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Thalidomid: Andere Indikation, bekanntes Risiko












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MEDIZIN

 
Thalidomid

Andere Indikation, bekanntes Risiko

Von Sven Siebenand

 

Im November 1961 wurde das Präparat Contergan vom Markt genommen. Das Comeback des Wirkstoffs Thalidomid ließ jedoch nicht lange auf sich warten. Bereits 1964 machte ein israelischer Arzt die Zufallsentdeckung, dass der Wirkstoff auch bei Lepra hilft.

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Eigentlich wollte Dr. Jacob Sheskin einem seiner Lepra-Patienten in der Jerusalemer Krankenstation nur besseren Schlaf verschaffen und setzte dazu Contergan aus Restbeständen ein. Schon nach wenigen Tagen bemerkte der Mediziner völlig unerwartet eine deutliche Besserung der Entzündungsherde auf der Haut des Patienten, was die Renaissance von Thalidomid einleitete.

 

Lepra ist längst nicht ausgerottet. Die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe geht davon aus, dass die Zahl der Lepra-Kranken viel höher ist als offiziell angenommen. Die Register melden für 2006 insgesamt 259.017 Neuerkrankte, Schätzungen zufolge seien aber bis zu 700.000 weitere Erkranke hinzugekommen. Weltweit leben zwischen zwei und vier Millionen Menschen mit leprabedingten Behinderungen, ein Großteil davon in Indien, Südamerika und Afrika.

 

Frühzeitige Erkennung entscheidend

 

Verursacher der auch als Aussatz bezeichneten Erkrankung ist das Mycobacterium leprae, ein Erreger ohne Eile. Denn das Bakterium teilt sich nur alle 13 Tage, sodass zwischen Ansteckung und Ausbruch der Erkrankung in der Regel vier bis acht Jahre liegen, in Extremfällen sogar mehr als 20 Jahre. Im Zuge der Infektion kommt es zum Befall von Nervenzellen. Erste Zeichen einer Lepra-Erkrankung sind neben typischen Hautflecken daher Taubheitsgefühl in Fingern oder Füßen. Die Betroffenen verlieren zudem das Gefühl für Kälte, Wärme und Schmerz. Unbehandelt führt die Infektion zu Lähmungserscheinungen, Verstümmelungen und Befall der inneren Organe und Knochen. Eine rechtzeitige Diagnose und Behandlung ist daher wichtig. In diesem Falle stehen die Chancen auf Heilung gut.

 

Abgesehen von verschiedenen Zwischenformen, existieren hauptsächlich zwei Ausprägungen der Lepra: Bei der multibazillären (MB) oder lepromatösen Lepra verbreitet sich der Erreger ungehindert im Gewebe. Im Gegensatz dazu wird die Vermehrung der Bakterien bei der paucibazillären Form (PB), die auch als tuberkulöse Lepra bezeichnet wird, durch das Immunsystem gehemmt.

 

Mittel der Wahl zur Behandlung beider Formen ist eine Kombinationstherapie mit den Antibiotika Dapson, Clofazimin und Rifampicin. Als Standardtherapie für Erwachsene mit MB empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die zwölfmonatige Gabe von monatlich 600 mg Rifampicin, täglich 100 mg Dapson sowie monatlich 300 mg und täglich 50 mg Clofazimin. Im Falle der PB kann auf Clofazimin verzichtet und die Behandlungsdauer auf sechs Monate reduziert werden.

 

Einige Patienten mit bakterienreichen Formen der Lepra entwickeln nach Beginn der antimykobakteriellen Behandlung ein Arzneimittelexanthem (Leprareaktion vom Typ 2), das als Erythema nodosum leprosum (ENL) bezeichnet wird. Tritt das ENL während der antilepromatösen Therapie auf, ist diese fortzuführen. War die Therapie bereits beendet, besteht keine Indikation für eine erneute antilepromatöse Therapie, denn ein ENL ist nicht mit einer Reaktivierung der Infektion gleichzusetzen. An dieser Stelle kommt der Wirkstoff Thalidomid ins Spiel, den Ärzte seit der Entdeckung in der Jerusalemer Leprastation zur Behandlung des ENL einsetzen. Laut WHO eigne sich jedoch besser Clofazimin als Mittel der Wahl. Auch Prednisolon habe sich in kontrollierten Studien im Vergleich zu Thalidomid als effektiver erwiesen. Der Einsatz von Thalidomid sei daher wegen des bekannten teratogenen Risikos nicht empfehlenswert.

 

Trotzdem wird die Substanz unter anderem in südamerikanischen Ländern wie Brasilien und Kolumbien eingesetzt. Aufgrund der hohen Analphabetenquote kommt es dort regelmäßig dazu, dass Frauen die Substanz einnehmen, weil sie Thalidomid wegen der Warnhinweise (eine durchgestrichene Schwangere) auf der Verpackung fälschlicherweise für ein Verhütungs- oder Abtreibungsmittel halten. Andere besorgen es sich auf dem Schwarzmarkt und schlucken es zur Behandlung von Lepra-Reaktionen, ohne über die Risiken aufgeklärt worden zu sein (siehe Kasten). Die Folge: Thalidomid-Geschädigte der nächsten Generation. Offiziell hat der Staat Brasilien 480 Opfer anerkannt, erklärt Flavio Scavasin von der Brasilianischen Vereinigung der Menschen mit Thalidomid-Syndrom. Die wahre Zahl liege Schätzungen zufolge wesentlich höher.


Thalidomid auf dem Markt

Zugelassen ist Thalidomid in Ländern wie Australien, Neuseeland, Israel, USA und der Türkei. In den Vereinigten Staaten erteilte die US-Zulassungsbehörde FDA der Firma Celgene 1998 die Zulassung für Thalidomid zur Behandlung Lepra-Kranker. Ein Sicherheitsprogramm überwacht die Weitergabe an Dritte, um die Schädigung ungeborenen Lebens zu verhindern. Leider gab es in der Vergangenheit aber auch andere Firmen, die die Abgabe nicht kontrollierten und keine Aufklärungsarbeit leisteten, sodass zum Beispiel in Südamerika noch heute Babys mit Fehlbildungen auf die Welt kommen.

 

Celgene vermarktet auch die Substanz Lenalidomid (Revlimid®), ein strukturell vom Thalidomid abgeleiteter Wirkstoff, zur Behandlung des multiplen Myeloms (siehe dazu Thalidomid: Vom Schlafmittel zum Krebsmedikament). Dieser erhielt in diesem Jahr durch die europäische Zulassungsbehörde EMEA auch die Zulassung in Deutschland. Die Firma Grünenthal steht mit keinem der heutigen Vertreiber von Thalidomid in Geschäftsbeziehung hinsichtlich dieser Substanz.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 46/2007

 

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