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Psychopharmaka: Medikamente als Dickmacher

TITEL

 
Psychopharmaka


Medikamente als Dickmacher


Von Annette Immel-Sehr / Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen. Wenn aber die Seele erkrankt, geraten Essen und Trinken häufig aus dem Gleichgewicht. Manche Patienten magern ab, andere werden dick. Auch viele Psychopharmaka beeinflussen das Körpergewicht, meist zum Leidwesen der Patienten. Doch wie hängen Körpergewicht und psychische Gesundheit zusammen?

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In der Apotheke schütten viele Patienten ihr Herz aus. Was sie dem Arzt oft nicht so deutlich sagen, kommt hier zur Sprache, zum Beispiel, wie sehr sie unter der Gewichtszunahme durch ein Psychopharmakon leiden. Auch in Internetforen sprechen sie ihre Not an: »Ich sah nach einem halben Jahr der Olanzapin-Einnahme aus wie ein aufgeblasener Pfannkuchen/Krapfen!« oder »Ich nehme seit ungefähr 6 Monaten Citalopram … seitdem nehme ich, ohne mehr zu essen, ständig an Gewicht zu (jetzt schon circa 8 kg).« Dass die Zunahme mehr ist als ein kosmetisches Problem, zeigt dieser Eintrag: »Ich habe durch die Einnahme von Doxepin in 3 Monaten 15 kg zugenommen, zwei Konfektionsgrößen übersprungen und mich im Spiegel nicht mehr wiedererkannt. Dazu kam, ab etwa 10 kg mehr, ein behandlungsbedürftiger Bluthochdruck, und die Depression hat sich verschlimmert. Niemand hat mich auf das Risiko einer Gewichtszunahme hingewiesen.«




Wenn die Seele leidet, leidet häufig auch der Körper. Viele Patienten mit psychischen Erkrankungen nehmen zu.

Foto: Fotolia


Werden Patienten mit diesen Pro­blemen alleingelassen, ist die Compliance erheblich ge­fährdet. Hier können Apotheker gegensteuern. Sie sollten die Nebenwirkung erklären und praktischen Rat geben, wie sich der Gewichtsan­stieg begrenzen lässt.

 

Wie unterschiedlich Patienten reagieren, erläutert Dr. Marion Lautenschlager, Leiterin des Früherkennungs- und Therapie­zentrums für beginnende Psy­chosen (FETZ) Berlin-Bran­den­burg an der Charité. »Hin­sicht­lich der Gewichtszunahme gibt es zwei Patientengruppen: Die, die mäßig zunehmen (das heißt drei bis fünf Kilogramm) und die, die drastisch zunehmen. Die erste Gruppe beklagt sich beim Arzt oder Apotheker über die Gewichtszunahme. Die anderen, die so extrem viel zunehmen, beschweren sich fast nie«, berichtet die Ärztin im Gespräch mit der PZ. »Es ist Ausdruck ihrer Erkrankung, dass der eigene Wille nicht zu spüren ist. Das kann aber auch durch die Therapie kommen, zum Beispiel unter Clozapin.« Die Patienten seien durch die Medikamente oft ruhiggestellt. Auch das unterstütze die Gewichtszunahme.

 

Doch nicht nur Psychopharmaka können das Körpergewicht beeinflussen, sondern auch die Erkrankung selbst. Veränderungen von Appetit und Gewicht sind charakteristische Symptome verschiedener psychischer Erkrankungen. Dies gilt nicht nur für sogenannte Essstörungen wie Bulimie oder Anorexia nervosa.

 

Manisch-depressive Erkrankungen, Schizophrenie und demenzielle Erkrankungen gehen oft mit einem erheblichen Gewichtsverlust oder einer -zunahme einher. Beides schadet dem Wohlbefinden und beeinträchtigt die Gesundheit. Mangelernährung führt zu Schwäche, erhöht die Infektanfälligkeit und verschlechtert die Wundheilung. Übergewicht ist ein erheblicher Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, insbesondere wenn eine diabetische Stoffwechsellage hinzukommt. Zudem drückt Übergewicht bei vielen Menschen auf das Selbstwertgefühl.

 

Halluzinationen hindern am Essen

 

Das Krankheitsbild der Schizophrenie ist sehr vielfältig. Die psychischen Veränderungen können den Ernährungszustand des Patienten unterschiedlich beeinflussen. »Wahnideen sind sehr anstrengend und verbrauchen viel Energie. Viele Patienten verlieren an Gewicht«, erklärt Lautenschlager. »Wenn sie von Verfolgungsängsten getrieben sind, kann es sein, dass sie sich ganz in ihre Wohnung zurückziehen, vielleicht nur noch im Dunkeln einkaufen gehen und letztlich nicht ausreichend mit Lebensmitteln versorgt sind.« Häufig seien sie fehlernährt.

 

Patienten mit deutlicher Negativsymptomatik – hier dominieren Symptome wie Apathie und Bewegungsarmut – nehmen unter der Erkrankung meist deutlich zu (1). »Ein Rückzug kann dazu führen, dass die Kranken mehr Kalorien aufnehmen als sie verbrauchen. Typisch ist eine sehr einseitige und damit ungesunde Kost«, so die Oberärztin.

 

Depression: beide Extreme möglich

 

Depression gilt im Alter als einer der wichtigsten Gründe für Gewichtsverlust. Aber auch junge Menschen können dabei erheblich abnehmen, insbesondere bei einer schweren endogenen Depression. »Eine schwere Depression ist für den Betroffenen sehr anstrengend und zehrt an seinen Kräften«, erklärt Lautenschlager. Die Erkrankten haben keinen Appetit, und es fehlt die seelische Kraft, eine Mahlzeit zuzubereiten oder überhaupt zu essen. Auf Dauer kann es zu gefährlichen Mangelzuständen kommen.




Viele Psychopharmaka beeinflussen Appetit und Essverhalten. Dies betrifft ältere Menschen ebenso wie junge.

Foto: Fotolia/Sanders


»Man muss bei den untergewichtigen Patienten sehr genau schauen, ob sich hinter der Depression nicht eine Essstörung verbirgt«, so Lautenschlager. Infolge einer lang dauernden schweren Depression könnten sich auch sekundär magersüchtige Strukturen herausbilden. Die Patienten verlieren dann das Hungergefühl.

 

Bei jüngeren depressiven Patienten ist Unterernährung allerdings die Ausnahme. Häufiger entwickeln sie bei milden oder mittelschweren Verlaufsformen Übergewicht. Depressive Jugendliche haben im Vergleich zu gesunden Gleichaltrigen ein 2,5-fach erhöhtes Risiko für eine Gewichtszunahme (2). Eine Ursache mag sein, dass die Betroffenen versuchen, ihre depressive Stimmung durch Essen und Trinken, vor allem von süßen Speisen, aufzuhellen. Es kann zu periodischen Heißhungeranfällen kommen, bei denen die Kon­trolle über das Essverhalten versagt (Binge-Eating). Zudem geht Depression häufig mit Lethargie und Bewegungsarmut einher – der Energieverbrauch sinkt und überschüssige Kalorien werden in Fettdepots gespeichert.

 

Auch bipolare affektive Störungen, gekennzeichnet durch einen episodischen Verlauf depressiver, manischer oder gemischter Phasen, sind häufig mit Übergewicht oder Adipositas assoziiert. Das gilt ebenso für Angststörungen (3, 4).

 

Dick und traurig: Cortisol als Bindeglied

 

Zwischen depressiven Erkrankungen und Adipositas gibt es eine komplexe Wechselbeziehung. Adipositas kann Folge und Ursache einer Depression sein: Einerseits entsteht bei depressiven Menschen im Verlauf der Erkrankung häufig Übergewicht, andererseits haben viele adipöse Menschen zusätzlich mit Depressionen zu kämpfen. Frustration nach wiederholten erfolglosen Diätversuchen, Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und soziale Stigmatisierung spielen hier eine wichtige Rolle. Daneben gibt es auf physiologischer Ebene eine Verquickung beider Erkrankungen.

 

Sowohl bei depressiven als auch bei adipösen Menschen wurde ein dauerhaft erhöhter Cortisol-Blutspiegel beobachtet. Ursache ist offensichtlich eine Fehlregulation der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse. Die Feedback-Schleifen des Regelkreises sind gestört. So wird Corticotropin-Releasing-Hormon ausgeschüttet, obwohl der Cortisol-Spiegel schon erhöht ist (5, 6). Unter einer antidepressiven Therapie normalisiert sich der Cortisol-Spiegel wieder, was die Bedeutung des Regelkreises in der Entstehung der Depression unterstreicht (7). Auch bei anderen psychiatrischen Krankheiten wurde eine solche Dysregulation nachgewiesen (8).

 

Physiologisch betrachtet stehen depressive Patienten demnach unter Dauerstress. Daher ist das Erlernen von Techniken zur Stressbewältigung ein logischer Therapieansatz. Dies wirkt sich positiv auf die Kontrolle des Essverhaltens und die Stimmungslage aus (5). Auch Bewegung und Sport tragen zum Stressabbau bei.

 

Als Folge des Hypercortisolismus kann es zu einer diabetischen Stoffwechsellage und stammbetonten Fettgewebsdepots kommen. Offenbar gibt es auch in umgekehrter Richtung einen Zusammenhang: Typ-2-Diabetiker haben ein doppelt so hohes Risiko, an einer Depression zu erkranken, wie gesunde Menschen (9, 10).

 

Demenz zehrt aus

 

Auch demenzielle Erkrankungen beeinflussen das Körpergewicht. Die meisten Menschen mit Demenz nehmen im Verlauf der Erkrankung ungewollt ab – aus unterschiedlichen Gründen. Am Anfang fällt es den Betroffenen aufgrund beginnender kognitiver Defizite immer schwerer, beispielsweise einen Einkauf zu planen oder eine Mahlzeit zuzubereiten. Später kann der Kranke Gefühle wie Hunger und Durst oft nicht mehr deuten, versteht die Situa­tion bei Tisch nicht mehr oder er erkennt die Lebensmittel nicht. Das Geschmacksempfinden ist oft stark beeinträchtigt.

 

Beim klinischen Vollbild der Demenz kommt es vielfach zu starker psychomotorischer Unruhe. Stereotype Bewegungen wie Wischen, Verschieben des Mobiliars, Aufstehen, Hinsetzen oder Umherlaufen verbrauchen viel Energie. Der tägliche Energiebedarf eines Alzheimer-Patienten kann aus diesen Gründen bei 3000 bis 4000 kcal liegen – fast doppelt so hoch wie bei einem gesunden alten Menschen. Ohne gezielte Gegenmaßnahmen kommen demente Menschen leicht in einen Zustand der Mangelernährung (11).

 

Psychopharmaka belasten die Waage

 

Neuroleptika und Antidepressiva können die Symptome von Schizophrenien beziehungsweise depressiven Erkrankungen wirkungsvoll bessern. Damit beheben sie in vielen Fällen auch die Ursachen für das entstandene Über- oder Untergewicht.

 

Allerdings beeinflussen einige Arzneistoffe auch direkt das Körpergewicht, ohne dass dies gewollt ist. Es gibt Substanzen wie Bupropion oder Fluoxetin, die den Appetit so stark hemmen, dass insbesondere alte Patienten untergewichtig werden können. Dies nehmen die Betroffenen oft gar nicht als Problem wahr, obwohl es ihr Wohlbefinden und ihre Widerstandskraft erheblich mindert. Das Apothekenteam sollte ältere Kunden behutsam auf den Gewichtsverlust ansprechen und empfehlen, mit dem Arzt eine Lösung zu suchen.

 

Viel häufiger kommt es aber zu einer unerwünschten Gewichtszunahme, die die Compliance der Patienten erheblich belastet. Eine unregelmäßige Einnahme der Psychopharmaka oder gar ein eigenmächtiger Therapieabbruch bergen ein großes Risiko für das Wiederaufflammen der Erkrankung. Nicht selten resultiert daraus eine stationäre Einweisung. Doch auch wenn der Patient die Gewichtszunahme toleriert, ist sie aufgrund des damit verbundenen Gesundheitsrisikos problematisch. Psychopharmaka muss der Patient häufig über Jahre oder Jahrzehnte einnehmen. Zudem ist es für viele Patienten schwierig, nach Beendigung der Therapie wieder abzunehmen (12).

 

Eine Erhöhung des Körpergewichts ist für Neuroleptika, Antidepressiva und Phasenprophylaktika beschrieben. Dabei gibt es große Unterschiede in den Substanzgruppen (Tabelle). Insbesondere folgende Substanzen erhöhen bei vielen Patienten das Gewicht:

 

die sedierend wirksamen trizyklischen Antidepressiva,
das Tetrazyklikum Mirtazapin,
die Phasenprophylaktika Lithium und Valproat
sowie die Neuroleptika Clozapin und Olanzapin (12).

 

Bei den Hypnotika gibt es zwar vereinzelte Hinweise für eine Gewichtssteigerung bei länger dauernder Einnahme, doch spielt dies in der Praxis kaum eine Rolle.


Tabelle: Gewichtsänderung unter Psychopharmaka (modifiziert nach 21)

Medikamente Gewichtszunahme Gewichtsneutral Gewichtsabnahme 
Antidementiva Donepezil, Galantamin, Memantine, Rivastigmin 
Antidepressiva Maprotilin, Mianserin, Mirtazapin, Trazodon, Trizyklika (insbesondere Amitriptylin) Duloxetin, Hypericum-Extrakt, MAO-Hemmer, SSRI (später geringe Zunahme, besonders unter Paroxetin), Venlafaxin Bupropion, Reboxetin, Fluoxetin 
Antipsychotika atypische Neuroleptika (fast alle), Phenothiazine, Thioxanthene Amisulprid (geringes Risiko), Aripiprazol, Asenapin, Butyrophenone (geringes Risiko), Ziprasidon 
Anxiolytika und Hypnotika Pregabalin Benzodiazepine, Buspiron, Opipramol 
Stimmungsstabilisierer Carbamazepin, Lithium, Valproinsäure Lamotrigin 

Antidementiva haben keinen direkten Einfluss auf den Appetit. Sie können jedoch indirekt über die Besserung der Symptome zu einer Gewichtsnormalisierung beitragen.

 

Neuroleptika

 

Zahlreiche Studien dokumentieren die Gewichtsveränderungen unter Neuroleptika-Einnahme. Aus diesen Daten lässt sich die voraussichtliche Gewichtsänderung nach zehn Wochen Therapie mit einem bestimmten Neuroleptikum errechnen (Grafik).




Voraussichtliche Gewichtsveränderung unter zehnwöchiger Therapie mit einem Neuroleptikum in Standarddosierung (12)

Unter Molindon-Therapie (in Deutschland nicht auf dem Markt) ist eine Ge­wichtsabnahme wahr­schein­lich, Aripiprazol und Ziprasidon sind weitgehend gewichtsneutral. Die anderen Neuroleptika führen dagegen mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer mehr oder weniger großen Zunahme. Am stärksten ist der zu erwartende Effekt unter Clozapin und Olanzapin. Im Durchschnitt ist hier mit einem Plus von 4,5 kg beziehungsweise 4 kg innerhalb von zehn Wochen zu rechnen. 10 bis 40 Prozent der Patienten nehmen in diesem Zeitraum mehr als 10 Prozent ihres Aus­gangs­gewichts zu (12, 13).

 

Dosisabhängig ist die Gewichtszunahme bei den meisten Neuroleptika nicht. Nur für Clozapin und Olanzapin gibt es eine klare Beziehung zwischen Tagesdosis und Zunahme (12, 14). Nach etwa einem Jahr ist meist ein neues Gewichtsplateau erreicht.

 

Besonders unter Clozapin und Olanzapin, aber auch unter Quetiapin und Risperidon kommt es häufig zu einer gestörten Glucosetoleranz, zu Hyperglykämien und Hyperlipidämien. Diese können auch unabhängig von einer Gewichtszunahme auftreten. Daher ist eine regelmäßige Kontrolle unerlässlich (15). In der Praxis zeigt sich, dass vor allem junge Patienten, die erstmals an einer schizophrenen Psychose erkrankt sind, unter Neuroleptika sehr stark zunehmen und ein metabolisches Syndrom entwickeln (16). Auch Patienten, die zusätzlich andere Neuroleptika oder Antidepressiva erhalten, nehmen besonders stark zu (12).

 

Ursache des Gewichtsanstiegs

 

Zweifellos beeinflusst der sedierende Effekt mancher Psychopharmaka den Energieverbrauch und damit das Körpergewicht. Aber die wichtigsten Ursachen liegen auf pharmakologischer Ebene. Neuroleptika interagieren mit einer Reihe von Neurotransmitter-Rezeptoren. Offenbar spielen vor allem das serotonerge und das histaminerge System eine entscheidende Rolle. So korreliert die appetitanregende Wirkung vieler, aber nicht aller Neuroleptika mit ihrer in vitro gemessenen Affinität zu den 5-HT2C-Rezeptoren. Noch bedeutender ist die Affinität zum H1-Rezeptor. Hier besteht eine hochsignifikante Korrelation zwischen der Affinität eines Neuroleptikums und dem Maß der Gewichtszunahme unter dieser Substanz (17).

 

Allerdings ist die Appetitregulation im Gehirn zu komplex für eine einfache Erklärung (Kasten). Das histaminerge System steht wiederum mit anderen Transmittersystemen in Wechselwirkung (Serotonin-, Glutamat-, Noradrenalin-, Dopamin- und Acetylcholinsystem). Auch diese werden durch Neuroleptika beeinflusst. Man hat zudem gefunden, dass einige Neuroleptika wie Clozapin und Olanzapin den Leptinspiegel steigern (1). Dies beeinflusst nicht nur den Appetit, sondern auch den Fettstoffwechsel (10).


Appetit entsteht im Gehirn

Als Appetit bezeichnet man das Verlangen, unabhängig vom Hungergefühl etwas Bestimmtes zu essen. Die Regulation des Appetits ist ein hoch komplexer Vorgang, bei dem im limbischen System eine Fülle von Botenstoffen und Systemen zusammenwirken. Verzehrssteigernd wirken unter anderem Neuropeptid Y, Noradrenalin, Galanin, bestimmte endogene Opiate und Orexine, verzehrshemmend dagegen Corticotropin Releasing Hormon, α-Melanozyten-sti­mulierendes Hormon, Serotonin und Histamin.

 

Eine wichtige Rolle spielt Leptin, ein von den Fettzellen gebildetes Hormon. Es wird bei der Erhöhung der Glucosekonzentration nach der Nahrungsaufnahme ausgeschüttet und gelangt über das Blut zum Zwischenhirn. Dort stimuliert es bestimmte Rezeptoren und löst damit das Gefühl »Sättigung« aus. Bei adipösen Menschen ist die Empfindlichkeit der Lep­tin-Rezeptoren erniedrigt, sodass Leptin seine Wirkung nicht mehr voll entfalten kann. Leptin ist zudem an der Regulation von Hirnfunktionen wie motorische Aktivität, Schlaf und Kognition beteiligt. All dies sind Bereiche, die bei psychiatrischen Patienten häufig gestört sind (1).


Nicht alle Patienten reagieren auf das gleiche Psychopharmakon in gleicher Weise. Genetisch bedingte Unterschiede am 5-HT2C-Rezeptor können vor einer starken Zunahme unter Neuroleptika schützen (18). Ebenso haben genetische Unterschiede, die die Expression von Leptin betreffen, einen Einfluss. Bei den Histaminrezeptoren wurden derartige Polymorphismen, die zu Unterschieden in der Gewichtszunahme führen, nicht gefunden.

 

Antidepressiva wirken unterschiedlich

 

Unter den Antidepressiva sind es vor allem die sedierenden trizyklischen Substanzen wie Amitriptylin und Trimipramin oder tetrazyklische wie Mirtazapin, die das Körpergewicht in die Höhe treiben. Dagegen ist das nicht-sedierende trizyklische Imipramin weitgehend gewichtsneutral (10).

 

Auch bei den selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern (SSRI) gibt es Unterschiede: Paroxetin führt am ehesten zu einer ungewollten Gewichtszunahme. Bei Citalopram kann es nach längerer Behandlung dazu kommen. Dieser Effekt ist vermutlich bei Escitalopram geringer ausgeprägt (10). Agomelatin, Sertralin und Fluoxetin erhöhen das Körpergewicht nicht. Fluoxetin führt häufig sogar zu einem Gewichtsverlust. Als Nebenwirkungen sind für Fluoxetin neben Appetitlosigkeit auch Mundtrockenheit und Geschmacksveränderungen beschrieben, die dem Patienten die Freude am Essen verleiden (19). In Langzeitbeobachtungen reduzierte auch der Noradrenalin-Dopamin-Wiederaufnahme-Hemmer Bupropion das Gewicht (10).

 

Lithium, das zur Akutbehandlung manischer Syndrome, zur Rezidivprophylaxe bipolarer affektiver Störungen sowie bei Major Depression gegeben wird, hat vor allem in den ersten zwei Jahren der Behandlung häufig einen starken gewichtssteigernden Effekt, der zum Teil dosisabhängig ist (20, 21). Das Phasenprophylaktikum Valproat kann Appetit und Gewicht sowohl zu- als auch abnehmen lassen (22).

 

Gezielte Arzneistoffauswahl

 

Für untergewichtige Menschen, zum Beispiel mit schwerer Depression, Demenz oder hohem Alter, sollte der Arzt gezielt Wirkstoffe auswählen, die den Appetit anregen. Eine Zunahme des Körpergewichts kann in vielen Fällen die Stimmungslage heben. Bei übergewichtigen Menschen wird der Arzt nach Möglichkeit ein gewichtsneutrales Psychopharmakon wählen.

 

Entwickeln Menschen mit Diabetes eine depressive Erkrankung, sollen sie gemäß den aktuellen Leitlinien ein SSRI erhalten (23). Dabei ist zu beachten, dass einige SSRI (vor allem Fluoxetin) eine hyperglykämische Stoffwechsellage über Gewichtsreduktion und zum Teil auch gesteigerte Insulinsensitivität verbessern können. Dann muss die Insulindosis angepasst werden. Dies gilt auch für MAO-Hemmer. Benötigt ein Diabetiker ein Neuroleptikum, wird man versuchen, ohne die Atypika wie Clozapin, Olanzapin, Quetiapin und Risperidon auszukommen, die ein metabolisches Syndrom auslösen können (21).

 

Was tun gegen die Pfunde?

 

Wenn ein Patient die Gewichtszunahme nicht akzeptiert und die Compliance leidet oder wenn das Risiko für Herz und Gefäße zu groß ist, wird der Arzt eine Therapieumstellung anstreben. In der Realität ist dies oft schwierig. Ein Wechsel birgt immer das Risiko, dass die Symptome wieder aufflammen. Hinzu kommt, dass im Vorfeld oft schon mehrere Therapieversuche nötig waren, bis eine zufriedenstellende psychische Stabilität erreicht wurde (10). Außerdem ist die Schwere der Erkrankung entscheidend: Atypika wie Olanzapin und Risperidon reduzieren psychotische Symptome beispielsweise signifikant stärker als die klassischen Neuroleptika (15).

 

Die Umstellung einer antidepressiven Therapie braucht Zeit: Empfohlen wird ein schrittweises Aufdosieren des neuen und ausschleichendes Absetzen des alten Antidepressivums (23). Hier ist die ausführliche Beratung des Patienten erforderlich, um die Compliance nicht weiter zu gefährden.




Berichtet ein Patient über Gewichtsveränderungen unter Psychopharmaka, kann möglicherweise ein Präparatewechsel helfen.

Foto: TK


Das Körpergewicht sollte in den ersten Wochen der Therapie genau beobachtet werden. Patienten, die sehr empfindlich mit einer Zunahme reagieren, werden voraussichtlich auch weiter zunehmen (12).

 

Eine Ernährungsumstellung kann helfen, einen Teil des Gewichtsanstiegs abzufangen. Nützlich ist eine strukturierte Ernährungsberatung, die Verhaltensänderungen und körperliche Aktivität einbezieht (24).

 

Wenn eine Gewichtszunahme wahrscheinlich ist, sollten Arzt und Apotheke den Patienten aktiv beraten. »Es ist ganz wichtig, dem Patienten schon zu Beginn der Therapie eine Ernährungsumstellung anzuraten«, so Lautenschlager. »Wir empfehlen abends eine eiweißreiche und vor allem kohlenhydratarme Mahlzeit. Für den Morgen raten wir den Patienten, gut zu frühstücken. Sie sollten auf keinen Fall auf das Frühstück verzichten.« Manchmal hilft auch der richtige Zeitpunkt der Einnahme, berichtet die Ärztin. »Psychopharmaka mit anticholinerger Wirkkomponente machen müde. Ich rate den Patienten, ihr Medikament erst kurz vor dem Schlafengehen einzunehmen. Dann verschlafen sie sozusagen den ersten Anstieg des Appetits.«

 

Sport und körperliche Aktivität haben in der Therapie von Depressionen einen hohen Stellenwert. Man weiß schon länger, dass Bewegung sich positiv auf die depressive Gefühlslage auswirkt. »Die Patienten haben einen hohen Leidensdruck und sind in der Regel bereit, alles zu tun, damit es ihnen wieder besser geht«, schildert Lautenschlager ihre Erfahrungen. Da es dennoch nicht leicht ist, depressive Menschen dauerhaft zu aktivieren, beginnt das Bewegungsprogramm mit kleinen Einheiten. »Täglich fünf Minuten Sport, das schafft jeder. Dann steigern wir das auf 10 Minuten, dann auf 20 und so weiter. Die Patienten merken, dass sie sich wohler fühlen, und auch das Übergewicht geht zurück.«

 

Off-label zum Abnehmen

 

Wenn Ernährungsumstellung und Sport nicht ausreichen, setzen Ärzte häufig zusätzlich Medikamente ein. Diese sind für die Behandlung einer Antipsychotika-induzierten Gewichtszunahme (bisher) nicht zugelassen. Gut dokumentiert ist die Wirkung von Metformin. Das Antiepileptikum Topiramat führt unter einer Olanzapin- und Clozapin-Therapie ebenfalls zu einem signifikanten Gewichtsverlust, ist aber etwas weniger wirksam als Metformin (25). Nachteilig ist zudem, dass sich psychotische Symptome unter Topiramat verschlechtern können.

 

Die Liste der weiteren Substanzen, die einer Gewichtszunahme entgegenwirken können, ist abwechslungsreich: Nizatidin und Ranitidin, Reboxetin, Fluvoxamin, Orlistat und Amantadin (26). Wie die Wirkung zustande kommt, ist bisher nicht geklärt. Insgesamt ist die Datenlage zu Wirksamkeit und Risiken bei dieser Indikation dünn.

 

Lautenschlager hat mit der Kombination zweier Neuroleptika gute Erfahrungen gemacht: »Ich gebe manchmal den 5-HT1-Agonisten Ciprasidon oder Aripiprazol zu einer Clozapin- oder Olanzapin-Therapie hinzu. Dann muss man die Dosis des ersten Neuroleptikums natürlich senken, denn die Summe der antipsychotischen Wirkung sollte gleich bleiben.«

 

Auch wenn nicht alle Patienten unter der Medikation »gleich wie ein Krapfen aufgehen«, können die Gewichtszunahme und das Gefühl, dieser Nebenwirkung ausgeliefert zu sein, die Seele belasten. Wer die Sorgen der Patienten »vom Tisch wischt« und ihnen keine Lösung anbietet, gefährdet die Compliance. Lautenschlager betont: »Eine Schizophrenie zeigt sich meist erstmals nach der Pubertät. Das sind junge Patienten, die sehr unter der Gewichtszunahme leiden. Sport ist nicht nur gut für das Gewicht, er gibt auch Selbstbewusstsein und das Vertrauen, an der eigenen Lage etwas ändern zu können.« /

 

Literatur

...bei der Verfasserin


Die Autorin

Annette Immel-Sehr studierte Pharmazie in Bonn und Frankfurt/Main. Nach der Approbation 1988 wurde sie mit einer Arbeit über ein pharmakologisches Thema am Pharmakologischen Institut für Naturwissenschaftler der Universität Frankfurt promoviert. Von 1992 bis 1999 war Dr. Immel-Sehr als Referentin für Aus- und Fortbildung bei der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände tätig. Seither arbeitet sie freiberuflich als Beraterin für Wissenschafts-PR und als Fachjournalistin.

 

Dr. Annette Immel-Sehr, Behringstraße 44, 53177 Bonn-Bad Godesberg, E-Mail: ais@immel-sehr.de


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Beitrag erschienen in Ausgabe 37/2011

 

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