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B-Vitamine: Unerlässlich für den Stoffwechsel

TITEL

 
B-Vitamine


Unerlässlich für den Stoffwechsel


Von Marion Hofmann-Aßmus / Der Vitamin-B-Komplex umfasst acht Vitamine, die wichtige Funktionen im Stoffwechsel ausüben. Umstritten ist, ob und wenn ja, welche Rolle einzelne B-Vitamine bei der Prophylaxe von Krankheiten spielen. Sicher ist dagegen, dass einige Patientengruppen häufig unterversorgt sind.

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Die B-Vitamine haben unterschiedliche chemische und pharmakologische Eigenschaften und stellen daher keine einheitliche Klasse dar. Auch ihre Bezeichnung beziehungsweise Nummerierung ist uneinheitlich, da man einige Substanzen, die ursprünglich zum Vitamin-B-Komplex dazuzählten, aufgrund mangelnder Vitamin-Eigenschaften wieder aussortierte. Dazu zählt etwa das in der DNA und RNA enthaltene Adenin (B4) oder die p-Aminobenzoesäure (B10). Die größte Gemeinsamkeit der Vitamine B1, B2, B3, B5, B6, B12, Biotin (früher B7, in der französischen Nomenklatur auch B8 genannt) und Folsäure (früher B9) bildet ihre Wasserlöslichkeit!

 

Mit Ausnahme von Vitamin B12 und in Maßen B3 kann der menschliche Körper die B-Vitamine nicht speichern. Ein Überschuss wird über den Urin ausgeschieden. Der Mensch ist also auf eine regelmäßige exogene Zufuhr angewiesen. Bei gesunden Personen mit einigermaßen ausgewogener Ernährung stellt dies normalerweise kein Problem dar. Denn die B-Vitamine sind in alltäglichen Lebensmitteln wie Getreide, Hefe, Milch, Hülsenfrüchten, Kartoffeln, Gemüse und Fleisch ausreichend vorhanden (Tabelle).

 

Risikogruppen für einen Mangel

 

Da die biologisch aktiven Formen der B-Vitamine für den Kohlenhydrat-, Fett- und Eiweißstoffwechsel sowie die körpereigene Energiegewinnung essenziell sind, verursacht ein Mangel gravierende Folgen. Diese betreffen die Haut, die Schleimhäute, das Nervensystem, das Herz-Kreislauf- sowie das Magen-Darm-System. Einige Mangelsymptome sind eher unspezifisch, zum Beispiel Hautveränderungen oder Mundwinkelrhagaden; andere Symptome sind spezifisch, beispielsweise die Anämie bei Vitamin-B12-Mangel.


Tabelle: Referenzwerte für die Zufuhr durch Nahrungsmittel; laut Deutscher Gesellschaft für Ernährung (DGE)

Vitamin Tagesbedarf Zufuhr über Nahrungsmittel Speicherung im Körper 
Vitamin B1 (Thiamin) Schwangere/Stillende 1,0–1,3 mg*
1,2**/1,4 mg 
(Vollkorn-)Getreide, Nüsse, Kartoffeln, Hülsenfrüchte, Schweinefleisch, Bierhefe nicht speicherbar 
Vitamin B2 (Riboflavin) Schwangere/Stillende 1,2–1,5 mg*
1,5**/1,6 mg 
Eier, Milchprodukte, Pilze, Fleisch, Fisch, Innereien, Nüsse, Hülsenfrüchte nicht speicherbar 
Vitamin B3 (Niacin) Schwangere/Stillende 13–17 mg*
15**/17 mg 
Fleisch, Fisch, Vollkorn, Milch, Kaffee, Erdnüsse, Hülsenfrüchte speicherbar 
Vitamin B5 (Pantothensäure) Schwangere/Stillende 6,0 mg
kein höherer Bedarf 
Hefe, Ei, Vollmilch, Nüsse, Pilze, Fleisch, Fisch, Butter, Hülsenfrüchte, Brokkoli nicht speicherbar 
Vitamin B6 (Pyridoxin) Schwangere/Stillende 1,2–1,5 mg*
1,9**/1,9 mg 
Fisch, Fleisch, Kartoffeln, Hülsenfrüchte, Bananen, Möhren, Nüsse nicht speicherbar 
Vitamin B12 (Cobalamin) Schwangere/Stillende 3,0 µg
3,5/4,0 µg 
Fisch, Fleisch, Vollmilch, Käse, fermentierte pflanzliche Nahrungsmittel (z. B. Sauerkraut) speicherbar 
Biotin Schwangere/Stillende 30–60 µg
kein höherer Bedarf 
Fleisch, Vollmilch, Ei, Nüsse, Hülsenfrüchte, Haferflocken, Hefe nicht speicherbar 
Folsäure Schwangere/Stillende 400 µg
600/600 µg 
Fleisch, Hülsenfrüchte, Salat, Spinat, Rosenkohl, Brokkoli, Hefe nicht speicherbar 

*) abhängig von Alter und Geschlecht, **) ab dem 4. Monat


Bei der Beratung in der Apotheke sollte man auf verschiedene Patientengruppen wie etwa Tumorpatienten besonderes Augenmerk legen, da diese für einen Mangel prädestiniert sind. Schwangere und stillende Frauen haben meist ebenfalls einen höheren Bedarf an B-Vitaminen. Auch die Einnahme von Arzneimitteln, Alkohol- und Nikotinabusus sowie Lebensumstände wie schwere körperliche Arbeit können den Bedarf an einigen B-Vitaminen erhöhen. Worauf die Apotheke in der Beratung achten sollte, ist bei den Vitaminprofilen detailliert beschrieben.

 

Eine Personengruppe, die häufig unter Mangelernährung leidet, sind Tumorpatienten. Insbesondere bei Adipösen wird dies jedoch vielfach übersehen. Aufgrund von therapiebedingten Störungen wie Mukositis, die den gesamten Verdauungstrakt von der Mundhöhle bis zum After betreffen kann, Erbrechen oder Diarrhöen kann die Aufnahme von Vitaminen selbst bei gesunder Ernährung stark vermindert sein. Andererseits erhalten Tumorpatienten häufig Antifolate, denn Folsäure ist für die Zellvermehrung wichtig und dient auch den Tumorzellen zur Vermehrung. Um jedoch die Toxizität für den Körper zu begrenzen, ist bei der Gabe von Antifolaten wie etwa Pemetrexed eine regelmäßige Supplementierung vorgeschrieben.


Profil Vitamin B1

Vitamin B1 (Thiamin, Aneurin)

 

Thiamin spielt beim Kohlenhydratstoffwechsel und der Energiegewinnung eine wichtige Rolle. Unentbehrlich ist es aufgrund des hohen Energiebedarfs insbesondere im Herzmuskel und im Gehirn. Im Nervensystem ist Thiamin an der Reizweiter­leitung sowie am Metabolismus wichtiger Neurotransmitter wie Acetylcholin und Serotonin beteiligt. Zudem ist es für die Blutbildung und die Verdauung (Herstellung von Salzsäure) von Bedeutung.

 

Mangelsymptome: Ein latenter Mangel äußert sich in Magen-Darm-Beschwerden, Appetitlosigkeit, Müdigkeit, Schlaflosigkeit, Leistungsabfall, Nervosität und Kopfschmerzen. Störungen des Wasserhaushalts, kardiale (Tachykardie) und neurologische Symptome (periphere Lähmungen, Konzen­trationsschwäche und Depressionen) sowie eine Anämie können auftreten. Bei Alkoholikern kann ein schwerer Mangel die Wernicke-Pseudoenzephalitis, das Korsakow-Syndrom oder ein Delirium verursachen. Die klassische Mangelerkrankung Beriberi kommt in Asien vor, wenn geschälter Reis das Hauptnahrungsmittel ist (Thiamin findet sich in der Hülle und im Keimling). Dabei kommt es zu Lähmungen und Krämpfen sowie Herzinsuffizienz.

 

Arzneistoffe, die zu einem Vitamin B1-Mangel führen können, sind 5-Fluorouracil (inaktiviert Thiamin) oder, bei langfristiger Behandlung, Schleifendiuretika (etwa Furosemid), Antazida, Kontrazeptiva, Neuroleptika, Digoxin und Antiepileptika. Auch größere Mengen an Alkohol, Kaffee oder schwarzem Tee vermindern die Resorption im Darm.

 

Erhöhter Bedarf: Dieser besteht bei Patienten unter Zytostatika-Therapie (wie 5-FU, Platinpräparate), bei Frauen, die Kontrazeptiva einnehmen, sowie bei Stress, Fieber, schwerer körperlicher Arbeit oder bei Alkoholmissbrauch. Laut Nationaler Verzehrsstudie erreichen 21 Prozent der Männer und 32 Prozent der Frauen die empfohlene Tageszufuhr nicht (1). Bei Frauen steigt dieser Anteil auf 40 Prozent bei den 65- bis 80-Jährigen.


Insgesamt scheint das Bewusstsein für einen Vitaminmangel bei Tumorkranken selbst unter Onkologen wenig ausgeprägt zu sein. Der Apotheker kann diese Problematik beim Patienten zumindest ansprechen und so eventuell auch den behandelnden Ärzten einen wichtigen Anstoß geben.

 

Depressionen können als Mangelsymptom ein Defizit an B1, B6, B12 oder Biotin anzeigen. Umgekehrt ist etwa die Hälfte aller depressiven Patienten mit diesen Vitaminen unterversorgt. Bei der Beratung sollte das Apothe­kenteam zudem bedenken, dass ein Folsäuremangel, der auch in der Allgemeinbevölkerung weit verbreitet ist, die Ansprechrate auf selektive Serotonin-Reuptake-Hemmer (SSRI) und trizyklische Antidepressiva verschlechtert (3).


Profil Vitamin B2, Vitamin B3, Vitamin B5

Vitamin B2 (Riboflavin, Lactoflavin)

 

Als Coenzym der Flavinenzyme ist Vitamin B2 an der Energiegewinnung (Atmungskette) in jeder Körperzelle beteiligt. Bedeutsam ist es zudem für den Glutathion-Redox-Zyklus, einen wichtigen Player des antioxidativen Netzwerks. Weitere Funktionen betreffen den Auf- und Abbau der roten Blutkörperchen, den Erhalt der Myelinschicht sowie die Entgiftungsfunktion der Leber.

 

Mangelsymptome: Ein Mangel, auch Ariboflavinose genannt, macht sich an der Haut und Schleimhäuten bemerkbar mit Glossitis, Rissen am Mundwinkel, Halsschmerzen, Rötungen und Schwellungen im Mund, Juckreiz und seborrhoischer Dermatitis. Zudem verschlechtert sich das Sehen (Linsentrübung, Lichtempfindlichkeit). Blutarmut (Müdigkeit, Konzentrationsschwäche) und Wachstumsstörungen können auftreten. Arzneistoffe, die zu einem Vitamin-B2-Mangel führen können, sind Antidepressiva, Kontrazeptiva, Probenecid (Resorptionsverminderung) und Promethazin (ant­agonistische Wirkung).

 

Erhöhter Bedarf: In der Schwangerschaft benötigt die Frau mehr Vitamin B2. Bei einem Mangel ist das Risiko für eine EPH-Gestose, die zur Eklampsie führen kann, erhöht. Das Kind kann aufgrund eines Mangels Fehlbildungen erleiden, etwa eine Gaumenspalte. Auch bei Alkohol- und Nikotinmissbrauch sollte die Zufuhr erhöht werden. Laut Nationaler Verzehrsstudie erreichen 20 Prozent der Männer und 26 Prozent der Frauen die empfohlene Tageszufuhr nicht.

 

Vitamin B3 (Niacin)

 

Unter dem Begriff Niacin verbergen sich die Derivate der Pyridin-3-Carbonsäure wie Nicotinsäure und Nicotinamid. Nicotinsäure ist ein Baustein der Coenzyme NAD (Nicotinamid-Adenin-Dinukleotid) und NAD-Phosphat (NADP), die bei der Energiegewinnung eine wichtige Rolle spielen. NAD ist an den Abbauprozessen von Kohlenhydraten, Fetten, Proteinen und Alkohol zur Energiegewinnung beteiligt. NADP wirkt zudem am Aufbau von Fettsäuren und Cholesterol, Nicotinamid an der DNS-Replika­tion und -Reparatur mit. Der Körper stellt Nicotinsäureamid mithilfe von Vitamin B6 und B2 aus Tryptophan her.

 

Mangelsymptome: Ein Mangel ist sehr selten. Wie die Nationale Verzehrsstudie ermittelte, bleiben nur 1 Prozent der Männer und 2 Prozent der Frauen unterhalb der empfohlenen Zufuhr. Die Symptome eines Mangels sind durch die »3 D« Dermatitis, Diarrhö und Demenz (Tod bei schwerem Mangel) gekennzeichnet. Früher bezeichnete man Vitamin B3 auch als Pellagra-Schutzfaktor. (Pellagra: ital. für raue Haut) . An neurologischen Symptomen treten Apathie, Ermüdung, Vergesslichkeit und Kopfschmerzen auf.

 

Erhöhter Bedarf: Mehr Niacin benötigen Alkoholkranke, Patienten mit chronischen Diarrhöen (Morbus Crohn), Carcinoid-Syndrom (höherer Tryptophanverbrauch zur Serotoninsynthese), Hartnup-Krankheit (Resorptionsstörung neutraler Aminosäuren) und Leberzirrhose. Unter Antidiabetika, Antiepileptika, Zytostatika, Immunsuppressiva, Analgetika und Psychopharmaka steigt der Bedarf.

 

Vitamin B5 (Pantothensäure)

 

Der Name Pantothensäure (griechisch: pantos, überall) deutet auf das weitverbreitete Vorkommen als »Wachstumsfaktor« hin.

 

In Form von Coenzym A wirkt Pantothensäure am Auf- und Abbau von Kohlenhydraten, Fetten und Proteinen mit. Zudem trägt sie zur Entgiftung und Ausscheidung von Arzneimitteln wie Sulfon­amiden bei. Über die Bildung von Taurin oder die Synthese von Glykoproteinen erhält Pantothensäure das Immunsystem aufrecht. Wichtig ist sie zudem für die Funktionen der Haut und Schleimhäute.

 

Mangelsymptome: Der selten auftretende Mangel führt zu Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit, Hautveränderungen (trocken, rissig), häufigeren Infekten, schlechter Wundheilung und dem »Burning-Feet-Syndrom«, bei dem die Betroffenen vor allem in der Nacht unter schmerzhaft brennenden Füssen leiden.

 

Erhöhter Bedarf: Dieser besteht bei Alkoholabusus. Hoch dosiert vermindert Pantothensäure die Wirkung von Levodopa. In der Nationalen Verzehrsstudie wird Pantothensäure nicht aufgeführt. Laut Ernährungsbericht 2004 der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) nehmen Männer (19- bis 25-Jährige) nur 4,5 mg und Frauen (19- bis 25-Jährige) lediglich 4 mg auf, anstelle der empfohlenen 6 mg pro Tag.


Bei Patienten mit Morbus Parkinson, die Levodopa über eine intrajejunale Sonde verabreicht bekommen, sollte man regelmäßig den Vitamin-B-Status kontrollieren. Da Beobachtungen über subakute axonale Polyneuropathien bei diesen Patienten vorliegen, vermutet man, dass intrajejunal verabreichtes Levodopa mit der Resorption von B-Vitaminen (B6, B12) interferiert. Unbekannt ist, ob eine hoch dosierte orale Gabe einen ähnlichen Effekt hat. Als Warnzeichen für einen Mangel gelten Missempfindungen und Taubheitsgefühle in den Beinen.

 

Laut Nationaler Verzehrsstudie hat etwa ein Drittel der jungen Frauen einen B12-Mangel. Besonders gefährdet sind schwangere Frauen, die unter Morbus Crohn leiden oder sich streng vegetarisch oder vegan ernähren, da das Vitamin vorwiegend über Fleisch, Fisch und Milchprodukte aufgenommen wird. Die Unterversorgung der Mutter wirkt sich auf die Entwicklung des Kindes aus und kann das Risiko für einen Neuralrohrdefekt erhöhen.


Profil Vitamin B6, Vitamin B12

Pyridoxin ist als Coenzym Pyridoxal-5‹-phosphat (PLP) an vielen wichtigen Reaktionen im Kohlenhydrat-, Aminosäure-, Lipid- und Neuro­trans­mitter­stoff­wechsel beteiligt. Es beeinflusst den Homocystein-Spiegel und trägt zur Synthese von Niacin bei. Relevant ist es für das Immunsystem.

 

Mangelsymptome: Hauterkrankung wie Seborrhöe, Entzündungen im Mund und Risse an den Mundwinkeln können auftreten. Bei schwerem Mangel kommt es zu Depressionen, Verwirrtheit und Krampfanfällen.

 

Erhöhter Bedarf: Unter proteinreichen Diäten sollte die Zufuhr an Vitamin B6 erhöht werden. Gleiches gilt für alkoholkranke Menschen und Patienten mit Nierenerkrankungen wie chronischer Urämie oder Niereninsuffizienz. Hydralazin, Isoniacid, Cycloserin und D-Penicillamin, erhöhen den Bedarf. Hoch dosiertes Theophyllin verringert die Aufnahme von Vitamin B6. Umgekehrt beeinträchtigt die Gabe hoher B6-Dosen die Wirkung von Levodopa und erhöht den Abbau von Phenytoin. Lediglich 12 Prozent der Männer und 13 Prozent der Frauen erreichen die empfohlene tägliche Zufuhr nicht.

 

Vitamin B12 (Cobalamin)

 

In Form seiner Coenzyme Methylcobalamin und Adenosylcobalamin ist Cobalamin für den Stoffwechsel von Proteinen, Fetten und Kohlenhydraten nötig. Methylcobalamin ist an der Bildung von Methionin aus Homocystein beteiligt und daher im Zusammenspiel mit Folsäure und Vitamin B6 wichtig für die Senkung des Homocystein-Spiegels. Außerdem spielt Cobalamin eine Rolle bei der Energiegewinnung, der Myelinsynthese, der Zellteilung (etwa von Erythrozyten), der DNA-Synthese sowie im Nerven- und Herz-Kreislauf-System.

 

Mangelsymptome: Ein Mangel äußert sich als megaloblastäre Anämie mit Blässe, Schwindel, Müdigkeit und Herzschwäche. An neurologischen Symptomen treten Taubheitsgefühle (insbesondere in den Beinen), Gangprobleme, Gedächtnisverlust, reversible Demenz und Depressionen auf. Typisch sind zudem Risse an den Mundwinkeln, Entzündungen an der Zunge, Verstopfung und Appetitlosigkeit.

 

Erhöhter Bedarf: Durch die langfristige Gabe von Protonenpumpeninhibitoren wie Omeprazol und Lansoprazol kann der Cobalamin-Spiegel im Blut sinken, da eine verringerte Sekretion der Magensäure die Freisetzung von Cobalamin aus der Nahrung vermindert. Patienten unter Cholestyramin, Chlor­amphenicol, Neomycin, Colchicin, Kaliumsalzen und Metformin haben aufgrund einer gehemmten Absorption einen höheren Bedarf an Vitamin B12. Gemäß der Nationalen Verzehrsstudie nehmen 8 Prozent der Männer und 26 Prozent der Frauen nicht die empfohlene tägliche Zufuhr auf (1). Betroffen sind vor allem Frauen von 14 bis 24 Jahren (etwa 33 Prozent).


Einige Untersuchungen weisen darauf hin, dass Frauen unter oralen Kon­trazeptiva einen niedrigeren Vitamin- B-Spiegel (etwa an B6, B12) haben (11). Dies scheint jedoch nicht mit einem gestörten Vitamin-B-Status einherzugehen, sondern hat eher mit einer Umverteilung in der Zelle zu tun. Der Rat, sich ausgewogen zu ernähren, kann keinesfalls schaden.

 

Ein Mangel an Folsäure besteht in der gesamten Bevölkerung. Unbedingt sollte man Frauen mit Kinderwunsch dazu raten, bereits vier Wochen vor einer geplanten Konzeption 400 µg Folsäure täglich einzunehmen. Diese Dosis sollte die Frau während der Schwangerschaft beibehalten. Zudem sollten Schwangere und Stillende laut DGE täglich 230 bis 260 µg Iod aufnehmen, davon 100 bis maximal 150 µg in Tablettenform, ansonsten durch iodhaltige Nahrungsmittel wie Seefisch, Milch, Milchprodukte oder iodiertes Speisesalz. Eine Supplementierung sollte erst nach einer Anamnese erfolgen.

 

Vitamine zur Therapie

 

Einige B-Vitamine werden auch therapeutisch eingesetzt. Ein Beispiel ist Vitamin B1 bei Patienten mit diabetischer Polyneuropathie. Diese leiden unter stechenden Schmerzen, Brennen oder Kribbeln an den Füßen. Als Folge des nachlassenden Empfindungsvermögens kann sich ein »diabetischer Fuß« entwickeln.




Foto: DAK


Mediziner der Gießener Universitätsklinik untersuchten in einer placebokontrollierten Studie mit 165 Patienten die Wirkung von Benfotiamin, einer gut resorbierbaren Vorstufe von Vitamin B1 (2). »Bei Patienten im Anfangsstadium der Neuropathie hat sich die Gabe von Benfotiamin bewährt«, bestätigt Studienleiter Professor Dr. Hilmar Stracke, Gießen, im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung. In der Verumgruppe mit 300 oder 600 mg Benfotiamin täglich besserte sich der Neuropathie-Symptom-Score (NSS) signifikant. Insbesondere die Schmerzen nahmen während der sechswöchigen Behandlung ab. Auch wenn diese Studie kurz und die Patientenzahl gering war: Stracke empfiehlt zu Beginn der Therapie eine einschleichende Dosierung mit nachfolgender Steigerung auf 600 mg täglich. Zwar erhöht diese Untersuchung die Zahl der positiven Hinweise, doch wird erst eine umfassende Studie mehr Gewissheit über den Nutzen von Vitamin B1 bei dieser Indika­tion geben.

 

Ebenfalls therapeutisch eingesetzt wird beispielsweise Vitamin B6 beim prämenstruellen Syndrom (PMS). Etwa 80 Prozent der Frauen im reproduktiven Alter sollen darunter leiden (4). Dabei treten einige Tage vor Beginn der Regelblutung eine milde Form der Depressivität, Gereiztheit, Ängstlichkeit und Stimmungsschwankungen auf. In einem Übersichtsartikel analysiert Dr. Bettina Reinhard-Hennch, Heidelberg, die aktuelle wissenschaftliche Literatur zur Gabe von Vitamin B6 bei prämens­truellem Syndrom (4). Sie kommt zu dem Schluss, dass Vitamin B6 in niedriger Dosierung (maximal 50 bis 100 mg/Tag) die psychischen Beschwerden von Frauen mit PMS mindern kann.

 

Prävention von Gefäßerkrankungen?

 

Bei der Frage, ob eine Supplementation mit B-Vitaminen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfälle reduziert oder nicht, gehen die Expertenmeinungen derzeit weit auseinander. Ursache für die kontrovers geführte Diskussion ist eine Reihe widersprüchlicher Studien, die auf der Homocystein-Hypothese basieren.


Profil Folsäure

Folsäure (Vitamin B9)

 

Die wichtigste biologisch aktive Form der Folsäure ist das THF (5,6,7,8-Tetrahydrofolat). In seiner Funktion als Methylgruppen-Überträger nimmt es an vielen Schritten der DNA-, RNA- und Aminosäuresynthese sowie an der Bildung der Erythrozyten teil. Mit Vitamin B12 als Cofaktor verwandelt es Homocystein in Methionin.

 

Mangelsymptome: Ein Mangel betrifft vor allem Zellen, die sich rasch teilen, etwa Blutzellen. Dennoch bleibt er zunächst symptomlos und zeigt sich nur durch erhöhte Homocystein-Spiegel im Blut. Erst nach Monaten machen sich eine megaloblastäre Anämie mit Müdigkeit und Schwäche (aufgrund der verringerten Sauerstofftransportfähigkeit der Erythrozyten) sowie Depressionen bemerkbar. Eine Supplementierung sollte gleichzeitig auch Vitamin B12 umfassen.

 

Erhöhter Bedarf: Dieser besteht bei übermäßigem Alkoholkonsum sowie bei Krebserkrankungen (aufgrund erhöhter Zellteilungsraten). Auch die langfristige Einnahme von nicht steroidalen Entzündungshemmern (NSAR), Chemotherapeutika und hormonellen Verhütungsmitteln erhöht den Bedarf. Sulfasalazin verringert die Resorption; Sulfonamide und Trimethoprim hemmen die Synthese der Folsäure. Hohe Folsäure-Dosierungen können die antiepileptische Wirkung von Phenobarbital reduzieren. Die Nationale Verzehrsstudie verweist darauf, dass 79 Prozent der Männer und 86 Prozent der Frauen die empfohlene tägliche Zufuhr nicht erreichen. Der Anteil steigt mit dem Alter (ab 65 Jahren) auf 89 und 91 Prozent. Frauen sollten mindestens vier Wochen vor einer geplanten Konzep­tion damit beginnen, täglich 400 µg Folsäure einzunehmen, und dies während der gesamten Schwangerschaft beibehalten.


Was besagt diese Hypothese? Das zelltoxische Homocystein entsteht beim Abbau der Aminosäure Methionin und wird unter physiologischen Bedingungen rasch abgebaut. Dazu benötigt der Körper allerdings eine ausreichende Versorgung an Vitamin B12, B6 und Folsäure. Bei einem Mangel an diesen Vitaminen steigt der Homocystein-Spiegel auf Werte über 15 µmol/l an (Hyperhomocysteinämie). Da man dem Homocystein aufgrund verschiedener Mechanismen wie Radikalbildung, Schädigung des Endothels und Aktivierung der Zellteilung eine gefäßschädigende Wirkung nachsagt, geht man bei erhöhten Werten auch von einem gesteigerten Risiko für Schlaganfall und Herzinfarkt aus. Gemäß der Homocystein-Hypothese sollte die Gabe der drei B-Vitamine (einzeln oder in Kombination) die Homocystein-Spiegel senken und damit das Risiko für die Folgeerkrankungen verringern.

 

So gibt es einerseits zahlreiche Untersuchungen, die einen verminderten Folsäure- beziehungsweise Vitamin-B12-Spiegel mit dem erhöhten Auftreten von Schlaganfällen assoziieren und einen positiven Effekt unter B-Vitamin-Gabe zeigen. Dazu zählt etwa eine in Lancet veröffentlichte Metaanalyse. Diese kommt zu dem Schluss, dass die Supplementation mit Folsäure das Risiko für einen Schlaganfall um signifikante 18 Prozent gegenüber der unbehandelten Vergleichsgruppe verringert (5).


Profil Biotin

Biotin (früher: Vitamin B7)

 

Biotin bindet an das aktive Zentrum von Carboxylasen und hat in dieser Funktion einen wichtigen Einfluss auf essenzielle Stoffwechselreaktionen wie die Gluconeogenese. Durch seine Bindung an Histone (Biotinylierung) ist es zudem an der Regulierung der DNA-Replikation und -Transkription beteiligt.

 

Mangelsymptome: Haarausfall sowie ein schuppig-roter Hautausschlag um Augen, Nase, Mund- und Genitalbereich zeigen einen Mangel an. Depressionen, Lethargie, Halluzinationen sowie Taubheit und Kribbeln der Extremitäten zählen zu den neurologischen Symptomen.

 

Erhöhter Bedarf: Hohe Dosen an Pantothensäure vermindern die Biotinaufnahme. Avidin, ein Glycoprotein im Eiklar, reduziert die Biotinabsorption erheblich. Bei längerer intravenöser Ernährung (parenteral, ohne Biotin) sollte eine Supplementierung erfolgen. Barbiturate und Antikonvulsiva können das Risiko eines Biotinmangels erhöhen. Die Versorgung mit Biotin ist laut Nationaler Verzehrsstudie bei Männern und Frauen aller Altersklassen gut.


Andererseits kommen neuere Interventionsstudien zu dem Ergebnis, dass die Gabe von B-Vitaminen weder in der Primär- noch in der Sekundärpräven­tion einen positiven Einfluss ausübt. Hier sind etwa eine systematische Übersichtsarbeit der Cochrane-Collaboration oder die neu publizierte VITATOPS-Studie zu nennen (6, 7). Die Befürworter der Vitamin-B-Supplementation zweifeln diese Studien jedoch beispielsweise aufgrund ihrer (zu) kurzen Dauer an. Daher sind für eine abschließende Beurteilung weitere Untersuchungen notwendig.

 

Schutz vor Demenz und Alzheimer?

 

Vergleichbar mit den Gefäßerkrankungen wird bei der Entstehung von Demenz und Morbus Alzheimer ebenfalls ein Zusammenhang mit erhöhten Homocystein-Werten und erniedrigten Vitamin-B-Spiegeln vermutet. Doch fallen die Studienergebnisse auch hier uneinheitlich aus. Für eine Assoziation sprechen Untersuchungen, bei denen später an Alzheimer erkrankte Personen zu Studienbeginn deutlich niedrigere Vitamin-B12-Spiegel sowie deutlich erhöhte Homocystein-Werte aufwiesen (8). Dabei scheint der kognitive Abbau umso schneller voranzuschreiten, je höher die Homocystein-Werte liegen.

 

Zudem konnte in einer anderen Studie das Fortschreiten der Hirnatrophie bei Patienten mit leichten kognitiven Einschränkungen durch die Gabe von Vitamin B6, B12 und Folsäure verlangsamt werden (9).

 

Ein Review der Cochrane-Database kam jedoch zu einem uneinheitlichen Resultat. Demnach ergab sich kein eindeutiger Benefit für die kognitive Funktion gesunder älterer Personen durch die Supplementation mit Folsäure (mit oder ohne Vitamin B12). Jedoch verbesserten sich das Erinnerungsvermögen sowie die Informationsverarbeitung der Teilnehmer. Bei Patienten mit Morbus Alzheimer steigerte die Behandlung mit Folsäure das Ansprechen auf Cholinesterase-Inhibitoren und verbesserte Alltagsverrichtungen sowie das Sozialverhalten. Andere Interventionsstudien zur Demenzprophylaxe zeigten dagegen keinen positiven Effekt auf die kognitive Funktion (10). /


Literatur

  1. Nationale Verzehrsstudie II: Ergebnisbericht Teil 1. Max Rubner-Institut, Karlsruhe 2008.
  2. Stracke, H., et al., Benfotiamine in diabetic polyneuropathy (BENDIP): Results of a randomised, double blind, placebo-controlled clinical study. Exp. Clin. Endocrinol. Diabetes 116 (2008) 600-605.
  3. Wissenschaftliche Belege: B-Vitamine, Bedeutung für Gefäße, Nerven, Knochen und Energie. Pascoe pharmazeutische Präparate GmbH, Gießen, 3. Aufl. 2011.
  4. Reinhard-Hennch, B., Vitamin B6 bei prämenstruellem Syndrom. Pyridoxine and PMS. Gynäkol. Endokrinologie 6 (2008) 87-93.
  5. Wang, X., et al., Efficacy of folic acid supplementation in stroke prevention: a meta-analysis. Lancet 369 (2007) 1876-1882.
  6. Martí-Carvajal, A. J., et al., Homocysteine lowering interventions for preventing cardiovascular events. Cochrane Database of Systematic Reviews 2009, Issue 4. Art. No.: CD006612.
  7. Hankey, G. J., et al., The VITATOPS Trial Study Group, B vitamins in patients with recent transient ischaemic attack or stroke in the Vitamins to Prevent Stroke (VITATOPS) trial: a randomised, double-blind, parallel, placebo-controlled trial. Lancet Neurol. 9 (2010) 855-865.
  8. Oulhaj, A., et al., Homocysteine as a predictor of cognitive decline in Alzheimer disease. Int. J. Geriatric Psychiatry 25 (2010) 82-90.
  9. Smith, D. A., et al., Homocysteine-Lowering by B Vitamins Slows the Rate of Accelerated Brain Atrophy in Mild Cognitive Impairment: A Randomized Controlled Trial. PLoS One (2010) e12244.
  10. Malouf, R., Grimley, E. J., Folic acid with or without vitamin B12 for the prevention and treatment of healthy elderly and demented people. Cochrane Database Syst Rev. 8 (2008) CD004514.
  11. Riedel, B., et al., Effects of Oral Contraceptives and Hormone Replacement Therapy on Markers of Cobalamin. Status Clinical Chemistry 51 (2005) 778-781.

Die Autorin

Marion Hofmann-Aßmus absolvierte eine Ausbildung als veterinärmedizinisch-technische Assistentin (VMTA) und studierte anschließend Diplom-Biologie an der Ludwig-Maximilians-Universität, München. Promoviert wurde sie 1999 mit einer Arbeit in molekularer Kardiologie an der Chemischen Fakultät der LMU München. Seither ist sie freiberuflich in verschiedenen Redaktionen und als Fachjournalistin tätig.

 

Dr. Marion Hofmann-Aßmus, Abt-Führer-Straße 9a , 82256 Fürstenfeldbruck hofmann_assmus@t-online.de


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Beitrag erschienen in Ausgabe 40/2011

 

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