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Personalisierte Medizin: Kassen befürchten Kostenexplosion

WIRTSCHAFT

 
Personalisierte Medizin

Kassen befürchten Kostenexplosion


Von Werner Kurzlechner, Berlin / Personalisierte Medizin wird eine bessere Versorgung ermöglichen, ohne die Kosten im Gesundheitssystem in unbezahlbare Höhen zu treiben. Das versprechen die Hersteller. Die Krankenkassen klingen demgegenüber besorgt, ohne die Chancen für die Patientensicherheit zu ignorieren.

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Personalisierte Medizin darf nicht so teuer sein wie ein VW Golf. Sie sollte eher so günstig zu haben sein wie eine Tafel Milka-Schokolade – relativ betrachtet, versteht sich. So ähnlich jedenfalls fügte sich das Bild zusammen, das Bayer Health Care-Manager Michael Lorenz in Berlin bei einer Euroforum-Konferenz benutzte.

 

Um Missverständnissen vorzubeugen: Selbstverständlich verglich Lorenz in seinem launigen Vortrag nicht die absoluten Preise von Autos, Süßigkeiten und Medizin. Vielmehr beleuchtete er, wie ökonomische Logik die Weichenstellung im viel diskutierten Feld der personalisierten Medizin aus Herstellersicht bestimmt.

 

Therapeutische Unikate

 

Vom VW Golf gebe es 13 Varianten, die mit 20 Motoren, 30 Farben und 130 Sonderausstattungen kombiniert werden können, so Lorenz: »Dazu kann man noch wählen, ob man die Naht der Lederpolsterung in Rot, Grün oder Gelb haben möchte.« So sei der Golf in mehr als einer Million Variationen erhältlich – total personalisiert also, was aber mit langen Lieferzeiten und großen Preisunterschieden einhergeht.

 

Übertragen auf die Arzneimittelversorgung hieße das, für jeden Patienten individuell nach genetischen Merkmalen die nur für ihn optimale Therapie finden. In der Praxis nicht machbar, urteilte Lorenz. Neben extremen Kosten seien therapeutische Unikate auch aus Zeitgründen problematisch, weil es beispielsweise in der Krebstherapie ja auf möglichst schnelle Behandlung ankomme.

 

Umsetzbar sei da schon eher eine Produktdifferenzierung wie beispielsweise bei Schokolade. Die ist immer zum Standardpreis verfügbar, und zwar in stets 24 Variationen. Das entspräche also einer therapeutischen Differenzierung nach Patientengruppen, die anhand ausgewählter Biomarker unterschieden werden.

 

Vor diesem Hintergrund skizzierte Lorenz ein durchaus optimistisches Kostenszenario für die personalisierte Medizin. Deutlich teurer werde sich dadurch die Diagnose gestalten, weil aufwendige Verfahren wie DNA-Analyse nötig seien und auch riesige Patientendatenbanken erstellt werden müssten. Demgegenüber seien allerdings Einsparungen im Feld der Therapie zu erwarten, weil nicht länger nach der Versuch- und-Irrtum-Methode vorgegangen werden müsse. Die Patienten bekämen idealerweise sofort das für sie wirksamste Medikament – und das werde häufig auch ein nicht mehr patentgeschütztes Präparat sein.

 

Eine entscheidende Herausforderung sei hier die Schaffung einer neutralen Stelle für genetische Diagnostik. Auch die Einrichtung von Patientendatenbanken sei sinnvoll nur zentralistisch zu bewerkstelligen, so Lorenz. Der gelernte Verfahrens­ingenieur äußerte sich insgesamt also höchst zuversichtlich, dass personalisierte Medizin nach »Milka-Konzept« zu bezahlbaren Preisen angeboten werden kann. Auch vor dem Hintergrund des Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetzes (AMNOG) sei sich die pharmazeutische Industrie darüber im Klaren, dass mit Therapie alleine künftig weniger zu verdienen ist. »Die Gewinne werden hier systematisch heruntergedrückt«, sagte Lorenz. Die Hersteller würden deshalb versuchen, diese Verluste über Diagnostik zu kompensieren. Im Übrigen sei der Pharmaindustrie schon aus Eigennutz daran gelegen, dass die Arzneimittelpreise die Ressourcen der Gesetzlichen Krankenversicherung nicht überstrapazierten. Schließlich lebe man von einem funktionierenden Gesundheitssystem.

 

Die Kassen schätzen die Lage erwartungsgemäß weniger optimistisch ein. »Es kann bei den Kosten auch in die andere Richtung gehen«, hielt Hardy Müller vom Wissenschaftlichen Institut der Techniker Krankenkasse für Nutzen und Effizienz im Gesundheitswesen den Ausführungen von Lorenz entgegen

 

Finanzieller Sprengsatz

 

Ohne Zweifel biete die individualisierte Medizin enorme Chancen für mehr Patientensicherheit, die zu nutzen seien, so Müller. Aus Kassensicht sei neben sozialrechtlichen und ethischen Risiken aber auch die Gefahr einer Kostenexplosion erkennbar, die zum Sprengsatz für die solidarische Finanzierung des Gesundheitswesens werden könne. Darüber hinaus bedeute eine auf Patientengruppen zugeschnittene Therapie eine schwer zu bewältigende Herausforderung für das Kostenmanagement der Kassen. / 


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Beitrag erschienen in Ausgabe 51/52/2011

 

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