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Beta-Interferone bei MS: Langzeitnutzen auf dem Prüfstand

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Beta-Interferone bei MS

Langzeitnutzen auf dem Prüfstand


Von Ulrike Viegener / Beta-Interferone werden in den aktuellen Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie als Basistherapie mit gutem Nutzen-Risiko-Profil bezeichnet. Doch jetzt stellt eine kanadische Untersuchung infrage, ob diese Therapie den MS-Patienten tatsächlich langfristig nutzt.

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Man hat eins und eins zusammengezählt: Beta-Interferone reduzieren nachweislich die Anzahl neuer entzündlicher Läsionen im Gehirn. Und sie sind in der Lage, die Schubfrequenz um ein Drittel zu verringern. So lag der Schluss nahe, dass diese Therapie auch langfristig einen Benefit bezüglich der MS-bedingten Behinderungen bewirkt. Aber genau das ist laut der jetzt im Fachmagazin JAMA publizierten kanadischen Untersuchung offenbar nicht der Fall (Shirani, A. et al.: Association Between Use of Interferon Beta and Progression of Disability in Patients with Relapsing-Remitting Multiple Sclerosis, JAMA 2012; 308 (3): 247-256; doi: 10.1001/jama.2012.7625).




Foto: Fotolia/Raths


Obwohl das Konzept, Beta-Interferone zur Behandlung der multiplen Sklerose einzusetzen, bereits aus den Achtziger Jahren stammt, gibt es keine methodisch sauberen Langzeitstudien. Das ist umso erstaunlicher, als es sich bei der Interferontherapie um eine rein präventive Maßnahme handelt mit dem erklärten Ziel, die Prognose der Patienten zu verbessern. Bereits bestehende Krankheitszeichen werden durch Interferon nicht beeinflusst.

 

Angesichts dieser gravierenden Forschungslücke haben die ausgewiesene MS-Spezialistin Hellen Tremlett und ihre Kollegen von der British Columbia University in Vancouver jetzt auf Daten der BCMS-Datenbank zurückgegriffen, die seit 1980 regelmäßig die Daten der meisten in der Provinz British Columbia lebenden MS-Patienten erfasst. Dabei wird auch das Ausmaß der Behinderung anhand des EDSS (Expanded Disability Status Scale) dokumentiert.

 

Die von 1885 bis 2008 prospektiv gesammelten Daten wurden von Tremlett und ihren Kollegen retrospektiv analysiert. Die Analyse bezieht sich auf insgesamt 2556 Patienten mit schubförmiger MS, die folgenden Gruppen zuzuordnen waren:

 

Patienten, die seit 1995 mit Beta-Interferon behandelt wurden (n = 868, mittlere Beobachtungszeit 5,1 Jahre)
Patienten, die im gleichen Zeitraum nicht mit Beta-Intereron behandelt wurden (n = 829; 4,0 Jahre) und
Patienten, die vor Einführung von Beta-Interferonen erkrankten (historische Kontrolle) (n = 959; 10,8 Jahre).

Als primärer Endpunkt wurde der Anteil der Patienten ermittelt, die sich gemäß der EDS-Skala dauerhaft auf 6 Punkte verschlechtert hatten. Die Progressionsraten betrugen in den drei Gruppen 10,8 Prozent versus 5,3 beziehungsweise 23,1 Prozent. Diese absoluten Daten wurden in einer multivariablen Analyse hinsichtlich »Störfaktoren« (Geschlecht, Alter, Krankheitsdauer, Ausgangs-EDSS, Komorbidität) angepasst. Das Resultat: Es ergab sich kein Hinweis auf einen Nutzen der Interferontherapie im Hinblick auf das Fortschreiten der Behinderung. Die Hazard Ratios (Interferon versus Kontrolle 1 beziehungsweise 2) betrugen 1,30 beziehungsweise 0,77.

 

Studiendefizit dringend bereiningen

 

Was heißt das konkret? Hellen Tremlett möchte die neuen Daten nicht so interpretiert wissen, dass man jetzt Beta-Interferone in Bausch und Bogen verdammen sollte. Aber die Erwartungen an diese Medikamente müssten auf ein realistisches Maß herunterkorrigiert werden. Weniger Entmarkungsherde plus weniger Schübe heißt eben nicht langfristig auch weniger Behinderung. Dennoch, so Tremlett, sei allein schon die unter Beta-Interferon dokumentierte Verringerung der Schubrate für viele Patienten ein wichtiger Benefit per se. Wichtig sei eine realistische Aufklärung der Patienten über den potenziellen Nutzen und auch über die Nebenwirkungen dieser Therapie.

 

Tremlett regte an, die neuen Daten zum Anlass für weitere Studien zu nehmen. Multiple Sklerose, die Krankheit mit den tausend Gesichtern, zeichnet sich durch extrem variable Verläufe aus, sodass denkbar wäre, dass bisher nicht definierte Subgruppen sehr wohl hinsichtlich der langfristigen Progression profitieren könnten. Eine weitere offene Frage ist die optimale Dosierung der Beta-Interferone. Der Forschungsbedarf hinsichtlich langfristiger Therapieeffekte erscheint umso dringender, als Beta-Interferone inzwischen sehr früh – bei Auftreten erster Krankheitszeichen – eingesetzt werden in der Hoffnung, die Krankheitsverläufe so langfristig besser beeinflussen zu können. Hoffnung allein reicht aber nicht. /


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Beitrag erschienen in Ausgabe 31/2012

 

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