Die Zeitschrift der deutschen Apotheker

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

Placebo: Wirkt auch bei Wissenden

PHARMAZIE

 
Placebo

Wirkt auch bei Wissenden


Von Annette Mende / Den Placeboeffekt gibt es auch dann, wenn die Patienten vorab darüber aufgeklärt wurden, dass sie eigentlich ein wirkstofffreies Präparat einnehmen. Dieses Ergebnis einer aktuellen Studie stellt das Dogma auf den Prüfstand, wonach Placebos nur bei ahnungslosen Patienten wirken.

ANZEIGE


Vertrauen ist die Grundlage jeder guten Beziehung. Das gilt im Privatleben ebenso wie für den beruflichen Kontakt zwischen Ärzten und Patienten. Nur wenn der Patient seinem Arzt vertraut, wird er dessen Anweisungen befolgen und etwa seine Tabletten vorschriftsgemäß einnehmen. Verordnet ein Arzt seinem Patienten ein Präparat, von dem er glaubt oder weiß, dass es gar nicht wirkt, ist das eine Unaufrichtigkeit, die das Vertrauensverhältnis gefährden kann. Da sie jedoch zum Wohle des Patienten geschieht, ist sie allgemein akzeptiert.




Foto: Fotolia


Wie weit verbreitet die Anwendung von Placebos ist, zeigt eine vor drei Jahren im »British Medical Journal« veröffentlichte Befragung von Internisten und Rheumatologen in den USA. Darin gab etwa jeder zweite Mediziner an, gelegentlich Therapien zu verschreiben, von denen er glaubte, dass sie keinen Einfluss auf den Gesundheitszustand des Patienten haben (doi: 10.1136/bmj.a1938). Vitaminpräparate und frei verkäufliche Schmerzmittel waren dabei die am häufigsten eingesetzten »unechten Placebos«.

 

Dass Placebos aber auch ohne Täuschung wirken können, haben Forscher um den Harvard-Professor Ted J. Kaptchuk in einer offenen Placebostudie an Patienten mit Reizdarmsyndrom he­rausgefunden. Im Fachjournal »PLoS one« berichten die Wissenschaftler, dass sich Häufigkeit und Schwere der Reizdarmsymptomatik unter dreiwöchiger Placeboeinnahme signifikant stärker verbesserten als in einer Kontrollgruppe, die gar keine Behandlung erhielt (doi: 10.1371/journal.pone. 0015591). Voraussetzung war, dass den Studienteilnehmern die Scheinmedikamente als »Placebo-Tabletten aus einer wirkungslosen Substanz, ähnlich Zuckerpillen«, präsentiert wurden, die »in klinischen Studien eine signifikante Verbesserung der Reizdarmsymptome durch Aktivierung der Selbstheilungskräfte des Körpers bewirkt haben«.

 

An der Untersuchung nahmen 80 vornehmlich weibliche Patienten teil, die randomisiert entweder der Placebo- oder der Kontrollgruppe zugeordnet wurden. Nach drei Wochen gaben 59 Prozent der Patienten in der Placebogruppe an, dass sich ihre Reizdarmsymptome gebessert hätten (22 von 37). Diese Ansprechrate ist deutlich höher als jene, die üblicherweise in klinischen Studien beobachtet wird, in denen Placebo die Kontrolle gegenüber einer pharmakologisch wirksamen Substanz darstellt. In solchen Studien sprechen etwa 30 bis 40 Prozent der Patienten auf Placebo an.

 

Die Autoren führen diesen Unterschied darauf zurück, dass die Patienten in der aktuellen Studie wussten, dass ihr Medikament wirkt, wenn auch nicht pharmakologisch. Teilnehmer von placebokontrollierten Studien wären sich dagegen bewusst, dass sie nur eine 50-prozentige Chance auf eine wirksame Therapie haben. Die absolute Gewissheit, die beabsichtigte Therapie auch tatsächlich zu erhalten, könnte aus Sicht der Autoren die höhere Ansprechrate erklären.

 

Immerhin 35 Prozent der Patienten in der gar nicht behandelten Kontrollgruppe berichteten bei Studienende von einer Besserung ihrer Reizdarmsymptomatik (15 von 43). Diesen »Placeboeffekt ohne Placebo« führen die Autoren auf den einfühlsamen Umgang des medizinischen Personals mit den Studienteilnehmern zurück. Die statistisch signifikant höhere Ansprechrate der Placebo- gegenüber derjenigen der Kontrollgruppe zeige aber, dass hinter dem Placeboeffekt mehr als nur die Freundlichkeit der Untersucher stecke. Die Wirkung, die offen verabreichte Placebos auf Patienten mit Reizdarmsyndrom haben, könne man sich daher auch im klinischen Alltag zunutze machen.

 

Ein Schwachpunkt der Studie ist, dass es für die Schwere des Reizdarmsyndroms, anders als etwa für Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Fettstoffwechselstörungen, keine objektiv messbaren klinischen Parameter gibt. Welches Potenzial unverschleierte Placebos in der Therapie von Krankheiten haben, bei denen harte klinische Fakten zählen, ist daher anhand der vorliegenden Daten nicht zu beurteilen. Eine Antwort auf diese Frage zu finden, war aber auch nicht die Intention der Autoren. Sie sehen ein mögliches Einsatzgebiet der offenen Placebotherapie eher in Erkrankungen, die unmittelbar die Befindlichkeit des Patienten betreffen, beispielsweise Depressionen, Angststörungen oder chronische Schmerzen. / 


Zur Übersicht Pharmazie...

Außerdem in dieser Ausgabe...

Beitrag erschienen in Ausgabe 35/2011

 

Das könnte Sie auch interessieren

 

 











DIREKT ZU