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ZAEU-Symposium: Europas Apotheker setzen auf Kooperation

POLITIK

 
ZAEU-Symposium

Europas Apotheker setzen auf Kooperation


Von Daniel Rücker, Berlin / Beim Symposium des Zusammenschlusses der Apotheker in der Europäischen Union (ZAEU) stellte die ABDA ihr gemeinsames Versorgungskonzept mit der Kassenärztlichen Vereinigung vor. Deutschlands Apotheker waren damit in guter Gesellschaft, denn auch in anderen Ländern setzen die Pharmazeuten auf die Zusammenarbeit mit anderen Heilberufen.

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Schon in der Eröffnungsrede thematisierte ZAEU- und ABDA-Präsident Heinz-Günter Wolf das Verständnis der europäischen Apotheker von einer umfassenden Versorgung der Patienten: »Die Apotheke ist keine Insel. In all unseren Ländern ist die Offizinapotheke tief in das Gesundheitssystem eingebettet.«




Mehr als 100 Apothekerinnen und Apotheker aus den Mitgliedsorganisationen der ZAEU diskutierten in Berlin über die Rolle der Apotheker als Teil des Gesundheitswesens.

Fotos: PZ/Zillmer


Die meisten Pharmazeuten arbeiteten regelmäßig mit den Ärzten zusammen. Und auch mit anderen Gesundheitsberufen, fügte er hinzu. In manchen Ländern gibt es feste Kooperationen, etwa mit Krankenschwestern oder Ernährungsberatern.

 

Wolf machte aber auch deutlich, dass die Zusammenarbeit innerhalb des Gesundheitswesens noch effizienter sein könnte, wenn es fixierte Vereinbarungen mit den anderen Gesundheitsberufen gibt, so wie dies das ABDA-KBV-Konzept vorsieht und wie es im Vereinigten Königreich oder den Niederlanden bereits praktiziert wird.

 

Einen entscheidenden Beitrag zur gemeinsamen Versorgung der Patienten leisten dabei die neuen Kommunikationstechniken. Vom Patienten freigegebene Daten machten es Ärzten und Apothekern leichter, dessen Bedürfnisse zu erkennen und ihn vor Gefahren zu schützen, sagte Wolf.




ZAEU- und ABDA-Präsident Heinz-Günter Wolf warb für eine enge Zusammenarbeit mit den anderen Gesundheitsberufen.

Kernaufgabe Beratung

 

Eine Kernaufgabe der Apotheker ist dabei die Beratung. Für viele Patienten seien die Apotheken wegen ihrer guten Erreichbarkeit der erste Ansprechpartner – und das nicht nur bei Fragen zu Arzneimitteln. Zwei EU-Richtlinien stärkten die Funktion der Apotheken noch: die Pharmakovigilanzrichtlinie und die Fälschungsrichtlinie. Letztere macht Apotheker zur entscheidenden Instanz zum Schutz der Patienten vor nachgemachten Medikamenten.

 

Ohne Partner werden die Apotheker jedoch nicht die Position im Gesundheitswesen einnehmen können, die sie der Gesellschaft anbieten, machte Wolf klar. Dies gilt, wie sich im Verlauf des Symposiums zeigte, für die meisten europäischen Staaten. Wolf: »Wir wissen, dass wir die Unterstützung der politischen Entscheidungsträger brauchen, wenn wir unsere Ziele erreichen wollen. Wir können nicht vorankommen und die vor uns liegenden Möglichkeiten ergreifen, wenn wir uns in einem politischen Vakuum befinden.« Deshalb müssten die Apotheker zukunftsweisende Vorschläge für eine noch bessere Versorgung der Patienten machen.




Staatssekretär Thomas Ilka bezeichnete die Apotheker als festen Bestandteil der Gesundheitsversorgung.

Bei Gesundheitsstaatssekretär Thomas Ilka scheinen die Apotheker mit ihren Vorstellungen offene Türen einzurennen. Ilka bezeichnete in seinem Grußwort die Apotheker als festen Bestandteil der Gesundheitsversorgung. Dies gelte für alle EU-Staaten gleichermaßen, auch wenn es durchaus Unterschiede in den Systemen gebe. In diesen Unterschieden sieht er kein Problem. Im Gegenteil: »Der Europäische Gerichtshof hat die Arzneimittelversorgung zu Recht in die Hände der Mitgliedsstaaten gelegt«, sagte der Staatssekretär mit Verweis auf das Urteil des EuGH zum Fremdbesitz.

 

Auch Ilka sieht in den EU-Richtlinien zu Fälschungen und Pharmakovigilanz eine Stärkung der Apotheker. Sie seien hier wichtige Ansprechpartner. Das gelte gleichermaßen für die noch nicht verabschiedete Richtlinie zur Patienteninformation. Für die Bundesregierung seien unabhängige Heilberufler an erster Stelle, Patienten über Arzneimittel zu informieren. Und wie Wolf hält er die engere Zusammenarbeit von Ärzten und Apothekern für zwingend notwendig.




ZAEU-Generalsekretär John Chave moderierte das Symposium und brachte mit klugen Fragen die Diskussion in Gang.

Arbeitsaufteilung auf die britische Art

 

Wie diese im Vereinigten Königreich aussehen kann, berichtete der Vizepräsident der Commonwealth-Apotheker, Raymond Anderson. Die britische Form der Arbeitsteilung zwischen den Heilberufen wäre allerdings in Deutschland undenkbar und auch nicht wirklich wünschenswert. Wie einige andere Gesundheitsberufe dürfen die britischen Apotheker nämlich selbst Arzneimittel verordnen. In einer Primary Care Clinic – einer Einrichtung, der in Deutschland wohl die Medizinischen Versorgungszentren am nächsten kommen – arbeitet ein Team aus Ärzten, Krankenschwestern, Apothekern und anderen Gesundheitsberufen zusammen. Dabei haben die Apotheker unter anderem die Aufgabe, die Verordnungen der Ärzte zu kontrollieren und gegebenenfalls auch zu korrigieren. Daran stören sich offensichtlich auch die Ärzte nicht. »Der Apotheker hat die Pflicht, in die Medikation einzugreifen, wenn er dies für notwendig hält«, sagte Anderson beim ZAEU-Symposium. Dies gehöre zu seinen regulären Aufgaben.

 

Apotheker und auch Krankenschwestern dürfen sogar selbst bestimmte Verordnungen initiieren, wenn sie eine entsprechende Zusatzausbildung absolviert haben. In dieser lernen sie, eine Therapie festzulegen. Die Diagnose bleibt Aufgabe des Arztes. Diese Ausbildung bezieht sich allerdings nur auf definierte Indikationsgebiete, zum Beispiel auf Hypertonie. Tatsächlich absolvieren laut Anderson 2 bis 3 Prozent der Apotheker diese Ausbildung. Die Erfahrungen seien gut, sagte Anderson. Nach einer Untersuchung der Keele Universität sind die Verordnungen sicher und effektiv. Die meisten Patienten sind mit der Arbeit der Apotheker zufrieden. Die Ärzte angeblich auch, weil sie durch die Apotheker und Krankenschwester entlastet werden.

 

Ein Vorbild für Deutschland ist das System aber wohl nicht. Die britischen Ärzte und Patienten akzeptieren dieses Verfahren wahrscheinlich deshalb, weil die Wartezeiten auf einen Arzttermin noch länger und die Belastung der Ärzte noch größer als in Deutschland sind. Die britischen Erfahrungen zeigen aber, dass Apotheker problemlos solche medizinischen Aufgaben zu übernehmen können.




Für die niederländische Apothekerin Eva Siedenburg und den Arzt Petrus van Gejn ist die enge Zusammenarbeit der Heilberufe ganz selbstverständlich.

Die niederländische Doppelvariante

 

Seit Jahren eingeübt ist auch die Zusammenarbeit von Ärzten und Apothekern in den Niederlanden. In einem gemeinsamen Vortrag erzählten die Apothekerin Eva Siedenburg und der Allgemeinmediziner Petrus van Gijn von ihrem Tagesgeschäft im Akelei Health Center. In dem Gesundheitszentrum versorgen sie mit anderen Gesundheitsberufen rund 10 000 Menschen. Auch hier stellt natürlich der Arzt die Diagnose, er ist auch für die Verordnung zuständig. Die Apotheker sind im Vergleich zur deutschen Regelversorgung aber stärker in die Arzneimitteltherapie eingebunden. Deshalb muss der Arzt auch die Diagnose auf das Rezept drucken. Regelmäßige Gespräche über die Arzneimitteltherapie seien vor allem bei älteren Patienten die Regel, sagte Siedenburg. Eine Untersuchung, das Akelei Elderly Project, habe deutlich gezeigt, dass sich so die Qualität der Therapie verbessern lasse und außerdem die Senioren länger in ihrer häuslichen Umgebung bleiben könnten. Dies reduziere die Krankheitskosten deutlich. Natürlich wird die Kommunikation zwischen Ärzten und Apothekern auch über eine gemeinsame EDV erleichtert. Hier haben beide Heilberufe Zugriff auf die Patientendaten, die sie für die Behandlung benötigen.

 

Deutsches ABDA-KBV-Konzept

 

In der praktischen Umsetzung einer systematischen Zusammenarbeit sind deutsche Ärzte und Apotheker wahrscheinlich noch ein Stück zurück. Das von Dr. Nina Griese vorgestellte ABDA-KBV-Konzept fand aber aufgrund seiner schlüssigen Konzeption viel Zustimmung und Interesse im Auditorium. Medikationsmanagement, Medikationskatalog und Wirkstoffverordnung seien die Kernpunkte des Konzeptes, erklärte Griese, die bei der ABDA das Programm mit­entwickelt hat. Es richtet sich an Patienten, die regelmäßig mindestens fünf Arzneimittel einnehmen und damit an knapp sieben Millionen Menschen. Diese Patienten sollen einen Rechtsanspruch auf das Medikationsmanagement erhalten. Die Arbeitsteilung zwischen Ärzten und Apothekern sieht dabei wie folgt aus: Der Arzt stellt die Diagnose und legt Wirkstoff, Dosierung und möglicherweise die Teilbarkeit der Medikamente fest. Der Apotheker wählt danach das Arzneimittel aus, wobei er sich an dem von Ärzten und Apothekern aufgestellten Medikationskatalog orientiert. Zum Konzept gehören auch eine Aufstellung der Gesamtmedikation und die Ermittlung möglicher Interaktionsrisiken. Über diese wie über die Medikation inklusive OTC-Arzneimittel sollen sich Arzt und Apotheker regelmäßig austauschen.

 

Nach den Berechnungen von ABDA und KBV könnte das Konzept die Arzneimittelkosten der Krankenkassen um 2,8 Milliarden Euro senken. Rund 700 Millionen Euro davon sollen Ärzten und Apothekern als Honorierung zustehen, sagte Griese. Bliebe immer noch eine Einsparung von mehr als 2 Milliarden Euro. Wohl auch diese Summe dürfte den Moderator des Symposiums, ZAEU-Generalsekretär John Chave, zu der Aussage verleitet haben, dies sei »ein ganz bemerkenswertes Konzept«.




ABDA-Vertreterin Dr. Nina Griese erläuterte den europäischen Apothekern das Versorgungskonzept von ABDA und KBV.

Fragen der Pharmakovigilanz

 

Ein zweiter Schwerpunkt des Symposiums war die Pharmakovigilanz und die Auswirkungen der entsprechenden EU-Richtlinie. Für die Apotheker seien sie überschaubar, konstatierte Jan Farzan, Jurist beim Paul Ehrlich Institut (PEI). Eine wesentliche Änderung gebe es allerdings bei der Definition von unerwünschten und unerwarteten Arzneimittelwirkungen. Unter diese fallen jetzt nicht mehr nur Neben- und Wechselwirkungen, sondern auch Arzneimittelmissbrauch und Medikationsfehler. Auch diese sollen demnächst an die zuständigen Behörden, das PEI oder das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), die Arzneimittelkommissionen der Apotheker und Ärzte oder die jeweiligen Hersteller der betroffenen Produkte gemeldet werden. Farzan warb dafür, die Fälle direkt an PEI oder BfArM zu melden. Im darauffolgenden Vortrag favorisierte der Leiter der Arzneimittelkommission der Apotheker (AMK), Professor Dr. Martin Schulz, jedoch die AMK als erste Adresse für die Apotheker. Einig waren sich allerdings beide, dass möglichst alle unerwarteten Ereignisse gemeldet werden sollten.

 

Bei der Meldehäufigkeit liegen die Apotheker übrigens nach einem kontinuierlichen Anstieg über zehn Jahre mit fast 2600 Meldungen mittlerweile vor den Ärzten (1950 Meldungen). Für ausreichend hält Schulz die Zahl aber nicht: »10 000 Meldungen pro Jahr wären ein schönes Ergebnis.«

 

Eine Neuerung der Pharmakovigilanzrichtlinie stößt bei Schulz auf Skepsis. In Zukunft sollen auch Patienten unerwartete Arzneimittelwirkungen direkt melden können. Während Farzan dies zwar als »eine echte Aufgabe« bezeichnete, dennoch aber dafür warb, machte Schulz keinen Hehl daraus, dass er dem Umweg über die Heilberufler eine bessere Meldequalität zutraut.

 

Neue Datenbank

 

Neu im europäischen Konzept für Arzneimittelsicherheit ist auch die Datenbank Eudravigilance. Sie wird von der Arzneimittelbehörde EMA betrieben und in ihr sollen alle Meldungen über unerwartete Arzneimittelwirkungen gespeichert werden. Die Pharmahersteller werden sogar dazu verpflichtet, direkt an Eudravigilance zu melden. Apotheker müssen dies nicht tun. Ebenfalls geplant sind ein europäisches und viele nationale Portale, die auch Patienten über Wirkungen und Nebenwirkungen von Arzneimitteln informieren.

 

Einiges von dem, was Farzan berichtete, ist allerdings noch Zukunftsmusik. Die Pharmakovigilanzrichtlinie muss nämlich in den EU-Staaten noch in nationales Recht umgesetzt werden. In Deutschland soll dies im Juli 2012 geschehen. / 


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Beitrag erschienen in Ausgabe 25/2011

 

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