Die Zeitschrift der deutschen Apotheker

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

Prävention: Typ-2-Diabetes ist vermeidbar

MEDIZIN

 
Prävention

Typ-2-Diabetes ist vermeidbar

Von Christina Hohmann

 

Einem Typ-2-Diabetes geht eine lange Phase mit gestörter Glucosetoleranz voraus. In dieser Frühphase lässt sich das Schicksal Diabetes in vielen Fällen noch abwenden: durch eine Umstellung der Lebensgewohnheiten.

ANZEIGE

 

In den vergangenen Jahrzehnten ist die Zahl der Diabetes-Patienten in Deutschland stark angestiegen. Zurzeit geht man von sieben Millionen behandelten Diabetikern aus, sagt Reinhart Hoffmann von der Deutschen Diabetes Stiftung (DDS). Etwa 95 Prozent von ihnen sind Typ-2-Diabetiker. Jedes Jahr steigt die Zahl der Patienten um weitere 350.000 an. Hinzu kommt eine hohe Dunkelziffer von etwa 3,5 Millionen unentdeckten Erkrankten, sagt Hoffmann.

 

Ein Grund für den Anstieg ist unsere häufig ungesunde Lebensweise. So zählen Übergewicht und Bewegungsmangel neben einer genetischen Veranlagung zu den Hauptrisikofaktoren für Typ2-Diabetes. Je ausgeprägter das Übergewicht ist und je länger es besteht, desto höher ist das Diabetesrisiko. Und dies lässt nichts Gutes ahnen, denn die Menschen in Deutschland, aber auch weltweit, werden immer dicker (siehe dazu Adipositas: Momentaufnahme der globalen Fettleibigkeit). Nach Zahlen des Bundesverbraucherministeriums sind fast 50 Prozent der deutschen Bevölkerung übergewichtig, rund 23 Millionen Männer und 17 Millionen Frauen.

 

Übergewicht betrifft aber nicht nur Erwachsene, sondern stellt schon bei Kindern ein großes Problem dar: 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind zu dick oder sogar adipös, wie der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) des Robert-Koch-Instituts zeigt. Besorgniserregend an den steigenden Zahlen dicker Kinder ist, dass diese meist zu dicken Erwachsenen heranwachsen. »Aus runden Wonneproppen können übergewichtige Erwachsene werden, deren Risiko für Diabetes stark erhöht ist«, sagt Monika Koch, Beauftragte für Selbsthilfe des Deutschen Apothekerverbandes (DAV). Prävention muss daher möglichst früh ansetzen. Anlässlich des Weltdiabetestages initiiert die ABDA - Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände zusammen mit der DDS und dem Deutschen Diabetiker Bund die Präventionskampagne »Diabetes ist kein Zuckerschlecken«. Vom 14. bis 21. November sollen Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 16 Jahren sowie ihre Eltern und Großeltern in Apotheken über Risikofaktoren für Diabetes und Vermeidungsstrategien aufgeklärt werden. Denn was viele nicht wissen: Diabetes ist vermeidbar. Der manifesten Erkrankung geht eine lange Phase mit gestörter Glucosetoleranz voraus. Diese lässt sich durch einfache Tests erkennen: Bei Betroffenen liegt der Nüchternblutglucose-Wert zwar im Normbereich, der Zwei-Stunden-Wert nach Glucosebelastung aber über der Norm, zwischen 140 und 200 mg/dl.

 

Regelmäßige Screeningtests sind vor allem wichtig, weil Studien zufolge jedes Jahr etwa 5 bis 10 Prozent der Personen mit gestörter Glucosetoleranz einen manifesten Diabetes entwickeln. Diese Entwicklung lässt sich durch eine Änderung des Lebensstils und durch pharmakologische Maßnahmen verhindern oder zumindest aufhalten.

 

Dies belegt die finnische Diabetes-Präventionsstudie von 2001. Das Team um Professor Dr. Jaakko Tuomilehto von der Universität Helsinki hatte 522 Personen mit gestörter Glucosetoleranz in zwei Gruppen aufgeteilt. Eine Gruppe erhielt eine intensive Betreuung, durch die sie zu einer 5-prozentigen Gewichtsreduktion und Sport (viermal wöchentlich etwa eine halbe Stunde moderate Bewegung wie Gehen) angeregt wurde. Außerdem sollten die Probanden der Interventionsgruppe ihre Ernährung umstellen, die Fettzufuhr auf 30 Prozent der täglichen Energie reduzieren und die Ballaststoffaufnahme auf 15 Gramm pro 1000 Kilokalorien erhöhen. Die Kontrollgruppe erhielt nur eine kurze Belehrung zu gesunder Lebensweise, aber keine intensive Betreuung. Nach 3,2 Jahren wurde die Studie aus ethischen Gründen frühzeitig abgebrochen: In der Interventionsgruppe war die Zahl der neu diagnostizierten Diabetes-Erkrankungen um 58 Prozent niedriger als in der Kontrollgruppe. Mehr als die Hälfte der Erkrankungen lässt sich also durch Gewichtsreduktion und moderaten Sport verhindern.

 

Diese Ergebnisse belegte auch die ein Jahr später veröffentlichte amerikanische Studie, das »Diabetes Prevention Program«, an dem 3234 Probanden mit gestörter Glucosetoleranz teilnahmen. In der Untersuchung setzten die Forscher ebenfalls auf eine Gewichtsreduktion (von 7 Prozent des Körpergewichts), fettarme, ballaststoffreiche Ernährung und moderaten Sport. Auch in dieser Studie hatte die Interventionsgruppe ein um 58 Prozent niedrigeres Risiko, an Diabetes zu erkranken als die Kontrollgruppe. Das »Diabetes Prevention Program« untersuchte auch, ob sich durch Medikamente Diabetes verhindern lässt. Ein dritter Teil der Probanden erhielt daher zweimal täglich 850 mg des oralen Antidiabetikums Metformin. In dieser Gruppe lag die Diabetesinzidenz nach drei Jahren um 31 Prozent niedriger als in der Kontrollgruppe, die ein Placebo erhielt.

 

Ein weiteres Medikament wurde in der STOP-NIDDM-Studie untersucht. Hier konnte die tägliche Einnahme von 300 mg des α-Glucosidasehemmers Acarbose die Diabetesinzidenz in 3,3 Jahren um 24 Prozent senken. In der HOPE-Studie zeigte auch Rampiril eine positiven Effekt: Der ACE-Hemmer senkte den Anteil an Herzinfarkten sowie an Schlaganfällen bei den Hochrisikopatienten und reduzierte außerdem die Zahl der Diabeteserkrankungen um 35 Prozent.

 

Somit ist auch eine Diabetesprävention mit Medikamenten möglich, allerdings sind alle drei Wirkstoffe nur halb so effektiv wie eine Umstellung der Lebensweise. »Es stellt sich jedoch die Frage, welcher Teil der Risikogruppe bereit ist, sein Verhalten nachhaltig zu verändern«, gibt Hoffmann zu bedenken. Eine Lebensstilintervention sei die erste Wahl. Aber für Patienten, die dazu nicht in der Lage seien, stelle die medikamentöse Prävention eine Alternative dar.

 

Rechtzeitig handeln

 

Da die Manifestation von Diabetes vermeidbar ist, ist es besonders wichtig, durch Vorsorgeuntersuchungen eine pathologische Glucosetoleranz früh zu erkennen. Ein Problem hierbei sei, dass bei vielen Risikopersonen die Risikoeinschätzung fehle, sagt Hoffmann. »Ein Prädiabetes hat keine Symptome, nichts tut weh.« Die Bevölkerung müsse für die Erkrankung sensibilisiert werden. Ein guter Anlass hierfür biete die Präventionskampagne der ABDA. Auf der Website www.abda.de hat die ABDA ein Aktionspaket für Apothekenmitarbeiter bereitgestellt, das auch einen Kunden-Infobogen mit Risikotest enthält. Einen weiteren Risikocheck stellt die Deutsche Diabetes Stiftung unter www.diabetes-risiko.de bereit. Mit acht einfachen Fragen lässt sich mit dem FINDRISK-Test das persönliche Erkrankungsrisiko für die nächsten zehn Jahre feststellen. »Für bis zu 80 Prozent der übergewichtigen Personen liefert der Test ein Ergebnis, das konkrete Handlungen bis hin zum Arztbesuch vorschlägt«, sagt Hoffmann. Solche Risikotests sind eines der wichtigsten Mittel der Prävention. Nur wer sein Risiko kennt, kann dagegen angehen.


Empfehlungen

Maßnahmen zur Diabetes-Prävention:

 

Vermeidung von Übergewicht
langfristige Senkung des Körpergewichts bei Übergewichtigen um mindestens 5 Prozent (besser 10 Prozent)
Steigerung der körperlichen Aktivität auf etwa 30 Minuten an vier bis fünf Tagen der Woche
Reduktion der Gesamtfettzufuhr auf weniger als 30 Prozent der aufgenommenen Energiemenge
Verzehr von komplexen Kohlehydraten mit hohem Ballaststoffanteil (mindestens 15 g Ballaststoffe auf 1000 kcal)

Weitere Themen im Ressort Medizin...

Beitrag erschienen in Ausgabe 45/2007

 

Das könnte Sie auch interessieren

 

 












DIREKT ZU