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Typ-2-Diabetes: Nicht nur auf den Blutzucker schauen

MEDIZIN

 
Typ-2-Diabetes

Nicht nur auf den Blutzucker schauen


Von Maria Pues, Mannheim / Diabetes mellitus Typ 2 ist mehr als ein erhöhter Blutzuckerwert. Allein den Blutzucker zu normalisieren reicht folglich nicht. Diabetologen müssen ihren Blick erweitern, fordert ein Experte.

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»Die Diabetologie wird sich weiterentwickeln, wenn sie sich nicht mehr so sehr auf den Blutzucker fixiert«, sagte Professor Dr. Peter Nawroth bei einer Pressekonferenz anlässlich des Jahressymposiums der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie in Mannheim. Nawroth leitet in Heidelberg die Abteilung Innere Medizin und Klinische Chemie des Uniklinikums. Er kritisierte einen allzu starren Blick auf Blutzucker-Zielwerte, die es für die Patienten zu erreichen gelte. Häufig sei dies mit starken Eingriffen in die Privatsphäre und Einbußen in der Lebensqualität der Patienten verbunden, aber ohne Evidenz, ob die Anstrengungen auch dazu beitragen, Folgeschäden zu verhindern.




Der vitruvianische Mensch von Leonardo da Vinci gilt als Symbol einer ganzheitlichen Betrachtung des Menschen. Diese wird zurzeit in der Diabetologie vermisst.

Original: Galleria dell Accademia, Venedig


»Es gibt kein Argument für eine schlechte Blutzuckereinstellung«, sagte Nawroth. Aber es gebe entgegen der Leitlinie auch kein Argument, normnahe Werte anzustreben, also für eine besonders strenge Blutzuckereinstellung, fügte er hinzu. So träten erhöhte Blutzuckerwerte und Diabetes-Folgeerkrankungen zwar gemeinsam auf. Für eine kausale Verknüpfung der beiden Ereignisse fehlten allerdings wissenschaftliche Belege. Anders gesagt: Gute Blutzuckerwerte allein sind keine Garantie dafür, dass es nicht zu Diabetes-Folgeschäden kommt.

 

Auch andere Mechanismen untersuchen

 

Umgekehrt gilt: Die Höhe der Abweichung lässt keine Voraussagen darüber zu, in welchem Ausmaß dem Patienten welche Folgeschäden drohen. »90 Prozent der Diabetesfolgen können wir bis heute nicht erklären«, sagte Nawroth. Nur für 10 Prozent sei ein Zusammenhang von Blutzuckerwert und Diabetesdauer mit Spätschäden erkennbar. Studien belegten außerdem, dass die Senkung der bei Typ-2-Diabetikern häufig ebenfalls erhöhten Blutdruck- oder Lipidwerte mehr zur Vermeidung von Folgeschäden beitrage als die alleinige Normalisierung des Blutzuckers. Neben einer stärkeren Berücksichtigung von Patienten-Subgruppen und der Erforschung von Stoffwechselwegen, die neben dem Glucosestoffwechsel für die Entstehung von Spätschäden verantwortlich sind, leitete Nawroth da­raus eine weitere Forderung ab: Dass die Behörden keinen blutzuckersenkenden Arzneimitteln mehr eine Zulassung erteilten, zu denen es keine Daten hinsichtlich der Vermeidung von Spätschäden gebe.

 

Bereits bei der Diagnose zeigen sich laut Nawroth die Schwächen des allzu eingeschränkten Blicks auf den Blutzucker, der als der beste Parameter deklariert worden sei, mit dem man die meisten Diabetes-assoziierten Erkrankungen identifizieren könne. Menschen, die trotz einer Störung des Glucosestoffwechsels über lange Zeit einen normalen Nüchterblutzucker aufweisen, rutschten so durch das diag­nostische Raster. Einige dieser Patienten könne man jedoch über die Messung des HbA1C-Wertes identifizieren, andere mithilfe eines oralen Glucose-Toleranz-Tests.

 

Soziale Faktoren nicht vergessen

 

Häufig gerate zudem in Vergessenheit, dass Diabetes auch eine soziale Komponente hat und Faktoren wie Arbeitslosigkeit, Armut oder Depressionen Einfluss auf den Verlauf der Erkrankung nehmen. Nawroth zitierte eine US-amerikanische Studie: In dieser wurden Diabetespatienten in sehr armen Wohngegenden von Großstädten in drei Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe musste dort bleiben, eine durfte nach Belieben verfahren und eine erhielt Gutscheine für einen Umzug in eine bessere Wohngegend.

 

Allein dies habe in der dritten Gruppe die Inzidenz für Diabetes um mehr als 20 Prozent gesenkt, und zwar ohne dass die Betreffenden dabei mehr Geld zur Verfügung gehabt hatten, berichtete Nawroth. Ärzte werden sich aus seiner Sicht künftig auch um solche sozialen Faktoren vermehrt kümmern müssen. / 


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Beitrag erschienen in Ausgabe 12/2012

 

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