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Hypertonie bei Senioren: Runter mit dem Blutdruck

TITEL

 
Hypertonie bei Senioren


Runter mit dem Blutdruck


Von Andreas Schuchert / Bluthochdruck im Alter ist keine Bagatelle. Er erhöht das Risiko für Schlaganfall, Herzinsuffizienz und Herzinfarkt erheblich. Wenig bekannt ist, dass viele Senioren an einer isolierten systolischen Hypertonie leiden. Diese muss ebenso wie jede andere Form des Bluthochdrucks konsequent behandelt werden – auch bei hochbetagten Menschen. Eine Beratungsaufgabe für Arzt und Apotheker.

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In den Industrienationen ist die arterielle Hypertonie eine der häufigsten Herz-Kreislauf-Erkrankungen und nach einem WHO-Report weltweit der häufigste Risikofaktor bei Herz-Kreislauf-Todesfällen. Dies betrifft vor allem Menschen im höheren Lebensalter, da die Häufigkeit der arteriellen Hypertonie besonders nach dem 60. Lebensjahr steil ansteigt (1). Sie ist somit vorwiegend eine Erkrankung der älteren Bevölkerung (2). Zudem bestehen beim Hypertonie-Patienten im Seniorenalter pathophysiologische Veränderungen, die ihn vom jüngeren Patienten unterscheiden.




Abbildung 1: Veränderungen des arteriellen Blutdrucks mit zunehmendem Alter; die Grafik zeigt den physiologischen Anstieg der Blutdruckamplitude.

Altersabhängige Veränderungen

 

Sowohl bei hyper- als auch normotensiven Menschen steigt der systolische Blutdruck mit zunehmendem Lebensalter physiologischerweise kontinuierlich an. Der diastolische Blutdruck erreicht ein Maximum, das bei Männern um das 60. und bei Frauen um das 70. Lebensjahr liegt; danach fällt er wieder ab (3). Dadurch klaffen im Se­niorenalter die beiden Blutdruckwerte immer weiter auseinander und die Blutdruckamplitude (»Pulsdruck«) vergrößert sich, wobei der arterielle Mitteldruck (der zeitliche Mittelwert der Drücke an einem Messort im Arteriensystem) weitgehend konstant bleibt (4) (Abbildung 1).

 

Die herznahen Arterien, vor allem die Aorta, haben beim jüngeren Menschen einen hohen Anteil an elastischen Fasern. In der Systole dehnt sich die Aorta und zieht sich in der Diastole wieder zusammen (Abbildung 2 links). Diese »Windkesselfunktion« der Aorta ermöglicht den gleichmäßigen Blutstrom im arteriellen System, und die Diffusion in den Kapillaren kann kon­tinuierlich stattfinden. Der Druckausgleich moduliert auch den Blutdruck. Durch die Reflek­tion der Pulswelle in den arteriellen Gefäßen können sich der systolische Blutdruck und der Pulsdruck in der Aorta erheblich von den entsprechenden Druckwerten in der Arteria brachialis unterscheiden. Beim jüngeren Menschen nimmt durch die Windkesselfunktion der systolische Blutdruck entlang der großen Gefäße zu.




Abbildung 2: Zentraler systolischer Blutdruck und Aorta bei gesunden Menschen (links) und bei Menschen mit einer Aorta mit reduzierter Dehnbarkeit

Konsequenz: Bei der Blutdruckmessung am Arm überschätzt man beim jungen Menschen den unmittelbar nach dem Herzen liegenden zentralen Blutdruck.

 

Im fortschreitenden Lebensalter verringern sich Elastizität und Dehnbarkeit der großen Leitungs- und Kapazitätsgefäße: Die Gefäße werden steifer. Dies führt zu einer beschleunigten arteriellen Pulswelle, die sich darüber hinaus an den arteriellen Gefäßverzweigungen stärker und früher reflektiert, sodass sie sich dem systolischen Anteil der zentralen Pulswelle unmittelbar aufsetzt (Abbildung 2 rechts). Im höheren Alter steigt der zentrale systolische Blutdruck daher stärker an als der peripher gemessene Blutdruck (5).

 

Konsequenz: Beim älteren Patienten sind die am Arm gemessenen Blutdruckwerte niedriger als es dem zen­tralen aortalen Blutdruck und damit der kardialen Belastung entspricht.

 

Pulsdruck zeigt die Prognose an

 

Die gebräuchlichste Darstellung für das Ausmaß der Blutdruckamplitude ist die Differenz zwischen dem systolischen minus dem diastolischen Blutdruckwert, auch Pulsdruck, Pulse Pressure (PP) oder Pulswellendruck genannt. Die zunehmende Steifigkeit der Aorta im höheren Lebensalter und die dadurch bedingten Veränderungen lassen den Pulsdruck ansteigen (6). Andere seltenere Ursachen für einen hohen Pulsdruck sind eine Aortenklappeninsuffizienz oder arteriovenöse Shunts oder Fisteln.

 

Der mittlere Pulsdruck unselektierter Personen beträgt bei Männern 52 mmHg und bei Frauen 49 mmHg, wobei die 50. Perzentile beider Geschlechter bei 50 mmHg lag (7). In der Medical Research Council Studie wurde eine relevante Risikoerhöhung bei Pulsdruckwerten um 60 mmHg gezeigt. In anderen Untersuchungen stieg die Morbidität sogar schon bei Pulsdruckwerten über 50 mmHg an (8).




Abbildung 3: Herzinfarkt und Tod in Abhängigkeit vom Pulsdruck in der PROCAM-Studie (5015 Männer im Alter von 35 bis 65 Jahren)

Ein hoher Pulsdruck kann auf eine fortgeschrittene Steifigkeit der großen Gefäße und damit einen Organschaden hinweisen (6). So hatten Patienten mit einem Pulsdruck über 65 mmHg dreimal häufiger ein kardiovaskuläres Ereignis als Patienten mit einem Pulsdruck unter 51 mmHg. In der PROCAM-Kohorte hatten Männer mit einem Pulsdruck über 70 mmHg ein 12,5-prozentiges Zehn-Jahres-Risiko für eine koronare Herzkrankheit, verglichen mit 4,7 Prozent, wenn der Pulsdruck unter 60 mmHg lag (9) (Abbildung 3). In der Langzeitbeobachtung der Framingham-Kohorte eignete sich bei den Teilnehmern über 60 Jahren der Pulsdruck am besten, um das Risiko für eine koronare Herzkrankheit vorherzusagen (10).

 

In anderen Untersuchungen ließen sich diese Befunde nicht immer bestätigen (11). Eine andere Limitation des Pulsdrucks: Er hat keinen Bezug zu den erhobenen Werten, sodass einem Pulsdruck von 60 mmHg Blutdruckwerte von 180/120 mmHg oder 120/60 mmHg zugrunde liegen können.

 

Isolierte systolische Hypertonie

 

Ältere Patienten mit fortschreitender Gefäßsteifigkeit entwickeln häufig eine isolierte systolische Hypertonie (ISH), das heißt, dass die systolischen Blutdruckwerte über 140 mmHg liegen bei gleichzeitig noch normalen diastolischen Werten unter 90 mmHg (Tabelle). Damit erhöht sich die Differenz zwischen dem systolischen und diastolischen Blutdruckwert: Es besteht ein erhöhter Pulsdruck.

 

80 Prozent der über-50-jährigen Hypertoniepatienten haben eine ISH. In der sechsten Lebensdekade ist sie mit 87 Prozent der dominante Subtyp der arteriellen Hypertonie. Die isolierte systolische Hypertonie ist somit typischerweise eine Erkrankung von Senioren und nimmt mit dem Alter zu.

 

Patienten mit neu aufgetretener ISH hatten vorher meistens normale oder hoch normale Blutdruckwerte. 59 Prozent hatten weder zu Beginn der Beobachtung noch im weiteren Verlauf erhöhte diastolische Werte. Um den Zielblutdruck zu erreichen, ist bei den Über-50-jährigen der systolische Blutdruck im Mittel um 16,5 mmHg zu senken, wobei 55 Prozent der Patienten systolische Werte von mehr als 20 mmHg über dem Zielblutdruck hatten (12).


Definitionen und Klassifikation der Blutdruckwerte (mmHg)

Kategorie Systolisch (mmHg) Diastolisch (mmHg) 
optimal unter 120 unter 80 
normal 120 bis 129 80 bis 84 
hoch normal 130 bis 139 85 bis 89 
Grad-1-Hypertonie (leicht) 140 bis 159 90 bis 99 
Grad-2-Hypertonie (mittelschwer) 160 bis 179 100 bis 109 
Grad-3-Hypertonie (schwer) ≥ 180 ≥ 110 
Isolierte systolische Hypertonie ≥ 140 < 90 

Die hohe klinische Bedeutung der ISH ergab sich aus der MRFIT-Studie. Hier wurden der systolische und der diastolische Blutdruck mit dem kardio- und zerebrovaskulären Risiko in Beziehung gesetzt (13). Die höchste Herz-Kreislauf-Sterblichkeit hatten die Patienten, bei denen in der Eingangsuntersuchung die höchsten systolischen, aber gleichzeitig niedrigsten diastolischen Blutdruckwerte gemessen worden waren (13).

 

Typische Folgen

 

Die häufigste zerebrovaskuläre Folgeerkrankung der arteriellen Hypertonie ist der Schlaganfall, der ebenfalls altersabhängig zunimmt. Bei etwa drei Viertel aller Schlaganfallpatienten findet man eine arterielle Hypertonie, die damit die häufigste Grunderkrankung dieser Patienten ist. Der Bluthochdruck erhöht das relative Risiko um das Zwei- bis Vierfache. Bei älteren Patienten mit ISH erlitten 17,4 Prozent einen Schlaganfall gegenüber 3,4 Prozent bei normotonen Personen (15).

 

Laut einer Metaanalyse entwickelt jeder fünfte ISH-Patient innerhalb von 8,7 Jahren eine Herzinsuffizienz im Vergleich zu 16 Prozent in der Kontrollgruppe. Dabei erhöhte 1 mmHg Anstieg des systolischen Blutdrucks das Risiko für eine Herzinsuffizienz um 1 Prozent (16).

 

Auch koronare Herzkrankheit (KHK) und Herzinfarkt nehmen bei Bluthochdruck zu. In einer Metananalyse aus acht Studien mit 15 693 Patienten mit isolierter systolischer Hypertonie fand man nach der Korrektur anderer Variablen über 3,8 Jahre für 10 mmHg einen Risikoanstieg um 26 Prozent für die Gesamtsterblicheit, um 22 Prozent für einen Schlaganfall, aber nur um 7 Prozent für ein koronares Ereignis (14). Da Herzerkrankungen die häufigsten kardiovaskulären Erkrankungen in Europa sind, ist die Sterblichkeit infolge KHK quantitativ die dominierende Folge der arteriellen Hypertonie (17).

 

Hochdruck immer konsequent behandeln

 

Die antihypertensive Behandlung ist eine der am besten untersuchten Therapieformen in der Praxis. Zahlreiche Studien belegen den Nutzen einer konsequenten Therapie bei den unterschiedlichen Formen der arteriellen Hypertonie. Als Indikation für eine Behandlung gilt heute ein arterieller Blutdruck ≥ 140/90 mmHg, der an mehreren Tagen im Sitzen und in Ruhe mehrfach gemessen wurde (Tabelle). Ziel jeder antihypertensiven Therapie ist es, den erhöhten arteriellen Blutdruck auf einen Wert unter 140/90 mmHg abzusenken (18, 19, 20). Dieser Zielwert gilt unabhängig vom Ausgangsblutdruck!




Wohl dem, der lange so sportlich sein kann: Bewegung und Sport tun dem Körper und der Seele gut.

Foto: TK


In der HYVET (Hypertension in the Very Elderly Trial)-Studie wurde erstmals gezeigt, dass Patienten mit einem mittleren Lebensalter von 83 Jahren und initialen Blutdruckwerten von 173/91 mmHg von einer antihypertensiven Therapie profitieren (21). Die Behandlung mit einem Diuretikum und einem ACE-Hemmer war gegenüber Placebo hoch effektiv, da sie die kardiovaskulären Ereignisse und die Gesamtmortalität signifikant verringerte. Besonders beeindruckend war die Abnahme neu auftretender Fälle von Herzinsuffizienz. Allerdings waren die Patienten in der HYVET-Studie insgesamt in einem guten Zustand, sodass nicht sicher ist, ob sich diese Daten uneingeschränkt auf multimorbide Patienten über 80 Jahre übertragen lassen. Bei Patienten um die 80 und älter sollte eine blutdrucksenkende Therapie nicht abgesetzt beziehungsweise bei neu nachgewiesener Hypertonie begonnen werden. Die Entscheidung zur Therapie muss der Arzt individuell treffen.

 

Die neuen Empfehlungen zur Hypertoniebehandlung nehmen auch zum Zielblutdruck bei Altershypertonie Stellung. Für rüstige Patienten bis 80 Jahre wird weiterhin ein Zielblutdruck unter 140/90 mmHg gefordert, für rüstige Menschen von 80 bis 100 Jahren reicht ein Wert unter 150/90 mmHg aus. Dies wurde in der HYVET-Studie gezeigt (21). Bisher wurde noch nicht geprüft, welche zusätzlichen Vorteile systolische Druckwerte unter 140 mmHg bei diesen Patienten bringen. Gerade bei Älteren ist dabei auf Nebenwirkungen zu achten, die bei diesen Patienten insgesamt häufiger sein können.

 

Inwieweit der bei Patienten mit ISH definitionsgemäß normale, oft niedrige diastolische Blutdruck weiter gesenkt werden darf, legen die neuen Empfehlungen ebenfalls dar. Sie warnen vor einer Blutdrucksenkung unter 65 mmHg diastolisch im Allgemeinen und unter 70 mmHg speziell bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit. Dies erscheint pathophysiologisch sinnvoll, da die Koronardurchblutung überwiegend in der Diastole erfolgt und Koronararterienstenosen die Durchblutung in den poststenotischen Bezirken weiter reduzieren können.


Auf einen Blick

  • Eine typische Manifestation der arteriellen Hypertonie beim älteren Menschen ist die isolierte systolische Hypertonie (ISH). Unbehandelt liegen die Blutdruckwerte bei oder über 140 mmHg systolisch und unter 90 mmHg diastolisch. Fast jeder zweite Mensch über 70 Jahren ist davon betroffen.
  • Gefährliche Folgeerkrankungen der arteriellen Hypertonie sind Schlaganfall, koronare Herzkrankheit und Herzinsuffizienz.
  • Bei Nachweis einer Hypertonie ist eine Behandlung bis ins hohe Lebensalter indiziert. Dies gilt insbesondere für rüstige Patienten, auch über 80 Jahre.
  • Neben einer Lebensstiländerung ist meist eine medikamentöse Therapie nötig. Vor allem für Patienten mit hohem kardiovaskulären Risiko wird von Anfang an eine Kombinationstherapie empfohlen.
  • Etablierte Kombinationen sind ein RAAS-Hemmer (ACE-Hemmer, AT1-Blocker, direkter Renin-Inhibitor) mit einem Diuretikum oder nach neueren Befunden mit einem Calcium­antagonisten.


Die genannten Schwellenwerte sind immer als flexible Richtwerte zu betrachten, die an das gesamte kardiovaskuläre Risiko des Patienten anzupassen sind. Bestehende Endorganschäden und Lebensstilfaktoren, zum Beispiel Nierenschäden, Diabetes mellitus, Übergewicht und Rauchen, sollten in die Therapieentscheidung miteinfließen. So ist ein hoch normaler Blutdruck bei Patienten mit einem hohen kardiovaskulären Risiko bereits als behandlungsbedürftig zu bewerten, während dies bei Patienten mit niedrigem Risikoprofil nicht erforderlich ist.

 

Auch heute wird nur ein Teil der Hypertoniepatienten überhaupt mit Antihypertensiva behandelt. Von diesen erreichen viele, aber nicht die überwiegende Mehrheit die Zielblutdruckwerte; die meisten Patienten bleiben unzureichend eingestellt (4). Nach neueren Untersuchungen scheint sich die Therapieeffizienz allmählich zu verbessern, ist jedoch weiterhin nicht optimal (2). Mehr als 60 Prozent der behandelten Patienten erhalten mindestens zwei Antihypertensiva. Die Versorgung von Menschen mit Hypertonie lässt sich somit noch wesentlich verbessern – eine gemeinsame Aufgabe von Apotheker, Arzt und Patient.

 

Basismaßnahmen und Medikamente

 

Das wesentliche Behandlungsziel der arteriellen Hypertonie ist nicht nur, den Blutdruck in den Zielbereich einzustellen, sondern Hypertonie-bedingte Folgen wie Schlaganfall und Herzinsuffizienz zu verhindern oder zumindest zu verringern. Dafür reicht es meist nicht, nur den erhöhten Blutdruck auf den Zielbereich von 140/90 mmHg und niedriger zu senken. Auch die übrigen Risikofaktoren wie Übergewicht und Rauchen sowie Begleiterkrankungen wie Diabetes mellitus sind unbedingt mitzubehandeln.




Ältere Patienten entwickeln häufig eine isolierte systolische Hypertonie, die behandlungsbedürftig ist.

Foto: Fotolia/Sanders


Basis jeder Blutdrucksenkung sind die klassischen Allgemeinmaßnahmen wie Beendigung des Rauchens, Gewichtsreduktion, Verminderung des Alkoholkonsums, eine Ernährung mit Obst und Gemüse und wenig tierischen und gesättigten Fetten, Reduktion des Kochsalzkonsums sowie körperliche Bewegung und Sport.

 

Das Rauchen zu beenden, senkt per se den Blutdruck nicht. Das kardiovaskuläre Risiko ist bei Rauchern trotzdem dramatisch erhöht. Daher sollte man allen Hypertonikern, die rauchen, dringend empfehlen, diese Angewohnheit aufzugeben.

 

Eine professionelle Diätberatung sollte zum therapeutischen Konzept bei hypertensiven Patienten gehören. Sie sollten angehalten werden, mehr Obst und Gemüse zu verzehren. Auch der Verzehr von Fisch bei gleichzeitiger Reduktion gesättigter Fette und Cholesterol in der Nahrung senkt den Blutdruck. Eine Gewichtsreduktion reduziert den Blutdruck des übergewichtigen Patienten und beeinflusst andere Risikofaktoren wie Insulinresistenz, Diabetes, Hyperlipidämie und linksventrikuläre Hypertrophie günstig.

 

Der blutdrucksenkende Effekt einer Gewichtsreduktion wird durch zusätzliche körperliche Aktivität sowie Senkung des Alkoholkonsums verstärkt. Zwischen dem Alkoholkonsum, der Höhe des Blutdrucks und der Prävalenz der Hypertonie in der Gesamtbevölkerung besteht eine lineare Beziehung.

 

Epidemiologische Studien haben gezeigt, dass die Kochsalzzufuhr zur Blutdruckerhöhung und gesteigerten Prävalenz der Hypertonie beiträgt. Daher sollte man die Patienten anweisen, Speisen nicht zusätzlich zu salzen, stark gesalzene Nahrungsmittel zu meiden und frische Nahrungsmittel zur Zubereitung des Essens zu verwenden. Aktuell ist der eigentliche Stellenwert kochsalzarmer Ernährung sehr in der wissenschaftlichen Diskussion.

 

Alle Patienten mit hohem Blutdruck sollten zu regelmäßiger körperlicher Aktivität, zum Beispiel Wandern, Laufen und Schwimmen, ermutigt werden. Diese Aktivitäten sollten sie drei- bis viermal pro Woche über 30 bis 45 Minuten ausüben. Es wurde gezeigt, dass auch eine geringe Zunahme der körperlichen Bewegung den systolischen Blutdruck bereits um 4 bis 8 mmHg senken kann.




Geheimtipp: Schon leichte regelmäßige Bewegung senkt den Blutdruck messbar.

Foto: TK


Veränderungen des Lebensstils können eine frühzeitige medikamentöse Therapie, insbesondere bei Patienten mit höherem Risiko, nicht ersetzen. Werden alle modifizierbaren Risiken in die Behandlung mit einbezogen, steigt die Effizienz der medikamentösen Blutdrucksenkung wesentlich.

 

Für die medikamentöse Behandlung empfehlen die Deutsche und die Europäische Hochdruckgesellschaft als Mittel der ersten Wahl gleichwertig Betablocker, Diuretika, ACE-Hemmer, Calciumantagonisten und AT1-Blocker. Postsynaptisch wirksame Alpha-1-Blocker, zentral wirksame Sympathikusblocker wie Clonidin und Moxonidin, die neue Gruppe der oralen direkten Reninhemmer wie Aliskiren und ältere Vasodilatatoren wie Hydralazin oder Minoxidil sind zusätzliche wichtige Therapieoptionen, die meist in einer abgestuften Kombinationstherapie Anwendung finden.

 

Ältere Patienten profitieren genauso wie jüngere von einer antihypertensiven Therapie. Es gibt keinen Hinweis, dass die verschiedenen Stoffklassen bei jungen und älteren Menschen unterschiedlich wirken oder die Prognose unterschiedlich günstig beeinflussen. Bei den Älteren sollte man jedoch mit niedriger Dosis beginnen und diese langsam steigern: »Start low, go slow«.

 

Vorteile für die Kombinationstherapie

 

Bei vielen älteren Patienten gelingt es nicht, den Blutdruck mit einem Antihypertensivum trotz maximaler Dosierung ausreichend zu kontrollieren. Die Mehrzahl braucht eine antihypertensive Kombinationstherapie. Zu deren Vorteilen gehört die additive oder synergistische antihypertensive Wirkung aufgrund unterschiedlicher Wirkmechanismen der Arzneistoffe. Die Vermeidung hoher Dosierungen hilft, Nebenwirkungen zu reduzieren und die Verträglichkeit zu verbessern. Im Einzelfall können unerwünschte Ereig­nisse durch die pathophysiologisch orientierte Auswahl der Kombinationspartner vermindert werden. Die bessere antihypertensive Wirkung und Verträglichkeit erhöhen zudem die Akzeptanz der Therapie und damit die Compliance.

 

Eine primäre antihypertensive Kombinationstherapie ist vor allem bei Patienten mit hohem oder sehr hohem kardiovaskulären Risiko sinnvoll. Dies gilt vor allem für Hypertoniker mit Diabetes mellitus Typ 2 oder Niereninsuffizienz. Auch bei Patienten mit einer Grad-II- oder Grad-III-Hypertonie (Blutdruck ≥ 160/100 mmHg) sollte der Arzt von Anfang an eine Kombinationstherapie verordnen.

 

Für die Kombinationstherapie kommen alle fünf First-line-Antihypertensiva-Klassen infrage, wenn auch mit unterschiedlicher Wertung. Fixkombina­tionen sind möglichst zu bevorzugen; vorteilhaft sind eine niedrige Tablettenzahl und geringere Arzneimittelkosten. Sinnvoll sind beispielsweise fixe Kombinationen eines Hemmstoffs des Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems (ACE-Hemmer, AT1-Blocker, direkter Reninhemmer) mit einem Diuretikum oder einem Calciumantagonisten. Der direkte Renin-Inhibitor Aliskiren erzielte gerade bei älteren Patienten als Monotherapie und in der Kombination mit HCT eine bessere Blutdrucksenkung als der ACE-Hemmer Ramipril (22).

 

Die Vorteile der Kombination aus RAAS-Hemmer und Calciumantagonist zeigten frühere Untersuchungen wie die SYST-EUR-Studie, die 4695 ältere Hypertoniker über 60 Jahre eingeschlossen hatte. Der Calciumantagonist Nitrendipin, bei Bedarf ergänzt durch den ACE-Hemmer Enalapril und als dritte Stufe durch das Diuretikum HCT, reduzierte signifikant die Zahl tödlicher und nicht tödlicher Schlaganfälle sowie aller kardiovaskulären Ereignisse gegenüber Placebo. Aufgrund des eindeutigen Vorteils der Verumgruppe wurde die Studie vorzeitig beendet (23).

 

In der ACCOMPLISH-Studie (Avoiding Cardiovascular Events in Combination Therapy in Patients Living with Systolic Hypertension) wurden die beiden Fixkombinationen ACE-Hemmer/Diuretikum und ACE-Hemmer/Calciumantagonist erstmals im direkten Vergleich untersucht (24). Die Fixkombination mit dem Calciumantagonisten reduzierte den kombinierten primären Endpunkt (Tod aus kardiovaskulärer Ursache, nicht tödlicher Myokardinfarkt, nicht tödlicher Schlaganfall, Hospitalisierung wegen Angina Pectoris, Reanimation nach Herzstillstand und koronare Revaskularisierung) signifikant um 20 Prozent gegenüber der HCT-Kombination.

 

Doch trotz effektiver Therapieoptionen sind viele Patienten mit arterieller Hypertonie nach wie vor unzureichend versorgt. Ein erhöhter systolischer Blutdruck und Pulsdruck steigern das Risiko des älteren Patienten erheblich. Dies bekannter zu machen und Patienten zur Therapietreue zu motivieren, ist auch eine Aufgabe der Apotheker. /


Literatur

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  3. Franklin, S. S., et al., Hemodynamic patterns of age-related changes in blood pressure. The Framingham Heart Study. Circulation 96 (1997) 308-315.
  4. Falaschetti, E., et al., Continued improvement in hypertension management in England: results from the Health Survey for England 2006. Hypertension 53 (2009) 480-486.
  5. Safar, M. E., Pulse pressure, arterial stiffness and wave reflections (augmentation index) as cardiovascular risk factors in hypertension. Ther. Adv. Cardiovasc. Dis. 2 (2008) 13-24.
  6. Laurent, S., et al., On behalf of the European Network for non invasive investigation of large arteries. Expert consensus document on arterial stiffness: methodological issues and clinical applications. Eur. Heart J. 27 (2006) 2588-2605.
  7. Asmar, R. G., et al., Reference values for clinic pulse pressure in a nonselected population. Am. J. Hypertens. 14 (2001) 415–418.
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  9. Assmann, G., et al., Importance of arterial pulse pressure as a predictor of coronary heart disease risk in PROCAM. Eur. Heart J. 26 (2005) 2120-2126.
  10. Franklin, S. S., et al., Does the relation of blood pressure to coronary heart disease risk change with aging? The Framingham Heart Study. Circulation 103 (2001) 1245-1249.
  11. Bangalore, S., et al., Pulse pressure and risk of cardiovascular outcomes in patients with hypertension and coronary artery disease: an INternational VErapamil SR-trandolapril STudy (INVEST) analysis. Eur. Heart J. 30 (2009) 1395-1401.
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Der Autor

Andreas Schuchert studierte Humanmedizin in Düsseldorf und erhielt 1985 seine Approbation als Arzt. Nach der Facharzt­ausbildung an der Medizinischen Klinik des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf war er dort ab 1994 als Oberarzt in der Medizinischen Klinik III (Kardiologie) tätig. Professor Schuchert ist Facharzt für Innere Medizin, Kardiologe, Intensivmediziner und Hypertensiologe und lehrt seit 2003 als Professor für Innere Medizin. Seit 2006 leitet er als Chefarzt die Medizinische Klinik des Friedrich-Ebert-Krankenhauses in Neumünster. Wissenschaftlich beschäftigt er sich seit Langem mit Herzrhythmusstörungen, insbesondere mit Vorhofflimmern. Er wirkte an mehreren deutschen Leitlinien, zum Beispiel für die Herzschrittmachertherapie, die Behandlung des Vorhofflimmerns sowie für die Diagnostik und Behandlung von Synkopen, mit. Schuchert ist Projektleiter für präventive Stimulation bei Vorhofflimmern im Deutschen Netzwerk Vorhofflimmern (AFNET).

 

Professor Dr. med. Andreas Schuchert

Medizinische Klinik

Friedrich-Ebert-Krankenhaus GmbH

Friesenstraße 11

24534 Neumünster

andreas.schuchert@fek.de


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Beitrag erschienen in Ausgabe 39/2011

 

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