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Fatigue: Das unterschätzte Syndrom

TITEL

 
Fatigue


Das unterschätzte Syndrom


Von Gudrun Heyn, Berlin / Fatigue ist eines der häufigsten und zugleich das am stärksten belastende Begleitsymptom onkologischer Erkrankungen und ihrer Therapie. Mehr noch als unter Schmerzen leiden die Patienten unter der extremen Erschöpfung. Dennoch bleibt die Fatigue häufig unerkannt und unbehandelt.

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Nach einer Definition von David Cella verstehen Ärzte unter Fatigue eine quälende Form der Erschöpfung bei krebskranken Menschen. Fatigue bedeutet außerordentliche Müdigkeit, mangelnde Energiereserven oder ein massiv erhöhtes Ruhebedürfnis, das absolut unverhältnismäßig zur vorausgegangenen Aktivität ist (1). Leitsymptome sind Müdigkeit und Erschöpfung. Aber auch Leistungsschwäche und Depression sind typisch für das Beschwerdebild. Durch die physische Erschöpfung sind die Betroffenen unfähig, ihren gewohnten täglichen Aktivitäten nachzugehen; durch die mentale Erschöpfung ist es ihnen kaum noch möglich, sich zu konzentrieren und klar zu denken, und emotional fehlen Antrieb und Kreativität. Als weitere Symptome können Kopfschmerzen und Benommenheit auftreten. Vor allem ältere Betroffene plagen zudem Atemnot, zerebrale Durchblutungsstörungen und psychosoziale Probleme (2).




Massive Müdigkeit, Erschöpfung und mangelnde Energiereserven können Anzeichen einer tumorbedingten Fatigue sein.

Foto: Fotolia/Dan Race


Im Gegensatz zur Erschöpfung nach einer körperlichen, geistigen oder seelischen Anstrengung bei Gesunden kann selbst eine Erholungsphase oder ausreichender Schlaf die Symptome nicht bessern (2, 3). Schon bei geringen und sonst leicht zu bewältigenden Aufgaben fühlen sich die Patienten überfordert. Daher schränken sie ihre Aktivitäten im Beruf und im Privatleben immer stärker ein. Das Fatigue-Syndrom hat einen großen Einfluss auf die Lebensqualität der Betroffenen und zugleich eine deutliche soziale und wirtschaftliche Komponente.

 

Von chronischer Erschöpfung abgrenzen

 

Auch Patienten mit anderen Erkrankungen kennen das Gefühl, unendlich müde zu sein. Mediziner sprechen dann meist von einem chronischen Erschöpfungssyndrom (engl. Chronic Fatigue Syndrome, CFS). Dabei handelt es sich um ein eigenständiges Krankheitsbild, das von der Tumor-assoziierten Fatigue unterschieden werden muss (4). Über die Definition des CFS und seine Ursachen herrschen in Fachkreisen große Meinungsverschiedenheiten. Häufig wird das CFS daher nicht als ernsthafte Erkrankung wahrgenommen (5).

 

Im Gegensatz dazu haben Fachgesellschaften wie die Deutsche Krebsgesellschaft (DKG) und die Deutsche Gesellschaft für onkologische Pharmazie (DGOP) die Krebs-assoziierte Fatigue inzwischen als ernst zu nehmendes Syndrom anerkannt und es als festen Bestandteil in ihre Fortbildungen integriert. Für die Betroffenen bedeutet dies, dass sie ihren Beschwerden einen Namen geben können. Entscheidend beigetragen zu dieser Entwicklung hat die Erkenntnis, dass eine Fatigue die Lebensqualität von Tumorpatienten erheblich beeinträchtigt (2).

 

Für Kritik sorgt jedoch die Zuordnung des Fatigue-Syndroms in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten ICD-10. Dort wird es bei den psychiatrischen Diagnosen (ICD-10: G93.3) aufgeführt.

 

Fatigue ist keine Depression. Allerdings kann die Abgrenzung bei chronischer tumorbedingter Erschöpfung teilweise schwierig sein, da immer auch psychische Faktoren eine Rolle spielen. Ein wichtiges Abgrenzungskriterium: Die Patienten leiden an Krebs.

 

Wenig beachtet, selten behandelt

 

Für viele Krebspatienten ist die Fatigue ihr größtes Problem. Mehr als unter allen anderen Begleiterscheinungen einer Krebserkrankung und Therapie leiden sie unter der chronischen Erschöpfung, die mit einer körperlichen Leistungsschwäche, Lust- und Antriebslosigkeit einhergeht (Kasten).


Häufiger und belastender als Schmerz

Wie stark eine Fatigue die Menschen belastet, verdeutlicht eine Befragung von 576 Krebspatienten in Großbritannien. Sie zeigt, dass mit 58 Prozent (332 von 576) deutlich mehr Patienten von Fatigue betroffen waren als etwa von Angst (202), Haarausfall (143), Schmerz (128), Erbrechen (104) oder Diarrhö (81). Doch Fatigue war nicht nur häufiger, sie war auch belastender als andere Symptome. So erklärte mehr als die Hälfte der Befragten, dass die chronische Erschöpfung ihr tägliches Leben am meisten beeinflusst (Grafik) (10). Dagegen berichtete nur jeder Zehnte, dass Schmerz sein größtes Problem sei. 5 Prozent litten am meisten unter Übelkeit und Erbrechen.

 

Weitere Patientenumfragen ergaben, dass rund 71 Prozent der Betroffenen sich selbst bei alltäglichen Verrichtungen wie Hausarbeit oder Einkaufen stark beeinträchtigt fühlen. Vier von zehn können sich nur noch sehr schwer um ihre Familie kümmern, und nahezu jeder Dritte beklagt Probleme mit der Sexualität (2). Zugleich hat Fatigue auch ökonomische Konsequenzen. So sind 71 Prozent der Patienten jeden Monat mindestens einen Tag in der Woche arbeitsunfähig und 28 Prozent müssen ihre Arbeit ganz aufgeben.

 

 

Grafik 1: Belastung der Patienten durch Tumor-assoziierte Symptome, Befragung von 576 Tumorpatienten (nach 2, 10)


Trotz ihrer Bedeutung für die Betroffenen wird die Krebs-assoziierte Fatigue kaum beachtet und nur selten behandelt. Patienten und Ärzte betrachten sie eher als ein Phänomen, das es zu ertragen gilt, denn als Symptom, das diagnostiziert und behandelt werden kann (11). Diese Problembeschreibung des Direktors des National Cancer Institutes der USA aus dem Jahr 2001 gilt zum großen Teil noch heute. Dies kritisierten gleich mehrere Referenten auf dem Deutschen Krebskongress 2012 in Berlin (17): »Obwohl die Deutsche Fatigue-Gesellschaft seit mehr als zehn Jahren aktiv ist, erhalten viele Patienten von ihrem Onkologen immer noch keine wirkliche Beratung und werden sehr oft mit ihrem Problemen alleingelassen.«

 

So gehört eine Befragung von Vogelzang bei Tumorpatienten und Onkologen aus dem Jahr 1997 immer noch zu den meist zitierten Studien zur Fatigue (12). Sie zeigt extreme Unterschiede zwischen den Einschätzungen der behandelnden Ärzte und der Patienten sowie eine daraus resultierende deutliche Diskrepanz zwischen Behandlungswunsch und -realität. Während die Mehrheit der Onkologen glaubt, der Tumorschmerz sei für ihre Patienten das am stärksten beeinträchtigende Symptom im Alltag, nennen die meisten Patienten die Fatigue (Grafik 2). Dabei hatten die Onkologen durchaus die Erschöpfungssymptome bei ihren Patienten wahrgenommen.




Grafik 2: Onkologen schätzen die Fatigue als weitaus weniger belastend ein als die Patienten selbst; Befragung von 419 Tumorpatienten und 197 Onkologen (nach 2, 12)


Noch deutlicher zeigte sich die Unterbewertung der Fatigue, wenn es um die Behandlungsnotwendigkeit ging (12). So hielten 94 Prozent der Ärzte eine Schmerztherapie für erforderlich, aber nur 5 Prozent eine Therapie der Fatigue. Dagegen wünschten sich rund 41 Prozent der betroffenen Patienten eine Behandlung ihrer bleiernen Müdigkeit, doch nur 34 Prozent eine Schmerztherapie.

 

Fast alle Krebspatienten sind betroffen

 

Zeitweise leiden nahezu alle Krebspa­tienten unter einer Fatigue (1, 4). Eine hohe Inzidenz findet man bei Menschen mit Leukämie, Magen- und Darmtumoren sowie Mammakarzinom. Während und nach einer Behandlung steigt die Zahl der Betroffenen. Über Wochen und Monate kann der Zustand der körperlichen und seelischen Erschöpfung anhalten. »Für etwa ein Viertel der Patienten ist die tumorbedingte Fatigue sogar ein Langzeitproblem«, sagte Professor Dr. Joachim Weis von der Klinik für Tumorbiologie, Freiburg, beim Deutschen Krebskongress (17).

 

Eine Studie des Universitätsklinikums Leipzig mit rund 1500 Patienten und 27 unterschiedlichen Krebserkrankungen zeigt, dass ein Drittel der Patienten bereits bei der stationären Aufnahme in einer Klinik unter den typischen Beschwerden einer Fatigue leidet. Während des Aufenthalts verstärkt sich die Prävalenz deutlich. So sind am Tag der Entlassung im Durchschnitt vier von zehn Krebspatienten betroffen (9). Vor allem junge Menschen sind beeinträchtigt. Mehr als die Hälfte der Unter-40-Jährigen zeigen am Tag der Klinikaufnahme die typischen Anzeichen von chronischer Müdigkeit und Erschöpfung. Bei den Über-60-Jährigen ist nur jeder fünfte Patient betroffen. Die Ursache ist noch unklar. Möglich ist etwa, dass jüngere Menschen den Unterschied zwischen ihren bisherigen Energiereserven und der durch die Krankheit verminderten Kraft deutlich stärker wahrnehmen als Ältere.

 

Vielfältige Triggerfaktoren

 

Als Ursachen der tumorbedingten Erschöpfung gelten sowohl psychische Faktoren als auch krankheits- und therapiebedingte körperliche Veränderungen (Grafik 3). »Trotz zahlreicher Untersuchungen haben wir bislang noch kein überzeugendes pathophysiologisches Modell zur Erklärung der Fatigue«, sagte Weis. Unstrittig sei jedoch, dass es sich um ein multifaktorielles Geschehen handelt.




Grafik 3: Mögliche Ursachen der Krebs-assoziierten Fatigue, modifiziert nach (1)


Zu den bedeutenden Triggerfaktoren gehören vor allem die Chemotherapie und die Bestrahlung. So können die Nebenwirkungen jeder Zytostatikatherapie eine allgemeine Schwäche fördern. Dies erleiden 50 bis 90 Prozent der Patienten (6). Wichtige Einflussfaktoren sind Intensität und Dauer der Behandlung. Bei einer Strahlentherapie sind es die Strahlendosis, die Größe der bestrahlten Region und der Ort der Behandlung, die die Ausprägung einer Fatigue mit beeinflussen (7, 6).

 

Nicht vergessen sollte man, dass auch eine Supportivtherapie mit Anti­emetika eine starke Müdigkeit hervorrufen kann. Ebenso lösen Opioide in der Schmerztherapie vor allem zu Beginn der Behandlung Müdigkeit aus. Andere Triggerfaktoren für Fatigue können Schlafstörungen aufgrund nicht behandelter Schmerzen sein, Nährstoffmangel infolge von Appetitverlust, Übelkeit oder Tumorkachexie sowie die psychische Belastung aufgrund der Erkrankung, einer ungewissen Zukunft oder fehlender sozialer Unterstützung.

 

Außerdem gilt die Anämie als eine der bedeutendsten Ursachen von Fatigue. Mithilfe einer Blutprobe ist sie labortechnisch leicht nachweisbar. Gleichzeitig ist sie die häufigste hämatologische Komplikation bei onkologischen Patienten (6). Bei einer Anämie ist die Zahl der Erythrozyten im Blut deutlich reduziert. Da die roten Blutkörperchen den Sauerstoff transportieren, sinkt das Sauerstoffangebot in den Geweben, was zu einem merklichen Abbau der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit führt.

 

Meist sind mehrere Faktoren an der Entstehung einer Anämie beteiligt. So beeinträchtigt eine Schädigung des Knochenmarks infolge der Erkrankung, der Chemo- und/oder Strahlentherapie auch die Hämatopoese (Blutbildung). Zudem können Eisenverluste durch chronische Blutungen und Tumor-bedingte Umverteilungen des Eisens eine Rolle spielen.

 

Hinweise für die Beratung

 

Für die Beratung in der Apotheke ist vor allem eine Erkenntnis wichtig: Es gibt Patienten, bei denen die Ursache der Fatigue ermittelt und kausal behandelt werden kann. Außerdem sollten Apotheker ihre Patienten darüber informieren, dass die Symptome einer Fatigue in der Regel erst drei bis vier Tage nach Ende der Chemotherapie beginnen (1, 8). Dies ist essenziell, denn aus der zeitlichen Diskrepanz ergeben sich oft hartnäckige Vorurteile (2): Wenn die quälende Erschöpfung so spät auftritt, könne sie nichts mit der Tumortherapie zu tun haben, glauben viele.

 

Unkenntnis und Scham lassen die Patienten schweigen und sind nicht selten der Beginn einer Spirale aus Isolation und Depression. Auch bei Ärzten, Pflegekräften und Psychotherapeuten besteht immer noch dringender Aufklärungsbedarf.




Auch wenn es schwerfällt: Bewegung und körperliche Aktivität tragen dazu bei, die bleierne Erschöpfung zu mildern.

Foto: TKK


Das Fatigue-Syndrom erfordert aufgrund seiner physischen, psychischen und sozialen Dimension einen multidisziplinären Therapieansatz (8). Dennoch gilt es, als Erstes die behandelbaren Ursachen der quälenden Müdigkeit zu ermitteln. Bleibt dies unklar, kann eine symptomatische Therapie versucht werden. »Aufgrund der schlechten Datenlage und der nicht geklärten Pathogenese des Fatigue-Syndroms steht die nichtmedikamentöse Therapie der Fatigue im Vordergrund«, betonte Dr. Jens Rüffer von der Deutschen Fatigue Gesellschaft (17).

 

Therapie mit vielen Ansätzen

 

Vor allem die körperliche Aktivität der Patienten gilt heute als einer der wichtigsten Therapiepfeiler. Zahlreiche Studien belegen die Wirksamkeit eines moderaten Ausdauertrainings. Das Idealbild eines medizinischen Ausdauertrainings sieht tägliche Übungen zur Ausdauer und zweimal wöchentliches Krafttraining vor. Ganze 30 bis 45 Minuten sollte eine Übungseinheit jeweils dauern (18). Doch dies schaffen die meisten Tumorpatienten kaum. Die Deutsche Krebsgesellschaft empfiehlt daher ein dosiertes, an das Krankheitsstadium angepasstes Ausdauertraining. Im Weiteren spielt bei der Wahl des Trainings auch die sportliche Leistungsfähigkeit des Patienten eine Rolle.

 

Untrainierte Menschen sollten immer mit leichter Aktivität beginnen. Dies können auch tägliche kurze Spaziergänge von 10 Minuten sein. Für leistungsstarke Patienten kann ein zweimal wöchentliches Krafttraining von 60 Minuten durchaus sinnvoll sein.

 

In zahlreichen Kliniken gibt es inzwischen die Möglichkeit, selbst während der Chemotherapie an einem Anti-Fatigue-Trainingsprogramm teilzunehmen. Besonders empfehlenswert ist danach die Teilnahme an einer zertifizierten Krebssportgruppe. Dort können die Patienten unter Anleitung und gemeinsam mit anderen Betroffenen ihr Ausdauertraining in Form von Wandern, Walking, Joggen, Schwimmen oder Radfahren absolvieren. Wenig Evidenz gibt es für Entspannungstechniken und Massage, insuffiziente Daten für den Einsatz von Yoga und Akupunktur.

 

Während die Lebensqualität ohne tägliche kleine Bewegungseinheiten deutlich sinkt, bleibt die Lebensqualität der meisten Patienten mit Training weitgehend erhalten. Sehr hilfreich kann zudem die Teilnahme an einer Verhaltenstherapie oder Psycho-Edukation sein. Therapieziel ist es, die Erkrankung besser zu verstehen und besser mit ihr umzugehen.

 

Es gibt verschiedene Ursachen und Komorbiditäten, die eine Fatigue fördern können, beispielsweise Depression, metabolische Störungen, Schmerzen, Infektionen und die Anämie. »Diese gilt es zu erkennen und zu behandeln«, sagte Rüffer. So kann es etwa bei einem Patienten mit Diabetes mellitus und Fatigue durchaus hilfreich sein, die antidiabetische Medikation zu überprüfen und den Stoffwechsel neu einzustellen.

 

Anämiekorrektur als kausale Therapie

 

Bislang ist die Studienlage zur kausalen Therapie einer tumorbedingten Fatigue sehr dürftig. Eine Ausnahme ist die Anämie. Mehrere Studien mit Erythropoese-stimulierenden Arzneistoffen (ESA) belegen, dass sich die Symptomatik deutlich verbessert, wenn die Blutarmut zurückgeht (3, 13).

 

In der Onkologie gibt es zwei Optionen zur Behandlung einer Anämie: die Erythrozyten-Transfusion und die Gabe von ESA in Form von rekombinantem Erythropoetin. Dazu gehören die Wirkstoffe Epoetin alfa, beta, theta und zeta sowie Darbepoetin alfa. Zum Teil sind sie bereits als Biosimilars auf dem Markt.

 

Während Erythropoetin die Neubil­- dung von Erythrozyten im Körper anregt, kann man mir der Erythrozyten-Trans­fusion einen niedrigen Hä­mo­glo­bin(Hb)-­Wert direkt korrigieren. Vor allem bei akut sehr niedrigen Hb-Werten oder zwischen zwei Chemotherapiekursen kann die wegen ihrer möglichen Risiken gefürchtete Transfusion sinnvoll sein. Ihr Vorteil ist die rasche Anhebung des Hb-Werts. Dagegen kann es bei einer ESA-Therapie drei bis vier Wochen dauern, bis sich ein Effekt zeigt. Dann aber kann eine kontinuierliche Erythropoetin-Gabe die Situation über viele Wochen und Monate stabil halten.

 

Da in einigen Studien thromboembolische Komplikationen sowie ein verkürztes krankheitsfreies Überleben unter ESA beobachtet wurden, dürfen Erythropoetine derzeit nur unter bestimmten Bedingungen verordnet werden (14). Dabei wird berücksichtigt, dass in diesen Studien auch Tumorpatienten eingeschlossen waren, die weder eine Chemotherapie noch eine Bestrahlung erhalten hatten, und zudem Hb-Zielwerte über 12 g/dl angestrebt wurden.

 

Der fachliche Konsens zur Verordnung von ESA lautet derzeit: Ohne Chemo- und/oder Radiotherapie besteht keine Indikation für die Gabe von Ery­thropoetin in der Onkologie. Empfohlen wird ein Behandlungsbeginn erst bei einem Hb-Wert unter 10 g/dl. Therapieziel ist ein Anstieg des Werts, jedoch nicht über 12 g/dl. Um ein optimales Ansprechen zu erzielen, ist bei einem funktionellen Eisenmangel zugleich eine Eisensubstitution indiziert. Die Therapie ist zu beenden, wenn nach sechs bis acht Wochen kein Ansprechen zu beobachten ist.

 

Andererseits weist inzwischen eine Metaanalyse mit mehr als 15 000 Patienten darauf hin, dass der Vorwurf, eine Therapie mit ESA würde das Tumorwachstum anregen und die Mortalität von Krebspatienten steigern, möglicherweise nicht gerechtfertigt ist (13).

 

Symptomatische Therapie

 

Zur symptomatischen Behandlung einer tumorassoziierten Fatigue gibt es keine Standardtherapie und keine zugelassenen Arzneimittel. Zum Repertoire der viel diskutierten Therapieansätze gehören Psychostimulanzien wie Methylphenidat, der Mikronährstoff ­L-Carnitin sowie Roter Ginseng. »Aufgrund der Studienlage empfiehlt die Deutsche Fatigue Gesellschaft derzeit lediglich den Einsatz von Methylphenidat und Rotem Ginseng«, sagte deren Vorsitzender, Dr. Jens Rüffer.

 

In Fachkreisen gilt Methylphenidat als Hoffnungsträger. Die Substanz aus der Gruppe der Weckamine fördert die Konzentration und steigert die Entscheidungs- und Leistungsbereitschaft. Zudem kann Methylphenidat körperliche Abgeschlagenheit und Müdigkeit unterdrücken. Mehrere kleine Phase-II-Studien konnten positive Effekte bei Patienten mit Fatigue nachweisen. In einer auf dem Deutschen Krebskongress 2012 veröffentlichten und von der Deutschen Fatigue Gesellschaft unterstützten Studie ergab sich jedoch kein signifikanter Unterschied zu Placebo. Trotzdem befürwortet die Fachgesellschaft weiterhin den Einsatz von Methylphenidat. Rüffer: »Unsere und andere Studien weisen darauf hin, dass einzelne Gruppen profitieren können.« Hierzu gehöre vor allem die Untergruppe der Patienten, die seit mehr als drei Jahren unter Fatigue leiden.

 

Schwere Nebenwirkungen wurden nicht beobachtet. Auch die Gefahr einer Abhängigkeit schätzt die Fachgesellschaft als sehr gering ein. Vor allem aber zeige sich bereits nach sehr kurzer Zeit, ob ein Patient auf die Therapie anspricht. Ihre Empfehlung lautet daher: Man beginne die Therapie mit einer 20 mg Methylphenidat-Retardtablette am Tag. Wenn ein Patient nach drei Tagen Therapie keinen Effekt verspürt, verdopple man die Dosis. Nach spätestens einer Woche ist klar, ob das Arzneimittel wirkt.

 

Beim Einsatz ist zu beachten, dass eine Maximaldosis von 60 mg Methylphenidat am Tag nicht überschritten werden sollte. Für den Verordner ist wichtig, dass das Psychostimulans der Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung (BtmVV) unterliegt und es für die Therapie der tumorassoziierten Fatigue nicht zugelassen ist.

 

»Für alle Beteiligten ist das schnelle Ansprechen sehr vorteilhaft«, sagte Rüffer. Dagegen müsse man bei einer Behandlung mit Rotem Ginseng drei bis fünf Monate warten, bevor sich die ersten Effekte zeigen. In Untersuchungen zeigte Panax ginseng eine Verbesserung der tumorassoziierten Fatigue bei sehr guter Verträglichkeit. Auch für Panax quinquefolius (Amerikanischer Ginseng) weisen Studien auf positive Effekte bei Patienten mit unterschiedlichen Tumorerkrankungen und Fatigue-Symptomatik hin. So zeigt etwa eine Studie mit 282 Patienten, dass 1000 mg und 2000 mg Ginsengwurzelextrakt pro Tag Müdigkeit und Erschöpfung deutlich bessern konnten (15). Für Patienten, die eine naturheilkundliche Therapie bevorzugen, kann Roter Ginseng daher eine Alternative bieten. /


Fatigue-Beratung auf einen Blick

Bereits ein aufklärendes Gespräch in der Apotheke kann für Patienten mit Fatigue eine wertvolle Hilfe sein. Es kann Schuldgefühle nehmen, Vorurteile entkräften und zahlreiche Ängste reduzieren. Apotheker sollten ihre Patienten über folgende Tatsachen aufklären:

 

Bis zu 96 Prozent aller Krebspatienten leiden zumindest zeitweise unter den Symptomen einer Fatigue. Vor allem nach einer abgeschlossenen Behandlung ist das Gefühl, nicht voll fit zu sein, eher die Regel als die Ausnahme und somit kein Grund für Schuldgefühle.
Es dauert mehrere Tage, bis sich nach einer Chemotherapie die ersten Symptome der Fatigue zeigen.
Patienten können sich heute auf Fachgesellschaften wie die DKG und die DGOP berufen, wenn die bleierne Müdigkeit als vernachlässigbares Syndrom abgetan wird.
Es gibt Möglichkeiten zur Behandlung einer Fatigue.

 

Außerdem sollte das Fachpersonal der Apotheke zu einem Arztbesuch raten, wenn es Hinweise auf eine kausal behandelbare Ursache einer Fatigue, zum Beispiel eine Depression, metabolische Störung oder An­ämie, gibt. Gleiches gilt bei Anzeichen, dass eine Änderung der sonstigen Medikation hilfreich sein könnte. Das Apothekenpersonal kann den Patienten auch über die Möglichkeit einer symptomatischen Therapie mit Methylphenidat informieren. Alternativ besteht die Option eines Therapieversuchs mit Rotem Ginseng. Allen Patienten sollte man empfehlen, körperlich aktiv zu bleiben und seelische Unterstützung bei einem Psychoonkologen oder in Selbsthilfegruppen zu suchen.


Literatur und Vorträge

  1. Krekel, H., Vortrag im Rahmen der DGOP-Fortbildungskampagne »Kompetente Antworten auf scheinbar einfache Fragen – Apotheken beraten onkologische Patienten«. Frankfurt am Main, 1. Sept. 2011.
  2. Dietzfelbinger, H., Fatigue. Onkol. Pharm. Nr. 2 (2010) 18-21.
  3. Heim, M., Fever, P., Das tumorassoziierte Fatigue-Syndrom. J. Onkol. 1 (2011).
  4. Das Fatigue Syndrom. www.onkologie.de:
  5. Jason, L. A., et al., Chronic fatigue syndrome versus neuroendocrine immune dysfunction syndrome: differential attributions, J. Health Soc. Policy 18 (2003) 43-55.
  6. Bäumer, R., et al., Vademecum 2010 – Vademecum für die Onkologie. W. Zuckschwerdt Verlag München 2009.
  7. Szentrandrasi, Th., Behandlungsmöglichkeiten bei Fatigue, www.krebsgesellschaft-nrw.de/e_veranstaltungen/archiv/a_aktiv/szentandrasi.pdf (22. 04. 2010).
  8. Höckel, M., et al., Der Krebs-Patient in der Apotheke. Dt. Apotheker Verlag Stuttgart 2003.
  9. Singer, S., et al., Age- and sex-standardised prevalence rates of fatigue in a large hospital-based sample of cancer patients. Br. J. Cancer 105 (2011) 445-451.
  10. Stone, P., et al., Cancer-related fatigue: Inevitable, unimportant and untreatable? Results of a multi-centre patient survey. Ann. Oncol. 11 (2000) 971-975.
  11. Curt, G., Fatigue in Cancer. BMJ 322 (2001) 1560.
  12. Vogelzang, N. J., et al., Patient, caregiver, and oncologist perceptions of cancer-related fatigue: results of a tripart assessment survey. The Fatigue Coalition. Semin. Hematol. 34, Suppl. 2 (1997) 4 -12.
  13. Glaspy, J., et al., Erythropoiesis-stimulating agents in oncology: a study-level meta-analysis of survival and other safety outcomes. BJC 102 (2010) 301-315.
  14. Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses über eine Änderung der Arzneimittel-Richtlinie (AM-RL) in Anlage IV: Therapiehinweis zu Erythropoese-stimulierenden Wirkstoffen (zur Behandlung der symptomatischen Anämie bei Tumorpatienten, die eine Chemotherapie erhalten). Dtsch. Ärztebl. 107 (48) (2010) A-2406 / B-2086 / C-2046.
  15. Horneber, M., et al., Leitlinie der DGHO komplementäre Therapie. www.dgho-onkopedia.de/onkopedia/leitlinien/komplementaere-therapie, Sept. 2010.
  16. Berger, A. M., et al., Recognition and Treatment of the Symptom of Cancer-related Fatigue. ASCO 2010 Educational Book (2010) 350-355.
  17. Vorträge beim Deutschen Krebskongress. 22. bis 25. Febr. 2012, Berlin.
  18. Hornberger, M., et al., Tumor-assoziierte Fatigue. Dt. Ärztebl. Heft 9 (2012) 161-169.

Die Autorin

Gudrun Heyn arbeitete nach der Promotion in verschiedenen Forschungseinrichtungen, darunter am Kernforschungszentrum Karlsruhe und beim Niedersächsischen Landesamt für Bodenforschung. Sie erfüllte Lehraufträge an der Martin-Luther-Universität, Halle-Wittenberg, und der Freien Universität, Berlin. In Fachpublikationen veröffentlichte sie Ergebnisse eigener Forschungen. Seit ihrer Ausbildung als Journalistin ist Dr. Heyn als freie Wissenschaftsjournalistin in Berlin tätig und behandelt vor allem Themen aus Medizin und Pharmazie.

 

Dr. Gudrun Heyn, Ferbitzer Weg 33 B, 13591 Berlin; E-Mail: gheyn@gmx.de


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Beitrag erschienen in Ausgabe 17/2012

 

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