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Patientenausweise: Daten für den Notfall

POLITIK & WIRTSCHAFT

 
Patientenausweise

Daten für den Notfall


Von Anna Hohle / In medizinischen Notfallsituationen sind Patienten häufig nicht ansprechbar. Ärzten und Sanitätern fehlen so wichtige Informationen zu Krankheiten und Medikation. Wer diese Angaben bei sich trägt, erleichtert die Behandlung.

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Als der Patient in die Notaufnahme des Helios-Klinikums in Berlin eingeliefert wurde, war er schon nicht mehr ansprechbar. Ein Auto hatte den 42-Jährigen angefahren, die Ärzte vermuteten innere Verletzungen. Beim routinemäßigen Durchsuchen seiner Papiere fanden sie jedoch einen wichtigen Hinweis. Auf einem Ausweis hatte der Mann ein blutverdünnendes Medikament vermerkt, das er regelmäßig einnahm. Christian Wrede und seine Kollegen reagierten sofort und gaben ihn ein Gerinnungsmittel. Die Blutung konnten sie so stoppen.




Schnelle Hilfe: In medizinischen Notfallsituationen kann ein Patientenausweis den Ärzten wichtige Informationen liefern.

Foto: Imago/MiS


Papierausweis oder Chipkarte

 

Wrede ist Chefarzt der Interdisziplinären Notaufnahme am Helios-Klinikum. Schon mehrmals hätten ihm Notfallausweise, wie sie der Patient bei sich trug, wichtige Hinweise geliefert, so der Mediziner. Nicht immer geht es dabei um Leben und Tod. Dennoch seien die Informationen auf den Ausweisen fast immer hilfreich: Im Fall des 42-Jährigen waren etwa zusätzlich Name und Telefonnummer seiner Ehefrau vermerkt. Sie konnte rasch über den Unfall ihres Mannes informiert werden.

 

Notfallausweise gibt es heute in unterschiedlichen Varianten. Die einfachste Form sind schlichte Ausweise aus Papier, die gefaltet im Portemonnaie verstaut werden. Viele Krankenkassen bieten auf ihrer Internetseite Vordrucke zum kostenlosen Download an. Neben Namen und Adresse können Patienten Vorerkrankungen und Allergien eintragen und angeben, welche Medikamente sie einnehmen und wer im Notfall benachrichtigt werden soll.

 

Daneben existieren diverse elektronische Angebote in Form von Chipkarten, über die Notfallmediziner im Krankenhaus detaillierte Informationen oder sogar Röntgenbilder abrufen können. Die Daten werden zuvor vom Patienten selbst oder von einem Mediziner auf der Karte hinterlegt. Je nach Aufwand verlangen die Anbieter für diesen technischen Service zwischen 35 und mehreren hundert Euro.

 

Für Wrede und seine Kollegen spielt es keine Rolle, ob sie die wichtigen Hinweise auf einem handgeschriebenen Zettel oder eben einer Chipkarte finden. »Wir sind für jede Art der Dokumentation dankbar«, sagt der Mediziner. Am Einsatzort werde der Patient zunächst stabilisiert, spätestens in der Notaufnahme würden dann alle mitgeführten Papiere auf Hinweise zu Vor-erkrankungen und Medikation durchgesehen. »Wichtig ist dabei, dass die Angaben lesbar und eindeutig dem Patienten zuzuordnen sind«, so Wrede.

 

Genau da beginnt jedoch in vielen Fällen das Problem. »Wenn wir überhaupt Informationen finden, sind sie oft unvollständig oder veraltet«, klagt der Mediziner. Hat etwa ein Hausarzt vor drei Jahren ein Medikament verordnet und dies auf dem Notfallausweis dokumentiert, nimmt es der Patient unter Umständen längst nicht mehr ein. Wrede und seine Kollegen begrüßen deshalb das Vorhaben, medizinische Notfalldaten zukünftig in einheitlicher und aktueller Form auf der elektronischen Gesundheitskarte (EGK) zu speichern.

 

Besonders mehrfach Erkrankte profitieren

 

Pläne dafür gibt es schon länger: Seit 2010 erarbeitet die Bundesärztekammer (BÄK) das Notfalldatenmanagement für die EGK. Noch ist diese Funktion der Gesundheits­karte zwar nicht aktiv. Laut Plan soll jedoch bis zum Jahr 2016 jeder Versicherte freiwillig notfallrelevante Informationen auf der Karte hinterlegen können.


Notfallausweise

  • Vordrucke bieten unter anderem die Techniker Krankenkasse und die IKK Südwest zum kostenlosen Download an. Auch die Johanniter-Unfall-Hilfe sendet gegen einen frankierten Rückumschlag einen kostenlosen Notfallausweis zu (Johanniter-­Unfall-Hilfe e.V., Stichwort: Notfallausweis, Kabelkamp 5, 30179 Hannover).
  • Daneben existieren kostenpflichtige Notfall-Chipkarten. Auf dem Kartenspeicher können auch digitale Dokumente wie Röntgenbilder hinterlegt werden. Der Zugriff funktioniert über die Homepage des Anbieters oder USB-Anschlüsse. Die Preisspanne reicht dabei von 35 Euro (allergiepass.com; Centrum für Reisemedizin) bis zu mehreren hundert Euro (Vivité GmbH).
  • Ab 2016 sollen Versicherte freiwillig Notfalldaten auf der Elektronischen Gesundheitskarte hinterlegen können. Zuvor wird das Verfahren erprobt.
  • Für Patienten, die etwa Gerinnungshemmer einnehmen, an chronischen Krankheiten wie Epilepsie und Diabetes oder an schweren Allergien leiden, bieten Ärzte und Selbsthilfeverbände häufig spezielle Notfallausweise an.


Mit speziellen Lesegeräten könnten Ärzte und Rettungspersonal diese Angaben dann einsehen. »Geplant ist, dass Patient und Hausarzt die Daten gemeinsam einpflegen«, sagt Jürgen Albert, Referent für Telematik bei der Bundesärztekammer. Dabei soll der Verwaltungsaufwand im Interesse aller Beteiligten möglichst gering ge­­­halten werden. Ab 2014 wird das Verfahren zunächst in Testregionen erprobt. Vor allem chronisch kranke und multimorbide Menschen werden vom Notfall­datensatz profitieren, vermutet Albert: »Bei der Notfallbehandlung dieser Patienten spielen Vorerkrankungen oder Interaktionen von Medikamenten häufig eine große Rolle.« Die demografische Entwicklung werde die Zahl dieser Patienten weiter steigen lassen.

 

Auch Rainer Röhrig begrüßt die geplante Notfalldatenspeicherung grundsätzlich. Der Arzt und informatiker leitet die Sektion Medizinische Informatik in Anästhesiologie und Intensivmedizin an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Dennoch hätten auch die klassischen Papierausweise Vorteile, sagt Röhrig: »Sie sind schnell und ohne Lesegerät verfügbar, auch ist der Datenschutz gesichert«.

 

Lesegeräte ohne Störungen

 

Wie hilfreich der Notfalldatensatz auf der EGK im Notfall tatsächlich sein wird, hängt laut Röhrig vor allem von der technischen Umsetzung ab: So müssten die Kartenlesegeräte jederzeit störungsfrei funktionieren, damit Notfallhelfer zuverlässig und vor allem schnell über die lebenswichtigen Informationen verfügen können. Auch müssten sich die Notärzte darauf verlassen können, dass die Angaben stets vollständig und von hoher Qualität seien. »Dies funktioniert nur durch eine disziplinierte Datenpflege«, so Röhrig.

 

Wer für die Aktualität der Daten sorgen soll, sei bislang jedoch nicht geklärt. »Jeder möchte im Notfall vollständige und aktuelle Daten haben«, erklärt Röhrig. »Aber keiner möchte sie mit der notwendigen Sorgfalt erfassen«. Der Mediziner regt eine gesetzliche Regelung an, die verpflichtende Standards in Praxisverwaltungen und Krankenhausinformationssystemen vorschreibt.

 

BÄK-Referent Albert weiß über diese Herausforderung für das Notfalldatenmanagement der EGK. Bei der Bundesärztekammer arbeite man jedoch bereits an einer Lösung. »Unser Ziel ist es, in den Testregionen ein effizientes und zeitsparendes Verfahren für die Eingabe und Pflege dieser Daten zu entwickeln«, sagt er. Über die Vergütung für diesen Aufwand werde noch entschieden.

 

Bis die Zuständigkeiten geklärt und die Datenqualität gesichert ist, werden noch einige Jahre vergehen. Notfallmediziner wie Wrede hoffen dennoch, in Zukunft mit einen aktuellen Datensatz ihren Patienten schneller helfen zu können. Einheitliche Notfallausweise könnten dann, so Wrede, »die medizinische Versorgung in Notaufnahmen erheblich verbessern und eventuell sogar Leben retten« /


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Beitrag erschienen in Ausgabe 31/2012

 

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