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Arzneimittel: Gemeinsam gegen Missbrauch

POLITIK

 
Arzneimittel

Gemeinsam gegen Missbrauch


Von Annette Mende und Stephanie Schersch, Berlin / Etwa 1,5 Millionen Menschen in Deutschland sind von Arzneimitteln abhängig. Das hat Folgen für alle Lebensbereiche, auch Verkehrstüchtigkeit und Sport. ABDA, ADAC und Deutscher Olympischer Sportbund wollen daher gemeinsam gegen Medikamentenmissbrauch vorgehen.

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Medikamentensucht ist eine stille Sucht. Niedrige Dosen von Schlafmitteln können Betroffene etwa über viele Jahre hinweg regelmäßig einnehmen, ohne sich überhaupt bewusst zu werden, dass sie von den Tabletten abhängig sind. Dennoch ist durch den Medikamenten-Dauerkonsum ihre Reaktionsfähigkeit eingeschränkt, was beispielsweise im Straßenverkehr höchst problematisch ist.

 

Zusammen mit dem Allgemeinen Deutschen Automobil-Club (ADAC) veranstaltete daher die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände vergangene Woche in Berlin ein Symposium zum Thema Arzneimittelmissbrauch, um die Problematik in den Fokus zu rücken. Dritter Partner der langfristig angelegten Zusammenarbeit ist der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), denn auch im Sport werden Medikamente häufig missbräuchlich eingesetzt.




Vor den Folgen des Medikamentenmissbrauchs warnten Ulrich Klaus Becker und Peter Meyer vom ADAC, DOSB-Präsident Thomas Bach, ABDA-Präsident Heinz-Günter Wolf und Walter Schneeloch vom DOSB (von links).

Fotos: PZ/Zillmer


»Medikamente werden heute leider oft trivialisiert«, sagte ABDA-Präsident Heinz-Günter Wolf. Die Rezeptpflicht werde meist als Schikane betrachtet, die man mit etwas Cleverness durch das Internet leicht umgehen könne. »Rezept­pflicht ist aber Patientenschutz«, betonte Wolf. Wer sich illegal mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln versorge, riskiere seine Gesundheit.

 

Keine Bonbons

 

Jedoch sei Medikamentenmissbrauch nicht auf rezeptpflichtige Präparate beschränkt. »Auch rezeptfreie Medika­mente sind keine Bonbons«, sagte Wolf. Werden zum Beispiel Kopfschmerzmittel dauerhaft in großen Mengen eingenom­men, können sie selbst Kopfschmerzen auslösen. »Nehmen die Patienten dagegen wiederum Schmerzmittel ein, entsteht ein Teufelskreis«, erklärte Wolf. Aufgabe von Apothekern sei es, die Patienten aufzuklären und Missbrauch vorzubeugen.

 

Dass Autofahrer ein hohes Risiko eingehen, wenn sie sich etwa unter dem Einfluss von Schmerzmitteln ans Steuer setzen, erläuterte ADAC-Präsident Peter Meyer. »Fahruntüchtigkeit aufgrund von zu hoher Dosierung oder Missbrauch von Medikamenten wird ebenso bestraft wie eine Alkoholfahrt nach 1,1 Promille«, betonte Meyer. Doch stelle nicht nur der Missbrauch von Arzneimitteln im Straßenverkehr ein Problem dar. »Auch bei bestimmungsgemäßem Gebrauch schränken viele verschreibungspflichtige, aber auch einige freiverkäufliche Medikamente das Reaktionsvermögen ein«, sagte Meyer. Es gelte daher, die Betroffenen zu informieren und so die Eigenverantwortlichkeit der Kraftfahrer zu stärken.

 

Auf das weitverbreitete Problem des Medikamentenmissbrauchs im Sport wies DOSB-Präsident Thomas Bach hin. »Was Doping im Wettkampfsport, ist Medikamentenmissbrauch im Freizeitsport«, sagte Bach. Wichtig sei vor allem, ein Problembewusstsein zu schaffen, denn Arzneimittelmissbrauch gefährde nicht nur die Volksgesundheit, er verstoße auch gegen die ursprüngliche Natürlichkeit des Sports. Mit der zunehmenden Leistungsorientiertheit der Gesellschaft wachse vielerorts die Bereitschaft, die eigene Leistungsfähigkeit mithilfe von Medikamenten aufzubessern. »Diese Problematik bündelt der Sport wie ein Prisma in sich und spiegelt sie wider«, fasste Bach zusammen.

 

Aufgabe der Apotheker

 

Einen Blick auf das Thema Medikamentenmissbrauch aus Sicht der Apotheker warf Professor Dr. Martin Schulz, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK) und Geschäftsführer Arzneimittel der ABDA. Er verwies darauf, dass das pharmazeutische Personal in der Apotheke laut Apothekenbetriebsordnung dazu verpflichtet ist, einem erkennbaren Arzneimittelmissbrauch in geeigneter Weise entgegenzutreten.




ABDA-Vizepräsident Friedemann Schmidt (links) und AMK-Vorsitzender Professor Dr. Martin Schulz sprachen für die Apotheker.

»Das ist eine klare Verbraucher­schutz­aufgabe«, sagte Schulz. Anders als Ärzten, denen die Patienten von selbst gekauften Medikamenten häufig gar nicht berichten, bleibt Apothekern auch der missbräuchliche Einsatz von Arzneimitteln der Selbstmedikation nicht verborgen. »Richtig eingesetzt, sind Medikamente ein Segen für die Behandlung von Krankheiten. Werden sie aber falsch angewendet, entsteht ein Problem«, sagte Schulz.

 

Was die Indizien für einen kritischen Arzneimittelkonsum sind, welche Arzneimittelgruppen problematisch sind und wie sich das pharmazeutische Personal bei einem Missbrauchsverdacht verhalten sollte, fasst ein gerade aktualisierter Leitfaden der Bundesapothekerkammer zum Thema Medikamentenmissbrauch zusammen. Dieser ist auch online unter www.abda.de/medikamentenmissbrauch.html abrufbar.

 

Der erste Schritt

 

Welch große Herausforderung es in der Praxis ist, Medikamentenabhängige von ihrer Sucht zu entwöhnen, erläuterte Dr. Ernst Pallenbach von der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg. Er betreut ein Modellprojekt, in dem Ärzte und Apotheker gemeinsam Benzodiazepin-abhängige Patienten erkennen, gezielt ansprechen und wenn möglich über eine schrittweise Dosisreduktion entwöhnen. »Am wichtigsten, aber auch am schwierigsten ist dabei oft der erste Schritt: Den Patienten auf das Problem anzusprechen«, sagte Pallenbach.

 

Hierbei sei entscheidend, die Reizwörter »Sucht« und »Abhängigkeit« zu vermeiden und stattdessen die physiologischen Zusammenhänge einfach und nachvollziehbar zu erklären. Dabei sollten Apotheker Ansatzpunkte wählen, die primär nichts mit der Sucht zu tun haben, und sich beispielsweise erkundigen, ob die Wirkung der Präparate nachgelassen hat oder ob Vergesslichkeit und Gangunsicherheit der Patienten zugenommen haben, empfahl Pallenbach.

 

Über die Risiken einer Verkehrsteilnahme unter Medikamenteneinfluss sprach Professor Dr. Frank Mußhoff vom Institut für Rechtsmedizin an der Universität Bonn. Anders als bei Alkohol gebe es bei Medikamenten keine Grenzwerte für absolute Fahrunsicherheit. »Wer unter Arzneimitteleinfluss im Straßenverkehr auffällig wird, begeht aber eine Straftat«, sagte Mußhoff.

 

Wie häufig Arzneimittel tatsächlich zu Problemen im Straßenverkehr führen, sei aber unklar. Die Polizei würde nach einem negativen Alkohol- und Drogentest häufig keine Blutuntersuchung auf Arzneimittel vornehmen. »Die Dunkelziffer ist daher sicher außergewöhnlich hoch.« In vielen Fällen fehlt Mußhoff zufolge außerdem der eindeutige Beweis, dass ein beim Fahrer nachgewiesenes Medikament tatsächlich Ursache für einen Unfall ist.

 

Heute gibt es immer mehr ältere, multimorbide Autofahrer, die verschiedene Arzneimittel einnehmen. Gerade die Polymedikation verbunden mit Interaktionen verschiedener Medikamente sei ein Risiko im Straßenverkehr, so Mußhoff. Problematisch sei außerdem die Selbstmedikation. »Rund 70 Prozent aller Schmerzmittel werden heute ohne Rezept in der Apotheke verkauft.«

 

Die Autofahrer seien sich der Gefahr häufig nicht bewusst. Dabei sei der Patient durchaus in der Pflicht, sich über die Nebenwirkungen seiner Arzneimittel zu informieren. »Er muss Eigenverantwortung übernehmen.« Für mehr Aufklärung könnten Warnhinweise auf der Arzneimittelpackung sorgen, die auf eine mögliche Beeinflussung der Fahrtüchtigkeit hinweisen, sagte Mußhoff. Gefragt sei aber auch der Arzt. Er müsse den Patienten umfassend informieren. »Bei Unterlassung oder unzureichender Aufklärung drohen straf- und zivilrechtliche Folgen.«

 

Hirndoping ist ein Thema

 

Seit einigen Jahren spielen Arzneimittel auch in der Arbeitwelt eine wachsende Rolle. Unter dem Stichwort Hirndoping oder Neuroenhancement nehmen Arbeitnehmer ohne medizinische Notwendigkeit Medikamente ein, um ihre Leistungsfähigkeit zu steigern. »Dabei handelt es sich in der Regel um Arzneimittel, die die Aufmerksamkeit fördern oder die Stimmung aufhellen, also um Medikamente, die frisch und wach machen«, sagte Privatdozentin Dr. Katrin Janhsen von der LWL-Universitätsklinik Bochum.




Hirndoping ist mittlerweile stark verbreitet, warnte Privatdozentin Dr. Katrin Janhsen.

Laut DAK-Gesundheitsreport 2009 dopen rund 5 Prozent der Erwerbstätigen am Arbeitsplatz. Frauen greifen demnach häufig bei depressiven Verstimmungen zu Arzneimitteln, Männer vor allem bei Konzentrationsschwäche. »Menschen mit einem stressigen Arbeitsplatz akzeptieren viel eher, Arzneimittel zur Leistungsför­derung zu nehmen«, sagte Janhsen. Viele würden die Risiken zwar kennen, sie jedoch für vertretbar halten.

 

Auch unter Schülern und Studierenden ist Hirndoping bereits ein großes Thema. Im Internet gebe es heute eine Vielzahl von Webseiten mit zielgruppenspezifischen Tipps zum Neuroenhancement. »Dort erhält jeder gezielte Informationen dazu, welche Arzneimittel sich am besten für welche Art der Leistungsföderung eignen«, so Janhsen. /


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Beitrag erschienen in Ausgabe 45/2011

 

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