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Hypertonie: Der Druck steigt weltweit

MEDIZIN

 
Hypertonie

Der Druck steigt weltweit


Von Annette Mende / Adipositas, Typ-2-Diabetes und Bluthochdruck sind Gesundheitsprobleme, mit denen nicht nur Industrienationen zu kämpfen haben. Längst haben die sogenannten Zivilisationskrankheiten auch die Dritte Welt erreicht. Dort sind die Patienten meist nur schlecht versorgt, wie eine aktuelle Übersichtsarbeit in »The Lancet« zeigt.

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Wie ungleich die Ressourcen weltweit verteilt sind, macht unter anderem die Todesursachen-Statistik der Weltgesundheitsorganisation deutlich. Während in Ländern mit hohem Durchschnitts­einkommen Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit Abstand die häufigste Todesursache sind, sterben in Entwicklungsländern nach wie vor die meisten Menschen an Atemwegsinfektionen und Durchfall – Erkrankungen, die mit einer besseren medizinischen Versorgung und höheren Hygienestandards vermeidbar wären. Verständlich, dass sich Ärzte und Krankenpfleger in diesen Ländern vor allem auf Diagnose und Therapie von Infek­tionskrankheiten konzentrieren und andere Aufgaben wie eine Blutdruckmessung als zweitrangig einstufen.

 

Hypertonie wird häufig nicht erkannt

 

Diese Priorisierung rächt sich jedoch zunehmend, wie Mohsen Ibrahim und Albertino Damasceno in »The Lancet« schreiben (doi: 10.1016/S0140-6736(12)60861-7). Denn bereits heute leben etwa drei Viertel aller Hyper­toniker in Entwicklungsländern, Tendenz stark steigend. Da die Kontrolle des Blutdrucks in vielen Gesundheitseinrichtungen dieser Länder keine Routineuntersuchung ist, wissen die meisten Patienten nichts von ihrer Erkrankung. Und in den seltenen Fällen, in denen eine Diagnose vorliegt, ist die Blutdruckeinstellung oftmals sehr schlecht. So ergab beispielsweise eine Untersuchung, dass in ländlichen Regionen Ecuadors nur 0,3 Prozent der diagnostizierten Hypertoniker ihren Blutdruck medikamentös unter Kontrolle hatten.




Auch in Afrika steigt die Zahl der Hypertoniker. Eine lückenhafte Überwachung des Blutdrucks und fehlende Medikamente erschweren häufig die Therapie.

Foto: imago/imagebroker


Da Bluthochdruck der Auslöser für zwei Drittel aller Schlaganfälle und jeden zweiten Fall von koronarer Herzkrankheit ist, muss in den kommenden Jahren mit einem massiven Anstieg der Herz-Kreislauf-Sterblichkeit in der Dritten Welt gerechnet werden.

 

Einer der wichtigsten Gründe für diese Entwicklung ist die zunehmende Urbanisierung. Mit dem Umzug vom Land in die Stadt ist häufig eine Änderung der Ernährungsweise und des Lebensstils verbunden, der eine Gewichtszunahme folgt. Übergewicht und Adipositas wiederum leisten einem Anstieg des Blutdrucks Vorschub. Die Folge: In nahezu allen untersuchten Entwicklungsländern war die Prävalenz der Hypertonie in städtischen und Stadt- nahen Regionen höher als auf dem Land.

 

Afrikaner sind häufig salzempfindlich

 

In Afrika spielt die Ernährung dabei eine besonders wichtige Rolle. Denn häufig ernähren sich Menschen in Städten salzreicher als auf dem Land. Das treibt bei vielen dunkelhäutigen Menschen den Blutdruck überdurchschnittlich stark in die Höhe, da sie salzempfindlich sind. Die erhöhte Sensibilität für Kochsalz beruht auf bestimmten Genmutationen, die zu einer verstärkten Salzretention in der Niere führen.

 

Da Bluthochdruck noch bis vor einigen Jahrzehnten in der Dritten Welt nahezu nicht vorkam, haben die wenigsten Regierungen eine Strategie dagegen. Diagnose- und Behandlungsleitlinien, die die Besonderheiten des jeweiligen Landes berücksichtigen, gibt es nicht. Wo solche Vorschriften überhaupt existieren, sind es in der Regel Kopien US-amerikanischer oder europäischer Guidelines, die für die Umsetzung in Ländern mit schlechter Infrastruktur viel zu kompliziert und unpraktisch sind.

 

Eine Anpassung dieser Vorschriften ist daher aus Sicht der Autoren dringend erforderlich. Zudem sehen sie die Regierungen in der Pflicht, die Versorgung der Bevölkerung mit antihypertensiven Arzneimitteln sicherzustellen. Medikamentenfälschung ist in diesen Ländern ein großes Problem. Häufig wird die Herstellung von generischen Blutdruckmitteln überhaupt nicht überwacht, sodass der Wirkstoffgehalt schwankt. Strenge Qualitätskontrollen der Hersteller wären daher vonnöten.

 

Dass es möglich ist, den Trend umzukehren und sogar einen Rückgang der Hypertonie-Fälle zu erreichen, zeigt das Beispiel Kuba. Dort erhielt die Behandlung kardiovaskulärer Erkrankungen oberste Priorität. In der Folge erreichte Kuba weltweit die höchste Rate an Hypertonikern mit eingestelltem Blutdruck. / 


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Beitrag erschienen in Ausgabe 33/2012

 

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