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Selbstmedikation: Dem Husten-Märchen was husten

PHARMAZIE

 
Selbstmedikation

Dem Husten-Märchen was husten

Von Elke Wolf

 

Der Husten sitzt immer auf den Bronchien, Hustenstiller und -löser nie zusammen einnehmen, bei Husten viel trinken: Viele solcher Vorstellungen halten sich hartnäckig, gelten aber mittlerweile als überholt.

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Die früher gängige Meinung, dass Husten immer von den Bronchien her kommt, hat die moderne Wissenschaft Lügen gestraft. Tatsächlich ist nicht nur trockener von produktivem Husten zu unterscheiden, sondern auch Rachen- von Bronchialhusten. Es gibt nämlich einen Husten, der oberhalb der Stimmritze im Kehlkopf und im Rachen entsteht, und einen, der unterhalb der Stimmritze in den Bronchien seinen Ursprung hat.

 

Erkältungsviren haben zumeist nicht die unteren Atemwege als Erstes im Visier. Wegbereiter einer akuten Bronchitis ist meist eine Rachenentzündung. Diese beginnt mit einem typischen Brennen und Kratzen: Ausdruck dafür, dass die Rachenschleimhaut stark gerötet und geschwollen ist. Ständiger Hustenreiz quält die trockene Schleimhaut zusätzlich. In diesem ersten Stadium hat diese Art des Hustens mit einem »festsitzenden Husten«, wie viele Patienten fälschlicherweise annehmen, nichts zu tun. Es hat sich noch kein Schleim gebildet. Anders die darauf folgende Phase des Erkältungshustens: Nach maximal drei Tagen des Reizhustens wird vermehrt Schleim produziert.

 

Balsam für die Kehle

 

Nach der Art des Hustens sollte sich die Darreichungsform des Präparats richten, um eine optimale Wirksamkeit zu erzielen. Für Patienten, die neben ihrem Husten über ein kratziges Gefühl im Hals klagen, sind Hustensaft oder Lutschpastillen geeignet. Beide hinterlassen einen samtigen Film auf der rauen Rachenschleimhaut. Die mehrmalige Einnahme pro Tag ist günstig, weil so die Kontaktzeit der Wirkstoffe mit den Schleimhäuten erhöht wird. Ambroxol, Lidocain oder Benzocain wirken lokalanästhetisch, Cetylpyridinium- und Dequaliniumchlorid sowie Chlorhexidin und Hexetidin desinfizierend. Doch auch Hausmittel wie die Milch mit Honig, Salbei- oder Honigbonbons wirken wie Balsam für den geschundenen Hals.

 

Fehlt dagegen die Rachenkomponente, ist es sinnvoll, Hustenstiller einzusetzen, die den Hustenreflex unterdrücken. Denn laufender Husten erzeugt durch seine mechanische Gewalt Entzündungen und schwächt den Erkrankten zusätzlich. Nach dem Aus für Clobutinol-haltige Arzneimittel seit August dieses Jahres werden ab diesem Winter vermehrt andere Arzneistoffe zum Zuge kommen. So kommen Säfte, Dragees oder Tropfen mit Pentoxyverin oder Dextromethorphan in der Selbstmedikation infrage. Beide sind für Kinder ab zwei Jahren zugelassen. Für Kinder über sieben Jahre mit Reizhusten sind auch Benproperin-haltige Zubereitungen geeignet. Die Rote Liste 2007 führt als Antitussiva zudem einige Phytopharmaka auf, zum Beispiel mit Spitzwegerich, Eibisch, Primel und Sonnentau. Verschreibungspflichtig sind Codein, Dihydrocodein, Levodropizin sowie Noscapin.

 

Ist der Husten in seine schleimige Phase übergegangen und/oder »sitzt etwas auf den Bronchien«, ohne dass die Halsregion beteiligt ist, empfehlen sich perorale Darreichungsformen. Brausetabletten, Tabletten oder Tropfen mit den Expektorantien Acetylcystein, Ambroxol oder Efeuextrakten besitzen die größte Bedeutung.

 

Hustenstiller versus Hustenlöser

 

Häufig steht im Beipackzettel von Hustenmitteln, dass Hustenstiller und -löser nicht zusammen eingenommen werden dürfen. Es drohe eventuell ein Sekretstau. »Die Gefahr eines Sekretstaus ist unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen. Beobachtet wurde dies aber bisher im Rahmen der Selbstmedikation nicht«, sagte Professor Dr. Martin Schulz vom Zentrum für Arzneimittelinformation und Pharmazeutische Praxis der ABDA der PZ. »Zwar sollten beide nicht gleichzeitig eingenommen werden. Doch ist es ohne Weiteres möglich, bei einem produktiven Husten neben dem Expektorans tagsüber abends vor dem Schlafengehen einen Hustenstiller zu verabreichen.«

 

Bei Husten gilt es, viel zu trinken. Das steht noch in so manchem Lehrbuch. Auch der Arzneiverordnungsreport bezeichnet die Aufnahme von zwei bis drei Litern Wasser am Tag als Getränk oder durch Inhalation als preiswertestes Expektorans. Aber: Diese Maßnahmen sind aus wissenschaftlicher Perspektive nicht gesichert. So heißt es in der Leitlinie Husten der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie, dass »die Erhöhung der Flüssigkeitszufuhr nicht zur Vermehrung des Sekretvolumens führt«. Bei Patienten mit chronischer Bronchitis veränderte ein Mehr an Flüssigkeit weder die Sputummenge noch die -beschaffenheit, haben Untersuchungen gezeigt.

 

Viel Flüssigkeit kann bei Atemwegsinfekten gar negative Auswirkungen haben. Das stellte zumindest ein 2004 publizierter Übersichtsartikel (Guppy, M. P., et al., BJM 328 (2004) 499-500) fest. Danach führen akute Atemwegserkrankungen bei Erwachsenen und Kindern zu einer gesteigerten Ausschüttung von Adiuretin (ADH). Eine höhere Flüssigkeitsaufnahme kann deshalb in eine gefährliche Hyponatriämie münden.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 45/2007

 

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