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Hirntod: Wann ist der Mensch tot?

MEDIZIN

 
Hirntod

Wann ist der Mensch tot?


Von Annette Mende, Berlin / Sind hirntote Menschen tatsächlich tot? Diese Frage lässt sich nach wir vor nicht eindeutig beantworten. Dennoch darf man Hirntoten laut Gesetz Organe entnehmen. Über medizinische und ethische Aspekte des Hirntods diskutierten Experten beim Forum Bioethik des Deutschen Ethikrats in Berlin.

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Der Tod ist eines der letzten großen Tabus unserer Gesellschaft. Niemand macht sich gerne Gedanken über das eigene Sterben. Dennoch ist die gedankliche Auseinandersetzung mit dem Tod wichtig, denn die Wartelisten für Spenderorgane sind lang und nur wer vorher schriftlich einer Organentnahme zugestimmt hat, ist im Zweifelsfall als Spender erkennbar. Wer seinen Willen nicht dokumentiert, bürdet die Entscheidung pro oder Kontra Organspende seinen Angehörigen auf. Die geplante Neufassung des Transplantationsgesetzes sieht daher vor, dass alle Bürger künftig regelmäßig mit der Frage nach ihrer Spendebereitschaft konfrontiert werden (lesen Sie dazu auch Organspende: Einigkeit im Bundestag).




Nirgendwo zeigen sich Fluch und Segen der »Apparatemedi­zin« so deutlich wie auf der Intensivstation. Erst seit man hirntote Menschen durch Beatmung in einem stabilen Zustand halten kann, stellt sich die Frage, ob diese Patienten noch leben oder schon tot sind.

Foto: imago/Döring


Organe wie Herz oder Lunge, die für das Überleben unentbehrlich sind, dürfen in Deutschland nur hirntoten Menschen entnommen werden. Der Hirntod ist definiert als der irreversible Ausfall der Gesamtfunktion von Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm. Das unterscheidet ihn grundsätzlich von anderen schweren Hirnschädigungen wie Koma, Minimally Conscious State oder Wachkoma, das auch als apallisches Syndrom bezeich­net wird. Bei diesen sind immer nur Teile des Gehirns betroffen. »Nur beim Hirntod kommt es wirklich zu einem Totalausfall des Gehirns«, sagte Dr. Stefanie Förderreuther, Privatdozentin an der Uniklinik München. Da alle zentralen Vitalfunktionen betroffen sind, sind die Patienten nicht bei Bewusstsein und müssen beatmet werden. »Das ist wie eine innere Enthauptung«, so die Neurologin.

 

Wachkoma und Hirntod werden oft verwechselt

 

Dennoch habe es in letzter Zeit Diskussionen darüber gegeben, ob die Bewusstseinslage von hirntoten Patienten tatsächlich ausreichend untersucht werden kann. Hintergrund waren laut Förderreuther Hinweise auf klinisch nicht erkennbare Bewusstseinsinhalte bei einzelnen Wachkoma-Patienten, die mithilfe der funktionellen MRT gesehen wurden. »Aber, wohlgemerkt: Das waren keine hirntoten Patienten«, sagte Förderreuther. Hirntod und Wachkoma hätten nichts gemein. Bei hirntoten Menschen sei in früheren Untersuchungen auch nach Schmerzreizen kein Aktivierungsmuster im Gehirn erkennbar gewesen.

 

Auslöser des Hirntods ist eine Schädigung von Gehirnzellen, etwa durch eine intrakranielle Blutung, in deren Folge das Gewebe anschwillt. Da der knöcherne Schädel nicht nachgibt, steigt der Druck im Schädelinneren. Der Druckanstieg führt dazu, dass die Hirndurchblutung abnimmt. »Irgendwann ist der Druck im Schädelinneren höher als der Blutdruck, das heißt das gesamte Gehirn wird nicht mehr durchblutet und stirbt ab«, erklärte Förderreuther.

 

Bevor ein Mensch für hirntot erklärt wird, muss er von zwei erfahrenen Ärzten unabhängig voneinander untersucht werden. Diese müssen dabei nach einem streng festgelegten Protokoll vorgehen und ihre Ergebnisse dokumentieren. »Zur Hirntodfeststellung gehört auch der Nachweis, dass der Zustand des Patienten tatsächlich unumkehrbar ist«, betonte Förderreuther. Das geschehe entweder durch eine klinische Verlaufskontrolle oder durch zusätzliche apparative Tests.

 

Dass das Gehirn von hirntoten Patienten unwiederbringlich aufgehört hat zu funktionieren, scheint mit diesem Prozedere tatsächlich ausreichend belegt. Doch ist der Mensch damit auch wirklich gestorben? Angesichts der Tatsache, dass das Herz weiter schlägt, Rückenmarksreflexe funktionieren und schwangere hirntote Frauen Babys austragen können, gehen hier die Meinungen auseinander. Auch der Gesetzgeber wollte sich nicht festlegen: Im Transplantationsgesetz findet sich keine verbindliche Todesdefinition. Der Hirntod wird dort lediglich als Voraussetzung für die Entnahme überlebenswichtiger Organe genannt.

 

Zweifel daran, dass Hirntod und Tod dasselbe sind, meldet seit Jahren der US-amerikanische Neurologe Professor Dr. Alan Shewmon an. Früher selbst Verfechter des Hirntodkonzepts vertritt er mittlerweile die These, dass das Gehirn zwar ein wichtiges Organ ist, aber nicht der zentrale Integrator aller Körperfunktionen, dessen Ausfall mit dem Tod gleichzusetzen ist. Einen einzelnen Körperteil mit dieser Funktion gebe es nämlich gar nicht. »Die Integration des Körpers, die sein Überleben ermöglicht, ist die Interaktion zwischen allen seinen Teilen, vermittelt durch den Blutkreislauf«, sagte Shewmon in Berlin.

 

Das Hirn ist nicht das einzige lebenswichtige Organ

 

Hirntote Menschen seien zwar permanent auf Hilfe angewiesen, da sie nicht mehr selbstständig atmen. Sie könnten aber nicht als tot betrachtet werden, wenn man davon ausgehe, dass der Tod ein dauerhafter Funktionsverlust des Organismus als Ganzem ist. Denn hirntote Patienten seien unter anderem in der Lage, ihre Körpertemperatur zu regulieren, zu verdauen und sich gegen Infektionen zur Wehr zu setzen. »Hirntote Menschen sind zwar schwer behinderte und total abhängige, aber definitiv noch lebende Organismen«, schloss Shewmon seine Überlegungen.




Hirntote Menschen haben keine Zukunft mehr, die man ihnen nehmen kann. Es ist daher ethisch vertretbar, ihnen Organe zu entnehmen, um damit anderen Menschen zu helfen.

Foto: Deutsche Stiftung Organspende


Diese Einschätzung kann nicht teilen, wer hirntoten Menschen lebenswichtige Organe entnimmt. Die Vo­raussetzung für die laut Transplanta­tionsgesetz erlaubte Organentnahme ist daher die Annahme, dass Menschen, auf die die Diagnose Hirntod zutrifft, tatsächlich tot sind. Diese auch als Hirntodkonzeption bezeichnete These wird jedoch nicht nur vom Mediziner Shewmon abgelehnt. Sie ist auch ethisch umstritten, wie der Ethikprofessor Dr. Ralf Stoecker von der Universität Potsdam ausführte.

 

Die ethischen Zweifel daran, dass hirntote Menschen tatsächlich tot sind, konnten aus seiner Sicht bis heute nicht beseitigt werden. Denn er lässt wie Shewmon das Argument nicht gelten, dass mit dem Gehirn die Schaltzentrale stirbt, die die verschiedenen biologischen Regelkreise des Körpers zu einem Ganzen integriert. Noch hält aus seiner Sicht die Annahme, dass der Hirntod einen Menschen aller Eigenschaften und Fähigkeiten beraubt, die ihn als Person ausmachen, er aber ohne diese personalen Charakteristika tot ist, einer kritischen Hinterfragung stand. »Es gibt meines Wissens kein überzeugendes Argument für die Gültigkeit der Hirntodkonzeption«, sagte Stoecker.

 

Es sei ein ethisches Dilemma, dass man einerseits mit Organspenden vielen Menschen helfen könne, andererseits die üblichen Begründungen für die Organentnahme auf einer Todeskonzep­tion aufbauten, die mehr als fadenscheinig sei. Stoecker zeigte einen Ausweg aus diesem Dilemma auf, indem er auf die unscharfen Ränder der Begriffe Leben und Tod verwies. Diese zeigten sich insbesondere dann, wenn man versuche, die Ausdrücke auf neue, bislang unbekannte Situationen anzuwenden. Zu leben, das habe für uns etwas mit einem personalen Innenleben zu tun und mit einem biologischen Leben und mit äußerer Lebendigkeit. Weil diese Merkmale vor der Entwicklung der Intensivmedizin praktisch immer gemeinsam auftraten, sei es leicht gewesen, sich den Übergang vom Leben zum Tod als einen einheitlichen Umschwung vorzustellen. »Doch bei den hirntoten Patienten gelingt das nicht mehr, weil die Merkmale zu sehr unterschiedlichen Zeiten verloren gehen« so der Ethiker.

 

Ausweg aus dem ethischen Dilemma

 

Es sei charakteristisch für hirntote Patienten, dass sie in mancher Hinsicht so sind wie die Lebenden und in anderer Hinsicht so wie die Toten. Obwohl diese Feststellung der Hirntodkonzeption widerspricht und damit der Transplanta­tionsmedizin eigentlich die ethische Grundlage entziehen müsste, sieht Stoecker in ihr keinen Widerspruch zur Organspende.

 

Weil hirntote Menschen noch wie Lebende seien, sei es wichtig, ihre Würde zu achten und sie so zu behandeln wie andere bewusstlose Patienten auch. Weil sie aber bereits auch wie Tote seien, könne man ihnen kein Leid mehr antun und sie keiner Zukunft mehr berauben. »Daher, und weil auf der anderen Seite die Organempfänger erheblich von der Transplantation profitieren, darf man ihnen Organe entnehmen, und das, obwohl es dazu führt, dass sie ihren Zustand zwischen Leben und Tod beenden und aus den hirntoten tote Menschen werden«, endete Stoecker. / 


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Beitrag erschienen in Ausgabe 13/2012

 

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