Die Zeitschrift der deutschen Apotheker

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

Suchtpolitik: Gezielte Hilfe für Risikogruppen

POLITIK

 
Suchtpolitik

Gezielte Hilfe für Risikogruppen


Von Anna Hohle, Berlin / Tabak, Medikamente, Alkohol – Millionen Deutsche sind süchtig nach bestimmten Stoffen oder Verhaltensweisen. In den vergangenen Jahren haben sich die Konsummuster zum Teil deutlich verändert. Das Bundeskabinett hat daher eine neue Nationale Strategie zur Drogen- und Sucht­politik beschlossen.

ANZEIGE


Das neue Konzept ersetzt den Aktionsplan Drogen und Sucht aus dem Jahr 2003. Mechthild Dyckmans (FDP), Drogenbeauftragte der Bundesregierung, stellte die Strategie in Berlin vor.

 

Demnach will die Bundesregierung Prävention und Suchthilfe künftig stärker als bisher auf einzelne Risikogruppen ausrichten. Dazu zählen auch alte Menschen. Sucht im Alter entstünde häufig durch Einsamkeit, sagte Dyckmans. Senioren neigten zu Alkohol- und Medikamentenmissbrauch, wenn sie etwa ihren Partner verlieren. Hilfe kann laut Dyckmans eine bessere Vernetzung der Alten- und Suchthilfe leisten. Zudem würden Kokain- und Heroinabhängige aufgrund der besseren medizinischen Behandlungsmöglichkeiten immer älter. Sie benötigen laut Dyckmans spezielle Wohn- und Pflegeangebote.




Die Bundesregierung will sich in Zukunft stärker um suchtkranke Senioren kümmern.

Foto: Fotolia/Peter Maszlen


Junge Erwachsene dagegen zeigten häufig ein riskantes Konsumverhalten durch Rauschtrinken oder die Einnahme sogenannter Legal Highs – psychoaktive Substanzen, die ständig geringfügig verändert werden und durch das Betäubungs­mittel­gesetz daher nur schwer zu fassen sind. Die Bundesregierung will auch hier speziell zugeschnittene Präventionsangebote schaffen. Zu den Risikogruppen für Suchterkrankungen zählen neben Älteren und jungen Erwachsenen auch Schwangere und Menschen mit Migrationshintergrund.

 

Die Drogenbeauftragte betonte, wie wichtig es ist, frühzeitig einzugreifen. Sie sieht dabei Haus- und Kinderärzte als erste Ansprechpartner in der Pflicht: »Wir müssen die Menschen früher erreichen, bevor überhaupt eine Sucht entstanden ist.« Auch Arbeitgeber seien gefordert. Präventionsprogramme in deutschen Betrieben werden zum Teil von der Bundesregierung gefördert.

 

Zusammenarbeit stärken

 

Süchtige, die Hilfe suchen oder sich in eine Therapie begeben wollen, verlieren im Durcheinander aus Angeboten und Zuständigkeiten häufig die Orientierung. Hilfsangebote durch Beratungsstellen und Behörden sollen deshalb im Rahmen der neuen Strategie besser als bisher aufeinander abgestimmt werden, »damit kein Suchtkranker auf dem Weg verloren geht«, so Dyckmans. Bereits jetzt kooperierten Schulen erfolgreich mit kommunalen Sucht- und Jugendhilfen. Gemäß der Strategie sollen zukünftig auch Kliniken, Kostenträger und Behörden wie Schuldnerberatungen und Arbeitsagenturen stärker vernetzt arbeiten.

 

Das vergleichsweise neue Phänomen der Medien- und Onlinespielesucht ist bislang nicht als eigenständige Krankheit anerkannt. Dyckmans unterstützt die Aufnahme in die International Classification of Diseases (ICD). Neben einer verbesserten Erforschung und Diagnostik stünden vor allem Eltern und Pädagogen in der Verantwortung, frühzeitig Medienkompetenz zu vermitteln. Die Bundesregierung will hier unter anderem durch Fortbildungen stärker für das Thema sensibilisieren.

 

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung fördert die Suchtprävention jährlich mit 7,25 Millionen Euro. Weitere 5 Millionen Euro stellt das Bundesministerium für Gesundheit für Forschung und Modellprojekte zur Verfügung. Die Finanzierung von Suchtberatungsstellen und Hilfsprojekten vor Ort bleibt dagegen zumeist den Ländern und Kommunen überlassen. Dyckmans betonte, diese müssten einsehen, »dass die Mittel nicht gekürzt werden dürfen«.

 

Viel Lärm um wenig

 

Bei der Opposition stößt die neue Strategie der Bundesregierung auf Kritik. Harald Terpe, Sprecher für Drogen- und Suchtpolitik bei Bündnis 90/Die Grünen, bezeichnete Dyckmans Konzept als kümmerlich und wirkungslos. »Wohlklingende Projekte« könnten nicht darüber hinwegtäuschen, »dass die Drogenbeauftragte vor allem die Hände in den Schoß legt«. Die Drogenbeauftragte der SPD, Angelika Graf, sprach gar von einem Stillstand in der Suchtpolitik. Die Bundesregierung veranstalte hier »viel Lärm um ausgesprochen wenig«. / 


Zur Übersicht Politik...

Außerdem in dieser Ausgabe...

Beitrag erschienen in Ausgabe 08/2012

 

Das könnte Sie auch interessieren

 

 












DIREKT ZU