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Uni Leipzig: Pharmazie auf der Abschussliste











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Pharmazie auf der Abschussliste


Von Daniela Biermann / Die Uni Leipzig will das Institut für Pharmazie schließen. Die Leipziger Pharmaziestudenten demonstrieren geschlossen dagegen. Auch Bundesapothekerkammer sowie Kammer und Verband in Sachsen protestierten scharf gegen die Sparpläne. Die Hoffnung liegt nun auf dem Bildungsministerium.

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Für die Studenten und Professoren war die Ankündigung ein Schock: Das Institut für Pharmazie an der Universität Leipzig soll geschlossen werden. Das verlautbarte vergangene Woche Dienstag überraschend das Rektorat der Uni. Dahinter stecken reine Sparmaßnahmen, getarnt als »Profilbildung und Stellenkürzungen«. Die Uni will 48 Personalstellen bis 2014 abbauen. Weitere Kürzungen sind bis 2020 geplant. Betroffen sind alle 21 Stellen in der Pharmazie, inklusive 5 Professuren. Hintergrund ist laut Universitätsrektorat eine Fehleinschätzung des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst, das von sinkenden Studentenzahlen ausgeht. Tatsächlich steigen sie weiter an – auch in der Pharmazie.

 

Keine Pharmazie, dafür mehr Lehrer

 

Das Rektorat habe nun die verschiedenen Lehr- und Forschungseinheiten bewertet und komme zu dem Schluss: »Wenn wir wirklich abbauen müssen, dann werde ich der Staatsministerin von Schorlemer die Schließung des Instituts für Pharmazie mit dem dazugehörigen Studiengang vorschlagen sowie die Einstellung des Studiengangs M.A. Komparatistik«, sagte die Rektorin Professor Dr. Beate A. Schücking. Dagegen sollen in Zukunft mehr Lehrer ausgebildet werden.




Die Leipziger Pharmaziestudierenden wehren sich mit allen Mitteln gegen die von der Universität geplante Schließung des Fachbereichs Pharmazie.

Foto: Nitzschke


Bereits ab Herbst 2012 sollen keine Studienbewerber im Fach Pharmazie mehr angenommen werden. Zwar versicherte das Rektorat, alle derzeit eingeschriebenen Studenten könnten ihr Pharmaziestudium in Leipzig zu Ende führen. Wie das bei laufendem Stellenabbau funktionieren soll, erklärte es allerdings nicht.

 

Für die geschäftsführende Direktorin Professor Dr. Michaela Schulz-Siegmund ist die Entscheidung vollkommen unverständlich. »Das Institut für Pharmazie ist der völlig falsche Punkt, um zu sparen«, sagte sie gegenüber der Pharmazeutischen Zeitung. Die Pharmazie sei wahrscheinlich betroffen, weil der Fachbereich relativ klein sei, sagte sie. In Leipzig immatrikulieren sich jedes Jahr rund 50 Erstsemester für Pharmazie. Insgesamt sind derzeit rund 225 Studenten eingeschrieben. Es könnten noch viel mehr sein, wären die Studienplätze nicht begrenzt, denn das Interesse am Studienfach und auch am Standort Leipzig ist größer als das Angebot. Wahrscheinlich wolle das Rektorat auch einfach die Gelegenheit nutzen: Gerade findet im Institut ein Generationswechsel der Professoren statt. Seit 2007 sind bereits drei der fünf Professuren neu besetzt worden. Für 2013 sollen die anderen zwei Stellen altersbedingt neu besetzt werden. »Das ist eine exzellente Vorlage, um hier zu kürzen«, so Schulz-Siegmund. »Wir haben bereits seit Längerem zu wenig Mitarbeiter. Statt zu verbessern, wird hier jetzt eingespart.«




»Wir haben uns bewusst für Leipzig entschieden.«

Foto: PZ/Nitzschke


Fast alle Pharmazeuten versammelten sich vergangene Woche am Mittwochmorgen aus Protest vor dem Rektorat, unterstützt durch Studierende anderer Fachrichtungen. Rund 250 Studenten im weißen Kittel kamen mit symbolisch gepackten Koffern und zogen anschließend in die Innenstadt. Die Aktion hatten die Studenten während der Nacht organisiert, da sowohl Professoren wie Studenten erst am Dienstag von der Entscheidung erfuhren. Am vergangenen Dienstag reisten die Semester nach Leipzig, um vor dem Staatsministerium zu demonstrieren.

 

»Wir kämpfen für den Standort«, sagte die Diplomandin und ehemalige Fachsschaftssprecherin Christin Nitzschke der PZ. »Schließlich haben wir uns bewusst für Leipzig entschieden.« Neben dem attraktiven Umfeld wissen die Studenten vor allem die individuelle Betreuung und Förderung zu schätzen.

 

Der Bundesverband der Pharmaziestudierenden in Deutschland (BPhD) unterstützt die Leipziger Studenten. Der Entschluss sei absurd. Der zunehmende Mangel an Apothekern im sächsischen Raum würde weiter verstärkt. Zwangsläufig würden noch weniger Abiturienten einen Studienplatz für Pharmazie bekommen.

 

Die Hoffnung haben die Leipziger Pharmazeuten noch nicht aufgegeben. »Zwar hat sich das Rektorat festgelegt«, sagte Schulz-Siegmund. Letztlich entscheidet aber das Sächsische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst. »Und das wird es nicht akzeptieren«, ist sich die Apothekerin sicher. »Pharmazeuten werden gebraucht, es gibt jetzt schon viel zu wenige.«

 

Probleme bei Versorgung

 

Das fürchtet auch die Bundesapothekerkammer (BAK). Sie sprach von einer »erheblichen Fehlentscheidung«.  »Wer heute Pharmazie studiert, hat exzellente Aussichten auf dem Arbeitsmarkt«, sagte BAK-Präsidentin Erika Fink. »Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr Studienplätze für Pharmazie. Ich appelliere deshalb dringend an das Rektorat der Universität Leipzig, das Institut nicht zu schließen.«

 

Sächsische Apothekerkammer und -verband reagierten bestürzt auf die Pläne des Rektorats. Bereits 2010 hatten sich Kammer und Verband an die sächsische Landesregierung gewandt und eine Aufstockung um mindestens 10 bis 20 Studienplätze in Leipzig erbeten. Trotz der derzeit hohen Bewerberzahlen sei es bereits jetzt nicht möglich, alle freien Stellen in den Apotheken zu besetzen. Laut Kammer und Verband blieb 2009 jede zweite angebotene Stelle frei.

 

Monika Koch, Vorsitzende des Sächsischen Apothekerverbands, sah den gesetzlichen Auftrag einer qualitativ hochwertigen Arzneimittelversorgung inklusive Nacht- und Notdienst in Gefahr. Leipzig ist der einzige Standort für Pharmazie in Sachsen. »Die Umsetzung der Sparziele des Rektorats der Leipziger Universität halten wir für einen eklatanten Fehler«, sagt auch Friedemann Schmidt, Präsident der Sächsischen Landesapothekerkammer. Sachsen wäre dann das einzige Flächenland in der Bundesrepublik ohne universitäres pharmazeutisches Institut, kritisierte er.

 

Der Kammerpräsident rechnet mit fatalen Konsequenzen: »Die sächsische Bevölkerung hat im Bundesvergleich ein sehr hohes Durchschnittsalter. Gerade alte Menschen sind auf die wohnortnahe Versorgung der Apotheken angewiesen.« Schon heute fänden Apotheker in manchen Regionen des Sachsens nur schwer qualifiziertes Personal. Die Situation werde sich in den kommenden Jahren noch verschärfen, weil viele Pharmazie-Ingenieure und Apotheker in den Ruhestand gingen.

 

Politik pro Pharmazie

 

Auch der Studentenrat, die Grünen und die SPD im Landtag kritisierten die Stellenstreichungen an den sächsischen Hochschulen. Diese Entscheidung würde das Ende der Pharmazeutenausbildung in Sachsen bedeuten, sagte die Dresdner Bundestagsabgeordnete Marlies Volkmer (SPD), die für die SPD im Gesundheitsausschuss des Bundestages sitzt. »Das ist in Zeiten des sich ankündigenden Nachwuchsmangels in diesem Bereich nicht akzeptabel.« Absolventen könnten nur schwer aus anderen Bundesländern abgeworben werden, so Volkmer weiter. »Es hat sich gezeigt, dass Absolventen bevorzugt in dem Bundesland bleiben, in dem sie studiert haben.«

 

Verstärkung gibt es auch von wissenschaftlicher Seite. »Die pharmazeutischen Wissenschaften sind ein unverzichtbarer Bestandteil der universitären Fächervielfalt mit großer Forschungstradition. Eine Schließung des Instituts für Pharmazie in Leipzig würde den Forschungs- und Wirtschaftsstandort Sachsen nachhältig schwächen«, warnt die Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft (DPhG). Der Studiengang in Leipzig können auf eine lange und erfolgreiche Tradition zurückblicken. Heute sei das Institut interdisziplinär aufgestellt. Die Wissenschaftler der Leipziger Pharmazie böten Forschung und Ausbildung auf hohem Niveau. Von ihren Ergebnissen, unter anderem in der anwendungsorientierten Klinischen Pharmazie, profitiere natürlich auch die Bevölkerung. / 


Kommentar

Ohne Sinn und Verstand

Nur weil die Gelegenheit günstig ist, soll in Leipzig die Pharmazie dran glauben. Gleichzeitig sollen »neben den Exzellenzbereichen der Natur- und Lebenswissenschaften auch die Lehrerbildung« gestärkt werden, heißt es in einer Pressemitteilung. Weiß im Rektorat niemand, dass die Pharmazie zu den Naturwissenschaften zählt? Auch wird die Förderung von Lehramtsstudenten mit dem Nachwuchsmangel und demografischen Wandel begründet. Moment: Weniger Kinder brauchen mehr Lehrer? Mehr Alte brauchen weniger Apotheker? Wozu hat die Universität eigentlich einen Lehrstuhl für Logik angeschafft? Die Nachfrage von und für Pharmazeuten ist da – in Sachsen und in der gesamten Bundesrepublik: Es gibt mehr Bewerber als Studienplätze. Die Absolventen haben eine fast hundertprozentige Jobgarantie. Den Apothekern fehlen jetzt schon Mitarbeiter und Nachfolger. Bleibt zu hoffen, dass die sächsischen Ministerien für Wissenschaft und Gesundheit besser kalkulieren können als das Unirektorat.

 

Daniela Biermann

PZ-Redakteurin


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Beitrag erschienen in Ausgabe 51/52/2011

 

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