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Typ-1-Diabetes: Neue Theorien zur Entstehung

MEDIZIN

 
Typ-1-Diabetes

Neue Theorien zur Entstehung


Von Sven Siebenand, Berlin / Typ-1-Diabetes ist hierzulande die häufigste Stoffwechselkrankheit bei Kindern und Jugendlichen. Forscher haben einige, teils überraschende Hypothesen aufgestellt, warum die Zahl der Erkrankten zunimmt. Auch kommen sie dabei voran, Risikopatienten frühzeitig zu identifizieren und der Krankheitsentstehung präventiv entgegenzuwirken.

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Schätzungen zufolge leben in Deutschland zwischen 400 000 und 800 000 Typ-1-Diabetiker. Das sind rund 10 Prozent aller Zuckerkranken. »Die Zahl der Erkrankten nimmt dramatisch zu«, sagte Professor Dr. Anette-Gabriele Ziegler auf der Herbsttagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft in Berlin. Die Leiterin des Instituts für Diabetesforschung am Helmholtz-Zentrum München sprach von einer jährlichen Zunahme von etwa 4 Prozent.

 

Kaiserschnitt und Diabetes

 

Während man leicht erklären kann, warum es immer mehr Typ-2-Diabetiker in Deutschland gibt (Stichwort: Bewegungsmangel und falsche Ernährung), ist das bei der Autoimmunerkrankung Typ-1-Diabetes nicht so eindeutig. »Es müssen Umweltfaktoren sein«, sagte Ziegler. Denn der Genpool des Menschen könne sich unmöglich so schnell ändern. Die Medizinerin nannte einige Hypothesen. So könnte frühkindliche Ernährung die Reifung der Immunabwehr behindern und das Risiko für Typ-1-Diabetes erhöhen. In Untersuchungen erwies sich glutenhaltige Beikost vor dem dritten Lebensmonat als Risikofaktor. Andere Studien zeigen das auch für Obst und andere (glutenfreie) Getreide. Vermutet wird, dass durch Beikost im ersten Lebensjahr die bakterielle Flora des Darms verändert wird. Ziegler sprach von einer gestörten »autoimmunen Darmflora«.




Kinder, die per Kaiserschnitt zur Welt gekommen sind, haben ein erhöhtes Risiko, an Typ-1-Diabetes zu erkranken.

Foto: Fotolia/Grand


Bei einer anderen Hypothese kommen Coxsackie-Viren ins Spiel. Wissen­schaft­ler fanden einen Zusammenhang zwischen einer Infektion mit den Enteroviren und dem Auftreten von Typ-1-Diabetes. Drittens haben Kinder, die per Kaiserschnitt zur Welt gekommen sind, ein um 30 Prozent erhöhtes Typ-1-Diabetes-Risiko. »Vielleicht nimmt die Sectio Einfluss auf die bakterielle Flora und auf die Immunabwehr«, so Ziegler. TEDDY habe diesen Zusammenhang bestätigt. Dabei handelt es sich nicht um Zustimmung aus dem Kinderzimmer, sondern um Fakten aus einer Lang­zeit­studie. TEDDY ist die Abkürzung für The Environmental Determinants of Diabetes in the Young. Diese Studie hat sich zum Ziel gesetzt, die Krankheitsursachen von Typ-1-Diabetes zu identifizieren. Mehr als 8000 Kinder mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko wurden darin über 15 Jahre von Geburt an nachuntersucht.

 

Das Einmaldrei der Risikoermittlung

 

»Um das Erkrankungsrisiko besser abschätzen zu können, führt das Institut für Diabetesforschung ein dreiteilige Stufendiagnostik durch«, informierte Ziegler. Diese beinhaltet eine Familienanamnese, eine genetische Typisierung (HLA-Genotypisierung und die Typisierung von mehreren anderen Typ-1-Diabetes-Risikogenen) sowie eine Inselautoantikörperdiagnostik. Die Ergebnisse ermöglichen eine Risikostratifizierung, die in Abstufungen von keinem Risiko bis zu einer Erkrankungswahrscheinlichkeit von 50 Prozent zu unterscheiden hilft.

 

Bereits zum Zeitpunkt der Geburt untersuchen die Wissenschaftler das Erbgut der Kinder. »Das Nabelschnurblut lässt sich komplikationslos entnehmen und gibt bereits zu diesem frühen Zeitpunkt Auskunft über das Vorhandensein von Hochrisikogenen«, erläuterte Ziegler.

 

Im Alter von zwei Jahren bietet sich die Inselautoantikörperdiagnostik an. Denn bei einem Großteil der Kinder – die später meistens noch vor dem Erreichen des 20. Lebensjahrs Diabetes entwickeln – treten bereits innerhalb der ersten beiden Lebensjahre Inselautoantikörper als Zeichen einer Autoimmunreaktion gegen die körpereigenen Betazellen auf. »Das Schlüssel-Antigen im Kindesalter ist fast immer Insulin«, informierte die Referentin.

 

Präventiv impfen gegen Diabetes

 

Neue Therapiekonzepte sollen die Immunantwort gegen Insulin verändern und so die Entstehung von Typ-1-Diabetes bestenfalls verhindern oder wenigstens hinauszögern. Impfen gegen Typ-1-Diabetes ist hier ein wichtiges Stichwort.




Im Zentrum des Interesses: die Darmflora und ihre Funktion bei der Entstehung von Typ-1-Diabetes.

Foto: Fotolia/Kaulitzki


Ziegler stellte unter anderem die seit 2008 laufende Studie PRE-POINT (Primary Oral Insulin Trial) vor. Diese Dosisfindungsstudie richtet sich an Kinder mit einem hohen genetischen Risiko für Typ-1-Diabetes und möchte mithilfe von täglich oral verabreichtem Insulinpulver den Ausbruch der Erkrankung verhindern. Die Aufnahme des Insulins über den Darm soll das Immunsystem in seinen regulatorischen Fähigkeiten unterstützen. Eine andere Studie versucht, durch nasal verabreichtes Insulin den Krankheitsausbruch bei Kindern und Erwachsenen mit sehr hohem Erkrankungsrisiko zu verhindern. In beiden Studien haben Voruntersuchungen bereits gezeigt, dass es einen schützenden Effekt auf das Immunsystem gibt.

 

Ziegler zufolge lässt sich die Insulinimpfung aber noch weiterentwickeln. Denn Insulin hat keine hohe Affinität zum T-Zellrezeptor. Bestimmte Insulinmimetika besitzen dagegen eine sehr hohe Affinität dazu und könnten Ziegler zufolge eine stärkere Immunreak­tion ermöglichen. Ferner sei zu prüfen, ob eine Impfung vor dem Auftreten von Autoantikörpern nicht noch effi­zienter sei.

 

Die Medizinerin hob die Notwendigkeit individualisierter Therapien hervor. Denn Typ-1-Diabetes ist nicht gleich Typ-1-Diabetes. Einige Patienten entwickeln zum Beispiel erst in vergleichsweise höherem Lebensalter Autoantikörper und diese sind dann meistens nicht gegen Insulin, sondern gegen Glutaminsäure-Decarboxylase (GAD) gerichtet. Auch diese Patienten haben Forscher ins Visier genommen. Eine GAD-Impfung befindet sich nämlich auch schon in der Entwicklung. / 


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Beitrag erschienen in Ausgabe 47/2011

 

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