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Cannabis: Hilft Hanf in allen Lebenslagen?

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Cannabis

Hilft Hanf in allen Lebenslagen?


Von Annette Mende, Berlin / Seit Mitte des vergangenen Jahres ist in Deutschland ein Cannabis-haltiges Fertigarzneimittel auf dem Markt. Es ist zugelassen zur Behandlung von Multiple-Sklerose-Patienten mit spastischen Schmerzen. Darüber hinaus wird Cannabis aber auch in weiteren Indikationen eingesetzt.

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Als Rauschdroge ist Cannabis sativa wegen seiner euphorisierenden und halluzinogenen Wirkung schon seit Jahrtausenden im Gebrauch. Der psychotrope Inhaltsstoff ist Δ9-Tetrahydrocannabinol (THC). Cannabidiol (CBD), der mengenmäßig zweitwichtigste Inhaltsstoff, wirkt nicht psychotrop. Wie die Substanzen im Körper ihre Wirkung entfalten, wurde erst in den 1990er-Jahren mit Entdeckung des Endocannabinoidsystems bekannt. Heute weiß man, dass es im Körper eigene Cannabinoidrezeptoren gibt, die von den Cannabis-Inhaltsstoffen aktiviert werden.




Foto: Fotolia/EpicStockMedia


Bei den Cannabinoidrezeptoren unterscheidet man zwei Typen: CB1 kommen vor allem im ZNS, in peripheren Nervenfasern, im Gastrointes­tinaltrakt, in der Leber und im Fettgewebe vor. CB2 ist dagegen insbesondere auf Immunzellen lokalisiert. Eine Aktivierung dieser Rezeptoren moduliert zahlreiche Prozesse in der Zelle. In der Folge kann die Produktion verschiedener Media­toren entweder angeregt oder gedrosselt werden. Im ZNS fungieren Endocannabinoide, die körper­eigenen Agonisten an Cannabinoidrezeptoren, als Feinregulatoren an GABA-, Noradrenalin-, Acetylcholin-, Serotonin- und Dopamin-Rezeptoren.

 

Aus diesem überaus breiten Wirkspektrum der Cannabinoide ergeben sich vielfältige Effekte, die der Konsum von Cannabis beim Menschen auslöst. Er wirkt nicht nur psychotrop, sondern unter anderem auch appetitsteigernd, antiemetisch, schmerzlindernd, muskelrelaxierend, sedierend und anxiolytisch. Indikationen, in denen ein Therapieversuch mit Cannabinioiden sinnvoll erscheint, sind daher unter anderem chronische Schmerzen, Spastiken, Appetitmangel, Übelkeit, Depressivität sowie das Tourette-Syndrom, bei dem Patienten unter plötzlichen, Tic-artigen Zuckungen vor allem im Gesicht-, Hals- und Schulterbereich leiden.

 

Die Studienlage ist je nach Indikation sehr unterschiedlich. »Am besten dokumentiert ist die Wirkung bei Multiple-Sklerose-bedingten Schmerzen. Ansonsten gibt es kontrollierte Studien nur mit sehr kleinen Fallzahlen, zum Beispiel in den Indikationen Tourette-Syndrom, Tumorschmerzen, Kachexie und Anorexie«, sagte Professor Dr. Lukas Radbruch, Direktor der Klinik für Palliativmedizin des Universitätsklinikums Aachen und Mitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, vergangene Woche bei einer Anhörung im Gesundheitsausschuss des Bundestags (siehe unten). In diesen Studien sei zum Teil eine Wirkung nachgewiesen worden, zum Teil aber auch nicht.

 

Erst, wenn Standard versagt

 

In vielen Indikationen scheine es eine Untergruppe an Patienten zu geben, die von einer Therapie mit Cannabis-haltigen Arzneimitteln profitiere. Die Nebenwirkungen seien aber teilweise so erheblich, dass viele Patienten die Therapie aus diesem Grund wieder beendeten. »Es sind meist keine ernsthaften Komplikationen, sondern vor allem Müdigkeit und Konzentrationsstörungen, die die Patienten so stark belasten, dass sie die Therapie nicht fortsetzen wollen«, erklärte der Anästhesist. Das therapeutische Fenster, in dem die Substanzen ihre gewünschte Wirkung entfalten, die Nebenwirkungen aber noch nicht zu ausgeprägt sind, sei sehr eng.

 

Radbruch betonte, dass Cannabis-Präparate in keiner der genannten Indikationen die Therapie der ersten Wahl seien, da überall Alternativen zur Verfügung stünden. »Wenn die Standardtherapie nicht funktioniert, kann jedoch ein ergänzender Einsatz sinnvoll sein«, so Radbruch.

 

In Deutschland ist sei Juli 2011 mit Sativex® ein Fertigarzneimittel zur Behandlung Multiple-Sklerose-bedingter Spastik auf dem Markt. Das Sublingualspray enthält THC und CBD im Verhältnis 1:1. »Eine Reihe von Patienten profitiert von dieser zusätzlichen Therapie«, sagte Professor Dr. Thomas Henze, der bei der Anhörung die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft vertrat. Allerdings gebe es einige Patienten, bei denen Cannabinoide generell keine Wirkung zeigten. Ob die Therapie Erfolg verspreche, ließe sich in der Regel innerhalb eines zwei- bis vierwöchigen Behandlungsversuchs ermitteln.

 

Nächste Indikation in Sicht

 

Da die schmerzhafte Spastik bei Multipler Sklerose nur ein Einsatzgebiet von vielen weiteren möglichen ist, ist damit zu rechnen, dass Hersteller Almirall in absehbarer Zeit eine Erweiterung der Zulassung beantragen wird. »Studien in anderen Indikationen laufen bereits«, sagte Dr. Heike Niermann vom Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie. Am weitesten fortgeschritten sei die Forschung in der Indikation Tumorschmerzen.




Foto: Fotolia/edK


Als weitere Cannabinoide sind in Deutschland das teilsynthetisch hergestellte THC Dronabinol und sein synthetisches Analogon Nabilon verfügbar. Beide Substanzen sind in der Anlage III zum Betäubungsmittelgesetz (BtMG) gelistet, sind also verkehrs- und verschreibungsfähig.

 

Fertigarzneimittel mit Dronabinol (Marinol®) und Nabilon (Cesamet®) sind hierzulande nicht zugelassen, können aber bei Vorliegen einer Verordnung auf BtM-Rezept beispielsweise aus den USA importiert werden. Dronabinol ist darüber hinaus als Rezeptursubstanz verfügbar. Das Neue Rezeptur-Formularium enthält Zubereitungsanleitungen für Dronabinol-Kapseln (NRF 22.7) sowie ölige Dronabinol-Tropfen (NRF 22.8).

 

Da die antiemetische und appetitsteigernde Wirkung bei Dronabinol und Nabilon offenbar besonders ausgeprägt ist, sind die entsprechenden Fertigarzneimittel in den USA zugelassen zur Behandlung von Übelkeit und Erbrechen infolge einer Krebstherapie sowie zur Behandlung von Appetitlosigkeit mit ungewolltem Gewichtsverlust bei Aids-Patienten. Marinol besitzt darüber hinaus eine Zulassung in der Indikation Wasting-Syndrom. Bei diesem auch als HIV-Kachexiesyndrom bezeichneten Krankheitsbild kommt es im Rahmen einer HIV-Infektion zu Gewichtsverlust von mehr als 10 Prozent des Ausgangsgewichts, verbunden mit chronischem Durchfall, Schwäche und Fieber.

 

In Deutschland können Ärzte Dronabinol oder Nabilon Patienten zurzeit nur im Rahmen eines individuellen Heilversuchs verordnen. Die Krankenkassen müssen in diesem Fall die Behandlung nicht bezahlen und tun das daher offenbar meistens auch nicht: Nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin (ACM) wird die Kostenübernahme »überwiegend verweigert«. Die Therapie kostet bei einer angenommenen Tagesdosis von 10 Milligramm Dronabinol laut ACM 240 Euro pro Monat, bei höheren Dosierungen entsprechend mehr. Im Gesundheitsausschuss kritisierte Dr. Sylvia Mieke vom ACM, dass viele Patienten, die für eine Dronabinol-Behandlung infrage kommen, sich diese nicht leisten können, da sie aufgrund ihrer Krankheit nicht berufstätig sind.

 

Schlagartig erledigt hätte sich die Frage der Kostenübernahme, sobald ein Dronabinol-haltiges Fertigarzneimittel die deutsche Zulassung erhielte. Ein entsprechender Antrag der Firma Bionorica ist zurzeit beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) anhängig. Wie die Pharmazeutische Zeitung von Bionorica erfuhr, wird eine Zulassung in den Indikationen Gewichtsverlust, Übelkeit und Erbrechen bei Aids, Krebserkrankungen und Chemotherapie bei Krebs angestrebt.

 

In begründeten Einzelfällen können Patienten auch Cannabisblüten oder -extrakt als Arznei verwenden, und zwar im Rahmen einer ärztlich betreuten und begleiteten Selbsttherapie. Um die Droge beziehungsweise den Drogenextrakt beziehen zu dürfen, müssen sie jedoch zunächst vom BfArM eine Ausnahmeerlaubnis nach Paragraf 3 Absatz 2 BtMG erhalten. Dem Antrag beigefügt werden muss eine Erklärung des betreuenden Arztes, aus dem unter anderem die Diagnose sowie die benötigte Menge an Cannabis hervorgeht. Bezogen werden dürfen die Substanzen nur über eine deutsche Apotheke. Diese muss vom Patienten benannt werden und braucht für die Abgabe ebenfalls eine Ausnahmegenehmigung des BfArM.

 

All diese Formalien sind erforderlich, weil Cannabis eben nicht nur als Arzneimittel, sondern auch als illegales Rauschmittel eingesetzt wird. Es taucht daher kurioserweise in allen drei Anlagen des Betäubungsmittelgesetzes auf. Das Gesetz unterscheidet Cannabis in seiner Funktion als Rauschdroge (Anlage I, nicht verkehrsfähig), Cannabis zur Herstellung von Zubereitungen zu medizinischen Zwecken (Anlage II, verkehrsfähig, aber nicht verschreibungsfähig) und Cannabis in Zubereitungen, die als Fertigarzneimittel zugelassen sind (Anlage III).

 

Cannabis ohne Rezept

 

Die Ausnahmeerlaubnis, die das BfArM Patienten erteilen kann, bezieht sich auf Cannabis gemäß Anlage II BtMG. Zurzeit besitzen 94 Personen eine solche Genehmigung. »Die Patienten machen sich entweder eine Teezubereitung aus den Blüten oder sie inhalieren den Extrakt über ein Inhalationsgerät. Einige rauchen auch die Blüten«, sagte ein Sprecher des BfArM gegenüber der Pharmazeutischen Zeitung. Da die Substanzen nicht verschreibungsfähig sind, braucht der Patient keine Verordnung dafür. »Er geht einfach in die von ihm benannte Apotheke und kann ohne Rezept beispielsweise eine Monatsdosis erwerben«, so der Sprecher. Die Medizinal-Cannabisblüten mit standardisiertem Wirkstoffgehalt beziehungs­weise den Cannabisextrakt kann die Apotheke aus den Niederlanden importieren. /

 

Lesen Sie dazu auch Gesundheitsausschuss: Grüne wollen Cannabis als Arznei

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Beitrag erschienen in Ausgabe 20/2012

 

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