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Sondennahrung: Menü durch den Schlauch

TITEL

 
Sondennahrung


Menü durch den Schlauch


Von Vera Voigt / Entscheidend für den Erfolg enteraler Ernährung über die Sonde ist nicht nur die richtige Wahl der passenden Kost­art, sondern auch die professionelle Applikation über den Ernährungsschlauch.

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Bei manchen Krankheitsbildern, zu denen unter anderem der Zustand nach Schlaganfall oder Tumoren auch und gerade im HNO-Bereich oder aber Morbus Parkinson zählen, ist der Patient oftmals nicht mehr oder kaum noch in der Lage, seine Mahlzeiten zu schlucken.

 

Um einer Mangelernährung entgegenzuwirken, kann die dritte Stufe der Ernährungspyramide im Krankheitsfall (Abbildung 1), die enterale Ernährung über Sonde, notwendig werden.




Abbildung 1: Um einer Mangelernährung entgegenzuwirken, kann die dritte Stufe der Ernährungspyramide im Krankheitsfall, die enterale Ernährung über Sonde, notwendig werden.


Über ein Schlauchsystem wird Flüssignahrung direkt in den Magen oder Darm geleitet. Wie bei der Anwendung von Trinknahrung als Stufe 2 der Ernährungspyramide (siehe auch Trinknahrungen: Aus dem All ans Krankenbett, PZ 03/2011) ist die noch funktionierende Verdauungs- und Resorptionsleistung dafür unbedingte Voraussetzung.

 

Ausschluss von Defiziten

 

Die Wahl der Sonde(nlage) hängt von der Erkrankungsart und -dauer ab. Gerade die enterale Ernährung von Kindern und Jugendlichen stellt besondere Anforderungen an Ärzte, (Klinik)Apotheker und Pflegepersonal. Ernährungsdefizite müssen ausgeschlossen werden, um eine altersgerechte Entwicklung zu ermöglichen (Abbildung 2).




Abbildung 2: Auch und gerade die enterale Ernährung von Kindern und Jugendlichen über eine Sonde stellt besondere Anforderungen an Ärzte, (Klinik)Apotheker und Pflegepersonal.

Foto: Nutricia


Bei enteraler Ernährung bleibt der physiologische Weg der Nährstoffzufuhr über den Gastrointesti­naltrakt erhalten. Die Darmschleimhaut wird wei­terhin durchblutet und leistet Verdauungsarbeit.

 

Denn kommen Darmzotten nicht mit Nahrung(sbrei) in Kontakt atrophieren sie und verlieren unter anderem ihre wichtige Barriere-Funktion. Nun können pathogene Keime den Darm leichter besiedeln, ins Blut wandern und schwere Infektionen auslösen.

 

Daher sollte die enterale Ernährung zusätzlich zum Einsatz kommen, wenn Stufe 4 der klinischen Ernährung (Abbildung 1), die parenterale Gabe von Nährstoffen über einen venösen Zugang, erforderlich ist.

 

Schon kleine Mengen Flüssignahrung reichen aus, um die Funktion der Darmzotten zu erhalten. Mit anderen Worten: Die vier Stufen der klinischen Ernährung schließen sich gegenseitig nicht aus. Sie können einander sogar sinnvoll ergänzen, allemal wenn die Rückkehr zur »normalen Ernährung« möglich und geplant ist. Je länger der Darm ohne Nahrung ist, desto schwieriger ist der erneute Kostaufbau.

 

Um Flüssignahrungen und Getränke über den Ernährungsschlauch zu applizieren, sind spezielle Hilfsmittel sowie Kenntnisse im Umgang mit diesen Medizinprodukten erforderlich.

 

Zumeist werden Applikationshilfen von den Firmen angeboten, die Nahrungssupplemente herstellen. Dazu gehören Abbott, ADL, B. Braun, Fresenius Kabi, Human Nutrition, Nestle Nutrition und Nutricia. Die meisten Präparate liegen in flüssiger Form vor. Sie befinden sich in Beuteln, Tetra Paks oder Flaschen aus Kunststoff oder Glas und werden über entsprechende Systeme an die Sonde angeschlossen. Nur einige Produkte werden als Pulver angeboten, die vor der Anwendung mit Wasser zubereitet werden müssen.

 

»Hardware« der Nahrungszufuhr

 

Als »Überleitsystem« wird ein zweiter Schlauch genutzt. Dieser verbindet die Verpackung mit der Sonde und transportiert den Inhalt per Schwerkraft oder mit einer Pumpe in den Magen-Darmtrakt des Patienten.

 

Ernährungspumpen sind elektronisch gesteuerte Dosierungspumpen. Heutzutage gibt es kleine und handliche Exemplare, die die Sondenernährung nicht nur bettlägeriger, sondern auch mobiler Patienten ermöglichen (Abbildung 3). Diese Art der kontinuierlich gesteuerten Applikation ist somit nicht nur in der Klinik, sondern auch im ambulanten Bereich einsetzbar.




Abbildung 3: Kleine und handliche Ernährungspum­pen erlauben die Sonden-Ernährung nicht nur bettlägeriger, sondern auch mobiler Patienten.

Foto: Nutricia


Es existieren somit zwei Formen der Überleitung, eine für die Schwerkraft-, die andere für die Pumpenapplikation. Sie tragen entweder die Zusatzbezeichnung »Schwerkraft«- beziehungsweise »Gravity«- oder aber »Pumpen«-Set. Kompatibel sind Pumpe und Überleitgerät in der Regel nur, wenn sie vom selben Anbieter stammen. Weiterhin wichtig für die Wahl des passenden Schlauchsystems ist die Verpackung der Sondenkost. Nicht jedes Set passt auf jeden Nahrungsbehälter. Bei Flaschen muss das System mit Weithalsöffnungen oder Kronkorkenverschlüssen »kompatibel« sein. Die vorgefüllten Nahrungsbeutel haben einen Schraubverschluss. Die Versiegelung wird mit einem Dorn angestochen und der daran befindliche Konnektor aufgeschraubt.

 

Jeder Hersteller bietet sowohl für die Schwerkraft-, als auch für die Pumpenapplikation universell einsetzbare Überleitsysteme an, die für alle Beutel und jede Flasche den passenden Ansatz besitzen.

 

Alle Überleitsysteme sind Einmalartikel und nach jeder Nutzung beziehungsweise maximal nach 24 Stunden zu wechseln. Aus hygienischen Gründen sind insbesondere im Krankenhaus geschlossene Systeme für die Applikation der Flüssignahrungen zu bevorzugen. Das heißt, der Nahrungsbehälter wird nur bei der Konnektion mit dem Überleitsystem geöffnet.

 

Wenn Glasflaschen diesen Anspruch auch nicht erfüllen, so haben sie wiederum den Vorteil der leichteren Entnahme, wenn der Inhalt ebenfalls zum Trinken geeignet ist. Neben den vorgefüllten Behältern werden auch leere Beutel und Container angeboten. Teilweise sind diese Leersysteme schon mit einem Überleitsystem kombiniert. Erforderlich sind diese Hilfsmittel für die Applikation von Getränken und zubereiteten Nahrungen aus Pulvern.

 

Wird nur Wasser eingefüllt, können Leersysteme länger als einen Tag verwendet werden. Hier sind die Herstellerangaben zu beachten. Manche gewähren eine Verwendungszeit von 96 Stunden, andere empfehlen zwischendurch die Reinigung in der Spülmaschine bei mindestens 55 Grad Celsius.

 

Lebensgefahr durch Verwechslung

 

Beim Anschluss der Überleitung an die Sonden sowie den Zuspritzmöglichkeiten am Verbindungsschlauch finden die nach dem Pariser Instrumentenmacher Hermann Wülfing Luer benannten Luer- oder Luer-Lock- Systeme Anwendung. Diese werden aufeinander gesteckt (Luer) oder geschraubt (Luer-Lock) analog der Verbindung von Infusionsschläuchen, Spritzen, Kathetern, Kanülen et cetera.

 

Spritzen, die eigentlich für die intravenöse Gabe gedacht sind, werden auch für die Applikation von Medikamenten über Sonde genutzt. Bekommt der Patient sowohl eine Infusionstherapie als auch eine enterale Ernährung, besteht die Gefahr, dass Nahrung oder Medikamente fälschlicherweise intravenös statt enteral appliziert werden.

 

Da diese Verwechslung lebensbedrohliche Folgen haben kann, hat die DIN EN 1615 schon 2001 gefordert, dass es nicht möglich sein darf, enterale Überleitungsgeräte mit parenteralen, intravasalen Kathetern oder einem anderen Katheter mit Luer-Ansätzen zu verbinden. Bei der enteralen Ernährung von Kindern wird dieses bereits berücksichtigt.

 

Zur Erhöhung der generellen Patientensicherheit haben Nutricia Advanced Medical Nutrition, Nestlé Health Science und Fresenius Kabi in Zusammenarbeit ein neues lilafarbenes System zur enteralen Konnektion entwickelt.

 

Es soll Patienten vor den möglichen, zum Teil schwer wiegenden und auch tödlichen Folgen unbeabsichtigter Fehlanschlüsse zwischen Systemen für die enterale Ernährung und anderen, insbesondere IV-Systemen bewahren.

 

Das ENLock -Verbindungssystem (Abbildung 4) stellt sicher, dass nur enterale Nahrung über enterale Applikationssysteme verabreicht werden kann und ist inkompatibel mit Luer-Konnektoren von IV-Systemen. Es wird ab September 2012 in die europäischen Märkte eingeführt.

 

Schwerkraft oder Pumpe

 

Die Applikation der Nahrung oder Flüssigkeit kann als schnelle Einmalgabe, also Bolus, oder kontinuierlich mit und ohne Pausen erfolgen. Eine manuelle Verabreichung mithilfe einer Spritze ist möglich, allerdings schwer zu steuern. Die Nutzung der oben genannten Schwerkraft- oder Pumpsysteme ermöglicht eine bessere Regulierung der Zulaufgeschwindigkeit.




Abbildung 4: Das ENLock-Verbindungssystem stellt sicher, dass über enterale Applikationssysteme nur enterale Ernährung verabreicht wird.

Fotos: Nutricia, Nestle, Fresenius


Bei der Schwerkraftapplikation dient, wie bei der normalen Infusion, die Rollenklemme am Überleitgerät der Geschwindigkeitseinstellung. Auch mit Hilfe von Tropfenzählern oder Dosimaten ist eine unterstützende Regulierung möglich.

 

Ob Schwerkraft oder Pumpe: Die Art der Applikation obliegt der individuellen Entscheidung des Therapeuten. Ein wichtiges Entscheidungskriterium ist die Lage der Sonde. Mündet diese in den Darm, ist die langsame und kontinuierliche Gabe mit Hilfe einer Ernährungspumpe notwendig, weil der Darm, im Gegensatz zum Magen, kein Speicherorgan ist und somit nur kleine Mengen Nahrung aufnehmen kann.

 

Kann es anderenfalls zu Komplikationen wie Durchfall kommen, stellen der Patient und/oder das Pflegepersonal in solchen Fällen oftmals die Qualität der Kost in Frage.

 

Der Pharmazeut kann wertvoller Ansprechpartner zur Information und Klärung von Details sein. Überhaupt sollte dieser bei Zeichen von Unverträglichkeiten zunächst immer prüfen, ob die Nahrung in zu großen Mengen, zu schnell oder sogar zu kalt appliziert wird.

 

Bedarfsdeckend und vollbilanziert

 

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) betont in ihren Leitlinien, dass in Klinik- oder Diätküchen selbst erstellte Nahrungen abzulehnen und industriell hergestellte Produkte aus Hygienegründen zu bevorzugen sind.

 

Wie bei der Hardware wird auch bei der Software, den Substraten, ein breites Spektrum industriell hergestellter Produkte angeboten, die der Patient als Teil des Versorgungs-Equipments gegebenenfalls sogar in einem Rucksack bei sich tragen kann.




Abbildung 5: Das der Erhöhung der Patientensicherheit dienende Verbindungssystem steht ab September 2012 zur Verfügung.

Nach der Diätverordnung (DiätV) gehören sie wie Trink­nahrungen zu den diätetischen Lebensmitteln für besondere medizinische Zwecke und werden als bilanzierte Diäten bezeichnet. Dem Ersatz kompletter Mahlzeiten dienend, ist somit jede Sondenkost vollbilanziert, das heißt für die ausschließliche Ernährung geeignet

 

Unterschieden wird zwischen Standardnahrungen für die überwiegende Zahl der Patienten und Spezialnahrungen für spezifische Indikationen.

 

Bei den Standardprodukten entspricht die Nährstoffrelation den Empfehlungen für gesunde Menschen gemäß den gemeinsamen DACH-Referenzwerten (D= Deutschland, A= Österreich, CH= Schweiz) der »Deutschen Gesellschaft für Ernährung« e.V. (DGE), der »Österreichischen Gesellschaft für Ernährung« (ÖGE), der »Schweizerischen Gesellschaft für Ernährungsforschung« (SGE) sowie der »Schweizerischen Vereinigung für Ernährung« (SVE).

 

Die Hauptnährstoffe, also Kohlenhydrate, Proteine und Fette, liegen in hochmolekularer Form vor. Sie müssen noch enzymatisch aufgespalten werden. Für Mineralstoffe, Spurenelemente und Vitamine gibt die Diätverordnung Mindest- und Höchstmengen vor. Die Produkte unterscheiden sich hinsichtlich ihres Energie-, Ballaststoff- und Eiweißgehaltes sowie der Nährstoffquellen.

 

Standard- und Spezialnahrung

 

Beim Energiegehalt der Standardnahrungen ist zu differenzieren zwischen normo-, hypo- und hochkalorischen Kostarten.

 

Die normokalorischen Sorten liefern eine Kilokalorie pro Milliliter Nahrung. Einige Firmen kennzeichnen sie mit »original« oder »standard«.

 

Oft zu erkennen an der Zusatzbezeichnung »energy«, »plus«, »hc« oder »hiCal« enthalten die hochkalorischen Sorten mehr Kalorien pro Volumen. Ein Milliliter Standardnahrung enthält je nach Produkt über 1,2 bis 1,5 Kilokalorien.

 

Hochkalorische Standardnahrungen kommen unter anderem bei Patienten mit Einschränkungen der Flüssigkeitszufuhr zum Beispiel bei Nieren- oder Herzinsuffizienz, wenn also die Patienten nicht viel trinken dürfen, aber auch bei sehr hohem Energiebedarf zum Einsatz.

 

Hypokalorische Nahrungen enthalten pro Milliliter Nahrung weniger als eine Kilokalorie und können nach langer Nahrungskarenz in der Einschleichphase Anwendung finden.

 

Um die Akzeptanz der enteralen Ernährung zu erhöhen, setzen manche Firmen ihren Produkten natürliche Lebensmittel zu. Die Bezeichnungen »Pute mit Mais«, »Karotte«, »Milch mit Apfel und Birne« oder »naturel« werden gedanklich Bezüge zu »echten« Mahlzeit hergestellt.

 

Ansonsten haben die Nahrungen, wenn sie zum Trinken und Sondieren geeignet sind, Geschmacksrichtungen wie Vanille, Banane, Himbeere oder Coffee Cream. Die Nahrungen, die nur für die Sondenapplikation geeignet sind, haben keine Geschmackskomponente und werden als neutral gekennzeichnet.

 

Die meisten Standardnahrungen werden mit und ohne Ballaststoffe angeboten. Einige Firmen wählen den Zusatz »faser«, »fibre« oder »BS« zur besseren Unterscheidung. Während der Nährstoffgehalt der Produkte einer Kost­art vergleichbar ist, variiert die Zusammensetzung der löslichen und unlöslichen Ballaststoffkomponenten. Das kann dazu führen, dass ein Patient bei einem Wechsel auf das Präparat eines anderen Anbieters Durchfall oder Verstopfung bekommt.

 

In dieser Situation sollte man trotzdem nicht oder nicht lange auf den wichtigen Zusatz von Faserstoffen verzichten. Vor der Anwendung einer ballaststofffreien Sorte besteht die Möglichkeit eines Firmenwechsels oder die Verwendung einer Kostart, die nur lösliche Ballaststoffe enthält.

 

Eiweiß, Kohlenhydrate und Fett

 

Oft gibt es Probleme bei der Eiweißversorgung der Patienten. Daher bieten die meisten Firmen Standardprodukte mit mehr als den üblichen 10 bis 20 Prozent Eiweiß an, die die Zusatzbezeichnung »protein«, »protein plus« oder »HP (High Protein)« tragen.


Leitlinien beachten!

Informationen zur Enteralen Ernährung liefern die Leitlinien der »Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin« (DGEM; www.dgem.de) oder die »European Society of Nutrition and Metabolism« (ESPEN) gegliedert nach den Fachbereichen Intensivmedizin, Chirurgie, Onkologie, Gastroenterologie, Hepatologie, Nephrologie, Kardiologie, Pulmonologie, Wasting bei HIV und anderen chronischen Infektionskrankheiten sowie Geriatrie.


Bei Unverträglichkeiten auf Milchweiß kann auf Soja-Produkte zurückgegriffen werden. Bei Patienten mit Lactoseintoleranz oder Zöliakie sind keine Schwierigkeiten zu erwarten, da Standardnahrungen wenig bis keine Lactose enthalten und glutenfrei sind.

 

Obwohl Diabetiker zumeist übliche Standardnahrung erhalten können, gibt es dennoch modifizierte Kostformen, die in ihrer Nährstoffzusammensetzung eine gestörte Glukosetoleranz berücksichtigen. Entweder werden vermehrt Kohlenhydrate wie Fructose und Stärke eingesetzt und/oder der Zuckeranteil wird reduziert.

 

Einen erhöhten Anteil an mittelkettigen Triglyceriden, die leichter verdaulich sind, findet man in Produkten mit der Zusatzbezeichnung »MCT«. Sie können bei einer eingeschränkten Verdauungs- und Resorptionsleistung sowie in Oligopeptiddiäten eingesetzt werden.

 

Von Oligopeptiddiäten oder chemisch definierten Diäten spricht man, wenn die Nährstoffe – insbesondere die Eiweiße – schon vorgespalten und daher leichter und schneller verwertbar sind. Diese müssen nicht generell eingesetzt werden.

 

Bei Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse, chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CED) oder dem Kurzdarmsyndrom kann ein Wechsel auf Produkte mit den Zusatzbezeichnungen »OPD«, »advanced peptisorb« oder »peptid« sinnvoll sein. Eine Sondenlage im Darm erfordert nicht generell den Einsatz dieser Spezialdiät.

 

Spezifische Indikationen

 

Sind Spezialnahrungen speziell für bestimmte Indikationen ausgewiesen, so finden sie in der Klinik Anwendung insbesondere bei kritisch kranken Patienten.

 

Bei Lebererkrankungen wird nur in Extremfällen eine besondere Ernährungsform notwendig. Produkte mit der Zusatzbezeichnung »Hepa« mit einem höheren Anteil verzweigtkettiger Aminosäuren erfüllen die veränderten Bedürfnisse.

 

Durch den Zusatz spezieller Aminosäuren wie Glutamin und Arginin, spezifischer Omega-Fettsäuren, Nukleotiden und einzelner Vitamine und Spurenelemente soll die Immunabwehr kritisch Kranker gestärkt werden. Man spricht daher auch von Immunonutrition oder Intensivdiäten.

 

Eine sehr wichtige Rolle – auch außerhalb der Klinik – spielt die Ernährungstherapie von Nierenkranken. Die Auswahl der Kostform ist abhängig von dem Ausmaß der Niereninsuffizienz und ihrer Therapie.

 

Funktionieren die Nieren nur noch eingeschränkt, sollte die Nahrung eiweiß- und elektrolytreduziert sein sowie möglichst wenig Flüssigkeit enthalten. Produkte mit der Zusatzbezeichnung »renal« werden als Pulver angeboten, so dass die Wassermenge bei der Zubereitung angepasst werden kann.

 

Spezialprodukte für Dialyse-Patienten, die elektrolytreduziert und eiweißreich sind und Zusatzbezeichnungen wie »concentrated« und »nephro intensiv« tragen, können die metabolische Führung gegebenenfalls erleichtern.




Abbildung 6: Welche Sondennahrung für Kinder geeignet ist, ist im Einzelnen zu prüfen

Foto: Nutricia


Ob Sondennahrungen für Kinder (Abbildung 6) geeignet sind, ist im Einzelnen zu prüfen. Bei den meisten Produkten werden Angaben gemacht, ab welchem Alter sie eingesetzt werden können. Daneben gibt es Sondennahrungen zum Beispiel mit der Zusatzbezeichnung »junior«, die nur für Kinder konzipiert wurden und auch »namenstechnisch« als solche erkennbar sind.

 

Qualität erhalten

 

Da die Nahrungen durch einen Schlauch mit wenigen Millimetern Innendurchmesser passen müssen, ist eine geeignete Viskosität und Partikelfreiheit gefordert. Daher kann Trinknahrung nicht ohne weiteres sondiert, sprich: per Sonde zugeführt werden.

 

Vor Gebrauch ist jede Nahrung zu schütteln und visuell auf Verklumpung oder Ausflockung zu prüfen. Wichtig für die Verträglichkeit ist die Osmolarität. Standardmäßig sind die Nahrungen isoton. Verdünnungen mit Getränken oder Zumischungen von Arzneimitteln sind abzulehnen. Wechselwirkungen zwischen Nährstoffen und Arzneimitteln können zu Ausflockungen führen und die Sonde verstopfen.

 

Damit die Qualität der Produkte erhalten bleibt, sind sie ordnungsgemäß zu lagern. Optimale Bedingungen sind bei 15 bis 25°C gegeben. Eine dauerhafte, zu warme Lagerung kann zu Vitaminverlusten führen. Bei zu geringen Temperaturen können Emulsionen brechen.

 

Aus hygienischen Gründen ist der Inhalt nach Anbruch zügig aufzubrauchen. Maximal 24 Stunden dürfen die geöffneten Nahrungen noch verwendet werden. Eine verschlossene Lagerung im Kühlschrank ist bei Unterbrechung der Zufuhr empfehlenswert.

 

Befinden sich die Nahrungen in Glasflaschen oder wurden sie aus einem Pulver angerührt, ist die Haltbarkeit nach Anbruch noch kürzer. Zur Applikation sind die Nahrungen wieder auf Zimmertemperatur zu bringen. Zu kalte Nahrungen können ein Grund für Unverträglichkeiten sein und zu Symptomen wie Durchfall führen.

 

Hände weg von Tee

 

Obwohl Sondenkost auch Flüssigkeit in Form von Wasser enthält, deckt sie den Flüssigkeitsbedarf des Patienten oft nicht. Der Wassergehalt der Nahrungen ist deklariert und liegt bei Standardnahrungen bei circa 70 bis 80 Prozent. Bekommt der Patient zwei Liter Sondenkost, enthält diese circa 1,4 bis 1,6 Liter Wasser.

 

Die Wassermenge zur Sondierung der Arzneimittel ist noch hinzuzuzählen. Im Durchschnitt benötigt ein Erwachsener aber zwei bis drei Liter Flüssigkeit. Die fehlende Menge ist mit Flaschenwasser oder (abgekochtem) Leitungswasser zu ergänzen (Abbildung 7).




Abbildung 7: Da Sondenkost den Flüssigkeitsbedarf des Patienten oft nicht deckt, ist die fehlende Menge mit Flaschenwasser oder abgekochtem Leitungswasser zu ergänzen.

Foto: Superbild


Bei der Pumpenapplikation darf keine Kohlensäure enthalten sein. Die Luftbläschen würden die Funktion stören und einen Alarm auslösen.

 

Von dem Zusatz von Tee ist abzuraten. Es können bei größeren Mengen Tee unerwünschte Eigenwirkungen sowie Wechselwirkungen zwischen Nahrungen und Arzneimitteln auftreten. Die Applikationshilfen müssen häufiger gewechselt werden. Die Sonde des Patienten kann verfärben. Außerdem können Teedrogen mikrobiell belastet sein und Diarrhö verursachen.

 

Fertig verpackte Flüssignahrungen werden in Mengen von 500, 1000, 1500 und 2000 Millilitern angeboten. Ein durchschnittlicher Tagesbedarf liegt bei 1500 bis 2000 Kilokalorien.

 

Der individuelle, mit Hilfe von Listen und Tabellen der Fachgesellschaften zu ermittelnde Energie-, Nährstoff- sowie Flüssigkeits-, Kohlenhydrat-, Eiweiß- und Fettbedarf des Patienten richtet sich jedoch nicht nur nach Alter, Art und Stadium der Erkrankung, sondern auch danach, ob der Erhalt oder die Zunahme des Gewichtes angestrebt wird.

 

Manche Hersteller bieten mittlerweile Komplettnahrungen mit der Zusatzbezeichnung »complete« mit 1000 bis 2250 Kaloriengehalt an. Vitamine, Mineralien und Spurenelemente sind bedarfsdeckend enthalten.

 

Ansonsten ist nur bei einer Zufuhr von 1500 Kilokalorien der durchschnittliche Tagesbedarf eines gesunden Erwachsenen gedeckt. Bekommt ein Patient über längere Zeit nicht diese Menge, ist die Versorgung mit den Mikronährstoffen nicht gewährleistet.

 

Verordnung und Erstattungsfähigkeit

 

Nach den derzeit gültigen Regeln der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) sind enterale Substrate (Aminosäuremischungen, Trink- und Sondennahrungen) Teil der Arzneimittelversorgung.

 

Die Arzneimittelrichtlinie (AM-RL) des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) regelt den Umfang des Anspruches des GKV-Versicherten, die Voraussetzung für die Verordnung und die Art der verordnungsfähigen Produkte. Verordnungen zur Lasten des GKV sind nur möglich, wenn die medizinische Notwendigkeit klar aufgezeigt ist.




Abbildung 8: Spezialnahrungen für (Dialyse-)Patienten werden gegebenenfalls von der Krankenkasse bezahlt.

Foto: Superbild


Erste Voraussetzung ist die fehlende oder eingeschränkte Fähigkeit zur ausreichenden normalen Ernährung, die durch sonstige ärztliche, pflegerische und ernährungstherapeutische Maßnahmen nicht erfolgreich behandelt werden kann.

 

Ein Rezept für enterale Ernährung ist wie ein Arzneimittelrezept zu behandeln. Die Produkte sind keine Hilfsmittel, deswegen darf das Feld 7 für Hilfsmittel nicht angekreuzt werden. Die Verordnung sollte in Milliliter oder Kilokalorien pro Tag erfolgen, da über diese Angaben abgerechnet wird.

 

Es ist nicht unbedingt eine genaue Produktbezeichnung erforderlich. Eine Verordnung der Eigenschaften wie »Standardnahrung, hochkalorisch« ist möglich.

 

In Paragraph 23 der AM-RL werden verordnungsfähige Standard- und Spezialnahrungen genannt. Als unproblematisch hinsichtlich ihrer Verordnungsfähigkeit gelten norm- oder hochkalorische Standardnahrungen.

 

Darunter fallen auch eine Reihe modifizierte Nahrungen, die nicht für spezielle Indikationen ausgewiesen sind. Für Diabetiker entwickelte Substrate werden daher von den Firmen nicht als solche ausgelobt, da sie nach Paragraph 24 AM-RL dann nicht mehr verordnungsfähig wären.

 

Spezialprodukte für (Dialyse)Patienten mit Nierenerkrankungen (Abbildung 8) beziehungsweise für Patienten mit Verdauungs- und Verwertungsstörungen werden gegebenenfalls von der Krankenkasse bezahlt.

 

Die »Hardware«, also das nötige Equipment zur Applikation der Sondenkost, zählt zu den Hilfsmitteln. Hier ist das entsprechende Feld 7 anzukreuzen. Die Abrechnung mit den Kassen erfolgt meistens über Pauschalen. Werden Verbandstoffe benötigt, ist ein weiteres Rezept erforderlich, da diese wiederum nicht zu den Hilfsmitteln gehören. /


Die Autorin

Vera Voigt ist Fachapothekerin für Klinische Pharmazie mit den Bereichsbezeichnungen »Onkologische Pharmazie« und »Ernährungsberatung«. Nach ihrem Studium an der WWU Münster und der Approbation 2003 betreute sie in der Klinikapotheke der FSU Jena zwei Jahre lang die Zytostatikazubereitung. Seit Januar 2005 ist sie Apothekerin bei der St.-Marien-Hospital GmbH in Lünen. Neben der Arzneimittelausgabe sowie der innerbetrieblichen Fort- und Weiterbildung gehört die Betreuung der Stationen zu ihren Hauptaufgaben. Voigt hat am St.-Marien-Hospital ein interdisziplinäres Ernährungsteam gegründet.

 

Vera Voigt, Klinikum Lünen St.-Marien-Hospital GmbH, Apotheke, Altstadtstr. 23, 44534 Lünen, E-Mail: voigt.vera@klinikum-luenen.de


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Beitrag erschienen in Ausgabe 16/2012

 

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