimittel allgemein und zur Pharmakovigilanz, sondern auch zur Arzneimittelanwendung bei besonderen Gruppen wie Schwangeren, Stillenden, Kindern und Jugendlichen, älteren Menschen und Patienten mit seltenen Erkrankungen. Zudem findet man dort geballte Informationen in Form von Nutzenbewertungen, hochwertigen Leit­linien und evidenzbasierten Patienten­informationen.

 

»Gerade die Offizinapotheker möchte ich ermutigen, der EbM am HV-Tisch mehr Raum zu geben und in der Selbstmedikation gezielt Produkte auszuwählen, für die die beste Evidenz vorliegt«, appelliert Günther an ihre Kollegen. Denn: »Konkrete Aussagen zum patientenrelevanten Nutzen überzeugen im Beratungsgespräch.«

 

Wer sich EbPharm aneignen will, muss die Ideen und Methoden der EbM kennen. Aber keine Angst: »In speziellen Kursen der Apothekerkammern, an Universitäten oder auch im Deutschen Cochrane-Zentrum in Freiburg werden Methodenkenntnisse praxisorientiert vermittelt. Apothekern fällt die strukturierte Vorgehensweise der Evidenzbasierten Medizin meist leicht«, versichert Günther. Hilfreich sei eine Vernetzung mit Kollegen und anderen Gesundheitsberufen über das Deutsche Netzwerk für Evidenzbasierte Medizin sowie in lokalen Qualitätszirkeln (16).

 

Klinische Belege plus Erfahrung

 

EbM hat wissenschaftliche Nachweise gegen Leichtgläubigkeit, aber auch gegen autoritäre Entscheidungen positioniert. Mitunter wird kritisiert, sie leiste einer Kochbuchmedizin Vorschub, weil sie schematisch vorgeht. Doch dieser Vorwurf greift zu kurz, denn die systematisch ausgewerteten Studien sind nur ein Teil der Entscheidung: Die beste verfügbare externe Evidenz soll sich mit individueller klinischer Expertise und Patientenpräferenzen verbinden, um auf dieser Basis die bestmögliche Entscheidung zu treffen.

 

Das Beispiel der Antiarrhythmika in der Reinfarktprophylaxe zeigt den großen Nutzen der EbM, doch auch die Schwachstelle des Systems. »Der erhebliche zeitliche Abstand, bis gesichertes Wissen in die Praxis umgesetzt wird, ist eines der ganz großen Probleme in der Medizin. Bei den Antiarrhythmika waren es fast zehn Jahre«, moniert der Direktor des deutschen Cochrane-Zentrums.

 

Wo findet der Patient seine Informationen?

 

Für die Gesundheitsberufe sei die Beschaffung verlässlicher Informa­tion schwierig, für Patienten und Angehö­rige oft aussichtslos, macht Antes deutlich. Gute Ansätze bieten der Krebs­informationsdienst (www.krebsinformationsdienst.de), das IQWiG (www.gesundheitsinformation.de), die Bundesärztekammer und die Kassenärztliche Vereinigung (www.patienten-information.de) sowie die Website der Universität Hamburg (www.patienten information.de). Auch die AWMF publiziert Patienteninformationen zu zahlreichen Themen von Asthma bis Tabakentwöhnung. Diese können die Beratung in der Apotheke gut ergänzen. Zudem kann das Apothekenteam sie dem Patienten mitgeben.

 

Alle Informationen müssen einfühlsam, präzise und mit Augenmaß übermittelt werden, betont Antes. »Die Kunst der Informationsvermittlung besteht für Arzt und Apotheker darin, das Vertrauen des Patienten nicht zu demontieren, aber ihn zur Kritikfähigkeit zu ermuntern.« /

 

Literatur

...bei der Verfasserin


Die Autorin

Hannelore Gießen studierte Pharmazie an der Universität Karlsruhe. Nach mehrjähriger Tätigkeit in verschiedenen öffentlichen Apotheken und einer journalistischen Ausbildung ist sie seit 1990 freiberuflich als Fachjournalistin tätig und bearbeitet medizinische, pharmazeutische und biotechnologische Themen für verschiedene Fachzeitschriften. Gießen hat sich zur Apothekerin für Allgemeinpharmazie weitergebildet und hat kürzlich den Studiengang Consumer Health Care an der Charité-Universitätsmedizin Berlin absolviert.

 

 

Hannelore Gießen, Gotenstraße 9, 85551 Kirchheim, E-Mail: hannelore.giessen@t-online.de


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Beitrag erschienen in Ausgabe 44/2012

 

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