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Therapie für Pädophile

Reden, bevor es zu spät ist


Von Ev Tebroke, Berlin / Pädophilie, diese Störung der sexuellen Präferenz, gilt als eines der größten Tabus unserer Gesellschaft. Aber nicht jeder, der sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlt, ist gleich ein Kinderschänder. Ein präventives Therapieprojekt soll Männern helfen, mit ihrer Neigung zu leben, ohne sie auszuleben.

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Als er 24 Jahre alt war, wurde es ihm erstmals richtig bewusst: »Das war ein Sommertag, ich hatte meine erste eigene Wohnung und habe aus dem Fenster gesehen. Und da liefen leicht bekleidete kleine Mädchen vorbei, wie das im Sommer eben so ist. Da hab ich das erste Mal gemerkt, dass ich da sehr stark drauf reagiert habe mit einer sexuellen Reaktion.«




Viele Männer, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen, leiden sehr darunter. Im Rahmen des Therapieprojekts »Kein Täter werden« können sie lernen, diese Neigung zu kontrollieren.

Foto: Fotolia/littleny


Einige Jahre und viele Fantasien später vergeht er sich an der Tochter seiner damaligen Frau. »Die habe ich berührt und gestreichelt, wenn sie geschlafen hat.« Das ist jetzt 13 Jahre her. Heute ist Harald 61 Jahre alt. Im Rahmen einer Therapie am Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité in Berlin spricht er über seinen Kampf gegen die Pädophilie.

 

Schockiert von sich selbst

 

Als er feststellte, dass er sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlt, war er schockiert. Mehrfach suchte er therapeutische Hilfe, doch es nützte nichts. »Ich hatte gedacht, dass ich mit der abgeschlossenen damaligen Therapie gut klarkomme. Aber da ich dann doch zunehmend depressiv war und auch Zugriff aufs Internet genommen habe, war mir klar, dass ich doch noch weiter arbeiten muss an dem Thema.« So kam er zu dem Therapieprojekt »Kein Täter werden«.

 

Auch Leo macht dort eine ambulante Therapie. Der 25-Jährige, der sich zu kleinen Jungs hingezogen fühlt, hat – noch – kein Kind missbraucht. Auch von Missbrauchsabbildungen im Internet, fälschlicherweise häufig Kinderpornografie genannt, konnte er sich bislang fernhalten. Aber der Druck wächst. »Diese Therapie nehme ich in Anspruch, weil ich die Befürchtung habe, vielleicht doch mal einen sexuellen Übergriff auf ein Kind zu begehen. Ich möchte meinen Willen stärken, das zu verhindern. Und das geht meines Wissens nur mit ausgebildeten Leuten.«

 

Es klingt ziemlich abgeklärt, wie Leo das sagt. Diese Abgeklärtheit zeichnet die Teilnehmer des Projekts aus: Sie alle wissen um ihr Problem. Und sie alle sind motiviert, ihre sexuelle Neigung in Schach zu halten. Es ist eine Neigung, für die sie nichts können, die sie aber zum Abschaum stempelt.

 

Gesellschaftliche Tabus gibt es viele. Pädophil zu sein, ist wohl das größte Tabu überhaupt. Kinderschänder, Monster, Schwein, kranker Abschaum, so die gängigen Bezeichnungen. Nach Angaben des sexualwissenschaftlichen Instituts der Charité in Berlin gibt es keine belastbaren Angaben, wie viele Menschen in Deutschland pädophil ver­anlagt sind. Nationale Studien legen jedoch nahe, dass rund 1 Prozent der Männer auf Kinder gerichtete sexuelle Fantasien haben und die diagnostischen Kriterien einer Pädophilie erfüllen. Demzufolge ist davon auszugehen, dass sich in Deutschland circa 250 000 Männer zwischen 18 und 75 Jahren sexuell zu Kindern hingezogen fühlen.

 

Im Rahmen des Präventionsprojekts Dunkelfeld, das 2005 am Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité startete, können Männer, die auf Kinder gerichtete sexuelle Fantasien haben, aber keine Übergriffe begehen wollen, eine ambulante Therapie machen. Kostenlos und unter Schweigepflicht. Betroffene sollen hier lernen, mit ihrer Neigung zu leben, ohne sie auszuleben.

 

Lernen, den Impuls zu kontrollieren

 

»Nach heutigem Stand der Forschung ist Pädophilie nicht heilbar«, sagt Till Amelung vom Institut für Sexualwissenschaft. Die sexuelle Prägung eines Menschen sei Teil der Persönlichkeit und Pädophilie eine »Besonderheit oder Störung der sexuellen Präferenz«, so der Sexualwissenschaftler. Krankheitstheoretisch sei sie als chronische Erkrankung zu verstehen. »Das bleibt ein Leben lang, das können wir heute nicht ändern. Aber Menschen mit pädophilen Vorlieben können in der Therapie lernen, ihre sexuelle Neigung zu akzeptieren und so mit ihren Impulsen umzugehen, dass sie sich nicht der Gefahr aussetzen, einen sexuellen Missbrauch zu begehen«, erklärt Amelung, der als Arzt und Therapeut wöchentlich zwei Gruppen mit zur Zeit je acht Patienten betreut.

 

Ob Blümchensex oder Sado-Maso, die sexuellen Vorlieben eines Menschen manifestieren sich in der Pubertät und bleiben dann zeitlebens bestehen. »Warum sich welche Neigung ausbildet, dazu gibt es Berge von Hypothesen«, sagt Amelung. Das beste Ursachenmodell ist für ihn eine Mischung aus biologischer Prädisposition und Umwelteinflüssen, denen ein Mensch im Laufe seiner frühen Entwicklung ausgesetzt ist.

 

Manche seiner Patienten fühlen sich ausschließlich zu Kindern hingezogen, andere haben erwachsene Partner, leben in »normalen« Beziehungen, haben Familie. Manche haben real Kinder missbraucht, andere bislang nur in der Fantasie. Eines haben sie jedoch gemein: »Alle Männer in der Therapie leiden sehr unter ihrer Neigung«, so der Therapeut. Viele seien depressiv und sozial isoliert, manche auch verzweifelt und wütend, weil sie sich geächtet fühlen, ohne dass es konkret Anlass dazu gibt. »Für ihre sexuelle Präferenz können sie nichts«, betont Amelung. »Und solange sie sie nicht ausleben, ist es auch kein Vergehen.«

 

Empathie mit den Opfern

 

Das zu akzeptieren, ist ein erster Schritt in der Therapie. Im geschützten Rahmen der Schweigepflicht können die Männer endlich reden. Über den eventuellen Missbrauch, die Schuldgefühle, den Selbstekel, die Angst es (wieder) zu tun. Hier sehen sie, dass auch andere Männer gegen einen sexuellen Hang zu Kindern ankämpfen. Unter therapeutischer Hilfe werden Verhaltensmuster analysiert und Strategien entwickelt, Risikosituationen, die zu einem Missbrauch führen könnten, zu vermeiden. Auch wird die Empathiefähigkeit für die Missbrauchsopfer geschult.




Unter anderem mit diesem Plakatmotiv macht das Institut für Sexualmedizin der Charité auf das Projekt aufmerksam.

Foto: Präventionsnetzwerk Kein Täter werden


»Die Patienten trainieren die Fähigkeit, sich zu öffnen«, sagt Amelung. Das große Scham- und Schuldempfinden führe in der Regel dazu, nicht genau hinsehen zu wollen, wie sehr die Sexualpräferenz im Alltag eine Rolle spiele. »Aber genau das ist wichtig, um die Entwicklung, bis es zur Tat kommen kann, wahrzunehmen«, so der Sexualtherapeut. Erst dann sei der Patient auch in der Lage, präventiv zu handeln und Gefahrensituationen zu vermeiden.

 

Um einen Therapieplatz zu bekommen, müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein. Die Betreffenden müssen zunächst mittels ärztlicher Untersuchung als eindeutig pädophil diagnostiziert werden. Es darf aktuell nicht wegen möglicher Straftaten gegen sie ermittelt werden. Auch wer seine Strafe nicht vollständig verbüßt und/oder Bewährungsauflagen zu erfüllen hat, ist vom Therapieprogramm ausgeschlossen.

 

Am Berliner Standort des Projekts haben sich von 2005 bis heute mehr als 1700 Männer gemeldet. Von den 150 Männern, die seitdem die Therapie begonnen haben, haben rund 80 die Behandlung komplett abgeschlossen. Ambulanzen des Projektes mit dem Motto »Lieben Sie Kinder mehr als Ihnen lieb ist?« existieren mittlerweile auch in Kiel, Regensburg, Leipzig sowie seit Anfang 2012 in Hannover und Hamburg.

 

Medikamente gegen das Verlangen

 

Neben verhaltenstherapeutischen Maßnahmen finden Betroffene an den Projektstandorten bei Bedarf auch medikamentöse Unterstützung. Hier kommen drei Gruppen von Arzneimitteln zum Einsatz, die für einen Rückgang der Häufigkeit von sexuellen Fantasien und ein vermindertes Erleben sexueller Erregung sorgen.

 

Dazu gehören selektive Serotoninwiederaufnahmehemmer wie Sertralin, Paroxetin, Fluoxetin und Citalopram sowie Antiandrogene wie Cyproteron­acetat oder GnRH-Analoga wie Triptorelin und Leuprorelin. Aus seiner Arbeit als Arzt und Therapeut weiß Amelung, wie sehr sich viele der Patienten an die Medikamente klammern, um Sicherheit zu erlangen. »Die eingesetzten Arzneimittel haben extreme Nebenwirkungen wie Unfruchtbarkeit, Fettstoffwechselstörungen und starke Gewichtszunahme«, erklärt der Arzt. »Aber wenn die Betroffenen Angst haben, dass die Selbstkontrolle nicht funktioniert, nehmen sie diese in Kauf.«

 

Auch Leo denkt über die Einnahme impulsdämpfender Medikamente nach, »um gerade tagsüber einen klareren Kopf zu bewahren und diesen Impuls zu unterdrücken«. Harald für seinen Teil weiß durch die Therapie nun, dass nicht nur der direkte Übergriff auf Kinder, sondern auch das Nutzen von Kinderpornografie indirekter Missbrauch ist. Und er hat gelernt, mit den Opfern zu fühlen: »Ich weiß, was es für eine unsägliche Quälerei für die Kinder ist.« / 


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Beitrag erschienen in Ausgabe 38/2012

 

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