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Erkältungen: Banale Atemwegsinfekte symptomatisch behandeln

TITEL

 
Erkältungen

Banale Atemwegsinfekte symptomatisch behandeln

Von Carola Seifart

 

Es ist fröstelig, ein Niesen folgt dem anderen, der Hals kratzt, die Nase beginnt zu laufen und man fühlt sich elend. Keine Frage: Jetzt kommen ein paar unangenehme Tage, die einen riesigen Stapel Taschentücher, gute Hygiene und vielleicht sogar Bettruhe erfordern.

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Jedes Jahr im Herbst oder spätestens im Winter ist es so weit: Der Schnupfen zieht durchs Land. Erkältungskrankheiten gibt es überall auf der Welt, kein Mensch ist vor ihnen gefeit. Eine kausale Therapie gibt es nicht und auch symptomatische Maßnahmen haben nur begrenzten Erfolg. Kein Zweifel: Erkältungen oder Common colds führen die »Hitliste der erfolgreichsten Krankheiten« an.

 

Es handelt sich um die häufigste Erkrankung in den industrialisierten Staaten. Sie bedingt mit 23 Millionen Arbeitsunfähigkeitstagen etwa 40 Prozent aller Fehltage berufstätiger Personen und ist mit 26 Millionen Schulausfalltagen die häufigste Ursache für eine Abwesenheit vom Unterricht. Die geschätzten Kosten in den USA betragen etwa 3,5 Millionen US-Dollar pro Jahr. Erkältungskrankheiten verlaufen selbstlimitierend und beruhen in 97 Prozent auf einer Virusinfektion. Daher ist die Bezeichnung banale Virusinfektion weitaus zutreffender als »grippaler Infekt«. Insbesondere auch, weil sie andere respiratorische Infektionen abgrenzt, die ernster verlaufen wie die Influenza-Infektion. Im anglo-amerikanischen Sprachraum hat daher die Formulierung Upper respiratory tract infection (Infektion der oberen Atemwege) die Bezeichnung Common cold abgelöst.

 

Der deutsche Volksmund bezeichnet Erkältungskrankheiten häufig fälschlich als »Grippe«. Erfreulicherweise handelt es sich dabei um eine semantische Übertragung, die nur in Ausnahmefällen gerechtfertigt ist. Die echte Grippe (Influenza) ist sehr viel seltener und unterscheidet sich deutlich von einer banalen Virusinfektion. Es handelt sich um ein schweres Krankheitsbild mit hohem Fieber, Husten, Kopf- und Muskelschmerzen. Auch heute noch sterben in den Industrienationen jedes Jahr über 10.000 Menschen an Influenza. Eine schwere Konsequenz, die erfreulicherweise bei banalen Virusinfektionen nicht zu erwarten ist.

 

Die Erkältung ist seit der Antike bekannt. Nahezu in allen Sprachen, zum Beispiel den indogermanischen und romanischen Sprachen, und in den alten Medizinlehren beinhaltet der Krankheitsname den Begriff Kälte oder leitet sich davon ab. Unter Galen wurde die Erkältung der Qualität »Kalt« in der Viersäftelehre zugeordnet. Sie gehörte damit zur schwarzen Galle und zum Schleim. In der Traditionellen Chinesischen Medizin wird der grippale Infekt als Wind-Kälte-Problem aufgefasst.

 

Kommt Erkältung von Kälte?

 

Die Volksweisen sind sich einig: Zieht man sich nicht ausreichend warm an, riskiert man eine Erkältung. Was ist an dieser überlieferten Meinung tatsächlich dran?

 

Die aktuelle wissenschaftliche Lehrmeinung ist klar. Eine Kälteexposition hat keinen kausalen Zusammenhang mit Erkältungen. Beispielsweise erkrankten Wissenschaftler ebenso häufig an banalen Virusinfektionen, wenn sie gerade erst aus den USA in der Antarktis angekommen waren, als wenn sie schon Monate in einer Forschungsbasis gearbeitet hatten (44).

 

Die Wissenschaft erklärt vielmehr die semantische Bezugnahme auf den Begriff Kälte durch das Frösteln und Kältegefühl, das als erstes Symptom einer banalen Virusinfektion auftritt. Diese charakteristische Befindlichkeitsstörung, die ohne erhöhte Körpertemperatur oder Fieber zustande kommt, entsteht durch eine hypothalamische Thermoregulationsstörung im Rahmen der viralen Infektion. Einen weiteren möglichen Zusammenhang sehen die Wissenschaftler darin, dass sich Menschen während der kalten Jahreszeit vermehrt in geschlossenen Räumen aufhalten. Solche Menschenansammlungen in Kombination mit einer schlechteren Belüftung erhöhen zweifelsfrei die Ansteckungsgefahr.

 

Diese Erklärungsansätze sind plausibel, wobei bisher ein direkter Zusammenhang zwischen Kälteexposition und Infektionsrisiko negiert wurde. Eine neue Untersuchung der University of Cardiff aus dem Jahr 2005 hat allerdings die Diskussion neu entfacht (21). Die Wissenschaftler untersuchten eine Gruppe von 180 Probanden. Die Hälfte nahm über 20 Minuten ein kaltes Fußbad, während die anderen 90 Probanden warme Füße behalten durften. In den folgenden Tagen wurde überprüft, wer unter der klassischen Symptomatik einer banalen Virusinfektion litt. Das Ergebnis war erstaunlich: 13 der 90 Probanden (14,4 Prozent), die ein Fußbad genommen hatten, erkrankten, aber nur fünf der Kontrollgruppe. Die Autoren erklären diese deutlich höhere Infektionsrate mit einer erhöhten Infektionsgefahr durch eine reflektorische Vasokonstriktion im oberen Respirationstrakt; dies bewirke eine Verschlechterung der lokalen Durchblutung mit limitiertem Transport von immunkompetenten Leukozyten. Vielleicht hatten unsere Großmütter also doch Recht, wenn sie darauf hinwiesen, dass eine Verkühlung das Risiko einer Erkältung deutlich erhöht.

 

Erregerreservoir Kinder

 

Einige andere Risikofaktoren für banale Virusinfektionen sind unstrittig. Das Risiko ist bei Kindern unter fünf Jahren eklatant erhöht: Sie haben deutlich mehr grippale Infekte. Ganz besonders sind Säuglinge im ersten Lebensjahr betroffen. Kinder sind das wichtigste Reservoir der Viren und daher besonders wichtig für die Entstehung und Transmission von epidemischen Infektionen.

 

In Familien, deren älteste Kinder jünger als fünf Jahre alt sind, besteht das höchste Risiko für eine banale Virusinfektion. Dieses ist auch zu Beginn der Kindergarten- und Grundschulzeit erhöht (39, 28). Mit zunehmendem Alter nimmt die Häufigkeit banaler Virusinfektionen ab, abgesehen von einem kleinen Anstieg zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr, was sich durch die dann meist bestehende Elternschaft erklärt.

 

Rhinoviren im Fokus

 

Enges Zusammenleben steigert die Ansteckungsgefahr. Viren können etwa einen Meter von Mensch zu Mensch überqueren und bleiben dabei infektiös. Anatomische, immunologische und genetische Faktoren können natürlich das Risiko einer Ansteckung erhöhen. Beispielsweise gehen eine schlechte Belüftung der oberen Atemwege und eine verminderte Abwehrlage mit gehäuften Infekten einher. Fehlernährung, Luftverschmutzung und psychischer Stress tragen ebenso dazu bei.

 

Banale Virusinfektionen werden üblicherweise durch Rhinoviren, Coronaviren und RSV (Respiratory Syncytial Virus) hervorgerufen. Zur Gruppe der Rhinoviren gehören mehr als 100 Serotypen, die gemeinsam bis zu 40 Prozent aller Erkältungskrankheiten verursachen. Coronaviren und RSV sind für etwa 20 und 10 Prozent der Erkrankungen verantwortlich (Tabelle). Zwar können Influenza-, Parainfluenza- und Adenoviren auch die typischen Symptome einer Erkältung hervorrufen, führen aber zu schwereren Krankheitsbildern, häufig mit Infektionen des unteren Respirationstrakts und systemischen Beschwerden.


Tabelle: Häufige Auslöser banaler Virusinfektionen

Virus Häufigkeit der Infektion (Prozent) 
Rhinoviren 30 bis 50 
Coronaviren 10 bis 15 
Influenzaviren 5 bis 15 
Metapneumoviren 5 bis 10 
Respiratory Syncytical Virus (RSV)  
Parainfluenza 
Adeno- und Enteroviren unter 5 
unbekannt 15 bis 25 

Es ist nicht möglich, aus der Symptomatik auf den Erregertyp zurückzuschließen, da alle genannten Viren identische Symptome verursachen. Die meisten Viren können Reinfektionen hervorrufen, wenn auch folgende Infektionen üblicherweise etwas milder verlaufen.

 

Verbesserungen der PCR-Technologie haben die Möglichkeiten des Virusnachweises und somit auch der molekularen Überwachung von Infektionsausbrüchen erhöht. Eine Untersuchung an finnischen Kleinkindern zeigt, dass bestimmte Cluster von Rhinoviren während einer Jahreszeit zirkulieren. Zudem konnten humane Rhinovirusklassen, die demselben genetischen Cluster angehören, in mehreren aufeinander folgenden Jahreszeiten isoliert werden. Rhinoviren können also über einen längeren Zeitraum in einer Bevölkerungsgruppe persistieren (7, 8). Die parallele Existenz multipler Serotypen in einer Bevölkerungsgruppe, Antigendrift und die Möglichkeit von wiederholten Reinfektionen begünstigen die konstant bleibenden, häufigen Rhinovirus-Infektionen. Etwa 80 Prozent der Infektionen führen zu Symptomen, wobei asymptomatische Personen Virusträger und damit infektiös sein können (9).

 

Hände als Infektionsquelle

 

Die Transmission von Viren erfolgt bei banalen Virusinfektionen über vier Mechanismen: Tröpfcheninfektion, Handkontakt, kontaminierte Gegenstände und/oder Aerosole. Umstritten ist, ob die Tröpfcheninfektion oder der Handkontakt der wichtigste Übertragungsweg ist.

 

In den ersten drei Tagen ist die Tröpfcheninfektion die effektivste Form der Transmission. Sie ist abhängig von der Länge des Kontakts, der Nähe zum Infektionsträger und der Viruslast. Bei engem Kontakt stecken sich 25 bis 79 Prozent der Personen an, während am Arbeitsplatz die Transmission deutlich geringer ist. Die gute Nachricht: Küssen ist erlaubt! Eine relevante Virusreplikation ließ sich nur in den Nasenschleimhäuten und dem posterioren Nasopharynx nachweisen. Bei mehr als 90 Prozent der Infizierten konnten keine Viren im Speichel nachgewiesen werden.

 

Direkter Kontakt ist der effektivste Weg zur Verbreitung von Rhinoviren. Sehr erfolgreich ist dabei die Transmission durch infektiöses Sekret an den Händen einer erkrankten Person. Auf der Haut bleiben die Viren für zwei Stunden und länger infektiös. Bei etwa 40 Prozent der Patienten mit banalen Virusinfektionen der oberen Atemwege können Viren an den Händen nachgewiesen werden, während diese nur bei einem von 13 Niesern zu finden sind.

 

Husten ist kein relevanter Träger von Viren. Eine Ausnahme ist RSV: Das Virus ist hoch kontagiös und wird üblicherweise über aerolisierte Sekrete aus den Atemwegen übertragen. Allerdings ist es nur etwa eine Stunde bei 37 °C stabil.

 

Sind die Viren einmal auf der Hand einer Kontaktperson gelandet, erreichen sie die oberen Atemwege über den Kontakt der kontaminierten Hände mit der Nasenschleimhaut oder den Augen. Ältere Experimente mit Freiwilligen belegten, dass dieser Weg besonders effektiv und für die natürliche Übertragung besonders wichtig ist (18). Die Verwendung virustatischer Gesichtstücher senkte die Infektionsrate in diesen Experimenten deutlich (10).

 

Eine Untersuchung zeigt die Bedeutung der Transmission durch Handkontakt besonders deutlich. In einer placebokontrollierten Studie wuschen sich die Mütter aus 206 Familien mit mindestens einem Kind ihre Hände entweder mit einer virustatischen Lösung oder mit Wasser, sobald ein Familienmitglied an einer Infektion des oberen Respirationstraktes erkrankt war. Der Unterschied in der Transmission einer sekundären Infektion war eindeutig. In der Gruppe mit virustatischer Lösung steckten sich 7 Prozent der Mütter an (13/1000 Expositionen), während es ansonsten 20 Prozent waren (40/1000 Expositionen) (47).

 

Rhinoviren können auch auf Oberflächen für mehrere Stunden infektiös bleiben. Interessanterweise überleben die Viren auf porösem Material wie Taschentüchern nicht gut, sodass von diesen Materialen keine relevante Gefahr der Transmission ausgeht (18).

 

Auch wenn nicht bewiesen ist, welcher Transmissionsweg der wichtigste ist: Klar ist, dass häufiges Händewaschen und frühzeitiges Entsorgen von Taschentüchern oder anderen kontaminierten Gegenständen die Infektionsgefahr für die Umgebung senken kann.

 

Erhöhte Atemwegsempfindlichkeit

 

Die Inkubationszeit vom Kontakt mit dem infektiösen Virus bis zum Beginn der typischen Erkältungssymptome liegt zwischen 24 und 72 Stunden. Üblicherweise leiden die Patienten unter Frösteln, »kratzigem« Hals oder Halsschmerzen, verstopfter Nase, Niesreiz, Schnupfen und unterschiedlich ausgeprägtem Unwohlsein. Frösteln und Halssymptome bestimmen zumeist den ersten Tag und verlagern sich dann zur Nase. Husten beginnt häufig erst am vierten oder fünften Tag, wenn der Schnupfen nachlässt. Normalerweise persistieren die Symptome drei bis sieben Tage, bei einem Viertel der Patienten auch 14 Tage.

 

Risikofaktoren für einen schwereren Verlauf sind chronische Erkrankungen, angeborene oder erworbene Immundefekte und Unterernährung. Ansonsten sind Komplikationen bei Infekten des oberen Respirationstrakts selten. Am häufigsten ist dabei die akute Sinusitis. Entgegen der landläufigen Meinung ist eine virale Sinusitis etwa 20-mal häufiger als die seltene bakterielle Superinfektion (etwa 0,5 bis 2,5 Prozent). Es ist nämlich keineswegs korrekt, aus gelblichem Nasensekret direkt auf eine bakterielle Superinfektion zu schließen.

 

Infektionen des unteren Respirationstrakts, beispielsweise eine Lungenentzündung, sind ebenfalls selten, es sei denn, der Patient ist immunsupprimiert oder chronisch krank. Bei Kindern kann RSV auch eine Infektion des unteren Respirationstrakts auslösen.

 

Von besonderer Bedeutung ist jedoch die Steigerung der Atemwegsempfindlichkeit durch Viren, insbesondere Rhinoviren. Bei bis zu 40 Prozent aller akuten Asthmaanfälle oder COPD-Exazerbationen sind virale Infektionen der oberen Atemwege beteiligt. Die Viren schädigen die Epithelschicht der Atemwege, lösen eine Entzündung aus und steigern die nervale Empfindlichkeit der Atemwegszellen.

 

Bei Asthmatikern führt dies möglicherweise zu schweren Konsequenzen, aber auch gesunde Personen sind betroffen. Daher leiden manche Menschen nach einer »Erkältung« unter einem persistierenden Husten. Dieser kann bis zu vier Wochen anhalten und erklärt sich durch die erhöhte Empfindlichkeit der Atemwege und keineswegs, wie häufig angenommen, durch eine zusätzliche bakterielle Infektion.

 

Nur symptomatisch behandelbar

 

Banale Virusinfektionen werden nach wie vor in erster Linie symptomatisch behandelt. An den Empfehlungen unserer Großmütter hat sich wenig geändert: körperliche Schonung, Inhalationen, Einreibungen mit ätherischen Ölen und gesunde Ernährung. Hinzu kommen diverse nasale Arzneiformen mit Wirkstoffen, die die Nasenschleimhaut abschwellen oder pflegen sollen, Lutschtabletten gegen das Kratzen im Hals sowie Brausetabletten, Säfte oder Tropfen mit Wirkstoffen, die das Abhusten von zähem Schleim erleichtern oder Husten lindern sollen. Bei Bedarf kann der Patient kurzzeitig auch zu Analgetika und Antipyretika greifen.

 

Hinsichtlich der wünschenswerten Prävention banaler Virusinfektionen konzentriert sich die Forschung bisher auf Vitamine, Mineralstoffe und Arzneidrogen. Was viele Menschen nicht wissen: Eine Influenza- oder Pneumokokken-Impfung schützt vor einer Influenza oder Lungenentzündung, aber nicht vor einer banalen Erkältung. Eine spezifische Impfung gegen Rhinoviren gibt es bislang nicht.

 

Lokale Hyperthermie mittels Inhalation ist ein altes Hausmittel. Experimentelle Untersuchungen weisen daraufhin, dass Hyperthermie eine zytoprotektive Stressantwort in Virus-infizierten Zellen hervorruft. Untersuchungen über die Anwendung erhitzter feuchter Luft an den oberen Atemwegen zeigten jedoch nur eine milde Besserung der Symptome ohne Änderungen der Virustiter (43). Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2004 bestätigt dies: Bei sechs Untersuchungen, die 319 Patienten einschlossen, wurde eine Besserung der Symptome erreicht, jedoch ohne Einfluss auf Viruslast oder Krankheitsdauer (35). Da Inhalationen nahezu keine Nebenwirkungen haben, ist dieses alte Hausmittel auch heute noch empfehlenswert.

 

In-vitro-Untersuchungen zeigten, dass hypertone oder isotonische Salzlösungen die mucocilliäre Clearance verbessern. Daher sollten entsprechende Sprays bei Rhinitis oder Sinusitis hilfreich sein. Eine randomisierte Untersuchung mit 143 Teilnehmern zeigte aber, dass hypertone Kochsalzlösung als Nasenspray keine Besserung der nasalen Symptome oder Krankheitsdauer bewirkte. Mehr als die Hälfte der Probanden erklärte, dass sie ein solches Spray nicht mehr benutzen würde (1).

 

Moderate sportliche Aktivität scheint einen positiven präventiven Effekt zu haben. Über ein Jahr betätigten sich 115 übergewichtige Frauen entweder fünfmal in der Woche sportlich oder verzichteten auf sportliche Betätigung (48). Die Frauen aus der bewegungsarmen Gruppe hatten ein fünffach erhöhtes Risiko für eine banale Virusinfektion. Die Studie weist allerdings einige Schwächen auf: Die Diagnose erfolgte nur nach den Patientenberichten und der Impfstatus der Gruppen war deutlich unterschiedlich. Es bleibt daher abzuwarten, ob sich die Ergebnisse in anderen Untersuchungen bestätigen lassen. Bis dahin gilt: Da Sport nicht schadet, ist er doch eine gute Maßnahme, um eventuell die Häufigkeit der lästigen banalen Virusinfektionen zu senken.

 

Unstrittig ist die symptomatische Wirksamkeit von Analgetika und nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR). Es ist mittlerweile Evidence based medicine, dass einige Wirkstoffe die Symptome bei Halsschmerzen deutlich bessern: Ibuprofen um 32 bis 80 Prozent, Paracetamol um 20 bis 50 Prozent und Acetylsalicylsäure um 55 bis 75 Prozent. Allerdings wurde in einer Untersuchung an Freiwilligen nachgewiesen, dass ASS und Paracetamol die Antikörperproduktion inhibieren und die Viruspersistenz verlängern (13). Ob man deshalb auf Schmerzmittel verzichten sollte, ist allerdings fraglich.

 

Zink und Vitamine im Test

 

In der Mitte der 1970er-Jahre gab es eine Studie, die nachwies, dass Zink-Ionen die Virusreplikation inhibieren. Viele Studien zur Effektivität von Zink bei banalen Virusinfektionen folgten. Nur wenige Wissenschaftler konnten eine Verkürzung der Erkrankungsdauer belegen, insbesondere wenn Zink in den ersten 24 Stunden der Symptomatik eingenommen wurde (12, 33). Insgesamt waren die Ergebnisse überwiegend negativ.

 

In einer randomisierten Studie erhielten Teilnehmer frühzeitig (innerhalb von 24 Stunden) entweder Zink-Lutschtabletten alle zwei Stunden oder Placebo (29). Die Teilnehmer der Verumgruppe berichteten über eine frühere Besserung von Kopf- und Halsschmerzen, Husten und nasalen Symptomen (4,4 versus 7,6 Tage). Geschmacksstörungen (80 Prozent) und Übelkeit (20 Prozent) waren die häufigen Nebenwirkungen.

 

In einem systematischen Review mit sieben kontrollierten Studien und insgesamt 754 Patienten fanden die Autoren nur zwei positive Studien. In einer Metaanalyse mit sechs Untersuchungen kamen die Autoren zu dem Schluss, dass keine signifikante Besserung oder Verkürzung der Symptome unter einer Zink-Therapie zu erwarten ist. In Zusammenschau aller Stu\-dienergebnisse nimmt die überwiegende Zahl der Experten keine zuverlässige Wirkung von Zink an (Übersicht bei [17]).

 

Untersuchungen zur Frage, ob Vitamin C in der Prävention banaler Virusinfektionen erfolgreich ist, kommen zu inkonsistenten Ergebnissen. Eine aktuelle japanische Studie über fünf Jahre zeigt, dass Vitamin C die Frequenz banaler Virusinfektionen senkt, jedoch ohne Krankheitsdauer oder -schwere zu beeinflussen (34). Im Gegensatz dazu kommt eine aktuelle Meta\-analyse, die 29 Studien und 11.000 Teilnehmer einschließt, zu dem Ergebnis, dass Vitamin C (mehr als 200 mg/Tag) keinen signifikanten präventiven Effekt hat (11).

 

Interessanterweise gilt für Personen, die körperlich schwer arbeiten oder Leistungssport betreiben, etwas anderes. Insbesondere wenn diese Personen in kalten Gegenden leben, senkt Vitamin C das Risiko, an einer banalen Virusinfektion zu erkranken, um 51 Prozent! Offensichtlich scheinen Marathonläufer, Skifahrer oder Soldaten in kalten Gefilden deutlich von einer präventiven Vitamin-C-Gabe zu profitieren (3). Für alle anderen ist der präventive Effekt allenfalls sehr klein.

 

Experimentelle Untersuchungen zeigen aber, dass Vitamin C zur Symptomkontrolle eingesetzt werden kann. Bei 7045 untersuchten Personen führte die Einnahme von 200 mg/Tag zu weniger Fehltagen und die Beschwerden, gemessen in »Symptom Severity Scores«, waren geringer (11). Das galt jedoch nur, wenn Vitamin C schon vor den ersten Beschwerden eingenommen wurde. Begann die Einnahme erst zu Beginn der Symptomatik, war kein Unterschied zur Placebogruppe nachweisbar.

 

Für den vorbeugenden Einsatz von Vitamin E gibt es nur wenige Untersuchungen. Diese zeigen einen marginalen positiven Effekt (26). Da Vitamin E jedoch in höheren Dosierungen (über 400 IE/Tag) mit einer erhöhten Gesamtmortalität belastet ist, sollte es in der Prävention banaler Virusinfektionen nicht generell empfohlen werden.

 

Echinacea in aktuellen Studien

 

Drei Formen von Echinacea (E.) werden in der Therapie verwendet: E. angustifolia, pallida und purpurea. Ein relevantes Problem bei der Durchführung wissenschaftlicher Untersuchungen und ihrem Vergleich ist oft die fehlende Standardisierung hinsichtlich Sorte, Aufbereitung und Bestandteilen des Präparats. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen einen stimulatorischen Effekt auf immunologische Zellen (Phagozyten) unter der Therapie (32). Echinacea stimuliert zudem in vitro verschiedene Interleukine und Interferone (5, 20).

 

Es gibt viele Studien zur Effektivität und Sicherheit von Echinacea-Zubereitungen. Vor dem Jahr 2000 gab es viele positive Untersuchungen zur Therapie und Prävention von viralen Infektionen des oberen Respirationstrakts. Die meisten werden jedoch heute von Wissenschaftlern hinsichtlich der Methodik skeptisch betrachtet.

 

Seit 2000 folgten mehrere methodisch ausgefeilte placebokontrollierte Studien, die jedoch keinen signifikanten Unterschied in der therapeutischen Effektivität zwischen Echinacea und Placebo fanden. Beispielsweise hatte die Gabe von E. purpurea oder E. angustifolia bei 148 Collegestudenten keinen Einfluss auf die Krankheitsdauer (6,27 versus 5,75 Tage) (4). Bei 407 Kindern zwischen zwei und elf Jahren konnte weder ein Unterschied in der Krankheitsdauer, den Fiebertagen noch im Schweregrad der Symptome nachgewiesen werden (37). Auch Untersuchungen mit Wurzelpräparationen zeigten keinen Vorteil für das Echinacea-Produkt (45, 40).

 

In einer Untersuchung zeigte sich eine Tendenz hinsichtlich eines Präventionseffekts (über acht Wochen 65 versus 74 Prozent) (14). Jedoch konnte keine der neuen Präventionsstudien einen deutlich signifikanten Vorteil für Echinacea gegenüber Placebo in der Prävention von RhinovirusInfektionen zeigen (14, 36, 41).

 

Antivirale Therapien

 

Die Kombination einer antiviralen und antiinflammatorischen Therapie wurde in einem kontrollierten doppelblinden Setup bei experimenteller Rhinovirus-Infektion geprüft (15). 150 Patienten wurden in zwei Behandlungsarme mit oder ohne intranasale Gabe von Interferon IFNa-2b plus Chlorpheniramin und Ibuprofen sowie einen kompletten Placeboarm randomisiert. Im Behandlungsarm mit IFN gaben die Patienten eine Verminderung ihrer Symptome um 33 bis 73 Prozent an. Die Viruskonzentration im Nasensekret war nachweislich signifikant reduziert. Lokale Nebenwirkungen waren Irritationen, Trockenheit und Blutungen der Nasenschleimhaut. Müdigkeit war in den beiden Behandlungsarmen mit 8 bis 10 Prozent deutlich erhöht.

 

Trotz der jetzt ersten positiven Ergebnisse dieser experimentellen Studie bleibt die Frage offen, ob solch eine Therapie der banalen Virusinfektion bei gesunden Personen tatsächlich gerechtfertigt ist. Zudem reichen die Daten keineswegs aus, um die Sicherheit dieser Therapie zu belegen.

 

Im wissenschaftlichen Fokus stehen zudem Protease-Inhibitoren. Während der Rhinovirus-Replikation wird ein Vorläufer-Polyprotein gebildet, das durch Proteasen in die funktionsfähige Form gespalten wird. Diese Enzyme, speziell die 3C-Protease, sind gute Targets, um die Virusreplikation zu unterbinden (22). Protease-Inhibitoren sind aktuell in der klinischen Testung. Eine Substanz, AG7088, vermindert in vitro deutlich die Virusreplikation und die Interleukin-6- und -8-Produktion, wenn die Applikation zwischen 14 und 26 Stunden nach der Infektion erfolgt (31).

 

Ein anderes Target für eine antivirale Therapie ist ICAM-1. Dieser zelluläre Oberflächenrezeptor ist für die meisten Viren die Eintrittspforte in die Zelle. Erste Tierversuche an Schimpansen zeigen, dass ein monoklonaler Antikörper gegen ICAM-1 das Eindringen der Viren in die Zellen und die Virusreplikation unterdrückt (6). Bei Menschen waren die Ergebnisse bisher jedoch enttäuschend (25). Der Einsatz löslicher ICAM-1-Moleküle, die Viren binden können, verminderte in ersten Versuchen bei Schimpansen und im Menschen die Krankheitssymptome und den Virusnachweis (19, 42).

 

Verschiedene antivirale Substanzen, zum Beispiel Enviroxim, Dibenzofuran und VLDL/LDL-Rezeptor-Fragmente wurden bisher getestet. Für einige liegen noch keine klinischen Studien vor oder sie waren nicht erfolgreich (Enviroxim) (16, 23, 24, 27, 30).

 

Antibiotika nicht indiziert

 

Der Einsatz von Antibiotika ist bei unkomplizierten Virusinfektionen des oberen Respirationstrakts nicht indiziert und verursacht mehr Schaden als möglichen Benefit (2). Viele Ärzte verordnen ein Antibiotikum bei Verfärbung des Nasensekrets. Verfärbtes Nasensekret bedeutet aber keineswegs, dass eine bakterielle Superinfektion besteht; vielmehr handelt es sich um eine normale selbstlimitierende Phase während einer banalen Virusinfektion, die keiner Therapie bedarf (im Gegensatz zu manifest putridem Nasensekret). Dies ist durch mehrere randomisierte, placebokontrollierte Studien belegt (38).

 

Bei weniger als zwei Prozent der Patienten kommt es tatsächlich zu einer bakteriellen Superinfektion, die möglicherweise eine Antibiotikatherapie erfordert. Bei der überwiegenden Zahl viraler Infektionen der oberen Atemwege bei gesunden Personen sind Antibiotika, auch bei längerem Krankheitsverlauf, jedoch nicht indiziert.

 

Als Fazit bleibt, dass die symptomatische Therapie bei viralen Infektionen des oberen Respirationstrakts noch immer im Vordergrund steht. Zur Prävention haben weder Zink noch Echinacea oder Vitamin C einer wissenschaftlichen Überprüfung standgehalten. Neu entwickelte Medikamente zur Prävention oder Therapie müssen noch in klinischen Studien geprüft werden. Bis dahin gilt, dass die Expositionsprophylaxe der beste Schutz vor einer banalen Virusinfektion ist.


Literatur

... bei der Verfasserin.


Die Autorin

Carola Seifart studierte Medizin und fertigte ihre Dissertation am Zentrum für Innere Medizin des Universitätsklinikums der Philipps-Universität Marburg an. Nach der Promotion 1997 arbeitete sie in Marburg als Teilprojektleiterin der klinischen Forschergruppe zur Erforschung zellulärer Reaktionsmechanismen chronischer Atemwegserkrankungen, absolvierte Forschungsaufenthalte an der Pennsylvania State University, USA, und am Netherlands Cancer Institut, Amsterdam. Dr. Seifart ist Fachärztin für Innere Medizin sowie für Lungen- und Bronchialheilkunde. Seit 2001 arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Innere Medizin, Schwerpunkt Pneumologie, des Universitätsklinikums Marburg und absolvierte zudem ein Aufbaustudium Health Care Management. Dr. Seifart erhielt mehrfach Stipendien und Preise für ihre Arbeiten.

 

Privatdozentin Dr. Carola Seifart

Universität Gießen und Marburg

Standort Marburg

Zentrum für Innere Medizin, SP Pneumologie

zwiebel(at)mailer.uni-marburg.de


Außerdem in dieser Ausgabe...

Beitrag erschienen in Ausgabe 42/2007

 

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