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Apotheker ohne Grenzen: Vorbereitung auf den Ernstfall

MAGAZIN

 
Apotheker ohne Grenzen

Vorbereitung auf den Ernstfall


Von Daniela Biermann, Kaufering / Wer sind eigentlich die Pharmazeuten, die für »Apotheker ohne Grenzen« freiwillig in ein Krisengebiet gehen? Warum tun sie das? Und wie bereiten sie sich vor? Als Redakteurin der Pharmazeutischen Zeitung habe ich an einer Schulung für den Ernstfall teilgenommen.

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Wenn rund 30 Apotheker jeden Alters ein Wochenende zusammen zelten, ohne sich vorher zu kennen, muss etwas Besonderes dahinterstecken. Eine besondere Erfahrung war dieses Wochenende dann wirklich – ein Outdoor-Seminar zu den Grundlagen der humanitären Arbeit für Pharmazeuten. Veranstalter waren die gemeinnützigen Nicht-Regierungs-Organisationen »Apotheker ohne Grenzen« und »Lands Aid«. Beide Organisationen arbeiten häufig in Krisengebieten zusammen.




Verstehen, was der andere sagt: ohne Sichtkontakt gar nicht so einfach.

Foto: AOG


Fachlich ging es bei dem Seminar um Fragen wie: Was ist bei der Organisation von Medika­men­tenspenden zu beachten? Wie sind die sogenannten Emergency Health Kits aufgebaut? Welche Probleme treten auf, wenn man in einem Krisengebiet die Arzneimittelversorgung von Tausenden von Menschen sicherstellen muss? Praktisch übten die Teilnehmer die Orientierung im Gelände mit dem Kompass und mussten Landminen(-Attrappen) suchen. Am abendlichen Lagerfeuer erzählten erfahrene Mitglieder von »Apotheker ohne Grenzen« sehr persönlich, wie sie ihre Einsätze in Haiti, Sri Lanka und Indien erlebt haben. Wir Seminarteilnehmer merkten dabei schnell: Fachliche Kompetenz ist bei Weitem nicht alles.

 

Ungeduld, vor allem wenn ich eine Sache nicht selbst in die Hand nehmen darf, ist eine meiner größten Schwächen. Das wird mir deutlich vor Augen geführt, als ich meinem Teampartner Abraham aus Ghana erkläre, wie er ein sechsteiliges Puzzle zusammenlegen soll. Wir sitzen Rücken an Rücken. Dass am Ende ein Kreuz vor ihm liegen soll, darf ich nicht verraten. Parallel puzzelt ein zweites Team. Wir haben fünf Minuten Zeit. Es sei kein Wettbewerb, wird versichert – es fühlt sich aber so an. Vor allem als das andere Team bereits fertig ist und Abraham und ich noch darüber diskutieren, ob mein »links unten« auch sein »links unten« ist. Was ich nicht weiß: Da er meinen Anweisungen nicht folgen kann, hat Abraham einfach angefangen zu improvisieren. Um uns herum stehen die restlichen 25 Seminarteilnehmer. Ausbilder Jochen setzt uns mit seinen Kommentaren zusätzlich unter Druck. Irgendwann geben wir auf – ich genervt, Abraham immer noch gut gelaunt.

 

Ohne Teamgeist geht  es nicht

 

Was diese Übung mit einem Notfall-einsatz in Katastrophengebieten wie Haiti oder Pakistan zu tun hat? Es geht um Kommunikation und Teamfähigkeit. Während Abraham mir zum Teil gar nicht zugehört hat, habe ich es versäumt, mir sein Feedback zu holen und ihm eine andere Erklärung anzubieten – um nur einige Punkte zu nennen.

 

Ein Hilfseinsatz hängt auch davon ab, wie gut die Helfer, die sich nicht gut kennen, zusammenarbeiten. Das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse, die uns die Referenten vermitteln. Pharmazeutisches Know-how bringen wir alle mit. Aber Teamfähigkeit? Schon vor der Übung hatten Abraham und ich festgestellt, dass wir auf unterschiedliche Weise Entscheidungen treffen: Er will zunächst möglichst viele Informationen sammeln. Ich dagegen bin ein Freund schneller Entscheidungen. Beide Fähigkeiten sind im Team gefragt. Der Trick besteht darin, Aufgaben geschickt zu verteilen, den anderen so zu akzeptieren, wie er ist, mitsamt seiner Arbeitsweise, und vor allem: einen Teamleiter zu bestimmen, der wirklich das letzte Wort hat.

 

Nächste Übung: Orientierung. 250 Meter Richtung 142 Grad, quer durch den Wald und über Stacheldrahtzäune. Dort soll ein Haus in einer Kiesgrube liegen. Ein Teil der Gruppe zählt Schritte und geht voran. Die anderen sind so sehr mit ihrem Kompass beschäftigt, dass sie kaum hinterher- kommen. Dabei sollen sie die Richtung vorgeben. Wir stoppen, als ein einsames Haus in Sicht ist. Ich bin der Meinung, wir haben unser Ziel erreicht. Katja merkt an, dass laut Schrittzahl erst 200 Meter zurückgelegt sind. Wir sollten weitergehen. Ich argumentiere mit Wahrscheinlichkeit dagegen, Katja mit Genauigkeit dafür. Sofort merke ich, wie ich ungeduldig werde. Ich traue mich aber nicht, einfach zu bestimmen. Der Rest des Teams ist uneins. Keiner will dem anderen zu nahe treten. Übungsleiter Michael fordert eine gemeinsame Ansage, und wir stimmen ab. Michael lobt die basisdemokratische Überzeugung – in einer Krisensituation hätten wir jedoch eine schnelle Entscheidung gebraucht, für die einer die Verantwortung übernimmt. Die anderen müssen sich unterordnen.




Erfahrene Mitglieder von »Apotheker ohne Grenzen« berichten von ihren Einsätzen.

Foto: PZ/Biermann


Bevor es auf die Reise geht, sollte jeder Freiwillige nicht nur die eigenen Fähigkeiten, sondern auch seine Motivation hinterfragen. »Reiselust« nannten zu Seminarbeginn einige Teilnehmer. Etwas »Neues« machen. Aus »dem Alltag herauskommen«. Meinem »Leben einen Sinn geben«: alles nachvollziehbare, aber eher egoistische Gründe. Besser wäre der Wunsch, anderen etwas geben zu wollen. Wie Abraham, der nach dem Studium in Deutschland hier Erfahrungen sammeln will, um später in seiner Heimat Ghana eine Apotheke zu gründen. »Mein Ziel ist es, qualitative Beiträge zur Verbesserung des ghanaischen pharmazeutischen Systems zu leisten«, erzählt er mir. »Man gibt auf einem solchen Einsatz sehr viel von sich selbst«, berichtet Seminarleiter Michael aus eigener Erfahrung. Das sei für den einen oder anderen eher psychisch als physisch belastend. Aber man könne auch daran wachsen. »So ein Einsatz verändert euch«, sagt Michael, der für »Lands Aid« hauptberuflich arbeitet. »Daher müsst ihr euch schon vorher Gedanken über das Nach-Hause-Kommen machen. Wie geht ihr mit den Erfahrungen um?«

 

Freiwillige Helfer für Äthiopien gesucht

 

Rund die Hälfte der Teilnehmer konnte sich zum Seminarende vorstellen, einen Einsatz zu begleiten. Auch ich habe die Hand gehoben. Als Voraussetzung gilt die Teilnahme am Grundlagenseminar. Tatsächlich könnte es für die ersten bald so weit sein. Seit August bereiten »Apotheker ohne Grenzen« und »Lands Aid« einen Einsatz in Äthiopien vor. Sie suchen zurzeit nach freiwilligen Helfern, die in den Flüchtlingslagern an der Grenze zu Somalia medizinische Hilfe leisten. Millionen Menschen in Ostafrika drohen aufgrund der anhaltenden Dürre zu verhungern, darunter viele Kinder. Auf einen solchen Anblick kann eine Wochenendseminar nicht in vollem Umfang vorbereiten. Die Mitarbeiter von »Apotheker ohne Grenzen« und »Lands Aid« haben jedoch die bestmögliche Starthilfe gegeben und sind für die freiwilligen Helfer auch während des Einsatzes jederzeit ansprechbar – ob an Ort und Stelle oder aus der Ferne. Darauf wird vielleicht auch Abraham zurückgreifen. Er überlegt, sich für den Einsatz in Äthiopien zu melden. /


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Beitrag erschienen in Ausgabe 33/2011

 

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