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Rhinosinusitis: Viel mehr als ein starker Schnupfen

TITEL

 
Rhinosinusitis


Viel mehr als ein starker Schnupfen


Von Armin Steffen / Nasennebenhöhlen spürt man nicht. Das ändert sich schlagartig, wenn sie sich entzünden oder gar dauerhaft zu einem Krankheitsherd werden. Meistens heilt eine Sinusitis komplikationslos ab. Doch es gibt auch schwierige und sogar lebensbedrohliche Verläufe. Welche Warnzeichen sind zu beachten und welche Therapien helfen?

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Die äußere Nase ist nur ein kleiner Teil des Nasenraums. Weitaus größer ist die Nasenhöhle mit ihren drei knöchernen Nasenmuscheln, die den Hohlraum in drei Nasengänge unterteilen (Abbildung 1a und b). Die Hauptmenge der Atemluft strömt durch den unteren Nasenabschnitt in den Rachen und bei der Ausatmung von dort wieder heraus. Direkt angrenzend liegt das Nasennebenhöhlensystem (Sinus paranasales) des Menschen; es umfasst die paarig angelegten Stirn-, Kiefer- und Keilbeinhöhlen sowie die Siebbeinzellen (Grafik).




Abbildung 1a: Endoskopisches Bild einer gesunden linken Nasenhaupthöhle mit der unteren Nasenmuschel (Stern), dem vorderen Anteil des mittleren Nasengangs (Quadrat), der mittleren Nasenmuschel (Kreis) und der Nasenscheidewand (links)

Zwar sind die Ausstülpungen der Nasen(haupt-)höhle bereits bei der Geburt vorhanden, jedoch wachsen die noch glatt konturierten Nebenhöhlen bis zum Jugendalter weiter. Letztlich stellen die Nebenhöhlen ein teilweise recht verworrenes Hohlraumlabyrinth mit gewinkelten Buchten und Leisten dar. So ist es nicht ungewöhnlich, dass insbesondere die Stirn- und Keilbeinhöhlen links und rechts unterschiedlich groß sind oder bei manchen Menschen zum Beispiel die Stirnhöhle auf einer Seite fehlt.

 

Die lufthaltigen Nebenhöhlen sind mit einer wenige Millimeter starken Flimmerepithelschicht ausgekleidet. Die Schlagrichtung der Flimmerhärchen zeigt zu den natürlichen Öffnungen, die in die Nasenhaupthöhle münden, um einen gerichteten Sekretabtransport und eine Selbstreinigung zu ermöglichen. Für das Riechen und die Atmung hat das Nasennebenhöhlensystem kaum Bedeutung; vielmehr stehen das Prinzip der »Leichtbauweise« und somit die Gewichtserleichterung der Schädelknochen im Vordergrund.

 

Die Nasenhaupthöhle hat permanent Kontakt mit Partikeln wie Pollen, Staub, Bakterien und Viren. Da Nasenhaupt- und -nebenhöhlen miteinander in Verbindung stehen, sind im Krankheitsfall meist beide Systeme betroffen.




Abbildung 1b: Endoskopisches Bild der linken Nasenhaupthöhle mit Sekret im mittleren Nasengang (etwa bei »3 Uhr«) zwischen der unteren und der mittleren Nasenmuschel

Fotos: Klinik für HNO-Heilkunde, UKSH Campus Lübeck


Gerade bei Erkrankungen ist die räumliche Nähe zu wichtigen Strukturen im Kopf besonders bedeutsam (Grafik). Die Kieferhöhle liegt eng benachbart zur Augenhöhle und zur Mundhöhle mit den Oberkieferzähnen; die Stirnhöhle grenzt an das Frontalhirn und die Augenhöhle.

 

Das Siebbeinzellsystem liegt sehr nahe an den Riechzellen, der vorderen Schädelbasis (Frontalhirn) und der Augenhöhle. Die Keilbeinhöhle ist benachbart zum Sehnerv und zur Arteria carotis interna als hirnversorgender Schlagader.

 

Da die begrenzenden Knochenschichten teilweise papierdünn sind, kann es bei viralen oder bakteriellen Infektionen zu sogenannten entzündlichen Durchwanderungsprozessen kommen.




Links: Äußere Nase und Nebenhöhlen im Längsschnitt; rechts: knöcherne Strukturen des Gesichtsschädels und luftgefüllte Nebenhöhlen


Bestimmte klinische Symptome sind deutliche Warnsignale (Tabelle). Berichtet ein Patient in der Apotheke beispielsweise über Beschwerden wie verschwommenes Sehen oder geschwollene Augenlider, muss der Apotheker ihn sofort an den Arzt verweisen.

 

Akute Sinusitis

 

Bei einer banalen Erkältung (Rhinitis) sind die Betroffenen durch Schnupfen und oft auch Husten, Halsschmerzen und Heiserkeit in ihrer Leistungsfähigkeit eingeschränkt. In Abgrenzung dazu spricht man von einer akuten Nasen­neben­höhlen­entzündung (Sinusitis), wenn der Patient neben einer verstopften Nase ein schmerzhaftes Druckgefühl im Stirn- und Wangenbereich hat. Zudem läuft wässriges oder eitriges Sekret aus der Nase, nicht selten auch nach hinten in den Rachenraum.


Tabelle: Klinische Warnsignale der akuten Sinusitis und ihre möglichen Auslöser

Warnsignal Auslöser, Komplikationen häufig betroffene Abschnitte der Nasennebenhöhlen 
verschwommenes Sehen Druck auf den Sehnerven Keilbeinhöhle 
Doppelbilder Druck auf die äußeren Augenmuskeln in der Augenhöhle Siebbein, Stirnhöhle 
Schwellung der Augenlider Lymphstau und durchwandernde Vereiterung Siebbein, Stirnhöhle 
starke Kopfschmerzen und/oder hohes Fieber trotz Antibiotika, Müdigkeit, Wesensveränderungen Hirnhautentzündung und -vereiterung, Thrombose Stirn- und Keilbeinhöhle, Siebbein 

Eine Sinusitis kann in jedem Alter vorkommen. Typischerweise kann sich der Heilungsprozess bei einem sonst Gesunden bis zu drei Wochen hinziehen, wobei sich die Beschwerden in den meisten Fällen mit rezeptfreien Präparaten lindern lassen. Gerade bei Kindern, älteren Menschen oder Betroffenen mit Nebenerkrankungen wie Asthma oder Diabetes ist eine ärztliche Kontrolle anzuraten.

 

Erst wenn die Symptome länger als drei Monate andauern, liegt eine chronische Nasennebenhöhlenentzündung vor. Da zumeist sowohl die Schleimhäute in der Nasenhaupt- als auch in den Nebenhöhlen entzündet sind, wird das Krankheitsbild auch als Rhinosinusitis bezeichnet (1).

 

Für die Diagnose sind die Anamnese und die klinische Untersuchung beim HNO-Arzt entscheidend. Sieht er eine Eiterstraße an der Rachenhinterwand oder in der Nase (Abbildung 1b), ist die Diagnose gesichert. Zwar kann der Arzt auf Röntgenbildern oder mithilfe der Computertomografie die Sekretspiegel in den Nebenhöhlen sicher erkennen, doch dies beeinflusst die Therapie einer unkomplizierten Sinusitis nicht. Auch mit Ultraschall lässt sich eine komplett verstopfte Kieferhöhle diagnostizieren, jedoch ist die Methode unzuverlässig und versagt bei den tiefer gelegenen Nebenhöhlen.

 

Ein Abstrich zur mikrobiologischen Untersuchung kann gerade bei längerem Krankheitsverlauf helfen, ungewöhnliche Keime oder resistente Bakterien zu entdecken. Allerdings dauert die Untersuchung mehrere Tage – und in dieser Zeit bessern sich meist schon die Beschwerden. Zudem verursachen gerade zu Krankheitsbeginn meist Viren wie Rhino- und Parainfluenzaviren die Beschwerden. Bakterien wie Pneumokokken und Haemophilus führen später zu einer Superinfektion mit dann eitriger Sekretion.

 

Therapie bei akuter Entzündung

 

Die Behandlung der akuten Sinusitis umfasst als wesentliche Maßnahme die Gabe von Analgetika wie Paracet­amol, um das Druckgefühl im Kopf zu lindern (1). Bei Ibuprofen oder Diclofenac kann zusätzlich der antiphlogistische Effekt genutzt werden.

 

Trotz der mäßigen Studienlage gibt es aufgrund der klinischen Erfahrung eine deutliche Empfehlung für abschwellende Nasentropfen und -sprays, da diese die Nasenatmung verbessern und die Eingänge der Nasennebenhöhlen abschwellen lassen. Diesen Effekt kann der HNO-Arzt durch Wattetupfer steigern, die mit Dekongestiva getränkt sind und in den mittleren Nasengang eingebracht werden. Dieses lindert vielfach auch das Druckgefühl auf den Ohren, wobei im Einzelfall nur schwer vorhersagbar ist, ob die abschwellende Wirkung bis in den Nasenrachenraum zu den Eingängen der Ohrtrompete reicht.

 

Häufig verordnen Ärzte parallel zu den schnell wirksamen Nasentropfen mit α-Sympathomimetika auch Corticoid-haltige Nasalia. Diese haben zwar einen um Tage verzögerten Wirkeintritt, aber nicht das Abhängigkeits­potenzial der abschwellenden Nasentropfen. Sie lindern die nicht-eitrige Sekretion und Schmerzen.

 

Die Frage, ob Antibiotika bei einer akuten Sinusitis indiziert sind, wird immer wieder diskutiert. Zwar verringern sie tendenziell die Krankheitsintensität und -dauer, aber der Vorteil ist bei unkomplizierten Verläufen gering. Die Rate an Komplikationen wird nicht durchgreifend verringert. Bei starken Beschwerden und chronisch kranken Menschen sind Antibio­tika mitunter trotz Analgetika und abschwellender Maßnahmen indiziert (Kasten).


Antibiotika bei akuter Sinusitis

Bei bestimmten Beschwerden und Risikogruppen sind Antibiotika zur Therapie der akuten Sinusitis indiziert (1):

 

starke Beschwerden,
Fieber über 38,3 °C,
Verstärkung der Beschwerden im Lauf der Erkrankung,
drohende Komplikationen, zum Beispiel Orbitaentzündungen oder Hirnabszesse,
Patienten mit chronisch-entzünd­licher Lungenerkrankung (Asthma bronchiale, COPD), immundefiziente und immunsupprimierte Patienten, Menschen mit schweren Grundleiden oder besonderen Risikofaktoren wie Diabetes mellitus oder Tumorerkrankung

Aufgrund der Studiendaten, der spezifischen Resistenzsituation in Deutschland und nicht zuletzt gesundheitsökonomischer Überlegungen ist Amoxicillin und bei komplexeren Situationen ein Aminopenicillin plus Beta-Lactamase-Inhibitor oder ein Cephalosporin der zweiten Generation zu erwägen.

 

Begleitende Maßnahmen

 

Häufig fragen die Patienten in der Apotheke nach begleitenden Maßnahmen. Sekretverflüssiger wie Ambroxol oder Acetylcystein werden wegen der wenig überzeugenden Effekte kritisch gesehen. Empfehlenswert ist es, die tägliche Trinkmenge an Wasser, Tee oder ähnlichen Getränken hochnormal bei zwei bis drei Litern zu halten, da dies im klinischen Alltag einen vergleichbaren Effekt zeigt. Bei einer akuten Sinusitis ließen sich mit Zink oder Vitamin C in Studien keine positiven Einflüsse feststellen.

 

Inhalationen, zum Beispiel Dampfbäder mit ätherischen Ölen oder Menthol, führen aufgrund der Veränderung der Schleimhautempfindung zu einer subjektiven Befreiung der Nase und Kühlung, ohne dass dies objektivierbar wäre. Ebenfalls geteilt sind die individuellen Ansichten zum Rotlicht: Für die einen ist es beklemmendes Szenario der Kindheit, während andere darauf schwören. Daher ist hier Zurückhaltung in der Beratung angebracht.

 

Dagegen hat sich in den letzten Jahren eine solide Studienlage für bestimmte Phytopharmaka und pflanzliche Einzelstoffe (präparatespezifisch) bei der akuten Sinusitis ergeben. Beispielsweise wurde für Cineol, Myrtol, eine Primelmischung und Bromelain ein gesicherter therapeutischer Effekt in kontrollierten Studien gesehen (1). Echinacea-Präparate wurden in Metaanalysen tendenziell besser bewertet als Placebo, jedoch muss hier das erhöhte Risiko für allergische Zwischenfälle beachtet werden (2).

 

Bei einer akuten Sinusitis sind chirurgische Maßnahmen lediglich Komplikationen (Fallbeispiel) vorbehalten. Die früher vielfach durchgeführten Kieferhöhlenpunktionen sind obsolet.


Beispiel eines komplizierten Erkrankungsverlaufs



Das koronare MRT nach der ersten Nebenhöhlensanierung zeigt den fast vollständigen Rückgang in der linken Keilbein- und in den Kieferhöhlen, aber einen großen Hirnabszess links.


Ein 11-jähriges Mädchen wurde in der Kinderklinik mit zunehmenden Kopfschmerzen der linken Seite, Fieber und verschwommenem Sehen links vorgestellt. Eine eitrige Nasennebenhöhlenentzündung wurde seit rund einer Woche mit Paracetamol und Amoxicillin behandelt. Das Kind wirkte insgesamt krank, konnte den Kopf nur eingeschränkt bewegen und hatte ein diskretes Lidödem links. Bei der endoskopischen Untersuchung sah der Arzt eine Eiterstraße im mittleren Nasengang. Die Untersuchung des Rückenmarkwassers wies auf eine Hirnhautentzündung hin.

 

In der Computertomografie war eine komplette Verlegung der Keilbeinhöhle links zu erkennen . Bei der endoskopisch-operativen Eröffnung der Keilbeinhöhle (durch die Nasenlöcher) entleerte sich massiv Eiter. In der folgenden Zeit besserten sich unter begleitender intravenöser Antibiotikabehandlung zwar die Entzündungswerte im Blut und das Krankheitsbefinden des Mädchens, aller­dings verspürte sie noch Druck im linken Stirnbereich. Auch die Oberlidschwellung kehrte immer wieder zurück. Die Kernspintomografie des Gehirns zeigte einen ausgedehnten Hirnabszess (Abbildung), der von den Neurochirurgen rasch von außen (durch die Schädeldecke) entlastet wurde. Nach Ausheilung der endoskopisch erweiterten Eingänge zu den Nasennebenhöhlen und der Wunde am Kopf konnte das Mädchen ohne bleibende Störungen gesund entlassen werden.


Auf jeden Fall sollte das Apothekenteam dem Patienten Allgemeinmaßnahmen empfehlen, die die körpereigenen Ressourcen unterstützen: viel Ruhe, Arbeit einschränken und vermehrt Pausen einlegen, viel trinken, ausreichend schlafen und auf Nicotin verzichten oder wenigstens reduzieren.

 

Chronische Sinusitis

 

In der Regel heilen akute Nasennebenhöhlenentzündungen komplett aus. Es gibt aber auch Betroffene, die mehrmals pro Jahr eine schwere akute Rhinosinusitis erleiden und bei denen die Beschwerden über einen längeren Zeitraum die Lebensqualität einschränken. Halten die Erkältungssymptome verbunden mit Druckgefühl im Stirn- und Wangenbereich länger als drei Monate an, liegt eine chronische Rhinosinusitis vor. Man geht davon aus, dass in Deutschland mehr als zwei Millionen Menschen pro Jahr deswegen zum Arzt gehen.

 

Warum sich bei einigen Menschen dauerhaft »etwas festsetzt«, kann man nicht pauschal sagen. Mehrere Faktoren spielen eine Rolle. Eine wesentliche Ursache sind knöcherne Engstellen an den Zugangswegen der Nebenhöhlen. Im Lauf der Jahre kommt es durch die ständige Reizung der Schleimhaut zu einer Gewebsneubildung im mittleren Nasengang; in der Folge heilen übliche Infekte schlechter ab. Zudem leidet mehr als die Hälfte der Patienten mit chronischen Nebenhöhlenentzündungen an einer Allergie der oberen Atemwege. Auch hier spielen die Gewebeverdickung an Engstellen durch Schleimhautreizung und die verminderte Abwehrkompetenz der Nasenmucosa eine wichtige Rolle bei der Chronifizierung.

 

In einem dauerhaft gereizten Gesamtsystem der Nebenhöhlen wächst ein anderes Bakterienspektrum als bei einer akuten Infektion; hier sind es Staphylokokken, Anaerobier, Pseudomonaden und Enterobakterien. Nicht selten finden sich Pilze in den mikrobiellen Abstrichen; diese können unter anderem über Immunkomplexe vermittelte allergische Entzündungen unterhalten. Jedoch haben die vielfachen anti­myko­tischen Therapieversuche keine Erfolge gebracht, sodass die Hypothese von Pilzen als Auslöser der chronischen Sinu­sitis heute kritisch betrachtet wird.

 

Darüber hinaus ist – gerade bei einseitigen, vornehmlich Kieferhöhlen-betonten Beschwerden – eine zahnärzt­liche Abklärung anzuraten, da zum Beispiel Prozesse an den Wurzelspitzen der Oberkieferbackenzähne durch ihre enge Nachbarschaft eine Dauerentzündung der Nebenhöhlen verursachen können. Bösartige Tumoren der Nasennebenhöhlen können bisweilen die »einseitige Sinusitis« vortäuschen. Bei bestimmten Warnsymptomen sollte der Patient daher umgehend zum HNO-Arzt gehen. Warnzeichen können sein:

 

Doppelbilder oder einseitiges Vorstehen des Auges,
dauernde blutige Sekretion aus einer Nasenseite,
Formveränderung des Oberkiefers mit Schleimhautulkus (»Prothese passt oben nicht mehr«),
verminderte Empfindlichkeit der Wange oder
zunehmende Nasenatmungsbehinderung auf nur einer Seite.

 

Polypen in der Nase

 

Eine Sonderform der chronischen Nasennebenhöhlenentzündung ist die polypöse Rhinosinusitis, bei der die Schleimhaut der Nasenhaupt- und -nebenhöhlen zu Troddeln heranwächst. Die bisweilen monströsen Schleimhautaussackungen führen zu einer deutlich verstopften Nase, behindern die Nasenatmung, mindern das Riechvermögen und blockieren die Nebenhöhlen (Abbildungen 2a und b).




Abbildung 2 a: Komplette Verlegung der linken Nasenhaupthöhle bis zum Nasenloch durch eine polypöse chronische Rhinosinusitis

Im Vergleich zur nicht-polypösen chronischen Form leiden die Patienten viel häufiger parallel an Asthma bronchiale und haben eine Überempfindlichkeit gegenüber Acetylsalicylsäure. Ärzte sprechen von der sogenannten Samter-Trias. Fatal ist hierbei die überaus große Neigung zu Rezidiven.

 

Erkältung und ständiges Druckgefühl

 

Die klinischen Beschwerden der chronischen Rhinosinusitis ähneln denen der akuten Form. Allerdings sind die führenden Symptome variabel, die Intensität weniger prägnant und das Gesamtbild manchmal sehr uncharakteristisch. Oft berichten die Patienten über ein Druckgefühl im Bereich der am meisten betroffenen Nebenhöhlen sowie dauerhaften Sekretfluss nach hinten in den Rachen. Belegte Stimme, Räusperzwang und Hustenreiz können die Folge sein. Insgesamt fühlen sie sich abgeschlagen.

 

Die endoskopische Untersuchung der Nase ergibt bei der chronischen nicht-polypösen Form selten klare Befunde, sodass meist eine Computertomografie der Nasennebenhöhlen notwendig ist (Fallbeispiel zur chronischen Rhinosinusitis). Diese zeigt zum einen die (fehlende) Belüftung der Nebenhöhlen, aber auch die feinen knöchernen Strukturen. Wichtig: Das CT zeigt auch, ob die knöcherne Abgrenzung zu den benachbarten Augen und dem Gehirn intakt ist.




Abbildung 2b: Enorm großer Polyp aus den Nasennebenhöhlen. Polypen können sowohl glasig durchscheinend- fleischig (wie in Abbildung 2a) als auch weißlich wie hier aussehen.

Oft kann der Arzt erst aus der Verbundanalyse von Symptomen, Computertomografie und Nasenendoskopie die Diagnose der chronischen Nebenhöhlenentzündung stellen oder ausschließen. Die allergologische Abklärung hat aufgrund der hohen Treffer­rate bei chronischen Sinusitiden eine enorme Bedeutung und sollte im Zweifelsfall großzügig erfolgen.

 

Bei suspekten endoskopischen Befunden wird der Arzt zudem Gewebe entnehmen und untersuchen lassen. Eine Biopsie erfolgt in den meisten Fällen in örtlicher Betäubung.

 

Steroide lokal und systemisch

 

Beseitigung einer Obstruktion und Infektbehandlung sind – wie bei der akuten Nebenhöhlenentzündung – wichtige Maßnahmen bei der chronischen Form. Abschwellende Nasentropfen und Analgetika sind nur kurzfristig effektiv und zur Behandlung akuter zusätzlicher Episoden sinnvoll. Dagegen hat die längerfristige Verwendung topischer Steroide eine enorme Bedeutung, da sich hiermit typische chronische Beschwerden wie Druckgefühl und Sekretion nachhaltig dämpfen lassen (1). Nach Operationen wird häufig der mehrmonatige Einsatz von Corticoid-haltigen Nasensprays empfohlen, um durch Reduktion überschießender Narbenbildungen Rezidive zu vermeiden.

 

Die typische Nebenwirkung der trockenen Nasenschleimhäute kann der Patient gut mit hypertonen Salznasenspülungen abmildern. Diese Lösungen verbessern die körpereigene Schleimhautreinigung (mukoziliäre Clearance) und sind daher auch als Monotherapie empfehlenswert. Als Minimal- und »Taschen«-Variante können salzhaltige Nasensprays angeboten werden.


Fallbeispiel: Chronische Rhinosinusitis


Eine 65-jährige Frau ohne relevante Nebenerkrankungen berichtete über ein seit Wochen zunehmendes, übel riechendes Naselaufen rechts, verbunden mit einem Druckgefühl in der Wangenregion. Nasenbluten oder Sehstörungen hatte sie nicht. Trotz zahlreicher Therapien mit Dekongestiva, Salzspülungen und zwei verschiedenen Antibiotika besserten sich die Beschwerden nicht wesentlich, obwohl die in den mikrobiologischen Abstrichen festgestellte Keimflora von beiden Antibiotika abgedeckt wurde.

 

Die Computertomografie der Nasennebenhöhlen (Abbildung) zeigte die Komplettverschattung der rechten Kieferhöhle; die anderen Nasennebenhöhlen waren gut belüftet. Als Besonderheit war mitten in der betroffenen Kieferhöhle ein länglicher Span zu sehen. Die Patientin berichtete von einer langwierigen Zahnbehandlung dreier Oberkieferzähne, die mehrfach mit Füllmaterial durchgeführt werden musste. Aktuell lag jedoch kein Entzündungsherd mehr in den Zähnen vor. Mittels endoskopischer Chirurgie in der HNO-Klinik wurde das natürliche Kieferhöhlenfenster erweitert und der zähe Schleim mit dem Fremdkörper abgesaugt. Die endonasalen Wunden heilten unter intensiver Nasenpflege mit Salzspülungen und weichen Nasensalben gut ab.


Gerade bei der polypösen Rhinosinusitis werden Corticoide in absteigender Dosierung systemisch eingesetzt, da die Polypen hierauf gut ansprechen und zurückgehen (1). Dieser deeskalierende Einsatz kann sich je nach Therapieschema über zwei bis vier Wochen hinziehen. Anschließend ist eine mehrmonatige Therapie mit topischen Steroiden notwendig, um den Effekt zu halten; ansonsten ist das »Nachwachsen« der Polypen fast obligatorisch. Das wenn auch kurzfristige Ansprechen wird bisweilen genutzt, um gewebeschonender und blutungsärmer operieren zu können.

 

Sollen Antibiotika eingesetzt werden, ist das andere Keimspektrum zu beachten. Zudem ist die Infektion meist Folge oder unterhaltender Cofaktor der Entzündung, sodass die isolierte Gabe von Antibiotika kritisch betrachtet wird. Allenfalls in Sondersituationen und in Kombination mit flankierenden Maßnahmen wie Corticoid-haltigen Nasensprays kann ein Aminopenicillin plus Beta-Lactamase-Inhibitor oder ein Cephalosporin der zweiten Generation erwogen werden.

 

Neben der spezifischen Therapie einer individuellen Allergie ist der Leukotrien-Antagonist Montelukast bei Patienten mit polypöser Rhinosinusitis teilweise sehr erfolgreich, um Rezidive nach einer Operation zu reduzieren.

 

Bei Patienten mit Samter-Trias (Polypen, Asthma, ASS-Intoleranz) sollte der Arzt unbedingt eine ASS-Desaktivierung erwägen, um die insgesamt hohe Rezidivrate zu senken. Dabei wird unter kontrollierten Bedingungen eine Titration mit Acetylsalicylsäure im Sinne einer Desensibilisierung durchgeführt, die dann streng und dauerhaft von den Betroffenen eingenommen werden muss. In jedem Fall brauchen die Patienten einen konsequenten Magen­schutz, meist Protonenpumpenblocker, um Nebenwirkungen der Acetylsalicylsäure auf den Magen-Darm-Trakt vorzubeugen. Die jeweiligen ASS-Dosierungen unterscheiden sich derzeit noch deutlich – von 100 bis 650 mg.

 

Operation als kausale Therapie

 

Alle konservativen Verfahren können knöcherne Engstellen – die in vielen Fällen wesentliche Ursache – nicht verändern. Daher sollte bei mehrfach erfolg­losen Behandlungen und fortdauernden Erkrankungen der Nasen­nebenhöhlen eine Operation erwogen werden. Heute kommen feine endoskopische Optiken mit hoher Auflösungskraft und präzise chirurgische Instrumente zum Einsatz, sodass sehr gewebeschonend und ohne äußerliche Narben operiert werden kann.

 

Neuerungen wie die Ballon-Sinuplastik, bei der – vergleichbar zum Herzkatheter – kurze Engstellen mit Überdruck aufgedehnt werden, können eine klassische Operation mitunter ersetzen. Oft ist auch die Operation nur ein Baustein zu einer dauerhaften Behand­lung. Viele Patienten brauchen im Anschluss topische Steroide, eine spezifische Allergiebehandlung oder eine ASS-Desaktivierung, um baldigen Rezidiven vorzubeugen.

 

Fazit

 

Bei akuter Rhinosinusitis sprechen die Beschwerden oft gut auf Schmerzmittel und abschwellende Nasentropfen an; mitunter werden zusätzlich Antibiotika oder Phytotherapeutika eingesetzt. Es gibt charakteristische Warnsymptome, bei denen der Apotheker den Patienten sofort zum Arzt schicken sollte, um etwaige Komplikationen rasch aufzu­decken. Bei chronischen Entzündungs­prozessen gilt es, Ursachen und begünstigende Faktoren zu erkennen und möglichst zu beseitigen. /


Literatur

  1. Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen- Ohren-Heilkunde, Kopf-Hals-Chirurgie, S2k-AWMF-Leitlinie »Rhinosinusitis«; Stand 3/2011. www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/017-049l_S2k_Rhinosinusitis_2011-07.pdf
  2. Melchart, D., et al., Echinacea for preventing and treating the common cold. Cochrane Database Syst. Rev: CD000530 (2000).
  3. Lehnerdt, G., et al., Diagnostik und Therapie orbitaler und intrakranieller Komplikationen akuter Sinusitiden bei Kindern und Jugendlichen. HNO 59 (2011) 75-86.
  4. Simmen, D., Jones, N., Chirurgie der Nasennebenhöhlen und der vorderen Schädel­basis. Mit CD-ROM. Thieme 2005.

Der Autor

 

Armin Steffen studierte Medizin an der Universität zu Lübeck und wurde 2005 promoviert. Seitdem arbeitet er als wissenschaftlicher Assistent an der HNO-Klinik und leitet das Schlaflabor der HNO-Klinik. Steffen ist Facharzt für HNO-Heilkunde sowie Oberarzt der Klinik und hat sich Anfang 2012 habilitiert. Neben seinen klinischen Schwerpunkten, der Schlafmedizin und den Schluckstörungen, befasst er sich auch mit Lebensqualitätsaspekten, zum Beispiel nach Ohrmuschelrekonstruktionen, oder neu­artigen Behandlungsmethoden bei Rhinosinusitis.

 

 

Privatdozent Dr. Armin Steffen, Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde, Universität zu Lübeck, Ratzeburger Allee 160, 23538 Lübeck, E-Mail: armin.steffen(at)uksh.de


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Beitrag erschienen in Ausgabe 43/2012

 

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