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Künstlicher Darmausgang: Leben mit Stoma

MEDIZIN

 
Künstlicher Darmausgang

Leben mit Stoma


Von Nicole Schuster / Ein Stoma kann bei Darmkrebs, aber auch bei anderen Erkrankungen des Darms, vorübergehend oder dauerhaft notwendig werden. Für die Patienten bedeutet das eine Lebensumstellung. Wichtig ist professionelle medizinische, pflegerische und psychosoziale Unterstützung.

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Stoma ist das griechische Wort für »Mund« oder »Öffnung«. In der Medizin bezeichnet man als Stoma häufig eine operativ angelegte Öffnung des Darms zur Körperoberfläche. Sie dient der zeitweiligen oder ständigen Ableitung von Stuhl. Stomata können aber auch als Blasenausgang zur Ableitung von Urin gelegt werden (Urostoma) oder als Luftröhrenöffnung (Tracheostoma).




Hautschutz und -pflege sind bei der Stomaversorgung unverzichtbar. Die aufgeklebte Basisplatte schützt die Haut rund um den künstlichen Darmausgang vor dem aggressiven Stuhl.

Foto: Coloplast GmbH


Mit einem künstlichen Darmausgang leben in Deutschland etwa 100 000 Patienten zeitweilig oder dauerhaft. Die meisten von ihnen erhalten das Stoma infolge einer Krebserkrankung des Darms. Seltener sind Darmstomata angezeigt bei den chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa oder der Divertiku­litis, bei der sich Ausstülpungen der Schleimhaut entzünden. Auch bei einem angeborenen massenhaften Befall des Dickdarms mit Polypen, Komplikationen bei Operationen im Bauchbereich, an­geborenen Organfehlbildungen oder nach Unfällen kann ein Stoma erforderlich sein.

 

»Zu unterscheiden sind protektive Stomata zur vorübergehenden Entlastung von Darmabschnitten und solche, die dauerhaft den natürlichen Darmausgang ersetzen«, erklärt Dr. Simone Ostrowski, Fachärztin für Allgemein-, Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie am Klinikum Memmingen, im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung.

 

Ausgänge am Dick- oder Dünndarm

 

Stomata können endständig oder doppelläufig eingerichtet werden. Die endständigen Stomata bilden das Ende des aktiven Teils des Verdauungstrakts. Hier gibt es nur einen Darmausgang. Der Chirurg zieht dabei die obere Darmschlaufe durch die Bauchwand an die Körperoberfläche und näht sie ein. Ein kleines Stückchen Darm steht dabei vor. Je nach medizinischer Notwendigkeit muss der tiefer liegende Darmabschnitt entfernt werden. In manchen Fällen vernäht der Arzt ihn auch nur, etwa beim sogenannten Hartmann-Stoma. Diese Art des Stomas kann später zurückverlegt werden.

 

Zur Anlage eines doppelläufigen Darmausgangs zieht der Arzt eine Darmschlinge durch die Bauchhaut und schneidet sie auf. Die beiden Darmöffnungen, die nun außen liegen, werden in die Bauchhaut eingenäht. Es gibt dann zwei Darmausgänge. Der Teil des Darms unter dem Stoma wird entlastet, da er keinen Stuhl mehr ausleitet. Diese Stomata dienen dazu, die Darmpassage zu unterbrechen. Sie sind meistens nur vorübergehend angelegt.

 

Kolostomata können Ärzte in verschiedenen Abschnitten des Dickdarms einrichten. Bei einem Sigmoidostoma wird aus dem Krummdarm, also dem Darmabschnitt vor dem Mastdarm, abgeleitet. Den darunterliegenden Mastdarm entfernen Chirurgen zumeist. Es handelt sich dabei um die am häufigsten angewandte Variante des dauerhaften, also nicht wieder rückgängig zu machenden Darmausgangs. Angezeigt ist dieser Eingriff häufig bei einem bösartigen Tumor oder einer angeborenen Fehlentwicklung des Mastdarms.

 

Doppelläufig ist in der Regel das Transversostoma angelegt. Es befindet sich im mittleren Darmabschnitt. »Häufig führen wir diesen Eingriff durch, um nach Operationen die Darmnaht oder die nachfolgenden Darmabschnitte zu entlasten. Nach acht bis zwölf Wochen kann er frühestens wieder zurückgelegt werden«, sagt Ostrowski. Ebenfalls der Darmentlastung dient das Coecostoma. Ausgeleitet wird hier aus dem Blinddarm (Caecum).

 

Bei einem Ileostoma befindet sich der Darmausgang im Bereich des Dünndarms. Auch ein solches Stoma kann endständig oder doppelläufig eingerichtet sein. »Das Ileostoma wird als protektives Stoma am häufigsten angelegt«, so Ostrowski. Je nach Lage des Stomas ist die Konsistenz des Stuhls fester oder breiiger.

 

Für die meisten Patienten ist die Nachricht, dass sie ein Stoma benötigen, zunächst ein Schock. Sie haben Angst, Lebensqualität einzubüßen und ihrem Beruf und ihren Freizeitbeschäftigungen nicht mehr nachgehen zu können. Stomatherapeuten betreuen Patienten bereits, bevor das Stoma gelegt wird. Später unterstützen sie bei der Pflege und Versorgung des Stomas.

 

Hautschutz ist wichtig

 

Jede Stomaversorgung besteht aus einer Basisplatte, die auf der Bauchdecke klebt, und einem daran befestigten Beutel, der die Ausscheidungen auffängt. Man unterscheidet ein- und zweiteilige Systeme. Bei den einteiligen Systemen sind Basisplatte und Beutel fest miteinander verbunden und können nur gemeinsam gewechselt werden. Bei der zweiteiligen Stomaversorgung lassen sich die Basisplatte und der Beutel voneinander trennen. Hier verbleibt die Basisplatte einige Tage auf der Haut, während der Beutel bei Bedarf ausgewechselt wird.

 

Geschlossene, zum Austausch vorgesehene Beutel sind häufig beim Kolostoma erforderlich. Offene Beutel gibt es für das Urostoma und für das Ileo­stoma. Der Patient muss sie regelmäßig entleeren. »Komplikationen treten oft an der Hautschutzplatte auf, wenn sie nicht richtig zugeschnitten ist«, sagt Norbert Nellessen, Stomatherapeut an der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Kinderchirurgie am Universitätsklinikum Düsseldorf. Dieses Hilfsmittel soll die stomaumgebende Haut abdecken und vor dem aggressiven Stuhl schützen. Zum zusätzlichen Hautschutz gibt es verschiedene Pasten und Cremes. Für die Reinigung reichen meistens Vlieskompressen und pH-neutrale Seife.

 

Die Versorgungsmaterialen sollten auf die Stomaart, den Hauttyp und die individuellen Bedürfnisse abgestimmt sein. Hilfsmittel zur Stomaversorgung verordnet der Arzt auf Kassenrezept. Die Kostenübernahme ist von Krankenkasse zu Krankenkasse unterschiedlich geregelt.

 

Beim Essen auf nichts verzichten

 

Eine Befürchtung vieler Patienten ist, mit einem künstlichen Darmausgang in ihren Ernährungsgewohnheiten eingeschränkt zu sein. Hier gibt Gisela Theysen, Diät- und Ernährungsbera­terin am Klinikum Mühldorf, Entwarnung: »Eine spezielle Diät brauchen die meisten Stomapatienten nicht einzuhalten.« Theysen empfiehlt, sich an die Regeln der Deutschen Gesellschaft für Ernährung zu halten und eine frische, ballaststoffreiche Mischkost zu sich zu nehmen. Allgemein tut es den Patienten gut, regelmäßig und eher kleinere Mengen zu essen. Problematisch können stark blähende Lebensmittel sein, da sie die Bildung von Darmgasen fördern.

 

Einschränkungen müssen allerdings Patienten mit einem Ileostoma hinnehmen. »Bei diesen Patienten ist der Verdauungsweg verkürzt. Gründlich kauen ist daher besonders wichtig. Auf sehr faserhaltige Lebensmittel wie Spargel oder Zitrusfrüchte sollte ebenso verzichtet werden wie auf faseriges Fleisch.« Sie könnten das Stoma verstopfen.

 

Ganz wichtig ist bei einem künst­lichen Dünndarmausgang eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr. »Beim Ileo­stoma ist der Stuhl sehr dünnflüssig und der Flüssigkeitsverlust entsprechend hoch. Trinken Patienten zu wenig, droht im schlimmsten Fall Nierenversagen«, warnt Ostrowski. Auch auf eine ausreichende Zufuhr von Mineralstoffen ist zu achten, da diese in größeren Mengen ausgeschieden werden. Im verkürzten Darm ist zudem die Aufnahme von bestimmten Vitaminen und Arzneistoffen verringert. Einige Medikamente müssen dann parenteral zugeführt werden.

 

Patienten mit einem Dünndarm­stoma sollten auch darauf hingewiesen werden, dass einige Speisen wie rote Beete farblich unverändert ausgeschieden werden. Ein rot gefärbter Stuhl ist also nicht gleich ein Grund, sich zu erschrecken.

 

»Auch mit Stoma ist ein erfülltes Leben möglich«, weiß Nellessen und macht damit vor allem jenen Mut, die sich auf einen dauerhaften künstlichen Darmausgang einlassen müssen. Es ist vor allem eine Sache der Gewöhnung. Selbsthilfegruppen und Therapeuten können auf dem Weg begleiten. / 


Welt-Stoma-Tag

Am Samstag, dem 6. Oktober, ist Welt-Stoma-Tag. Alle drei Jahre informieren Selbsthilfegruppen Beratungseinrichtungen, Krankenhäuser und andere Organisationen an diesem weltweiten Aktionstag über das Leben mit einem künstlichen Darmausgang. Das diesjährige Motto ist: »Let’s get heard – gehört werden«. Weitere Informationen finden Interessierte auf www.welt-stoma-tag.de.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 40/2012

 

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