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Friedrich Traugott Kützing: Apotheker und bedeutender Botaniker











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Friedrich Traugott Kützing

Apotheker und bedeutender Botaniker

Von Christoph Friedrich

 

Nach einer Apothekerausbildung widmete er sich vornehmlich der Botanik: Friedrich Traugott Kützing (1807-1893) wurde vor 200 Jahren geboren. Er unternahm viele Reisen und wirkte als Lehrer für Naturgeschichte. 1834 entdeckte er den Kieselsäuregehalt in Diatomeen-Skeletten und besaß als Forscher international einen bedeutenden Ruf.

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Kützing verfasste eine Selbstbiografie »Aufzeichnungen und Erinnerungen«, die allerdings im Unterschied zu der Autobiografie von Ernst Wilhelm Martius (1756-1849) nur für die eigene Familie bestimmt war. Kützings Autobiographie dürfte wohl im Wesentlichen bis 1874 in relativ kurzer Zeit entstanden sein. 1888, im Alter von 80 Jahren, fügte er noch einige Seiten, die die letzten vierzehn Lebensjahre betrafen, an. Relativ unvermittelt bricht das Manuskript ab, sodass ungeklärt bleiben muss, ob Kützings Alter eine Fortsetzung, eventuell mit dem Ziel einer Publikation, verhinderte.


PZ-Originalia

In der Rubrik Originalia werden wissenschaftliche Untersuchungen und Studien veröffentlicht. Eingereichte Beiträge sollten in der Regel den Umfang von zwei Druckseiten nicht überschreiten und per E-Mail geschickt werden. Die PZ behält sich vor, eingereichte Manuskripte abzulehnen. Die veröffentlichten Beiträge geben nicht grundsätzlich die Meinung der Redaktion wieder.


Sein Neffe Wilhelm Zopf wies zwar bereits 1894 in seinem Nekrolog auf die Existenz eines solchen Manuskriptes hin, doch standen diese Aufzeichnungen erst nach 1952 einer wissenschaftlichen Bearbeitung zur Verfügung, nachdem die Nachkommen Kützings diese dem Nordhäuser Stadtarchiv übergeben hatten. R. H. Walther Müller sowie Rudolph Zaunick übernahmen die Edition des Manuskriptes, das 1960 gedruckt wurde und einen detaillierten Einblick in Kützings Biografie sowie in seine wissenschaftliche Entwicklung bietet.

 

Herkunft und Ausbildung

 

Kützing wurde am 8. Dezember 1807 in Ritteburg, bei Querfurt in Sachsen-Anhalt, geboren, wo sein Vater eine Mühle und Ölmühle, aber auch einen Graupen-, Öl- und Holzhandel betrieb. Die Mutter verstarb nach der Geburt des sechzehnten Kindes, als Friedrich Traugott zwölf Jahre alt war. Die große Kinderschar, aber auch der geringe geschäftliche Erfolg des Vaters, der schließlich zum Konkurs führte, verhinderten, dass Friedrich Traugott die Lateinschule besuchen konnte. Der Vater hatte sich für ihn vergeblich um eine Freistelle bei der Latina in Halle beworben. So begann Kützing 1822 eine Apothekenlehrzeit. Wie viele junge Männer mit ausgeprägten naturwissenschaftlichen Interessen, aber nur geringen finanziellen Mitteln, wählte auch er diesen typischen »Aufsteigerberuf«. Nach kurzem Aufenthalt in der Sondermannschen Apotheke in Artern, wo sich bald herausstellte, dass ihr Besitzer gar keinen Lehrling ausbilden durfte, beendete Kützing die Lehrzeit in Aschersleben, wo er mit Ernst Gottfried Hornung (1795-1862) einen versierten Lehrherrn fand. Dieser war ehemaliger Schüler von Johann Bartholomäus Trommsdorff (1770-1837).

 

1828 konditionierte er in Magdeburg, Schleusingen (1830/31) und Tennstedt (1831/32). In seiner Autobiografie schildert Kützing ausführlich den Apothekenalltag und berichtet über Apotheker aus seiner Lehrzeit: über den wissenschaftlich interessierten Ernst Gottfried Hornung, den halb gebildeten Apotheker Tuckermann, den heimlich trinkenden Prinzipal Motschmann oder den stärker an der Landwirtschaft als an der Pharmazie interessierten, namentlich nicht genannten Apothekenbesitzer aus Tennstedt. Seine Beschreibung der Lehrlings- und Gehilfenkollegen erweitert unsere Vorstellung über die Typologie des Apothekers beträchtlich; die in pharmaziehistorischen Untersuchungen vielfach in den Mittelpunkt gerückten wissenschaftlich engagierten Apotheker waren wohl auch damals eher die Ausnahme, wie Kützings Schilderungen des älteren Lehrlings Körner sowie des Gehilfen Kay und des dem Alkohol verfallenen Gehilfen Porschwitz zeigen, deren Tragik zugleich auch die soziale Stellung der Apothekengehilfen zu jener Zeit reflektiert.

 

Student in Halle

 

Seine intensive Beschäftigung mit der Botanik bewog Kützing, sich ganz den Naturwissenschaften zu widmen. Franz Wilhelm Schweigger-Seidel (1795-1838) verschaffte ihm eine Freistelle an seinem mit der Universität Halle eng verbundenen Pharmazeutischen Institut. Sehr lebendig schildert Kützing die Zustände an der Universität Halle und die Begegnungen mit zahlreichen Gelehrten. Schweigger-Seidel beschreibt er als einen »kreuzbraven, lieben, herzensguten Mann, dem freilich nur fehlte, was das gewöhnliche Publikum ›praktisch‹ nennt«. Da er keine eigene Apotheke besaß, musste Schweigger-Seidel sein Institut aus eigenen Mitteln einrichten, und Kützing erlebte den Niedergang dieser Ausbildungsstätte, nicht zuletzt wegen der in Halle grassierenden Cholera 1832/33. Zugleich berichtet er auch über »die Intrigen, die Gehässigkeiten, ja, die Niederträchtigkeiten und Gemeinheiten, die sich mehrere [Professoren] zuschulden kommen ließen gegen ihre Kollegen, namentlich gegen den armen, guten Schweigger-Seidel«. Mit kritischem Blick schildert Kützing auch den »grundgelehrten Botaniker« Curt Sprengel (1766-1833), der »nicht nur ein klassisches und fließendes Latein - er war auch ebenso im Griechischen bewandert, und im Arabischen und Hebräischen« - schrieb und sprach. Dagegen bezeichnete er dessen jüngsten Sohn Anton (1803-1851), der als Privatdozent Botanik in Halle lehrte, als »eine Null«, da er »sehr träge und unwissend« war und sich täglich in Kneipen herumtrieb und daher noch nie ein Kolleg zusammengebracht hatte, »trotz der Mühe, die sich sein Vater darum gegeben«. Kützing hielt in Halle, obwohl er selbst noch eifrig Vorlesungen besuchte, bereits ein Kolleg über medizinische Botanik.

 

Lehrer und Forscher

 

Nach drei Semestern verließ er die Universität, war noch einmal kurze Zeit in einer Apotheke in Eilenburg tätig, ehe er sich dann ab 1834 ganz der Botanik widmete. 1835 unternahm er Forschungsreisen nach Dalmatien, Italien und in die Schweiz, über die er ausführlich in seiner Autobiografie berichtet. Anschließend übernahm er eine Stelle als Lehrer für Naturgeschichte an der Realschule Nordhausen, an der er bis 1883 unermüdlich tätig war. 1837 wurde Kützing aufgrund seiner »früheren wissenschaftlichen Arbeiten« in absentia zum Dr. phil. an der Universität Marburg promoviert. Sein Antrag war von dem dortigen Professor der Botanik, Georg Wilhelm Franz Wenderoth (1774-1861), unterstützt worden. 1842 erhielt er ferner den Professorentitel.

 

Als Botaniker erwarb sich Kützing beachtliches Ansehen, 1831 erschien seine erste Veröffentlichung. 1834 entdeckte er die »Siliciumoxyd-Natur« der Diatomeen-Skelette. So beobachtete er, wie er selbst berichtet, »Bacillarien [...], welche sich in der Essigsäure nicht verändert hatten«. Das brachte ihn auf den Gedanken, »daß die Substanz des Bacillarienkörpers aus Kieselsäure gebildet sei«. Er ließ »verdünnte und zuletzt konzentrierte Salzsäure, Salpetersäure usw. einwirken, ohne daß diese Säuren die Hauptformen veränderten«. Er untersuchte danach »größere Massen«, die er getrocknet hatte, auf Kieselsäure und erinnert sich rückblickend: »Meine Freude über diese Entdeckung, deren Wichtigkeit ich augenblicklich tief fühlte, war so groß, daß ich den ganzen Tag vor Aufregung nichts weiter vornehmen konnte.« Er berichtete darüber auch Alexander von Humboldt (1769-1859), der die Entdeckung in der Königlichen Akademie Berlin bekannt machte. Diese bewilligte ihm für seine Reise einen Zuschuss von 200 Talern. Über das Wesen und die Erreger der Gärung verfasste er eine Abhandlung, die er an den Herausgeber der »Annalen der Physik«, den Apotheker Johann Christian Poggendorff (1796-1877), schickte. Wie Kützing berichtet, ließ Poggendorff jedoch »die ganze Arbeit liegen, und ich konnte sie, als ich bei meiner Rückkehr im Herbst 1835 sie zurückforderte, [sie] nicht einmal wiedererlangen«. Obwohl Kützing diese Entdeckung Alexander von Humboldt und weiteren Forschern im Herbst 1834 mitgeteilt hatte, verlor er so die Priorität an Charles Cagniard de Latour (1777-1859) und Theodor Schwann (1810-1882). Nach seiner Rückkehr aus Italien musste Kützing eine neue Abhandlung verfassen, die er 1837 in der Versammlung des Naturhistorischen Vereins des Harzes in Alexisbad vorstellte und unter dem Titel »Microscopische Untersuchungen über die Hefe und Essigmutter, nebst mehreren andern dazu gehörigen vegetabilischen Gebilden« im Journal für praktische Chemie veröffentlichte. Hier beschreibt er erstmalig die Essigbakterien und lieferte somit die Grundlage für Louis Pasteurs (1822-1895) spätere Arbeiten.

 

In Nordhausen befasste er sich mit der Aufarbeitung des während der Reisen gesammelten umfangreichen Materials. So untersuchte er seine Algen mikroskopisch und studierte die Entwicklungsgeschichte der Gattungen. Er zeichnete auch selbst eine Vielzahl von Tafeln und veröffentlichte diese in seinem ersten großen Werk »Phycologia generalis«, das 1843 bei Brockhaus in Leipzig erschien. 1845 folgte die »Phycologia germanica«, in der er seine Untersuchung der deutschen Algen bekannt machte. Vier Jahre später stellte er in seinem Buch »Species Algarum« die bis dahin »bekannten Algen aller Weltteile und Meere« systematisch zusammen und beschrieb 6000 Arten. 1851/52 behandelte er in seinen »Grundzügen der philosophischen Botanik« das gesamte »Gebiet der Botanik in seinen Haupterscheinungen«. Für Kützing besaß »der Artenbegriff eine bloß relative Bedeutung«. In seiner »Historisch-kritischen Untersuchung über den Artenbegriff bei den Organismen und dessen wissenschaftlichen Werth«, die 1856 gedruckt wurde, vertritt er ein prädarwinistisches Konzept: »So wie die Geschichte der Menschheit in einem Flusse strömt und doch ihre Perioden und Epochen erkennen läßt, ohne daß man sagen kann, sie habe irgendwo halt gemacht, so gewiß hat auch die organische Schöpfung ihre ununterbrochene Strömung vom Anfang begonnen und setzt sie haltlos fort«. Nicht zuletzt wegen dieser Auffassung erlebte Kützing, der neben mehreren Büchern über 50 Zeitschriftenaufsätze verfasste, zahlreiche Anfeindungen, wie er selbst berichtet: »Ja, die Feindschaft ging so weit, daß sie mich an der Erlangung der Professur der Botanik in Gießen, in Greifswald und in Erlangen gehindert hat, trotzdem ich durch meine Freunde in Gießen primo loco vorgeschlagen war.« Gleichwohl fährt er fort: »Ob aber die Erlangung einer Professur an einer Universität für mich ein besonderes Glück gewesen wäre, das wage ich nicht zu behaupten. [...] Im übrigen habe ich alle Ursache, mit dem, was ich in meiner bisherigen Stellung geleistet und erreicht habe, sehr zufrieden zu sein, namentlich, wenn ich bedenke, was die anderen Gelehrten in ihren scheinbar höheren Stellungen erreichen - wie sie oft mit Not und Sorge gekämpft haben«.

 

Seine letzte Sorge galt seiner großen Algensammlung, die nach eigenen Angaben 5169 Species und 727 Varitäten, insgesamt 29.247 Exemplare enthalten haben soll, die er für 3000 Mark nach Leiden verkaufen konnte. Anlässlich seines 80. Geburtstags erhielt er eine Bildnismedaille, die zu diesem Tage geprägt worden war und für die 120 Botaniker aus allen europäischen Staaten einen Beitrag geleistet hatten. Am 9. September verstarb er 85-jährig in Nordhausen.

 

War auch das 19. Jahrhundert reich an solchen aus dem Apothekerberuf hervorgegangenen Naturforschern, so muss Kützing doch als eine der herausragendsten Persönlichkeiten bezeichnet werden, an der sich exemplarisch nachweisen lässt, dass Apotheker großen Anteil an der Entwicklung der Botanik besessen haben.


Quellen und Literatur (Auswahl)

Kützing, F. T., Aufzeichnungen und Erinnerungen. Hrsg. von R. H. W. Müller u. R. Zaunick, Leipzig 1960 (Lebensdarstellungen deutscher Naturforscher, 8).
Universitätsarchiv Marburg, Acta facultatis philosophicae 1837, 307 d, Nr. 74, S. 515­-527.
Kützing, F. T., Über den naturgeschichtlichen Unterricht in Realschulen. Schulprogramm der Realschule, Nordhausen 1837.
Kützing, F. T., Microscopische Untersuchungen über die Hefe und Essigmutter, nebst mehreren andern dazu gehörigen vegetabilischen Gebilden, in: Journ. prakt. Chem. 11 (1837), S. 385-409.
Kützing, F. T., Phycologia generalis oder Anatomie, Physiologie und Systemkunde der Tange, Leipzig 1843.
Kützing, F. T., Die kieselschaligen Bacillarien oder Diatomeen, Nordhausen 1844.
Kützing, F. T., Phycologica germanica, d. i. Deutschlands Algen in bündigen Beschreibungen. Nebst einer Anleitung zum Untersuchen und Bestimmen dieser Gewächse für Anfänger, Nordhausen 1845.
Kützing, F. T., Species Algarum, Leipzig 1849.
Kützing, F. T., Historisch-kritische Untersuchungen über den Artbegriff bei den Organismen und dessen wirtschaftlichen Werth, Nordhausen 1856.
Friedrich, Ch., Die Apotheke von innen gesehen. Apothekerautobiographien aus zwei Jahrhunderten, Eschborn 1995.
Friedrich, Ch., Bettin, H., Schulz, A.-K., Das Privatinstitut von Franz Wilhelm Schweigger-Seidel (1795-­1838), in: Die Pharmazie 54 (1999), 935­-940.
Vasterling, P., Aus dem Leben zweier pharmazeutischer Botaniker, Professor Kützing, Nordhausen, und Professor Haussknecht, Weimar, in: Pharm. Ztg. 101 (1956), S. 1125-­1127.
Zopf, W., Friedrich Traugott Kützing, in: Leopoldina 30 (1894), S. 145-151.

Anschrift des Verfassers:

Professor Dr. Ch. Friedrich

Institut für Geschichte der Pharmazie

Roter Graben 10

35032 Marburg


Außerdem in dieser Ausgabe...

Beitrag erschienen in Ausgabe 49/2007

 

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