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HIV-Infizierte: Viele Vorurteile am Arbeitsplatz

WIRTSCHAFT

 
HIV-Infizierte

Viele Vorurteile am Arbeitsplatz


Von Brigitte M. Gensthaler, München / Mit HIV-infizierten Kollegen möchten viele Menschen nicht gern zusammenarbeiten. Die Vorbehalte sind jedoch unbegründet, denn im beruflichen Alltag besteht kein Übertragungsrisiko. Das war eine wichtige Botschaft der Münchner Aids- und Hepatitis-Tage im März.

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Vor 30 Jahren war die Diagnose HIV-Infektion gleichbedeutend mit einem absehbaren, oft qualvollen Sterben. Junge Menschen fragten sich angesichts der miserablen Prognose, ob Ausbildung, Studium oder Beruf sich überhaupt noch lohnen. Massenhaft kam es zu Frühberentungen, 25-Jährige mussten sich plötzlich auf ein Leben als Rentner einstellen. Den sicheren Tod vor Augen, wählten viele Aids-Kranke den Suizid.

 

Ausgrenzung und Kündigung

 

Die Gesellschaft reagierte mit Angst und Ausgrenzung auf die neue Krankheit. Ernsthaft wurde über Zwangstestung und Berufsverbot diskutiert. Viele HIV-Infizierte wurden von ihren Arbeitgebern entlassen (lesen Sie dazu auch HIV: Ein Virus verändert die Welt, PZ 48/2011).




Foto: imago/suedraumfoto


Medizinisch hat sich die Situation heute völlig gewandelt. Es gibt vielfältige Behandlungssche­ma­ta und zahlreiche Arzneistoffe, die die Virus­last bei den meisten Betroffenen unter die Nach­weis­grenze drücken. Ihr Immunsystem erholt sich und ihre Leistungsfähigkeit ist in der Regel durch die HIV-Infektion nicht eingeschränkt.

 

»Menschen mit HIV müssen ihr Leben heutzuta­ge ebenso meistern wie Menschen ohne HIV-Infektion, und sie müssen ihren Lebensunterhalt durch Arbeit sichern«, betonte der Kölner Rechts­anwalt Jakob Hösl. Heute sind drei Viertel aller HIV-infizierten Menschen in Deutschland berufstätig – auch in Berufen des Gesundheitswesens. Doch trotz des Wissens, dass das Virus im normalen Berufsalltag nicht übertragen wird, sei Diskriminierung am Arbeitsplatz immer noch verbreitet.

 

Berufstätige müssten mit erheblichen Folgen rechnen, wenn sie offen über ihre Infektion sprechen. Zum einen hätten viele Menschen Angst davor, mit einem HIV-positiven Kollegen zusammenzuarbeiten. Zum anderen suchten Arbeitgeber immer wieder nach Kündigungsgründen, wenn sie von der Infektion eines Mitarbeiters erfahren. In medizinischen Berufen gelte die Infektion oft als Ausschlusskrite­rium für die Berufsausübung. »Die Ängste sind in den letzten Jahren eher noch größer geworden«, fasste Hösl seine Erfahrung zusammen.

 

Vorurteile halten sich hartnäckig

 

Die Angst vor sozialer Ausgrenzung hält viele Menschen davon ab, ärztlichen Rat zu suchen. »Selbst wenn sie vermuten, dass sie infiziert sind, kommen sie zu spät«, berichtete der HIV-Experte Dr. Hans Jäger. »Manche riskieren lieber den Tod, als sich zu outen.« Das sei häufig bei Menschen aus Kulturkreisen zu beobachten, in denen Homosexualität und Aids geächtet sind, oder bei bisexuellen Männern. Die Rate der sogenannten Late Presenters, die erst bei schlechtem Immunstatus oder opportunistischen Infektionen zum Arzt gehen, liegt bei etwa 30 Prozent der Neudiagnostizierten.

 

»Das medizinische Wunder, dass die HIV-Infektion behandelbar geworden ist, ist in wesentlichen Teilen der Gesellschaft und gerade bei den Arbeitgebern im Gesundheitswesen nicht angekommen«, monierte Dr. Jens Jarke von der Hamburger Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz. »Grundsätzlich stellen HIV-positive Menschen – egal ob behandelt oder nicht – im beruflichen Alltag keine Infektionsgefahr für andere dar.« Umgekehrt bestehe nur selten ein gesundheitliches Risiko für die HIV-Infizierten selbst, zum Beispiel durch eine mögliche Infektion am Arbeitsplatz.

 

Einige wenige risikoträchtige Tätigkeiten gibt es dennoch. Theoretisch könne ein Risiko bestehen, wenn sich beispielsweise ein infizierter Chirurg während einer Operation selbst verletzt, erläuterte Jarke. Das Übertragungsrisiko hänge maßgeblich von der Viruslast ab, also der Menge des Virus im Blut. »Liegt die Viruslast unter 500 Virus-RNA-Kopien pro Milliliter Blut, gilt eine HIV-Übertragung nach dem heutigen Stand der Wissenschaft als äußerst unwahrscheinlich. Liegt sie unter der Nachweisgrenze von 50 Kopien pro Milliliter, ist sie praktisch ausgeschlossen.«

 

Die Deutsche Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten bereitet eine offizielle Stellungnahme zur Berufsausübung HIV-Infizierter im Gesundheitswesen vor. Darin werde eine Viruslast unter 50 Kopien pro Milliliter als Kriterium festgeschrieben, sagte Jarke der Pharmazeutischen Zeitung. Er setzt zudem auf die Aufklärung von Arbeitgebern, insbesondere von Mittelständlern. Hier seien Vorurteile noch weit verbreitet. / 


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Beitrag erschienen in Ausgabe 14/2012

 

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