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Georg Trakl: Unglücklicher Apotheker und Poet

MAGAZIN

 
Georg Trakl

Unglücklicher Apotheker und Poet


Von Christoph Friedrich / Vor 125 Jahren wurde der expressionistische Lyriker Georg Trakl geboren, den sein Vater zum Apotheker bestimmte und der diesen von ihm nicht geliebten Beruf bis zu seinem Tode ausübte. In der Apotheke kam er mit Alkohol und Drogen in näheren Kontakt. Bis heute ist unklar, inwieweit diese seine Gedichte, in denen düstere Bilder der Nacht, des Sterbens und des Vergehens eine wichtige Rolle spielen, beeinflussten.

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Georg Trakl wurde am 3. Februar 1887 als Sohn des Eisenhändlers Tobias Trakl als viertes von sieben Kindern in Salzburg geboren. Die Mutter, Maria Catharina, geb. Halik, stammte aus Prag.




Jugendbildnis des Lehrherrn Carl Hinterhuber

Foto:Salzburgmuseum


Schon als Schüler las Trakl mit Begeisterung die Werke französischer Autoren. Da er in der siebten Klasse durchfiel, bestimmte ihn der Vater zum Apotheker. Im September 1905 begann er die vorgeschriebene dreijährige praktische Ausbildung in der Salzburger Apotheke »Zum weißen Engel« in der Linzer Gasse.

 

Der Apothekenbesitzer Carl Hinterhuber war ein alter Mann, der dem Alkohol reichlich zusprach. Von seinen ehemaligen Mitschülern wurde der Apothekerlehrling verlacht, was ihn ungemein belastete (1-3). In dieser Zeit schrieb Trakl bereits Gedichte und machte erste Bekanntschaft mit Drogen, wie auch sein Gedicht »Der Schlaf« zeigt. Hier heißt es »Verflucht ihr dunklen Gifte / Weißer Schlaf! / Dieser höchst seltsame Garten / Dämmernder Bäume / Erfüllt von Schlangen, Nachtfaltern / Spinnen, Fledermäusen.« (4)

 

Studium und pharmazeutische Tätigkeit

 

1908 begann Trakl das viersemestrige Studium der Pharmazie in Wien, das er mit dem Magisterexamen abschloss. Zu seinen akademischen Lehrern zählten unter anderem die Chemieprofessoren Rudolf Wegscheider (1859 bis 1935) und Zdenko Hans Skraup (1850 bis 1910) sowie der Pharmakognost Joseph Moeller (1848 bis 1924) (5).




Die Salzburger Apotheke »Zum weißen Engel« 1915

Foto: Stadtarchiv Salzburg


Anschließend war er erneut in der Salzburger Apotheke »Zum weißen Engel« tätig. Hier empfand der hypersensible Trakl aber den Dienst zunehmend als belastend. Buschbeck erinnerte sich, dass Trakl an einem einzigen Nachmittag sechs Hemden aus Angst vor den Kunden durchschwitzte (6).

 

Nach dem Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger 1910 in Wien bewarb er sich um eine Anstellung im Ministerium für Öffentliche Arbeiten. Da sich die Antwort verzögerte, war er erneut in der Apotheke »Zum weißen Engel« tätig. Diese Arbeit hinderte ihn am Schreiben, jedoch musste er sich ernähren. Der Wein und auch die Besuche im Bordell in der Judenstraße, in dem er zu den Stammkunden zählte, kosteten viel Geld. Nach dem Tod des Vaters 1910 übernahm sein Halbbruder Wilhelm dessen Geschäft, das jedoch 1913 schließlich aus dem Gewerberegister gelöscht werden musste. Die finanziellen Zuwendungen blieben nun aus und Trakl litt unter Geldproblemen. Er wurde aber von seinem Freund Ludwig von Ficker (1880 bis 1967) finanziell unterstützt.

 

Im April 1912 begann er eine Probezeit als Militärmedikamentenbeamter in der Apotheke des Garnisonsspitals Innsbruck, die er jedoch im September schon wieder aufgab. Eine Anstellung im Ministerium für Öffentliche Arbeiten beendete er bereits nach zwei Stunden.




Georg Trakl

Anschließend war er im Kriegsministerium als Pharmaziebeamter tätig, wo er unermüdlich Zahlenkolonnen überprüfen musste, wie er einem Freund berichtete: »Ich bekleide hier ein unbesoldetes Amt, das reichlich ekelhaft ist und wundere mich täglich mehr, daß man für das Addieren, das ich schwerfällig genug wieder zulerne, von mir keine Kaution verlangt. Vielleicht gelingt es mir, wieder als Medikam[enten-] Beamter nach Innsbruck versetzt zu werden.« (7)

 

Rückzug aus dem Beruf

 

Trakl kündigte schließlich und erwog eine Reaktivierung beim Militär oder eine Tätigkeit in Wiener Krankenhäusern. Aber aus alldem wurde nichts, und er schrieb im November 1913 an von Ficker: »Meine Angelegenheiten sind ganz ungeklärt. Ich habe jetzt 2 Tage und 2 Nächte geschlafen und habe heute noch eine recht arge Veronalvergiftung. In meiner Wirrnis und all‘ der Verzweiflung der letzten Zeit weiß ich nun gar nicht mehr, wie ich noch leben soll. Ich habe hier wohl hilfsbereite Menschen getroffen; aber mir will es erscheinen, jene können mir nicht helfen und es wird alles im Dunklen enden.« (8)




Förderer und Verleger Ludwig von Ficker

Der Unternehmer und Philosoph Ludwig Wittgenstein (1889 bis 1951) stellte von Ficker einen großen Geldbetrag zur Förderung notleidender Dichter zur Verfügung. Trakl sollte neben Rainer Maria Rilke (1875 bis 1926) 20 000 Kronen erhalten, die alle seine Geldnöte für Jahre behoben hätten. Doch er sah sich außerstande, das Geld abzuholen, begann vor dem Bankgebäude zu zittern und vermochte die Schwelle nicht zu übertreten.

 

Er genoss jedoch in den zwei letzten Lebensjahren Gastrecht in von Fickers Villa in Mühlau bei Innsbruck, wo er völlig zurückgezogen lebte.

 

Trakl als Militärapotheker

 

Bei Kriegsbeginn wurde Trakl als Militärapotheker eingezogen und schrieb im Oktober 1914 an von Ficker: »Wir haben vier Wochen angestrengtester Märsche durch ganz Galizien hinter uns. Seit zwei Tagen rasten wir in einer kleinen Stadt Westgaliziens inmitten eines sanften und heiteren Hügellandes und lassen es uns nach all‘ den großen Ereignissen der jüngsten Zeit in Frieden wohl sein. Morgen oder übermorgen marschieren wir weiter. Es scheint sich eine neue große Schlacht vorzubereiten. Wolle der Himmel uns diesmal gnädig sein.« (9)




Die von Ficker herausgegebene Halbmonatsschrift, in der Trakl häufig publizierte.

Während der Schlacht bei Grodek, der er sein letztes Gedicht widmete, musste er 90 Schwerverwundete weitgehend ohne Medikamente versorgen. Er erlitt einen Nervenzusammenbruch und wurde aufgrund eines Selbstmordversuchs zur Beobachtung in ein Garnisonsspital nach Krakau verlegt.

 

An von Ficker schrieb er: »Ich bin seit fünf Tagen hier in Garn[i]s[ons] Spittal zur Beobachtung meines Geisteszustandes. Meine Gesundheit ist wohl etwas angegriffen und ich verfalle recht oft in eine unsägliche Traurigkeit. Hoffentlich sind diese Tage der Niedergeschlagenheit bald vorüber.« (10)

 

Von Ficker berichtete über seinen letzten Besuch bei Trakl: »Er schien gedrückter als am Vortag [. . . ]. ›Wollen Sie hören, was ich im Feld geschrieben habe?‹ , fragte er [. . .]. Und nun las mir Trakl leise, mit der schlicht hinsagenden Stimme, die ihm eigen war, zwei Gedichte vor: ›Klage‹ und ›Grodek‹ [. . .].




Trakls letztes Gedicht ›Grodek‹ – in seiner Handschrift

Ich saß auf seinem Bett und es verging so eine stille Weile. [. . .] Bald darauf steckte der Arzt den Kopf zur Tür herein. [. . .] Ich folgte ihm auf den Gang und beschwor ihn nochmals, für die baldige Entlassung Trakls und die Erwirkung eines Erholungsurlaubs besorgt zu sein, was er, da er es eilig hatte, leichthin, doch immerhin ganz herzlich versprach. Ich kehrte mit dieser günstigen Botschaft zu Trakl zurück. Der aber, seufzend und in sich gekehrt, wollte von Ärzten und ihren Sprüchen nicht mehr viel wissen.« (11).

 

Der Apotheker und Lyriker Georg Trakl verstarb am 3. November 1914 an Herzlähmung, als Todesursache wurde jedoch »Suicid durch Cocainintoxication« angegeben. Allerdings sprechen einige Indizien gegen einen Selbstmord. Trakl, der dem Apothekerberuf innerlich fern stand, schrieb während seiner aktiven pharmazeutischen Tätigkeit bedeutende Werke und gehört zu den großen aus diesem Berufsstand hervorgegangenen Dichtern (12). /


Quellen und Literatur

  1. H. Gittner: In memoriam Georg Trakl. In: Pharm. Ztg. 83 (1947), S. 273–275.
  2. W. Ulrich: Traumvisionen von Schönheit, Grauen und Verfall. In: Pharm. Ztg. 132 (1987), S. 171–176.
  3. H. Löhr: Georg Trakl (1887–1914). Apotheker, Dichter und Opfer seiner Zeit. In: medicamentum 16 (1975), S. 221–223.
  4. Georg Trakl: Gedichte. Dramenfragmente. Briefe. Hrsg. von Franz Fühmann. 2 Bde. Leipzig 1981, Bd. 2, S. 52.
  5. K. Ganzinger: Das Pharmaziestudium an der Wiener Universität von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Reform von 1922. In: Österreichische Apotheker-Ztg. 19 (1965), S. 316–341, Mitteilung von B. Bieringer, Archiv der Universität Wien, vom 23. 1. 2012.
  6. Trakl [wie Anm. 4], Bd. 2, S. 57.
  7. Brief Trakls an von Ficker vom 16. oder 18. 7. 1913. In: Trakl [wie Anm. 4], Bd. 1, S. 210.
  8. Brief Trakls an von Ficker vom 11. 11. 1913. In: Trakl [wie Anm. 4], Bd. 1, S. 213.
  9. Brief Trakls an von Ficker Anfang Oktober 1914. In: Trakl [wie Anm. 4], Bd. 1, S. 227.
  10. Brief Trakls an von Ficker vom 12. Oktober 1914. In: Trakl [wie Anm. 4], Bd. 1, S. 228.
  11. Trakl [wie Anm. 4], Bd. 2, S. 71–74.
  12. G. Urdang: Der Apotheker als Subjekt und Objekt der Literatur. Berlin 1926, S. 60–62.

Verfasser

Professor Dr. Christoph Friedrich

Institut für Geschichte der Pharmazie

Roter Graben 10

35032 Marburg

ch.friedrich@staff.uni-marburg.de



Beitrag erschienen in Ausgabe 05/2012

 

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