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Fremdbesitzverbot: Der Markt wird's schon richten

POLITIK

 
Fremdbesitzverbot

Der Markt wird's schon richten

Von Uta Grossmann, Berlin 

 

Alles wird besser, wenn der deutsche Apothekenmarkt erst liberalisiert ist ­ auf diese schlichte Formel ließe sich die Zukunftsprognose reduzieren, die Teilnehmer einer Diskussion der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen gebetsmühlenhaft wiederholten. Unter den Diskutanten war selbstverständlich auch Celesio-Chef Dr. Fritz Oesterle.

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Der Titel der Diskussion gab die Marschrichtung vor: »Fremd- und Mehrbesitzverbot: Anachronismus oder unverzichtbar für den Patientenschutz?« Es ging also um Schwarz oder Weiß, differenzierte Zwischentöne waren nicht gefragt am Freitag im Jakob-Kaiser-Haus hinter dem Berliner Reichstag. Drei Diskutanten waren der Einladung der Grünen-Fraktion gefolgt: Professor Dr. Jürgen Wasem von der Universität Duisburg/Essen (Lehrstuhl für Medizinmanagement), Dr. Stefan Etgeton vom Bundesverband der Verbraucherzentralen und Dr. Fritz Oesterle, Vorstandsvorsitzender der Celesio AG. Celesio hatte im April die Internet-Apotheke Doc Morris gekauft. Das Stuttgarter Unternehmen ist der größte Pharmagroßhändler Europas und betreibt bereits in Großbritannien, Norwegen und Italien Apothekenketten.

 

Die Diskutanten ließen keinen Zweifel daran, dass sie das Fremd- und Mehrbesitzverbot für einen Anachronismus halten. Nur Etgeton streute hier und da ein Fragezeichen ein, wenn er die Interessen der Verbraucher in Gefahr wähnte. Zwar sagte er wie Oesterle und Wasem eine künftige »Pluralität der Betriebsformen und Vertriebswege« im deutschen Apothekenmarkt voraus. Doch er drängte auch darauf, dass sowohl die Arzneimittelsicherheit als auch die flächendeckende Versorgung mit Medikamenten in einem liberalisierten Markt gewährleistet sein müsse. Es müsse geklärt werden, ob bestimmte Vertriebswege höhere Risiken für die Verbraucher enthielten als andere, sagte Etgeton. Eine »proaktive Beratung« sei unverzichtbar, um den Verbraucher vor sich selbst zu schützen - sprich, ihn davor zu bewahren, zu viele oder die falschen Arzneimittel zu besorgen. »Dafür braucht man intelligente Instrumente«, befand der Verbraucherschützer, ohne näher darauf einzugehen, wie die aussehen könnten.

 

Ein »zutiefst liberalisierter Markt«

 

Celesio-Chef Oesterle lobte zunächst den »Mut« der Grünen, eine Diskussion über die Liberalisierung des deutschen Apothekenmarktes zu organisieren. »Ich hätte eine solche Veranstaltung eher bei der FDP erwartet«, sagte er. Nach seiner Überzeugung werden europarechtliche und politische Vorgaben bestimmen, wie sich der deutsche Apothekenmarkt in den kommenden fünf Jahren entwickelt. Das Ergebnis werde ein »zutiefst liberalisierter Markt« sein, in dem ein Preis- und Leistungswettbewerb zwischen den Apotheken zum Wohle der Verbraucher stattfinde. Doch, man höre, »wir müssen darauf achten, dass die Qualität nicht dem Wettbewerb zum Opfer fällt«, sagte der bekennende Befürworter von Ketten und Versandhandel.

 

Oesterle pochte auf die »Beratungspflicht« der Apotheker, die auch für OTC-Arzneimittel gelte. OTC steht für over the counter; gemeint sind Arzneimittel, die rezeptfrei, aber apothekenpflichtig über den Handverkaufstisch gehen. Er bezweifelte, dass im OTC-Verkauf ausreichend beraten werde, und behauptete, in der Regel verlange der Kunde ein Präparat und bekomme es ohne weitere Aufklärung überreicht.

 

Professor Wasem wies auf Einsparpotenziale hin, die bei den deutschen Arzneimittelpreisen im Vergleich zu anderen Ländern der Europäischen Union (EU) vorhanden seien. »Da ist noch Luft drin«, befand er und bekam umgehend Schützenhilfe von Oesterle, der von »um 75 Prozent gesunkenen Generikapreisen in Norwegen« sprach, nachdem die Liberalisierung dort Einzug gehalten hatte.

 

Sprachlosigkeit überwinden

 

Das Schöne an derartigen Diskussionen ist ja, dass die Diskutanten meistens wissen, wer ein Problem lösen müsste. So schieben sie die Verantwortung wahlweise auf »die Politik« oder »die Standesvertretung der Apotheker« und entledigen sich zugleich der Notwendigkeit, selbst Vorschläge für den Lösungsweg zu machen. Celesio-Chef Oesterle sprach sich für eine breitere Diskussion mit den »Verbandsvertretern« aus (gemeint war die ABDA - Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände) und forderte, die »Sprachlosigkeit zwischen Standesvertretung und Marktbeteiligten« zu überwinden.

 

Verbraucherschützer Etgeton zeigte seinerseits auf die Standesorganisationen, die noch stärker auf die Beratungsqualität in den Apotheken achten müssten, und verfiel auf die Idee, die Kommunen müssten die Arzneimittelversorgung auch in der Fläche, sprich auf dem platten Land, sicherstellen. Ein Vorschlag, der nicht unbedingt mit Oesterles Beteuerung in Einklang zu bringen war, »der Markt« werde schon alles das richten, was heute noch unklar und regelungsbedürftig scheint. Um Einwände auszuräumen, warf der Celesio-Chef immer mal wieder einen »Blick in Länder mit liberalisiertem Apothekenmarkt« wie Großbritannien, Belgien oder die Niederlande, in denen es keine Versorgungsengpässe gebe. Kurzum, es warte eine »wunderbare Zukunft« auf die Verbraucher.

 

Wasem schob seinerseits die Verantwortung für eine flächendeckende Versorgung auf »die Politik«, da liegt man selten falsch. »Die Politik muss sicherstellen, dass Patienten rezeptpflichtige Arzneimittel, die der Gesetzgeber als Versorgungsstandard definiert, auch bekommen und die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen«, forderte er.

 

Zeitverzögerung im Versandhandel

 

Etgeton stellte die Frage, ob der Versandhandel eine reibungslose Arzneimittelversorgung sicherstellen könne. Er verwies auf die Zeitverzögerung der Lieferung und die Notwendigkeit, etwa über einen Internetzugang zu verfügen, um seine Bestellung aufgeben zu können. Auch hier ließ Oesterle wiederum seinen Blick in die gelobten Länder mit liberalisiertem Markt schweifen, in denen die Pluralität der Vertriebswege eine Sicherstellung des Versorgungsauftrags nicht gefährde.

 

Die Moderatorin Biggi Bender, Bundestagsabgeordnete und gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen, nutzte die Gelegenheit zur Preisgabe persönlicher Erfahrungen und berichtete von einer Radtour, während der sie diverse Apotheken besucht habe, die ihren Wunsch nach einem rezeptfreien Arzneimittel erst Stunden oder gar einen Tag später hätten erfüllen können. Aus diesem Erlebnis schloss sie messerscharf: »Deutsche Apotheken haben auch keine umfassende Vorratshaltung.«

 

Bender ließ auch das Publikum im Jakob-Kaiser-Haus zu Wort kommen. Und siehe da, es stellte sich heraus, dass dort viele Zweifler saßen, die das Fremd- und Mehrbesitzverbot keineswegs für überholt hielten. Im Gegenteil meldeten sich Redner, darunter auch Apotheker, zu Wort, die sich engagiert für den Erhalt der inhabergeführten Apotheke aussprachen. Nur sie könne Arzneimittelversorgung und -sicherheit auf dem heutigen Niveau garantieren.

 

DocMorris-Urteil erst 2009

 

Zwischendurch warf der DocMorris-Anwalt Thomas J. Diekmann seine Prognose in die Runde, der Europäische Gerichtshof werde im Fall der Saarbrücker DocMorris-Apotheke nicht vor 2009 zu einer Entscheidung kommen.

 

Das Urteil wird als entscheidend für die Frage angesehen, ob das Fremd- und Mehrbesitzverbot in Deutschland europarechtlich zu halten ist. Sollte es tatsächlich noch so lange dauern, müssten sich Liberalisierungsbefürworter wie Celesio-Chef Oesterle noch länger gedulden als sie gehofft hatten, bis sie sich ihr Teil vom Apothekenkuchen abschneiden können.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 44/2007

 

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