Govi-Verlag
Mylan dura

NEUE ARZNEISTOFFE

15 Antiepileptika


Levetiracetam (Keppra® Filmtabletten ; UCB)

 

 

 

Mit Levetiracetam kam Anfang November 2000 ein neues Antiepileptikum auf den Markt, das zur Zusatzbehandlung von partiellen Anfällen mit oder ohne sekundäre Generalisierung bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 16 Jahren zugelassen ist. Strukturell handelt es sich um das Ethyl-Analogon des Nootropikums Piracetam. Bei der Erforschung der Wirkungen auf Gedächtnisleistung und Anxiolyse wurden die antiepileptischen Effekte des Racemats Etiracetam entdeckt. Levetiracetam ist das S-Enantiomer und chemisch nicht verwandt mit anderen Antiepileptika. Es ist gut löslich, wird vollständig resorbiert, weist eine Bioverfügbarkeit von 100 Prozent auf und kann die Blut-Hirn-Schranke überwinden. Maximale Plasmaspiegel sind 1,3 Stunden nach Einnahme erreicht. Die Eliminationshalbwertszeit liegt zwischen sechs und elf Stunden. Levetiracetam wird teilweise enzymatisch zu inaktiven Metaboliten hydrolysiert. Rund zwei Drittel werden unverändert renal eliminiert. Daher muss die Dosis bei älteren Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion angepasst werden.

 

Ansonsten wird die Therapie mit zweimal täglich 500 mg begonnen und kann bei Bedarf langsam auf zweimal 1500 mg gesteigert werden. Levetiracetam beeinflusst weder die Plasmaspiegel anderer Antiepileptika noch die Kinetik von peroralen Kontrazeptiva, Digoxin oder Warfarin. In vielen Tiermodellen schützte der Arzneistoff vor partiellen und primär generalisierten Anfällen, ohne selbst prokonvulsiv zu wirken. Der Wirkmechanismus ist unbekannt; diskutiert werden ein Eingriff in den GABA-Metabolismus, Hemmung der Depolarisierung von Ionenkanälen, Calciumkanal-abhängige Effekte und eine dopaminerge Aktivierung. In drei Studien über 12 bis 14 Wochen wurden über 900 Patienten mit unkontrollierten fokalen Epilepsien behandelt. Alle nahmen mindestens zwei Antiepileptika ein und erhielten zusätzlich Placebo oder 1000, 2000 oder 3000 mg Levetiracetam. Die höchste Dosis war wirksamer als die niedrige Tagesdosis.

 

Die Anfallshäufigkeit nahm statistisch signifikant ab, in der 1000-mg-Gruppe um 18 bis 33 Prozent und in der 3000-mg-Gruppe um 37 bis 40 Prozent, unter Placebo 6 bis 7 Prozent. Die Rate der Patienten, bei denen sich die Anfallsfrequenz mindestens halbierte, lag zwischen 10 und 17 Prozent unter Placebo, 23 und 33 Prozent bei der Dosis1000 mg, sowie 40 bis 42 Prozent bei 3000 mg. Mit der hohen Dosis wurden 8 Prozent der Patienten anfallsfrei , bei Placebo 0 bis ein Prozent. Die Wirksamkeit blieb in einer Studie über zwei Jahre bestehen. Die Inzidenz von Nebenwirkungen ist in der Verum-Gruppe hoch, unterscheidet sich aber nicht von der Placebo-Gruppe. Am häufigsten klagten die Patienten über Somnolenz, Asthenie (Kraftlosigkeit) sowie Benommenheit und Kopfschmerzen. Daher ist beim Autofahren und Bedienen von Maschinen Vorsicht angebracht. Bei Ratten scheint Levetiracetam sogar antiepileptogen zu wirken. Das heißt, es kann das Entstehen einer Epilepsie verhindern.

 

Bei intraperitonealer Gabe verhinderte die neue Substanz außerdem den induzierten Anstieg der Anfallsschwere sowie provozierte klonische Krämpfe. Die bisher in der Therapie eingeführten Antiepileptika wirken "nur" antikonvulsiv, unterbrechen also die Krämpfe. Ob Levetiracetam wirklich die Progression der Epilepsie aufhalten kann, muss in klinischen Studien noch untersucht werden.


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