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Personalisierte Medizin: Visionen für eine bessere Versorgung

WIRTSCHAFT

 
Personalisierte Medizin

Visionen für eine bessere Versorgung


Von Werner Kurzlechner, Berlin / Personalisierte Medizin bleibt ein umstrittenes Thema. Während Forscher und Arzneimittelhersteller auf die enormen Chancen verweisen, bleiben die Krankenkassen skeptisch. Ein kleinerer Schritt zu qualitativ besserer Versorgung wäre die Umsetzung des gemeinsamen Konzepts von ABDA und KBV.

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Das entscheidende Fazit der kontroversen Diskussion über individuelle Genom-Entschlüsselung sprach nüchtern und gelassen Karl-Heinz Resch aus. »Ich glaube nicht, dass wir das in absehbarer Zeit im Leistungskatalog der Kassen haben werden«, sagte der Geschäftsführer der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände beim Kongress des Bundesverbandes Managed Care (BMC) in Berlin.




Theodor Dingermann faszinieren die neuen Möglichkeiten der Diagnostik.

Foto: PZ/Berg


Genau diesen Eindruck musste man im Themenforum über innovative Arzneimittelversorgung und individualisierte Medizin gewinnen. Zu unterschiedlich erschienen letztlich die Perspektiven und Interpretationen der Diskutanten: Auf der einen Seite Professor Dr. Theodor Dingermann vom Institut für Pharmazeutische Biologie der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Mitglied der PZ-Chefredaktion sowie Birgit Fischer, Hauptgeschäftsführerin der Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller (VFA), und auf der anderen Seite Tim Steimle, Fachbereichsleiter Arzneimittel der Techniker Krankenkasse.

 

Jenseits der auch ideologisch umkämpften Linie zeigte Resch den pragmatischen und leicht umsetzbaren Ansatz auf, einer besseren Versorgung und stärkeren Hinwendung zum Patienten näherzukommen. Resch warb einmal mehr für das gemeinsame Konzept von ABDA und Kassenärztlicher Bundesvereinigung, das auf den Säulen Wirkstoffverordnung, Medikationskatalog und Medikationsmanagement ruht und vom kommenden Jahr an modellhaft getestet werden soll.

 

Freiwillig teilnehmende Patienten würden gemeinsam von Arzt und Apotheker betreut. Als geteilte Honorierung seien 360 Euro pro Patient und Jahr angedacht, erläuterte Resch. »Wir wollen erreichen, dass uns unsere Aufgabe nicht abgenommen wird«, so der ABDA-Geschäftsführer weiter. Da durch zielgenauere Medikation und Vermeidung unerwünschter Arzneimittelwirkungen auch wirtschaftliche Effizienzpotenziale gehoben würden, konnte Resch Qualitätssteigerung bei gleichzeitiger Kostendämpfung in Aussicht stellen.

 

Diagnostik mit Biomarkern schafft neue Möglichkeiten

 

Nicht wirklich in Einklang stehen diese beiden Ziele im visionären Ansatz einer innovativen Arzneimittelversorgung: der »personalisierten« oder besser »stratifizierten« Medizin, die auf Diagnostik mit Biomarkern fußt. »Ich bin Apotheker und versuche deshalb immer, die Wirksamkeit und Verträglichkeit von Arzneimitteln besser zu verstehen«, sagte Professor Dingermann, der launig und leidenschaftlich für sein Wissenschaftsfeld warb.




Karl-Heinz Resch warb für das ABDA/KBV-Konzept.

Foto: PZ/Zillmer


Für 200 US-Dollar habe er sich sein eigenes Genom entschlüsseln lassen. Dabei habe er einerseits erfahren, ein erhöhtes Prostatakrebs-Risiko zu haben. So unnütz derartige Informationen seien, so bahnbrechend sei andererseits die Möglichkeit, Wirksamkeit und Verträglichkeit von Therapien für bestimmte Patientengruppe vorherzusagen. Es sei sehr wohl ein Fehler des Systems, derartige Möglichkeiten nicht auszuschöpfen. Würde man auf das Dogma »prospektiv und doppelblind« bei klinischen Studien an sinnvollen Stellen verzichten, zeigte sich erst der wahre Nutzen bestimmter Medikamente.

 

»Es ist notwendig, wirklich mit dem Tandem aus Diagnostikum und Therapeutikum zu arbeiten«, unterstützte Fischer. Die VFA-Hauptgeschäftsführerin forderte, der Gemeinsame Bundesausschuss müsse, wenn für die Versorgung sinnvoll, gleichzeitig mit einem neuen therapeutischen Arzneimittel auch das entsprechende diagnostische Präparat im Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenversicherung verankern. Derzeit gebe es in Deutschland vor allem im onkologischen Bereich 20 solcher Biomarker, deren Einsatz in 16 Fällen verbindlich vorgeschrieben sei. »Innovation erzeugt Effizienz«, proklamierte Fischer. Auf Dauer werde sich der Einsatz personalisierter Medizin auch für das Gesundheitssystem rechnen. Kassenmann Steimle teilte diese Euphorie nicht. Zwar gab er zu, dass es notwendige Anwendungsgebiete auch für Biomarker gebe.

 

Ansonsten zitierte er zur Gen-Medizin kritische Stimmen, die diese als »ideologisches Konstrukt« oder »Science Fiction« brandmarken, und sprach lieber über Adhärenz als Ansatzpunkt für verbesserte Therapien. So informiere seine Kasse in einem Pilotprojekt Ärzte anonymisiert über die Adhärenz-Quoten der Patienten. Das soll die Mediziner sensibilisieren und genauer auf Therapietreue achten lassen. /


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Beitrag erschienen in Ausgabe 06/2012

 

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