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Nahrungsergänzungsmittel: Lebensmittel in Tablettenform

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Nahrungsergänzungsmittel

Lebensmittel in Tablettenform


Von Christina Hohmann-Jeddi / Verbraucher schätzen Nahrungs­ergänzungsmittel und hoffen auf positive Effekte für die Gesundheit. Doch wie sinnvoll und sicher sind die Produkte wirklich? Wie werden sie kontrolliert und wer haftet für ihre Qualität?

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Kapseln, Dragees, Tabletten – sie sehen aus wie Arzneimittel, sind aber keine: Nahrungs­ergänzungsmittel zählen zu den Lebensmitteln und sollen die normale Ernährung ergänzen. Die Produkte können eine Reihe von Substanzen wie Vitamine, Mineral­stoffe, Spurenelemente, Aminosäuren, Ballaststoffe oder Pflanzenextrakte enthalten. Diese werden meist konzentriert in Form von Kapseln, Tabletten, Pulvern oder Dragees angeboten. Laut Nahrungs­mittelergänzungsverordnung (NemV) handelt es sich um »ein Konzentrat von Nährstoffen oder sonstigen Stoffen mit ernährungsspezifischer oder physiologischer Wirkung allein oder in Zusammensetzung«, das »zur Aufnahme in abgemessenen kleinen Mengen in den Verkehr gebracht wird«.




Von der klassischen »Vitaminpille« bis zum dubiosen Stärkungsmittel aus dem Internet: Das Angebot an Nahrungsergänzungsmitteln ist breit. Die Abgrenzung zu Arzneimitteln ist nicht immer einfach.

Foto: imago/imagebroker


Da die Produkte zu den Lebensmitteln zählen, unterliegen sie den Bestimmungen des Lebens- und Futtermittelgesetzbuches (LFGB). Diesen zufolge müssen Lebensmit­tel sicher sein, Angaben auf der Verpackung dürfen den Verbraucher nicht täuschen und krankheitsbezogene Werbung ist verboten. Anders als Arzneimittel müssen die Präparate nicht zugelassen werden. Es reicht aus, wenn der Hersteller das Präparat beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) registrieren lässt.

 

Da Lebensmittel per se sicher sein müssen und keine Nebenwirkungen haben dürfen, werden die Präparate vor Markteintritt nicht überprüft, informiert das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Im Handel erhältli­che Nahrungsergänzungsmittel werden aber durch die Lebensmittelüberwachungs­behörden der Länder stichprobenartig kontrolliert. Für die Sicherheit der Produkte tragen Hersteller und Vertreiber die Verantwortung. Sie sind verantwortlich, dass die Produkte nicht gesundheitsschädlich sind und durch ihre Aufmachung die Verbraucher nicht täuschen. »Im Sinne des Gesetzbuches sind auch die Vertreiber, also auch die Apotheker, verantwortlich«, sagte Andreas Tief, stellvertretender Pressesprecher am BVL, gegenüber der Pharmazeutischen Zeitung. Auch eine Beratung zu dem Produkt befreie den Vertreiber nicht von der Haftbarkeit. »Das Produkt muss sicher sein.« Wenn der Apotheker für die Sicherheit eines Nahrungs­ergänzungsmittels keine Belege habe, sollte er es nicht abgeben, so Tief.

 

Laut NemV müssen die Präparate als Nahrungsergänzungsmittel gekennzeichnet sein. Zusätzlich zu den in der Lebensmittelkennzeichnungsverordnung vorgeschriebenen Angaben, etwa der Zutatenliste und dem Mindesthaltbarkeitsdatum, müssen die Produkte noch weitere Hinweise tragen. Dazu zählen zum Beispiel die empfohlene tägliche Verzehrsmenge und der Warnhinweis, dass diese nicht überschritten werden darf. Zudem müssen auf der Verpackung Hinweise stehen, dass das Nahrungsergänzungsmittel nicht als Ersatz für eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung verwendet werden sollte und das Produkt außerhalb der Reichweite von kleinen Kindern zu lagern ist.

 

Unterschiede zu Arzneimitteln

 

Während Lebensmittel und damit Nahrungsergänzungsmittel zum Verzehr gedacht sind, sollen Arzneimittel Krankheiten oder krankhafte Beschwerden lindern, heilen, verhindern oder erkennen helfen. Ihre Inhaltsstoffe wirken pharmakologisch, die von Nahrungsergänzungsmitteln nicht. Doch so einfach diese Unterscheidung klingt, so schwierig ist die Abgrenzung manchmal in der Praxis. Manche Inhaltsstoffe können sowohl in Nahrungsergänzungs- als auch in Arzneimitteln enthalten sein, beispielsweise Calcium und die Vitamine D und E. Besonders schwierig wird die Unterscheidung bei pflanzlichen Präparaten. Ob es sich um ein Lebensmittel oder ein Medikament handelt, entscheiden in Deutschland die Lebensmittel- und Arzneimittelüberwachungsbehörden im Einzelfall.

 

Sinnvoll, unnötig oder gar schädlich?

 

Während Medikamente vor Markteinführung auf Nutzen, Sicherheit und Unbedenklichkeit getestet werden, ist dies bei Nahrungsergänzungsmitteln nicht der Fall. Allein die Tatsache, dass ein Produkt auf dem Markt ist, sagt daher noch nichts da­rüber aus, ob seine Einnahme sinnvoll ist. Das Bundesinstitut für Risikobewertung ist sogar der Auffassung, dass Nahrungs­ergänzungsmittel für gesunde Personen bei normaler Ernährung in der Regel unnötig sind. Eine ausgewogene, abwechslungsreiche Ernährung versorge den Organismus mit allen lebensnotwendigen Stoffen. In einigen Ausnahmen sei eine Einnahme allerdings zu erwägen, zum Beispiel Calcium­präparate bei Personen, die keine Milchprodukte konsumieren. Ausdrücklich empfohlen ist die Gabe von Iod und Folsäure in der Schwangerschaft.




Nahrungsergänzungsmittel mit Iod und Folsäure werden für schwangere Frauen ausdrücklich empfohlen.

Foto: DAK


Bei älteren Menschen kann die Versorgung mit essenziellen Nährstoffen aufgrund von Schluck- und Kaubeschwerden oder Appetitlosigkeit eingeschränkt sein und die Gabe von Supplementen notwendig machen. Zum Teil haben auch chronisch Kranke einen erhöhten Bedarf an Nährstoffen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass alle chronisch Kranken und Senioren Supplemente benötigen.

 

»Wenn die Präparate vielleicht auch nicht viel helfen, so schaden sie wenigstens nicht.« Diese Einschätzung vieler Verbraucher ist nicht immer zutreffend. Eine Überversorgung mit bestimmten Vitaminen und Mineralstoffen kann nachteilige Wirkungen haben, zum Beispiel eine Überladung mit Eisen oder eine zu hohe Zufuhr an Vitamin A, vor allem bei Schwangeren. Auch Überversorgungen mit den Vitaminen D und E, Kalium und Calcium werden mit gesundheitlichen Risiken in Verbindung gebracht. Das BfR hält es deshalb für gerechtfertigt, verbindliche Höchstmengen für Inhaltsstoffe festzulegen. Bislang existieren solche Werte weder auf nationaler noch auf europäischer Ebene.

 

Eine weitere Problematik bei der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln ist, dass die Inhaltsstoffe mit den Wirkstoffen von Arzneimitteln interagieren können. Dies kann zu einer Abschwächung oder Verstärkung der Arzneimittelwirkung führen und die Therapiesicherheit beeinträchtigen. Das BfR empfiehlt, Nahrungsergänzungsmittel nicht über einen längeren Zeitraum zusammen mit einem Medikament einzunehmen, außer wenn dies mit dem Arzt abgesprochen ist. So kann nach Einschätzung des Instituts zum Beispiel die gemeinsame Einnahme von Glucosamin-haltigen Nahrungsergänzungsmitteln und Warfarin die gerinnungshemmende Wirkung des Vitamin-K-Antagonisten verstärken.

 

Schwierigkeiten können auch einzelne Inhaltsstoffe in Nahrungsergänzungsmitteln bereiten: In der Vergangenheit traten immer wieder Fälle auf, bei denen Präparate nicht zugelassene oder rezeptpflichtige Substanzen enthielten. Ein Beispiel hierfür sind Muskelaufbaupräparate, die in Deutschland über das Internet angeboten wurden, denen Anabolika zugesetzt waren. Schwierig ist auch die Wirkung und Sicherheit mancher pflanzlicher Zubereitungen einzuschätzen, etwa von Aloe-vera-Extrakten.

 

Was ist zu tun, wenn Kunden mit speziellen Präparatewünschen in die Apotheke kommen? Informieren kann sich das pharmazeutische Personal unter anderem im Internet: Das BfR bietet Stellungnahmen zu bestimmten Produktgruppen in der Rubrik »angereicherte Lebensmittel« auf tinyurl.com/3j9mv5x. Die US-amerikanische National Library of Medicine stellt auf der Website Medline plus unter tinyurl.com/897f6 eine Liste von Inhaltsstoffen aus Nahrungsergänzungsmitteln vor, die jeweils definiert und nach der aktuellen Datenlage bewertet werden. / 


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Beitrag erschienen in Ausgabe 30/2011

 

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