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Stottern: Wenn das Sprechen zur Qual wird

MEDIZIN

 
Stottern

Wenn das Sprechen zur Qual wird


Von Jasmin Andresh / In der Kommunikation mit anderen behindert zu sein, weil einem die Worte einfach nicht über die Lippen kommen wollen: Vor dieser Schwierigkeit stehen stotternde Menschen jeden Tag. Die ungewollten Stockungen im Redefluss haben meist zentralnervöse Ursachen. Verschiedene Therapie­ansätze haben sich bewährt.

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Walburga ist 50. Sie stottert, seit sie vier ist. Das Stottern ist über die Jahre besser geworden. »Aber bei Stress oder Schlafmangel, wenn ich unter Druck bin, dann ist es da.« Manche bekommen in solchen Situationen Magen- oder Kopfschmerzen, andere müssen plötzlich aufs Klo. Walburga schlägt es auf die Sprache.




Angst und Scham empfinden viele Stotterer, wenn ihnen Wörter im Hals stecken bleiben. Verständnis und Rücksicht des Gesprächspartners können ihnen dabei helfen, die Sprechblockade zu überwinden.

Foto: Fotolia/Barrow


Wie Walburga geht es in Deutschland mehr als 800 000 Menschen. Sie müssen sich die Worte förmlich heraus zwingen, manche setzen den ganzen Körper ein, um die Blockade zu überwinden. Viele sind Meister darin, ein gefürchtetes Wort durch ein anderes zu ersetzen. Andere versuchen, das Sprechen weitgehend zu vermeiden.

 

Das Problem früh angehen

 

Etwa 5 Prozent der Kinder im Alter von drei bis zehn Jahren sind Stotterer. Bei Jugendlichen und Erwachsenen ist es etwa 1 Prozent. Die ersten Probleme treten meist im Alter zwischen zwei und fünf Jahren auf. Bis zur Pubertät sprechen vier von fünf der betroffenen Kinder ohne weiteres Zutun wieder normal. Doch bei wem das Stottern sich wieder verliert, ist nicht vorhersagbar.

 

Jungen stottern etwa doppelt so häufig wie Mädchen und bei ihnen verliert sich das Problem seltener spontan wieder. »Viele Eltern hören von ihrem Kinderarzt, das Stottern würde sich oft von allein auswachsen und sie sollten erst einmal abwarten. Das ist aber kontraproduktiv«, sagt Professor Dr. Katrin Neumann, Leiterin des Schwerpunkts für Phoniatrie und Pädaudiologie der HNO-Uniklinik in Frankfurt am Main. »Bis zu 90 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen können geheilt werden, wenn wir früh intervenieren«, so Neumann.

 

Das gewöhnliche Stottern wird heute als zentralnervöse Störung des Sprechens und seiner Planung angesehen. Es beginnt in der Kindheit aufgrund genetischer Disposition, manchmal in Kombination mit ungünstigen Umgebungsfaktoren, und hat neuromorphologische und -funktionelle Komponenten. In den vergangenen Jahren konnte mithilfe von bildgebenden Verfahren gezeigt werden, dass zwischen den Hirnen stotternder und nicht stotternder Personen strukturelle Differenzen bestehen. Es gibt Hinweise darauf, dass bei Stotterern eine funktionelle Fehlverbindung zwischen sensorisch-motorischen und frontalen Regionen des linken Kortex besteht. Zu den betroffenen vorderen Hirnregionen gehört insbesondere das Broca-Zentrum, die motorische Sprachregion des Gehirns.

 

Keine psychische Störung

 

Stottern ist also – entgegen landläufiger Meinung – keine psychische Störung. Gleichwohl hat das Leiden eine psychische Komponente. Die Gefühls­lage und vor allem die soziale Situation haben einen großen Einfluss auf den Redefluss von Stotterern. Meist wird das Stottern beim Singen oder Flüstern, beim Sprechen im Chor oder im Takt schwächer. Es bessert sich, wenn der Betroffene mit einem Kleinkind oder einem Tier spricht, also in Situationen ohne sozialen Druck. Schlimmer wird es dagegen meist bei Anstrengung oder Müdigkeit, bei Gesprächen am Telefon oder mit Autoritätspersonen. Manchmal bereitet das flüssige Sprechen eine Zeit lang auch keine Probleme. Nicht immer ist das aber ein Hinweis auf eine einsetzende Selbstheilung. Und es bedeutet nicht, dass der Betroffene anscheinend ja »richtig sprechen kann, wenn er nur will«.




Reden ohne Druck: Viele Stotterer sprechen mit Tieren flüssiger als mit Menschen.

Foto: Fotolia/Hagen


Stotterer zu sein hat erhebliche Auswirkungen auf das Selbstbewusstsein. Viele Betroffene entwickeln im Laufe der Zeit sogar eine soziale Phobie. Manche richten das ganze Leben nach dem Stottern aus: Ausbildung, Beruf, Hobbys und Freunde – alles wird so gewählt, dass sie möglichst wenig sprechen müssen.

 

Doch diese Vermeidungshaltung tut nicht gut, weiß die 19-jährige Kim (Name von der Redaktion geändert) aus eigener Erfahrung. Ihre Sprache gerät seit der Grundschule ins Stocken. Seit einem dreiviertel Jahr macht sie eine Stottermodifikations-Behandlung. Nun geht sie das Problem offensiver an. »In der Therapie bekamen wir ein T-Shirt, auf dem mit roter Schrift steht: ‚Ich bin Stotterer’«. Das trug sie in der Schule. »Viele fanden das toll, haben gesagt, das hätten sie sich nicht getraut.«

 

Stottern nicht tabuisieren

 

Ein offener Umgang mit dem Stottern ist besonders bei Kindern wichtig. Schon Zweijährige sind in der Lage, das Problem selbst wahrzunehmen. Wird aus dem Stottern ein Tabu gemacht, schließt das Kind daraus, dass es sich dafür schämen muss. Helfen kann man, indem man das Kind in Ruhe ausreden lässt, nicht seine Sätze beendet. Oder mitfühlend sagt: »Das war jetzt aber anstrengend.« Eltern sollten auch das engere Umfeld informieren, welche Reaktionen sinnvoll sind und welche eher nicht.

 

»Den einen« Grund dafür, dass jemand stottert, gibt es nicht. Eltern sehen sich manchmal in der Verursacherrolle, doch Untersuchungen entlasten sie: Für die Entwicklung eines Stotterns gibt es eine hohe genetische Disposi­tion. Beobachtungen an Zwillingen haben gezeigt, dass Eineiige mit großer Wahrscheinlichkeit (70 Prozent) beide stottern, während sich die Sprachstörung bei Zweieiigen nur etwa halb so häufig bei beiden Kindern ausprägt. Die Angaben für die Erblichkeit schwanken für stotternde Erwachsene zwischen 70 und mehr als 80 Prozent. Für Kinder ist belegt, dass sowohl die Entstehung des Stotterns als auch die spontane Rückbildung erblich sind. Entwickelt sich ein Stottern erst nach dem zwölften Lebensjahr, hat es in der Regel eine hirnorganische, psychische oder psychiatrische Ursache, die abgeklärt werden muss.

 

Leidensdruck als Indikator

 

Ab wann ein stotterndes Kind therapiert werden sollte, muss von Fall zu Fall entschieden werden. Die Psychologin und Logopädin Martina Bröckel von der Uniklinik in Mainz sieht vor allem den Leidensdruck als Indikator: »Wenn ein Kind bereits ein Störungsbewusstsein hat und unter seinem Stottern leidet, würde ich sofort therapieren.« Eine nach der Pubertät begonnene Therapie führt meist nicht mehr zur vollkommenen Stotterfreiheit. Doch auch Kinder im fortgeschrittenen Alter profitieren: Sie sprechen danach flüssiger und lernen, besser mit ihrem Stottern umzugehen. Das ist für ihre schulische, berufliche und emotionale Entwicklung sehr wichtig.

 

Einer der beiden Hauptansätze der Therapie ist die sogenannte »Fluency-Shaping-Methode«. Dabei lernt der Stotternde die Laute anders anzugehen, extrem langsam zu reden. Anfangs klingt das wie Singen. Dann wird das Tempo erhöht, sodass das Sprechen flüssiger wird. Bei der Stottermodifikation oder auch »Non-Avoidance« hingegen wird an Bereichen gearbeitet, die sich indirekt positiv auf das Stottern auswirken können. Kim beschreibt eine nützliche Übung so: »Wenn ich Probleme mit einem Buchstaben habe, dann konzentriere ich mich auf ihn, höre aber auf zu sprechen. Dadurch kann ich die Blockade besser kontrollieren und dann weitersprechen.« Früher habe sie sich geärgert, dass sie stotterte. Heute sehe sie das nicht mehr als Makel. Inzwischen ärgere sie sich eher über sich selbst, wenn sie ihre Technik nicht anwende. Denn diese zeigt Wirkung: »Ich bin schon viel besser geworden.«

 

Begleitsymptome behandeln

 

Begleitsymptome wie Scham, Angst oder körperliche Begleitbewegungen gelten als aufrechterhaltende Faktoren des Stotterns und müssen daher therapiert werden. Hier kommen häufig verhaltenstherapeutische Verfahren zum Einsatz. Eine psychologische Beratung ist sinnvoll, denn Angstsymptome werden durch die Behandlung der Sprech­unflüssigkeiten nicht vermindert. Für Hypnose, Akupunktur, Entspannungsverfahren, technische Hilfsmittel und alleinige Psychotherapie konnten bislang keine oder nur kurzfristige Besserungen nachgewiesen werden. Generell ist eine Langzeitbetreuung wichtig, um erreichte Therapieziele zu stabilisieren.

 

Welche Therapie sich im Einzelfall am besten eignet, müssen Patient und Therapeut gemeinsam entscheiden. »Es gibt kein Rezept dafür, welches der beste Weg ist. Die Therapieform sollte sich jedenfalls nicht nach der Vorliebe des Therapeuten richten«, betont die zertifizierte Stotter-Therapeutin Bröckel. Einige Therapien sind evaluiert, andere noch nicht. Das bedeutet aus ihrer Sicht jedoch nicht, dass sie sich nicht als wirksam erweisen würden, wenn man sie systematisch untersuchte. Viel wichtiger findet Bröckel die Kompetenzen, die ein guter Stottertherapeut mitbringen sollte. Für eine solche Spezialisierung steht beispielsweise das Zertifikat der Interdisziplinären Bundesvereinigung der Stottertherapeuten (IVS), das allerdings nur an Mitglieder vergeben wird. / 

 

 

Literatur

... bei der Verfasserin


Nützliche Links

Am Samstag, dem 22. Oktober 2011, ist »Welttag des Stotterns«. Verbände und Selbsthilfegruppen wollen an diesem Tag besonders aktiv auf die Sprech­behinderung hinweisen, über die es noch immer zahlreiche Vorurteile gibt. Im Internet finden Interessierte unter folgenden Adressen weiterführende Informationen:

 

Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe (mit großem Download-Bereich): www.bvss.de
Interdisziplinäre Vereinigung der Stottertherapeuten (inklusive eines Selbsttests für Eltern, die sich fragen, ob ihr Kind stottert): www.ivs-online.de
Artikel eines stotternden Journalisten über seine Sprachbehinderung: sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/27090

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Außerdem in dieser Ausgabe...

Beitrag erschienen in Ausgabe 42/2011

 

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