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Arzneimittelforschung: Wie Pillen in die Packung kommen

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Arzneimittelforschung

Wie Pillen in die Packung kommen


Von Ulrike Abel-Wanek, Biberach an der Riss / Vom Labor ins Museum: Den komplexen Prozess der Arzneimittelentwicklung einem breiten Publikum möglichst kurzweilig nahezubringen, ist nicht einfach. Die Biberacher Ausstellung »Ein Medikament entsteht« zeigt, dass es geht.

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»Ein Arzneimittel kommt nicht einfach nur aus der Apotheke. Da steckt viel mehr dahinter.« Museumsdirektor Frank Brunecker kuratiert seit 2005 industriegeschichtliche Sonderausstellungen ortsansässiger Unternehmen im Museum Biberach. Statt wie bisher um Werkstoffe und große Maschinen, geht es bei der aktuellen Präsentation um kleine Moleküle, genauer: um die Entwicklung und Erforschung eines neuen Medikaments.




Dreidimensionale Struktur des Proteins Thrombin. Ein Wirkstoff soll genau an der dunkel eingefärbten Stelle ansetzen.

Foto: Katalog


»Diese Ausstellung ist die komplizierteste, die ich je organisiert habe«, sagt Brunecker. Zusammen mit dem Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim, das in Biberach das größte Forschungs- und Entwicklungszentrum der Firmengruppe mit mehr als 4500 Mitarbeitern unterhält, ist eine anspruchsvolle Ausstellung entstanden, die nicht nur Pharmazeuten interessieren wird. »Arzneimittelforschung ist ein Thema, das uns alle betrifft«, so der Kurator. Jede neue Gesundheitsreform zeige die politische Virulenz, vor allem gehe es aber um die Tatsache, dass jeder irgendwann mal krank werde und ein Medikament benötige. Was kaum jemand weiß: Von den rund 30 000 heute bekannten Krankheiten sind nur etwa 10 000 behandelbar, und bloß ein Bruchteil davon ist heilbar. Warum das so ist, zeigt ein Blick hinter die Kulissen der Arzneimittelentwicklung.

 

Wie eine Stecknadel im Heuhaufen

 

Kapseln und Tabletten haben es in sich: Es dauert im Durchschnitt zwölf Jahre, beschäftigt Hunderte von Wissenschaftlern und kostet rund eine Milliarde Euro, bis ein einziges neues Medikament in die Apotheke kommt. Forscher suchen heute nach den molekularen Ursachen von Krankheiten. Millionen von Substanzen werden in Screenings auf Wechselwirkungen mit bestimmten Proteinen getestet, um in Zukunft vielleicht einen bahnbrechenden Treffer für die Behandlung von Schlaganfällen oder Krebs zu landen. Identifizierte Treffersubstanzen werden dann in jahrelangen Prozessen optimiert, um Nebenwirkungen abzuschwächen und ihre Wirkweise zu verstärken. Es folgen Testprogramme in vorklinischen Prüfungen, Patentanmeldungen und technische Analyseverfahren nach international standardisierten Qualitätskriterien. Einen aussichtsreichen Wirkstoff-Kandidaten zu entwickeln und ihn in großem Umfang herzustellen, macht aber immer noch kein Medikament. Erst die Darreichungsform als Kapsel, Tablette, Saft oder Infusion in Kombination mit Hilfsstoffen entscheidet, wie praxistauglich ein Wirkstoff tatsächlich ist, wie schnell und zuverlässig er im Körper an sein Ziel gelangt und dort verfügbar bleibt. Ganz zum Schluss kommt dann in verschiedenen Phasen der klinischen Prüfung auch der Mensch ins Spiel – zunächst mit einigen gesunden Freiwilligen, dann mit einigen Hundert und zuletzt mit Tausenden Patienten. »Wie bringt man dergleichen in eine Ausstellung? Dass Tabletten in Vitrinen nicht ganz ausreichen, dürfte klar sein«, so Brunecker.

 

Der passende Schlüssel fürs Schloss

 

Die Schau beginnt in einer Krankenstation mit vier Krankenhausbetten. Sie stehen für vier Krankheiten, an denen Jahr für Jahr Millionen von Menschen sterben: Schlaganfall, Krebs, Aids und COPD (Chronic Obstructive Pulmonary Disease). Hier im Entree soll sich der Besucher einstimmen auf das Thema Arzneimittel, schon hier wird ihm klar, warum Forschung so wichtig ist.




Bis die bunten Pillen in die Apotheke kommen, durchlaufen sie einen jahrelangen Entwicklungsprozess.

Foto: Apothekenmuseum Heidelberg


Computer, Mikroskope, Pipettenautomat und Abriebstester zeichnen im nächsten Raum dann den Entwicklungsprozess eines Arzneimittels am Beispiel des Gerinnungshemmers Dabigatran nach. Es geht um die jahrelange Suche nach einer Substanz, die wie ein Schlüssel ins Schloss eines krankheitsrelevanten Zielproteins hineinpasst – und seine Wirkung beeinflusst. Dreidimensionale Modelle zeigen deutlich, wie ein möglicher Wirkstoff an der Oberfläche des Proteins ansetzt. Roboter suchen nach Leitstrukturen, und auch für Laien verständliche Exponate zeigen komplizierte chemische Abläufe verblüffend einfach nach. »Welcher Klotz passt hier hinein?« Ein Kinderspiel am ersten Tisch, bei dem nur das richtige geometrische Objekt durch die Öffnung passt, gibt schon Schülern einen plastischen Eindruck von der Suche nach einem passenden Molekül. »Wir werden sehr gut besucht«, freut sich Brunecker. »Wir hatten schon weit über 4000 Besucher nach nur wenigen Wochen, darunter viele Schulklassen.« Trotz ihrer Anschaulichkeit hütet sich die Ausstellung jedoch vor allzu großer Vereinfachung. Die Komplexität heutiger Pharmaforschung ist ihre Hauptaussage, und die kommt beim Besucher auch an. Nach einem Parcours entlang an 28 weißen Labortischen mit Mikrotiterplatten, Versuchsaufbauten, Filmen und Phiolen steht er am Ende der Präsentation vor dem Ergebnis der 18-jährigen Forschungs- und Entwicklungsarbeit von Dabigatran: der Zulassungsdokumentation mit einer halben Million Blatt Papier, dicht gedrängt in einem vier Meter hohen und zehn Meter langen Regal. /

 

Boehringer Ingelheim – Ein Medikament entsteht. Museum Biberach, Museumstraße 6, 88400 Biberach an der Riss. Telefon: 07351 51-331. www.museum-biberach.de


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Beitrag erschienen in Ausgabe 31/2011

 

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