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Arzneimittelsicherheit: Kleines Etikett mit großer Wirkung

POLITIK & WIRTSCHAFT

 
Arzneimittelsicherheit

Kleines Etikett mit großer Wirkung


Von Verena Arzbach und Maria Pues, Köln / Für Patienten mit Migrationshintergrund sind schlechte Deutschkenntnisse oft eine zusätzliche Hürde zur erfolgreichen Arzneimitteltherapie. Eine Software Marke Eigenbau bringt die Lösung ein Stück näher.

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In Deutschland gebe es immer noch Verbesserungsbedarf bei der Therapiesicherheit, erläuterte Apotheker Dr. Metin Bagli, Inhaber der Katharinen-Apotheke und der Kalker Apotheke in Köln im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung. Ob auf Ebene der pharmazeutischen Industrie, bei der Ausbildung des pharmazeutischen Personals oder bei der täglichen Arbeit der Apotheker – der Standard sei sehr hoch, betonte er. »Nur beim Patienten selbst bricht das hohe Qualitätsniveau plötzlich ein.« Denn ob der Patient Dosierung und Einnahmevorschriften seines Medikaments wirklich verstanden habe und korrekt umsetze, könnten Arzt und Apotheker kaum überprüfen.

 

Ein lästiges Thema

 

Der Apotheker kennt verschiedene Gründe, warum Patienten ihre Arzneimittel – absichtlich oder aus Versehen – falsch anwenden. Für viele Patienten sei Krankheit ein lästiges Thema, manche wollten sich möglichst wenig damit auseinandersetzen, erklärte Bagli weiter. Er unterteilt Patienten in drei Gruppen: unwissende Patienten, gleichgültige und solche, die bewusst von der korrekten Dosierung abwichen. »Gerade bei den Unwissenden können wir Apotheker viel erreichen«, ist er sicher.




Dr. Metin Bagli hat gemeinsam mit seinem Team eine Software für den Druck von Medikationsetiketten entwickelt. Dafür wurde er mit dem »Zukunftspreis öffentliche Apotheke« des Apothekerverbands Nordrhein ausgezeichnet.

Foto: PZ/Pues


Migranten müssen zusätzliche Schwierigkeiten bei der korrekten Anwendung ihrer Medikamente überwinden. Wegen schlechter Deutschkenntnisse verstehen sie oft nicht, wogegen und wie sie ihre Arzneimittel einnehmen sollen. In Baglis Apotheke in Kalk sind solche Probleme an der Tagesordnung: In dem Kölner Stadtteil haben mehr als 40 Prozent aller Bürger einen Migrationshintergrund.

 

Bagli, der Verständigungsprobleme bei der Arzneimitteltherapie in seinem eigenen Elternhaus kennengelernt hat, begann daher vor sechs Jahren, eine Software für den Druck von Medikationsetiketten in türkischer Sprache zu entwickeln. Das Programm lieferte ein befreundeter Informatiker, die dazugehörige Datenbank baut er seit Jahren mit seinen Mitarbeitern selbst auf. Der Apothekerverband Nordrhein hat sein Projekt mit dem dritten Platz des »Zukunftspreises öffentliche Apotheke« ausgezeichnet.

 

Die Etiketten enthalten in übersichtlicher Form alle wichtigen Informationen: Patientenname, Geburtsdatum, welcher Arzt das Arzneimittel verordnet hat und wann, wogegen der Patient es einnehmen soll, den Zeitpunkt der Einnahme sowie Einnahmedauer und Dosierung. Auch Hinweise zur korrekten Lagerung und in welchem Abstand zu den Mahlzeiten das Medikament eingenommen werden muss, stehen auf dem Etikett. Die Etiketten sollen die Compliance der Patienten fördern, erläuterte Apotheker Gence Polat, Filialleiter der Kalker Apotheke. Sie dürften deshalb nicht mit Information »überladen« werden. »Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln gehören auf jeden Fall in das Beratungsgespräch in der Apotheke«, betonte er.

 

Laufend neue Informationen

 

Für die Bedienung des Etikettendruckprogrammes benötigt man keine Türkischkenntnisse. Eingabemaske und Menüführung lassen sich komplett auf Deutsch bedienen. Das Programm erstellt dann anhand der Eingaben wahlweise ein deutsches oder ein türkisches Medikationsetikett. Von der Idee des Apothekers profitieren so auch deutsche Patienten. Die Mitarbeiter verwenden die Etiketten auch bei der Belieferung eines Altenheims.

 

Obwohl Bagli und sein Team im Laufe der Jahre zahlreiche Daten eingespeist haben – vollständig ist die Datenbank noch lange nicht. Laufend kommen neue Arzneimittel und Einnahmehinweise hinzu. Alle Informationen müssen die Mitarbeiter in deutsch und türkisch per Hand eingeben und speichern. Bestehende Arzneimitteldatenbanken können die Apotheker dabei kaum zu Hilfe nehmen, da diese keine patientengerechten Informationen bereithalten.

 

Auch Bagli und Polat müssen beim Aufbau ihrer Datenbank eine Sprachbarriere überwinden: Beide sind in Deutschland aufgewachsen und zur Schule gegangen und haben türkisch als Fremdsprache gelernt. Im Team mit ihren Mitarbeitern überlegen sie, wie sie die wichtigen Informationen für den Etikettendruck möglichst kurz und unmissverständlich formulieren können.

 

Die Etiketten unterstützen die Apotheker bei der ausführlichen Beratung in der Apotheke, für die sich Bagli und seine Mitarbeiter viel Zeit nehmen. Zu ihren besonderen Anliegen gehört es, Ordnung in die oft umfangreichen Hausapotheken der Kunden zu bringen. Gemeinsam mit dem Patienten sortiert ein Mitarbeiter neu erworbene und von zu Hause mitgebrachte Arzneimittel, bespricht Indikationen und Dosierungen und versieht die Packungen mit den Etiketten. Medikamente, die der Patient nicht mehr benötigt, werden entsorgt.

 

Positives Feedback

 

Bagli und seine Mitarbeiter haben auch angeboten, Hausbesuche zum Medikationscheck durchzuführen. Das Angebot sei jedoch nur selten angenommen worden, berichteten sie. »Viele Patienten wollen, vielleicht aus Scham, keinen Einblick in ihr persönliches Umfeld geben. Die Apotheke ist als neutraler Ort besser für die Beratung geeignet«, sagte Polat.

 

Von ihren Patienten bekommen Bagli und Polat überwiegend positives Feedback. Dass die Medikationsetiketten den Wissensstand der Patienten und damit deren Therapietreue steigern, wollen die beiden Apotheker jetzt auch objektiv zeigen. Zurzeit evaluieren sie ihr Projekt mit Patienten, die die Etiketten bislang nicht kennen. Diese beantworten vor und nach der Beratung und Kennzeichnung der Packungen einen Frage­bogen.

 

Um die Therapiesicherheit weiter zu verbessern, wünschen sich die beiden Apotheker von den verordnenden Ärzten klarere Dosierungsangaben. Gerade bei multimorbiden Patienten mit Polymedikation sei es wichtig, übersichtliche Medikamentenpläne zu erstellen. Bagli sieht den Apotheker dabei nicht in der Rolle des Besserwissers, sondern als Übersetzer: »Wir sollten Arzneimittelpackungen nur an den Patienten abgeben, wenn dieser die Einnahme auch vollständig versteht«, betonte er. /


Der Zukunftspreis

Unter der Schirmherrschaft von Landesgesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) hat der Apothekerverband Nordrhein drei Apotheker aus seinem Verbandsgebiet mit dem »Zukunftspreis öffentliche Apotheke« ausgezeichnet. Ausgeschrieben war der Wettbewerb für zukunftsweisende Konzepte in der Offizin. Den dritten Platz belegt Dr. Metin Bagli, der gemeinsam mit seinem Team eine Software für den Druck von Medikationsetiketten in tür­kischer Sprache entwickelt hat. Por­träts der ersten beiden Preisträger haben wir bereits veröffentlicht:

 

Pflegeheime: Bessere Versorgung durch Apotheker, PZ 22/2012

Pharmazeutische Betreuung: Mehr Klinik für die Offizin, PZ 25/2012


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Außerdem in dieser Ausgabe...

Beitrag erschienen in Ausgabe 35/2012

 

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