Die Zeitschrift der deutschen Apotheker

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

Neuro-Enhancement: Doping fürs Gehirn

TITEL

 
Neuro-Enhancement


Doping fürs Gehirn


Von Gudrun Heyn / Neuro-Enhancer versprechen eine Verbesserung der kognitiven Leistung ohne große Anstrengung. Doch ist das Gehirn überhaupt »dopbar«? Hier erfahren Sie, welche Sub­stanzen als »happy pills« und »smart drugs« eingesetzt werden und welche Chancen und Risiken bestehen.

ANZEIGE


Wenn gesunde Menschen psychoaktive Substanzen anwenden, um ihre kognitiven Fähigkeiten zu steigern, sprechen Fachkreise von Neuro-Enhancement (Englisch enhancement: Steigerung, Verbesserung), die Allgemeinbevölkerung vom Gehirndoping. In der Debatte um die ethische Vertretbarkeit solchen Handelns nutzen einige Forscher den Begriff Hirndoping jedoch auch, um eine assoziative Nähe zum Begriff des Dopings im Sport herzustellen. Sie verstehen unter Hirndoping den Gebrauch von psychoaktiven Sub­stanzen, die entweder verschreibungspflichtig oder illegal sind und deren Anwendung durch Gesunde einen Missbrauch darstellt (1).

 

Verlockende Idee

 

Für die Nutzer ist die Idee verlockend, die Gehirnleistung mithilfe von psychoaktiven Substanzen zu steigern. Schüler und Studenten hoffen, leichter durch Prüfungen zu kommen, Erwerbstätige wollen ihren stressigen Berufsalltag besser bewältigen, Manager und Wissenschaftler erwarten die permanente Chance auf geistige Spitzenleistungen. Neben illegalen Drogen wie Kokain und Ecstasy werden heute vor allem Pharmaka als sogenannte Neuro-Enhancer eingesetzt. Mit ihrer Hilfe sollen die Gedächtnisleistung verbessert sowie Vigilanz (Lateinisch vigilantia: Wachheit, dauerhafte Aufmerksamkeit) und Konzentrationsfähigkeit gesteigert werden. Weitere zentrale Ziele der Nutzer sind die Überwindung von Angst und Unruhe sowie die Erzeugung einer besseren Stimmung und Motivation.




Pillen fürs Gehirn – doch lässt sich das Gehirn überhaupt dopen?

Foto: Fotolia/Shockfactor


Viele übersehen dabei, dass es nur einige wenige potente Neuro-Enhancer gibt und diese nur unter bestimmten Bedingungen ihre Wirkung entfalten. Das Spektrum der erzielbaren Wirkungen ist zudem sehr viel kleiner als erwartet, und auch der Wunsch nach mehr Intelligenz oder weniger Anstrengung beim Lernen bleibt zumindest nach jetziger Studienlage ein Traum.

 

Obwohl es sich immer um Fehlgebrauch handelt, wenn Menschen Arzneimittel ohne medizinische Indikation vorsätzlich und gezielt einnehmen, ist die Akzeptanz des Neuro-Enhancements mit Pharmaka (Pharmaceutical Cognitive Enhancement, PCE) in der bundesdeutschen Bevölkerung erstaunlich groß. 2009 ergab eine repräsentative Bevölkerungsbefragung im Auftrag der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK), dass mehr als ein Viertel der Teilnehmer ein Hirndoping mit Pharmaka als vertretbar ansieht, wenn damit im Beruf die Aufmerksamkeit sowie die Gedächtnis- und Konzentrationsleistung gesteigert werden sollen (2) (Grafik 1). Für ihren Gesundheitsreport hatte die Kasse 3000 Erwerbstätige im Alter zwischen 20 und 50 Jahren befragen lassen.




Grafik 1: Gründe für ein Doping am Arbeitsplatz aus Sicht von Erwerbstätigen. DAK-Bevölkerungsbefragung 2009 (Mehrfachnennung möglich); nach (2)


Weitere Umfragen in Deutschland zeigen, dass Menschen einem »IQ-Doping« besonders positiv gegenüberstehen, wenn keine Nebenwirkungen zu befürchten sind und die Mittel legal erhältlich wären. Unter diesen Bedingungen würden 60 Prozent Präparate zur Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit nehmen (3). Bei Schülern und Studenten ist die Akzeptanz mit rund 80 Prozent sogar noch größer (4). Im DAK-Report gingen jedoch nur 3,4 Prozent der Befragten davon aus, dass mit der Einnahme potenter Arzneimittel keine oder nur geringe Risiken verbunden sind. Aber immerhin jeder Fünfte meint, dass der Nutzen in einem günstigen Verhältnis zu den Nebenwirkungen stehe. Gut 43 Prozent sind der Auffassung, dass Antidepressiva und Antidementiva auch die geistige Leistungsfähigkeit Gesunder verbessern würden (2).

 

Zwei Millionen Konsumenten

 

Im internationalen Vergleich ist die Zahl der bekennenden Nutzer in Deutschland noch relativ gering. Fünf Prozent der aktiv Erwerbstätigen gaben an, Arzneimittel ohne medizinische Notwendigkeit, also zum »Dopen«, genommen zu haben (2). Hochgerechnet entspricht dies mehr als zwei Millionen Berufstätigen. Bei den Schülern und Studenten bekennen sich mit rund 1,5 Prozent weitaus weniger zum Hirndoping mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln (4). Allerdings haben 2,6 Prozent der 1547 befragten jungen Leute mindestens einmal illegale Sub­stanzen, darunter Kokain und Ecstasy, zur Leistungssteigerung eingesetzt.

 

In den USA konnten Forscher dagegen feststellen, dass an einzelnen Oberschulen und Colleges rund 16 Prozent der Schüler und Studenten zu verschreibungspflichtigen Stimulanzien wie Methylphenidat und Dextroamphetamin greifen. Sie nutzen diese ohne medizinische Indikation (6).




Jeder achte Student hat schon einmal Medikamente eingenommen, um die Studienan­forderungen besser bewältigen zu können.

Foto: TK


Noch größer scheint weltweit die Dopingbereitschaft unter Wissenschaftlern zu sein. So erklärten 20 Prozent von 1400 Forschern in 60 Ländern, dass sie bereits Arzneimittel ohne medizinische Gründe genommen haben, vor allem um Aufmerksamkeit und Konzentration zu verbessern (5).

 

In den USA ist davon auszugehen, dass PCE inzwischen zum normalen Leben breiter Bevölkerungsschichten gehört. Die Spanne reicht von Grundschulkindern bis zu den geburtenstarken Jahrgängen im Rentenalter (6). In der Bundesrepublik belegen die Zahlen zumindest ein deutliches Interesse am PCE. Nach einer 2012 publizierten Umfrage können sich etwa 17 Prozent der Studierenden durchaus vorstellen, leistungssteigernde Mittel anzuwenden; 12 Prozent haben seit Studienbeginn eine oder mehrere Substanzen eingenommen, um die Studienanforderungen besser zu bewältigen. 84 Prozent haben davon gehört, dass Sub­stanzen mit dem Ziel der geistigen Leistungssteigerung eingenommen werden (16).

 

Die beliebtesten Präparate

 

Der Wunsch nach einer Verbesserung von Gehirnfunktionen ist nicht neu (7). Doch mit der Entwicklung der Psychostimulanzien, allen voran der Amphet­amine, in den 1930er-Jahren eröffneten sich neue Möglichkeiten (1). So diente etwa Metamphetamin (Pervitin®) im Zweiten Weltkrieg unter den Spitznamen Panzerschokolade oder Stuka-Tabletten als Mittel zur Dämpfung des Angstgefühls und zur Steigerung der Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit von Soldaten (8). Heute können Menschen auf eine breite Palette psychoaktiver Substanzen zurückgreifen. Zu den eingesetzten Pharmaka gehören Psychostimulanzien, Antidementiva, Antidepressiva und Betablocker (1, 2). Auch natürliche Substanzen wie Coffein oder Phytopharmaka wie Ginkgo biloba finden als Neuro-Enhancer Verwendung.

 

In den USA ist insbesondere das Antidepressivum Fluoxetin beliebt. Präparate mit dem Wirkstoff gelten als Glückspille. Vermeintlich kann man mit ihrer Hilfe das eigene Wohlbefinden selbst bestimmen und ist für jede Arbeitssituation gerüstet (2). Einer nur leicht übertriebenen Behauptung zufolge sehen sich New Yorker heute wettbewerbsmäßig im Nachteil, wenn sie kein Fluoxetin nehmen (9). Dagegen greifen Wissenschaftler meist zu Psychostimulanzien wie Methylphenidat und Modafinil (5).

 

In Deutschland fanden sich Hinweise auf die Einnahme von Antidepressiva (vor allem Fluoxetin), Antidementiva (vor allem Piracetam), Psychostimulanzien (vor allem Methylphenidat und Modafinil) sowie Betablockern wie Metoprolol ohne medizinische Indikation (Grafik 2). Dabei bevorzugen Frauen die Stimmungsaufhellung und Männer die kognitive Leistungssteigerung (2, 7).




Grafik 2: Nachvollziehbare und medizinisch nicht nachvollziehbare Verordnungen potenzieller Neuro-Enhancer in Deutschland; DAK-Arzneimittel-, Krankenhaus- und Arbeitsunfähigkeitsdaten 2006 bis 2007; modifiziert nach (2)


Smart drugs

 

In der Fangemeinde heißen Substanzen zur kognitiven Leistungssteigerung »smart pills« oder »smart drugs«. Dazu gehören die Psychostimulanzien Methylphenidat und Modafinil sowie Antidementiva wie Donepezil.

 

Methylphenidat ist ein Psychostimulans aus der Gruppe der Phe­nyl­ethyl­amine mit Amphetamin-ähnlicher Wirkung. Zugelassen ist der Wirkstoff bei Kindern und Erwachsenen mit Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörungen (ADHS). Methylphenidat wirkt ebenso wie Amphetamin indirekt sympathomimetisch, indem es Noradrenalin aus intraneuronalen Vesikeln adrenerger Neurone freisetzt und dessen Rücknahme hemmt. Außerdem steigert es wie Khat und das substituierte Amphetamin Ecstasy die Freisetzung von Dopamin (7). Bei Gesunden erhöht Methylphenidat die Vigilanz und die Aufmerksamkeit; diese Wirkung zeigt sich vor allem bei müden Menschen (1). Zu den Nebenwirkungen gehören Schlafstörungen, irreale Euphorie, Selbstüberschätzung, Herz-Kreislauf-Beschwerden und Appetitminderung. Außerdem warnen Experten vor einer psychischen Abhängigkeit (2).

 

Modafinil gehört zur Gruppe der zentral wirksamen Sympathomimetika und ist strukturchemisch nicht mit den Amphetaminen verwandt. Zugelassen ist das Psychostimulans zur Behandlung von Erwachsenen mit exzessiver Schläfrigkeit, die mit einer Narkolepsie einhergeht. Der genaue Wirkmechanismus ist nicht bekannt. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass Modafinil an den Dopamin-Transporter bindet und die Dopamin-Wiederaufnahme hemmt. Die Studienergebnisse zur Wirkung von Modafinil bei Gesunden sind größtenteils inkonsistent. So kann Modafinil etwa die Aufmerksamkeitsspanne geringfügig verbessern, aber auch durch Überaktivierung die Lernleistung verschlechtern (2). Bei Müdigkeit ist dagegen die positive Wirkung auf Eigenschaften wie Wachheit, Aufmerksamkeit und Reaktionsgeschwindigkeit eindeutig belegt (1). Häufige Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen, Nervosität, Depressionen und Schlafstörungen. Dosen von 100 bis 400 mg, die üblicherweise zum Hirndoping verwendet werden, können aber auch zu Tachykardie, Hypertonie, Tremor und Schwindel führen.




Stimulanzien wie Methylphenidat und Modafinil können Wachheit und Aufmerksamkeit bei gesunden Menschen verbessern – allerdings vorwiegend, wenn diese müde sind.

Foto: DAK


Aus der Gruppe der Antidementiva gelten Acetylcholinesterase-Hemmer, NMDA-Rezeptor-Antagonisten und Nootropika als potente kognitive Neuro-Enhancer. Cholinesterase-Hemmer wie Donepezil oder Rivastigmin hemmen den enzymatischen Abbau von freigesetztem Acetylcholin und sind in Deutschland zur Behandlung der leichten bis mittelschweren Alzheimer-Demenz zugelassen. Untersuchungen zur Wirksamkeit bei Gesunden zeigten für Donepezil und Rivastigmin inkonsistente Ergebnisse. Teilweise verschlechtern sich Reaktionszeiten und Gedächtnis sogar (1). Als Argument für die Eignung als Neuro-Enhancer zitiert die Presse jedoch häufig eine Studie mit neun Probanden in der Verumgruppe. Diese zeigte, dass ältere Piloten nach einer 30-tägigen Einnahme von Donepezil aufmerksamer waren und mit Notfallsituationen besser umgehen konnten (10). Als Nebenwirkungen der Cholinesterase-Hemmer treten vor allem Diarrhö, Übelkeit und Erbrechen sowie Kopfschmerzen, Tremor und Appetitlosigkeit auf. Dosisabhängig sind zudem Halluzinationen, Erregungszustände und aggressives Verhalten möglich.

 

NMDA-Rezeptor-Antagonisten wie Memantin regulieren die Wirkung pathologisch erhöhter toxischer Glutamat-Konzentrationen. Memantin ist zugelassen zur Behandlung von Patienten mit moderater bis schwerer Alzheimer-Demenz. Wie die Cholinesterase-Inhibitoren kann auch Memantin die geistige Leistung bei Gesunden nicht nachweislich steigern (1). Häufige Nebenwirkungen sind Hypertonie, Kopfschmerzen, Schwindel und Obstipation sowie Schläfrigkeit.

 

Nootropika wie Piracetam beeinflussen den Gehirnstoffwechsel und sollen dadurch verschiedene Hirnleistungen verbessern können. Doch selbst zur Behandlung von Demenz und kognitiven Störungen erwies sich der Wirkstoff in einem Cochrane-Review als nicht wirksam genug für eine Empfehlung (11). Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass Piracetam das Sprachgedächtnis auch bei Gesunden verbessern kann. Zu den bekannten Nebenwirkungen gehören Schlafstörungen, Nervosität, Übelkeit, Erbrechen und Durchfall. Zudem kann es zu Depressionen, Angststörungen und aggressivem Verhalten kommen.

 

Happy pills

 

Wirkstoffe zur Verbesserung des psychischen Wohlbefindens heißen in der Fangemeinde »happy pills«. Ihre wichtigsten Vertreter sind Antidepressiva vom SSRI-Typ (SSRI: selektive Serotoninwiederaufnahme-Hemmer). Auch Betablocker gehören in diese Gruppe.

 

SSRI wie Fluoxetin hemmen die Wiederaufnahme von Serotonin aus dem synaptischen Spalt der Nervenzellen. Zugelassen ist Fluoxetin etwa zur Behandlung von Patienten mit Episoden einer Major Depression, mit einer Zwangsstörung oder mit Bulimie.


Fitmacher Amphetamine

Auch Amphetamine wie Methamphetamin gelten als potente smart drugs. In Deutschland ist Methamphetamin jedoch nicht mehr auf dem Markt. Vermehrt werden daher Ephedrin- und Pseudoephedrin-haltige Arzneimittel zur illegalen Herstellung von Aufputschmitteln mit dem Wirkstoff genutzt (8). Diese heißen Yaba, Meth oder Crystal. Die Liste der möglichen Nebenwirkungen ist lang. Sie reicht von Nervosität über Herzrhythmusstörungen bis zu Nierenversagen und paranoiden Wahnvorstellungen.


Bei Gesunden zeigten sich in Studien keine Effekte auf die Stimmung und die soziale Funktionsfähigkeit (1). Auch eine Verbesserung kognitiver Eigenschaften wie Vigilanz oder des Selbstvertrauens war nicht nachweisbar. Die am häufigsten berichteten Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen, Übelkeit, Schlaflosigkeit, Müdigkeit und Diarrhö. Zudem können Angst, Desorientiertheit, Störungen der Sexualfunk­tion sowie eine erhöhte Selbstmordgefahr auftreten (2).

 

Betablocker wie Metoprolol hemmen die aktivierende Wirkung der Angsthormone Adrenalin und Noradrenalin. Als Neuro-Enhancer sollen sie so für eine Dämpfung von Stressgefühlen sorgen. Zugelassen sind Betablocker etwa zur Behandlung von Patienten mit Hypertonie. Laut DAK-Report sprechen mehrere Experten den Sympatholytika eine ängstlichkeitssenkende und ausgleichende Wirkung zu, deren Einsatz gegen Lampenfieber oder Prüfungsangst daher im Einzelfall via Kurzzeitverordnung überlegenswert sei (2). Doch die Mehrheit der zehn befragten Experten zählt Antidementiva und Antidepressiva, nicht aber Betablocker zu den potenten und maßgeblichen Neuro-Enhancern. Häufig bis sehr häufig sind Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Schwindel und Kopfschmerzen sowie Blutdruckabfall und gastrointestinale Beschwerden. Gelegentlich treten zudem Depressionen, Konzentrationsstörungen und Alpträume auf. Auch Libidostörungen und Impotenz beim Mann sind möglich.

 

Soft Doping mit OTC-Präparaten

 

Zu den besonders beliebten Neuro-Enhancern gehören Nahrungsmittel mit der Substanz Coffein und nicht verschreibungspflichtige Phytopharmaka mit dem Extrakt der Ginkgo-biloba-Blätter. Ginkgo-Extrakt ist unter anderem zur symptomatischen Behandlung von hirnorganisch bedingten Leistungsstörungen bei demenziellen Syndromen zugelassen. Zur Leistungssteigerung schätzen ihn vor allem ältere Menschen. Zu den beschriebenen Eigenschaften gehören neuroprotektive, antioxidative und durchblutungsfördernde Wirkungen. Eine Auswertung von 16 Studien mit nicht demenziell erkrankten Probanden zeigte jedoch keine konsistente Verbesserung von Vigilanz, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und subjektiver Selbsteinschätzung (1). Als Nebenwirkungen können leichte Magenbeschwerden, Kopfschmerzen oder allergische Hautreaktionen auftreten. Außerdem besteht die Gefahr von Spontanblutungen und Wechselwirkungen mit Gerinnungshemmern.

 

Die psychoaktive Substanz Coffein nehmen viele Menschen täglich in Form von Kaffee zu sich (Tabelle 1). Zur kurzfristigen Beseitigung von Ermüdungszuständen steht sie zudem in Form eines apothekenpflichtigen Monopräparats zur Verfügung. Auch Energy Drinks wirken über Coffein. Das Pflanzenalkaloid ist ein Adenosinrezeptor-Antagonist, der unter anderem zu einer vermehrten Freisetzung von Noradrenalin führt (12).


Tabelle 1: Coffeingehalte verschiedener Getränke und Lebensmittel; nach (14)

Getränk Gehalt (mg) 
Filterkaffee, 125 ml 60 bis 100 
Espresso, 50 ml 50 bis 60 
Tee, 125 ml 25 bis 50 
Kakao, 150 ml 2 bis 6 
Cola-Getränke, 0,33 l 
Energy Drink, 250 ml 80 
Zartbitterschokolade, 150 g 15 bis 115 

Coffein (50 bis 600 mg pro Tag) lässt Wachheit und Aufmerksamkeit deutlich steigen (Tabelle 2). Bei einer Dosierung von 600 mg fanden sich in Studien keine wesentlichen Wirkunterschiede zu Amphetamin (20 mg) und Modafinil (400 mg) (1). Zu den möglichen Nebenwirkungen gehören Schlaflosigkeit, innere Unruhe und Tachykardie.

 

Geringer Nutzen, hohes Risiko

 

Bis auf Coffein und Ginkgo biloba sind alle genannten Pharmaka verschreibungspflichtig; Methylphenidat unterliegt zudem der Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung (BtmVV). Ihr Gebrauch ohne Diagnose und Verschreibung ist daher illegal. Ohne medizinische Notwendigkeit stellt aber auch die Abgabe von OTC-Präparaten einen Missbrauch dar. Wichtig für Apotheker: Bei erkennbarem Arzneimittelmissbrauch ist das pharmazeutische Personal in der Apotheke laut Apothekenbetriebsordnung verpflichtet, die Abgabe zu verweigern und dem Missbrauch in geeigneter Weise entgegenzutreten. Dazu kann auch eine Aufklärung über Nutzen und Risiken eines PCE beitragen.


Tabelle 2: Wirkung und Nebenwirkung von Coffein; nach (15)

Dosis (mg/60 kg) Wirkung 
85 bis 300 Erhöhung der geistigen Leistungsfähigkeit bei Additionsaufgaben um 15 Prozent. Bei größeren Mengen nimmt die Fehlerzahl zu! 
200 bis 400 Leistungssteigerung im Sport 
500 Händezittern, Erregung, Schlaflosigkeit 
6000 Aufputschmittel bei Radrennen 
10 000 letal 

Ziel des Neuro-Enhancements ist die Steigerung der geistigen Leistung bei gesunden Menschen. Studienergebnisse zeigen aber, dass nur wenige Substanzen dazu das Potenzial haben. Dies sind Methylphenidat, Modafinil und Coffein. Sie machen wacher und verbessern nachweislich Aufmerksamkeit und Konzentration. Doch die Studien weisen darauf hin, dass die Effekte dann am größten sind, wenn ein Leistungsdefizit besteht (6). So wirken Methylphenidat und Modafinil vor allem bei müden Menschen nach Schlafentzug.




Der beliebteste Muntermacher ist Kaffee.

Foto: Fotolia/Robert Anthony


Auch die Wirkung von Coffein hängt vom aktuellen Status des Gehirns ab. Solange sich der Körper auf einem niedrigen Aktivierungsniveau befindet, kann die Substanz die Leistung steigern. In einem erhöhten Aktivierungszustand kann der Versuch einer weiteren Aktivierung die Leistung sogar wieder vermindern. Kaffeetrinker kennen dies als Fahrigkeit. Gerade bei Gesunden, die meist nahe am Optimum agieren, kann eine pharmakologische Intervention daher bei einer Person die Leistung fördern und bei einer anderen mindern (12).

 

Doch auch diejenigen, die eine positive Wirkung verspüren, werden durch die Neuro-Enhancer nicht intelligenter. Die Mittel ersparen ihnen nicht das Lernen und Denken. Die Hoffnung auf bessere kognitive Leistungen ohne Anstrengung können die Pharmaka nicht erfüllen.

 

Dem sehr begrenzten Nutzen stehen zum Teil erhebliche Risiken gegenüber. Methylphenidat und Modafinil weisen zahlreiche und nicht ungefährliche Nebenwirkungen auf; sie können abhängig machen und psychische Erkrankungen wie affektive Störungen, vor allem Manien, und Psychosen auslösen (1). Wesentlich sicherer ist Cof­fein. Doch bei jedem Neuro-Enhancement besteht die Gefahr, dass die Nutzer die Grenzen ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit nicht mehr erkennen können. So sind Müdigkeit und Erschöpfung deutliche Warnsignale, die zeigen, dass der Körper eine Erholungspause braucht.

 

Stimmen für ein PCE

 

Obwohl die Risiken schon seit Langem bekannt sind, bekommt das Hirndoping in der gesellschaftlichen Diskussion selbst von Psychiatern Unterstützung. So setzt sich eine kleine Gruppe deutscher Psychiater, Juristen und Philosophen aktiv für das Neuro-Enhancement ein. »Wir vertreten die Ansicht, dass es keine überzeugenden grundsätzlichen Einwände gegen die pharmazeutische Verbesserung des Gehirns oder der Psyche gibt«, heißt es in ihrem Memorandum (13).

 

Die Autoren meinen, dass das Bemühen um bessere geistige Leistungen zu den Grundprinzipien einer modernen Leistungsgesellschaft gehört. Wenn dies mithilfe von Pharmaka gelingen kann, sei daher auch das PCE legitim und wünschenswert. Der Nutzen für alle wäre eine Anhebung des geistigen Niveaus. Davon profitiere auch der Einzelne. So könnten Menschen mithilfe des PCE ihre Leistungsanforderungen besser bewältigen und ihr Selbstbewusstsein steigern. Zudem habe jeder das Recht, über seinen Körper und Geist selbst zu entscheiden.

 

Es dürfe jedoch nicht zu einer Ausgrenzung finanziell benachteiligter Menschen kommen. Um der Gefahr einer sozialen Ungerechtigkeit zu begegnen, könnte etwa der Staat Neuro-Enhancer für Einkommensschwache subventionieren, heißt es auf Seite 8 des Memorandums. Als weiteres Argument gegen ein Neuro-Enhancement erkennen die Autoren die Gefahr einer Sucht oder psychischen Abhängigkeit an, doch auch darauf haben sie eine Antwort: Es sei sinnvoller, Therapieangebote zu schaffen als PCE grundsätzlich zu verbieten (13, Seite 6).

 

Die Argumente für ein Neuro-Enhancement sind zum Teil diskussionswürdig, aber auch sehr diskussionsbedürftig. Es bleibt die Erkenntnis, dass das Neuro-Enhancement-Potenzial der meisten Pharmaka weit überschätzt wird. Ihr Nutzen entspricht zum großen Teil nicht den Erwartungen. So müssen sich die Nutzer nach wie vor etwa beim Lernen anstrengen. Die unerwünschten Wirkungen sind aber immer zu beachten. Möglich ist jedoch eine zeitweilige Verbesserung von Vigilanz, Aufmerksamkeit und Konzentration – zumindest wenn der Mensch geschwächt oder müde ist. /


Literatur

  1. Franke, A. G., Lieb, K., Pharmakologisches Neuroenhancement und »Hirndoping«. Bundesgesundheitsblatt 53 (2010) 853-860.
  2. DAK-Gesundheitsreport. Schwerpunktthema Doping am Arbeitsplatz (2009) 37-91.
  3. www.scilogs.de/blogs/blog/menschen-bilder/2008-11-18/mehrheit-f-r-iq-doping2. (18. November 2008).
  4. Franke, A. G., et al., Non-medical use of prescription stimulants and illicit use of stimulants for cognitive enhancement in pupils and students in Germany. Pharmacopsychiatry 44 (2011) 60-66.
  5. Maher, B., Poll results: look who`s doping. Nature 452 (2008) 674-675.
  6. Farah, M., et al., Neurocognitive enhancement: what can we do and what should we do? Nature Reviews Neuroscience Vol. 5 (2004) 421-425.
  7. Förstl, H., Neuro-Enhancement. Der Nervenarzt Vol. 80, Nr. 7 (2009) 840-846.
  8. Schweim, H., Fertigarzneimittel zur illegalen Rauschmittelproduktion. Pharm. Ztg. 154, Nr. 31 (2009) 12-14.
  9. Hobson, A. J., Das optimierte Gehirn. Klett-Cotta Stuttgart 2010.
  10. Berger, M., Normann, C., Kosmetik für die Zellen. Gehirn & Geist 10 (2008) 36-41.
  11. Flicker, L., Evans, J., Piracetam for dementia or cognitive impairment (2008) DOI: 10.1002/14651858.CD001011.
  12. Knecht, S., Wir stehen noch am Anfang des Verstehens. Gehirndoping – Was steckt dahinter? Forschung & Lehre 8 (2008) 514-517.
  13. Galert, T., et al., Das optimierte Gehirn. Gehirn & Geist 11 (2009) 1-11.
  14. De Groot, H., Ernährungswissenschaft. Europa-Lehrmittel 2011.
  15. Bützer, P., Coffein-Dynamik. www.buetzer.info/fileadmin/pb/HTML-Files/COFFEIN.htm.
  16. Middendorff, E., et al., Formen der Stresskompensation und Leistungssteigerung bei Studierenden. www.his.de, 2012.

Die Autorin

Gudrun Heyn arbeitete nach der Promotion in verschiedenen Forschungseinrichtungen, darunter am Kernforschungszentrum Karlsruhe und beim Niedersächsischen Landesamt für Bodenforschung. Sie erfüllte Lehraufträge an der Martin-Luther-Universität, Halle-Wittenberg, und der Freien Universität, Berlin. In Fachpublikationen veröffentlichte sie Ergebnisse eigener Forschungen. Seit ihrer Ausbildung als Journalistin ist Dr. Heyn als freie Wissenschaftsjournalistin in Berlin tätig und behandelt vor allem Themen aus Medizin und Pharmazie.

 

Dr. Gudrun Heyn, Ferbitzer Weg 33 B, 13591 Berlin; E-Mail: gheyn@gmx.de


Links zum Titelbeitrag...

Zur Übersicht Titel...

Außerdem in dieser Ausgabe...

Beitrag erschienen in Ausgabe 11/2012

 

Das könnte Sie auch interessieren

 

 











DIREKT ZU