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Pflegende Angehörige: Wenn Helfer Hilfe brauchen

MEDIZIN

 
Pflegende Angehörige

Wenn Helfer Hilfe brauchen


Von Nicole Schuster / Angehörige pflegen etwa zwei Drittel der Pflegebedürftigen in Deutschland zu Hause. Sie sind in der Regel hoch motiviert, gleichzeitig aber oft physisch und emotional stark belastet. Neben körperlichen Beschwerden sind Depressionen bis hin zum Burn-out häufige Folgen.

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Die Pflegenden sind zum größten Teil Frauen zwischen dem 50. und 75. Lebensjahr. Sie kümmern sich hingebungsvoll und aufopfernd um ihren Partner oder die Eltern. Dabei verlangt die Last der häuslichen Versorgung ihnen einiges ab. »Pflegende Angehörige leben im ständigen Bereitschaftsdienst. Sie erfüllen einen Fulltime-Job und sind nicht selten 24 Stunden am Tag im Einsatz«, erklärt Antje Brandt von der Landesstelle Pflegende Angehörige Nordrhein-Westfalen in Münster gegenüber der Pharmazeutischen Zeitung. Das hinterlässt Spuren.




Die Pflege von Anghörigen ist eine erfüllende, aber auch sehr belastende Aufgabe. Viele Helfer werden durch die starke Beanspruchung selbst krank.

Foto: DAK/iStock


Laut einer im Januar 2011 veröffentlichten Studie der Siemens-Betriebskrankenkasse (SBK) sind pflegende Angehörige um 19 Prozent kränker als der Durchschnitt, gemessen an der Zahl der Diagnosen. Vermehrt leiden sie unter Rückenschmerzen oder Kreislaufbeschwerden und sind zudem anfälliger für Infekte. Jeder Sechste ist an einer depressiven Episode oder gar Depression erkrankt. Der Grund: Zu den körperlichen Anstrengungen kommen unerwartet hohe psychische Belastungen hinzu. Der helfende Angehörige muss fortwährend empfindlich in die Intimsphäre des Pflegebedürftigen eingreifen. Müssen die Eltern gewaschen, gewindelt oder beim Toilettengang unterstützt werden, kostet das viele erwachsene Kinder eine immense Überwindung der eigenen Scham.

 

Viele müssen auch damit zurechtkommen, dass sich das Wesen der Pflegebedürftigen ändert. Diese können ihren Pflegern gegenüber, und seien es die eigenen Kinder oder der früher so geliebte Partner, misstrauisch, ablehnend und sogar feindlich eingestellt sein. Die Angehörigen fühlen sich zudem einem ständigen Leistungsdruck ausgesetzt und glauben verantwortlich zu sein, wenn es ihrem Familienmitglied schlechter geht. Oft bekommen sie entsprechende Vorwürfe auch aus dem Umfeld zu hören. Für viele von ihnen ist dies ein weiterer Grund, Tag für Tag mehr als 100 Prozent zu geben und die körperliche und seelische Erschöpfung zu ignorieren. Damit setzt sich ein Teufelskreis in Gang: Durch die andauernde Selbstüberlastung in der Pflege lässt die Leistungsfähigkeit nach, was neue Selbstvorwürfe und eine weitere Verstärkung der Bemühungen zur Folge hat. Eine extreme Einschränkung der eigenen Freizeitaktivitäten und eine immer stärker werdende soziale Isolation nehmen sie dafür in Kauf. Das Traurige für viele der Helfer: Ihr Einsatz wird ihnen von der Gesellschaft kaum gedankt und nicht gewürdigt.

 

Säule des Systems

 

»Pflegende Angehörige sind die tragende Säule in unserem Pflegesystem«, erklärt Brandt. Ihre Arbeit zu achten und zu schätzen, sollte daher dringendes Anliegen der Gesellschaft sein. »Pflege ist kein Thema des Einzelnen. Es ist ein Thema der Gesellschaft.« Nur durch den aufopferungsvollen Einsatz vieler Menschen kann Pflege überhaupt bezahlbar bleiben. Ziel muss daher sein, pflegende Angehörige gesund zu erhalten. Denn: Geht es dem Pfleger schlechter, zieht das fast immer auch eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes des Pflegebedürftigen nach sich. Und das kostet das Gesundheitssystem zusätzlich.

 

Um Angehörigen rechtzeitig unter die Arme zu greifen, können der Hausarzt und der Apotheker eine wichtige Rolle spielen. Wenn sie mit einem offenen Ohr für ihre Patienten da sind, können sie bei pflegenden Angehörigen die bedenklichen Zeichen rechtzeitig erkennen. Auch, wenn es darum geht, Entlastungen zu suchen, können sie helfen. Denn es gibt durchaus Angebote, die das Leben und die Pflege erleichtern können. Aber: »Die Informationsverbreitung ist sehr oft mangelhaft«, so die Expertin aus Münster. Oft höre sie am Telefon Sätze wie: Wenn ich das nur von Anfang an gewusst hätte! Brandt plädiert dafür, Informationen dort zu platzieren, wo die Betroffenen sie auch finden: In Arztpraxen und öffentlichen Verkehrsmitteln ebenso wie in den Medien. Apotheken eignen sich besonders gut als Verteilungsstelle. Bei der Landesstelle Pflegende Angehörige Nordrhein-Westfalen kann man kostenlos Informationsmaterial bestellen, um es an Betroffene auszugeben (siehe Kasten).


Informationen

Informationen rund um Hilfen und Wissenswertes für pflegende Angehörige bietet die Landesstelle Pflegende Angehörige Nordrhein-Westfalen: die Infobroschüre »Was ist wenn?«. Die Broschüre kann auch in größerer Stückzahl kostenfrei unter der Telefonnummer 0800 2204400 (Montag – Freitag von 10 bis 12 Uhr) angefordert oder auch als PDF-Datei heruntergeladen werden (www.lpfa-nrw.de).

 

Die Checkliste »Schritt für Schritt zur häuslichen Pflege« verschafft einen ersten Überblick und ist sowohl in Deutsch als auch in anderen Sprachen wie Türkisch, Russisch, Polnisch und Serbokroatisch erhältlich.


Neben der besseren Verbreitung und Vernetzung von Informationen und Hilfsangeboten ist auch der Gesetzgeber gefragt, die Rahmenbedingungen für die fürsorglichen Angehörigen zu verbessern. Baustellen sind diverse bürokratische Hürden für die privaten Pfleger, der oft undurchblickbare Dschungel an Gesetzen und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Pflege.

 

Organisation ist alles

 

Ein Mensch kann schleichend aber auch ganz plötzlich zum Pflegefall werden. Mal haben Angehörige lange Zeit, die Pflege zu organisieren und zu planen. In anderen Fällen kann ihr Angehöriger quasi von heute auf morgen nicht mehr alleine leben. Die Angehörigen sollten in einem ersten Schritt so viele Informationen wie möglich über den Gesundheitszustand des Erkrankten einholen. Klären müssen sie dann, ob eine Pflege zu Hause möglich ist und wie die familiäre Arbeitsteilung aussehen soll. Nicht einer alleine kann alles schultern. Die Entscheidung für die Pflege daheim sollte nicht aus Dankbarkeit oder dem Gefühl der Verpflichtung fallen und gut überlegt sein.

 

Doch nicht nur in ihrem Umfeld gibt es für pflegende Angehörige viel zu regeln. Auch in ihrem Verhältnis zu dem Pflegebedürftigen müssen sie mit Änderungen umgehen lernen. Nun sind es nicht mehr die Eltern, die ihre Kinder beschützen, sondern andersherum. Die Angehörigen müssen sich fragen, ob sie das seelisch aushalten können und wollen.




Entlastung für pflegende Angehörige stellen die Ersatz- und die Kurzzeitpflege dar: Für sie kann finanzielle Unterstützung bei der Pflegekasse beantragt werden.

Foto: Fotolia/Sanders


In vielen Fällen ist es sinnvoll, einen Pflegedienst einzuschalten, der bestimmte Arbeiten abnehmen kann. Ehrenamtliche Helfer sorgen zumindest stundenweise für Entlastung. Der Besuch eines Pflegekurses kann für mehr Sicherheit in der alltäglichen Pflege sorgen. Hier trainieren Angehörige viele Routinehandgriffe. Solche Kurse bieten Pflegekassen, Wohlfahrtsverbände oder auch ambulante Dienste an. Die Kosten dafür erstattet die Pflegekasse. Eine weitere Entlastung können Haushaltshilfen sowie Mahlzeiten-, Einkaufs-, Wäscherei- oder Fahrdienste darstellen. Um die Finanzierbarkeit zu erleichtern, können pflegebedürftige Menschen je nach Ausmaß der erforderlichen Hilfe Leistungen aus der Pflegeversicherung erhalten, um damit Angehörige, Freunde, Nachbarn oder andere Personen für die Pflegedienste zu bezahlen. Die Beträge aus der Pflegeklasse variieren je nach Pflegestufe zwischen 225 Euro, 430 Euro oder 685 Euro monatlich. Bedingung: Regelmäßig müssen die Betroffenen einem Pflegedienst Einblick in die Pflegeverhältnisse gewähren und sich beraten lassen.

 

Neben der Pflegeroutine sollten die Pflegenden Zeit für sich und ihre Bedürfnisse fest einplanen. Treffen mit Freunden, ein entspannter Stadtbummel oder ein erfüllendes Hobby verbessern die eigene Lebensqualität. Ohne eine gesunde Balance aus eigenem Leben und Pflege kann die Betreuung des Patienten nicht dauerhaft funktionieren.

 

Einmal im Jahr kann ein pflegender Angehöriger dafür sogar extra Unterstützung beantragen. Bis zu 1510 Euro zahlt die Pflegekasse für den Fall, dass er beruflich oder aus Krankheitsgründen verhindert ist oder in Urlaub fahren möchte. Anspruch auf diese Ersatz- oder Verhinderungspflege besteht bei den Pflegekassen, sobald sechs Monate im Rahmen einer Pflegestufe gepflegt wurde. Eine Alternative dazu ist eine Kurzzeitpflege. Hier werden Pflegebedürftige über eine begrenzte Zeit stationär betreut, zum Beispiel in einem Seniorenheim. Verhinderungspflege und Kurzzeitpflege können auch beide im gleichen Jahr beantragt werden. Den Anspruch darauf haben Pfleger jedes Jahr aufs Neue.

 

Raus aus dem Pflegealltag

 

Um die eigenen Ressourcen aufzufüllen, können pflegende Angehörige eine Kur machen, die speziell auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist. Die AOK-Klinik Schloßberg in Bad Liebenzell bietet Reha für Pflegende an. Gordana Duvnjak, Leiterin Fachbereich Markt der AOK-Klinik in Bad Liebenzell, sagt im Gespräch mit der PZ: »Bei uns können die unermüdlichen Helfer ihre Akkus aufladen. Wir nehmen sie raus aus dem Pflegealltag und helfen ihnen, einen Ausgleich für sich zu schaffen.« Ziel ist es, die totale psychische Erschöpfung zu vermeiden. Dabei helfen Einzel- und Gruppengespräche, in denen die Pflegenden eigene Bedürfnisse erkennen können. Von Schulungen im Bereich Stressbewältigung und Entspannung können die Helfer im Alltag zehren. Nicht nur die Seele, auch der Körper wird hier therapiert. »Mit Massagen, Krankengymnastik und orthopädischen Behandlungen können körperliche Probleme wie Rückenschmerzen behandelt werden«, so Duvnjak.

 

Was viele pflegende Angehörige im Alltag vermissen, sind Menschen, mit denen sie sprechen und denen sie von ihren vielen großen und kleinen Kämpfen erzählen können. Neben Selbsthilfegruppen und Therapeuten ist hier auch der Apotheker gefragt. Wo auch sonst gehen viele Angehörige als Erstes hin, wenn sie Arzneimittel, Hilfsmittel oder diätetische Produkte für die Pfleghebedürftigen daheim benötigen? /

 

Literatur

Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin: »Pflegende Angehörige«. DEGAM-Leitlinie Nr. 6; 2005 (www.awmf.org).
SBK-Studie: www.sbk.org/uploads/media/PM_SBK_Pflegende_Angehoerige.pdf

 

Weitere Literatur bei der Verfasserin


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Beitrag erschienen in Ausgabe 32/2011

 

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