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Phytotherapie: Ist gegen Demenz ein Kraut gewachsen?

PHARMAZIE

 
Phytotherapie

Ist gegen Demenz ein Kraut gewachsen?

Von Hans-Peter Hanssen, Angelika Koch und Rita Richter

 

Mehr als eine Million Menschen ist  in Deutschland von einer mittelschweren oder schweren Demenz betroffen. Neue Therapieansätze kommen aus der Ethnomedizin.

 

Seit etwa 40 Jahren ist in Deutschland ein Spezialextrakt aus Ginkgo-Blättern (Ginkgo biloba, Ginkgoaceae) zugelassen, der zur Behandlung von »primär degenerativer Demenz (Morbus Alzheimer), vaskulärer Demenz (Minderdurchblutung infolge Arteriosklerose) oder Mischformen von beiden« geeignet ist. Zahlreiche Studien, die vorwiegend mit dem Spezialextrakt EGb 761 (Tebonin®) durchgeführt wurden, belegen seine neuroprotektive Wirkung und eine Verbesserung der kognitiven Leistungen bei älteren Probanden. Ginkgo-Präparate bieten sich auch zur Prophylaxe im Demenz-Frühstadium an.

 

Ginkgo: vielfach geprüfter Klassiker

 

Für die neuroprotektive Wirkung sind Terpenlaktone verantwortlich: etwa 0,02 bis 0,2 Prozent Ginkgolide mit den Hauptkomponenten Ginkgolid A, B, C und J sowie 0,02 bis 0,06 Prozent des Sesquiterpens Bilobalid. Antioxidativ wirken Flavonoide: 0,5 bis 2 Prozent Flavonolglykoside sowie 0,2 bis 2 Prozent Biflavone mit den Hauptkomponenten Amentoflavon, Bilobetin und Ginkgetin. Die Monografie »Ginkgo folium« der Kommission E nennt nur geringfügige unerwünschte Arzneimittelwirkungen und Gegenanzeigen.

 

Zu den spektakulärsten Einführungen eines neuen pharmakologisch aktiven Naturstoffs gehört Huperzin A, ein Alkaloid aus Huperzia serrata (Qian Ceng Ta). Diese Pflanze gehört zu den Bärlappgewächsen. In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) wurde die Pflanze vor allem zur Behandlung von Entzündungen, Blutergüssen, Muskelzerrungen und Fieber eingesetzt. Huperzin A wirkt als Acetylcholinesterase-Hemmer. Seine Wirkung geht über die Hemmung des Enzyms hinaus. Neuere Untersuchungen zeigen, dass die Substanz in sehr unterschiedlicher Weise in den Neurotransmitter-Stoffwechsel eingreift und darüber hinaus auch antioxidativ wirkt. In China ist sie als Arzneimittel im Handel, in den USA wird der Pflanzenextrakt als Nahrungsergänzungsmittel vermarktet.

 

Weitere Pflanzen aus der TCM, die hinsichtlich ihrer neuroprotektiven Wirkung intensiver untersucht werden, sind Engelwurz (Dang gui, Angelica sinensis, Apiaceae) und Echter Ginseng (Panax ginseng, Araliaceae). Engelwurz wird auch als »Ginseng für Frauen« bezeichnet, da sie vor allem bei Menstruationsbeschwerden und als Tonikum angewendet wird. Weiterhin ist sie (wie auch Ginseng) Hauptbestandteil der Bak-Foong-Pillen, die in neueren Studien neuroprotektive Wirkung zeigten. Auch Panax ginseng, besonders aber Panax notoginseng (Pseudoginseng, Chinesischer Ginseng) zeigten im Tierversuch eine positive Wirkung auf die Gehirnfunktionen. Als relevante Inhaltsstoffe gelten Ginsenoside, die zu den Saponinen gehören und den Glutamat-Stoffwechsel zu beeinflussen scheinen.

 

Aus den Früchten von Evodia rutaecarpa (Wu Zhu Yu, Evodia officinalis) konnten verschiedene Chinolinalkaloide, etwa Dehydroevodiamin, isoliert werden, die die Monoaminoxidase hemmen. In Tierversuchen wurde nachgewiesen, dass diese Verbindungen pharmakologisch aktiv sein können, indem sie die Hyperphosphorylierung des Tau-Proteins mindern. Hyperphosphoryliertes Tau-Protein bildet als fädige Struktur Alzheimer-Neurofibrillen.

 

Viele Kandidaten stammen aus Asien

 

Eine weitere Pflanze der TCM, die Rote Baumpfingstrose (Paeonia suffruticosa, Peaoniaceae) ist Bestandteil der Droge »Si Ni San«. Als pharmakologisch aktiver Inhaltsstoff gilt das Paeoniflorin. Im Tierversuch zeigte Paeoniflorin verschiedene Wirkungen, die auf eine positive Beeinflussung des Energiestoffwechsels im Gehirn deuten. Eine Theorie geht davon aus, dass Stickstoffmonoxid (NO) Einfluss auf das Demenzgeschehen hat. Als »good radical« soll es die Gehirntoleranz gegenüber oxidativem Stress, verursacht durch »bad radicals«, steigern. Paeoniflorin korrigierte die NO-Bildung im Gehirn nach experimentell erzeugter Ischämie.

 

Auch in der indischen Volksmedizin finden sich verschiedene Pflanzen, deren Inhaltsstoffe neuroprotektive Wirkung zeigen: Bacopa monniera (Brahmi, Scrophulariaceae) enthält als Hauptwirkstoff Bacosid A, eine Mischung verschiedener Saponine. Daneben konnten zwei weitverbreitete Flavonoide, Luteolin und Apigenin, nachgewiesen werden.

 

Als eines der wichtigsten Kräuter in der Ayurveda-Medizin gilt das Wassernabelkraut »Gotu Kola« (Centella asiatica, Apiaceae). Es kommt in Indien, aber auch auf Madagaskar vor und enthält neben Flavonoiden, Phytosterolen und Tanninen die biologisch aktiven Triterpensaponine (Asiaticosid und Madecassosid). Experimentelle Untersuchungen deuten auf eine Beeinflussung des Glutamat-Stoffwechsels durch Extrakte aus Wassernabelkraut. In verschiedenen Tierversuchen konnte darüber hinaus eine antioxidative Wirkung durch phenolische Verbindungen, vor allem Quercetin, nachgewiesen werden.

 

Für das Indolalkaloid Physostigmin aus der Kalabarbohne (Physostigma venenosum, Fabaceae) wurde schon früh eine Hemmung der Acetylcholinesterase nachgewiesen. Es wird beim anticholinergen Syndrom und Alkoholentzugsdelirium eingesetzt. Vom Physostigmin leiten sich synthetische Pharmaka ab, die zur Therapie der Alzheimer-Erkrankung in der klinischen Prüfung sind, etwa Phenserin.

 

Neuer Einsatz für alte Bekannte

 

Auch einige bekannte Vertreter der heimischen Phytotherapie sind in den vergangenen Jahren im Zusammenhang mit der Therapie von Demenzerkrankungen intensiver untersucht worden. Drei gehören zu den Lamiaceaen: Salbei (Salvia officinalis), Melisse (Melissa officinalis) und Rosmarin (Rosmarinus officinalis). Das Spektrum an Inhaltsstoffen, die für eine neuroprotektive Wirkung verantwortlich sein könnten, ist in dieser Familie sehr ähnlich. Die Blätter der drei Pflanzen produzieren ein ätherisches Öl, das reich an Monoterpenen mit schwacher Acetylcholinesterase-hemmender Wirkung ist, zum Beispiel Citral. Für  Phenylacrylsäuren wie die Rosmarinsäure konnte nachgewiesen werden, dass sie verschiedene Ereignisse reduzieren können, die durch β-Amyloid verursacht werden, wie etwa die Bildung reaktiver Sauerstoffspezies und Tau-Hyperphosphorylierung. Nach der Anwendung von Lamiaceaen-Präparaten konnten zwischenzeitlich positive Effekte bei kleineren Gruppen von Alzheimer-Patienten beobachtet werden.

 

Zwar ist grundsätzlich kein Kraut gegen Alzheimer gewachsen. Doch in fast allen Kulturkreisen hat es erfolgreiche Ansätze gegeben, zumindest milde Formen von Demenzen auf phytotherapeutischer Basis zu behandeln. Die aktuellen Forschungsergebnisse lassen die Folgerung zu, dass es sinnvoll sein kann, die »ethnobotanische Schatzkiste« auch in dieser Hinsicht näher zu untersuchen.

 

Literatur bei den Verfassern

 

 

Dr. Hans-Peter Hanssen

Universität Hamburg

Institut für Pharmazeutische Biologie und Mikrobiologie

Bundesstraße 43

20146 Hamburg

hans-peter.hanssen(at)hamburg.de


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Beitrag erschienen in Ausgabe 41/2007

 

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