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Burnout: Einfach mal locker lassen

MEDIZIN

 
Burnout

Einfach mal locker lassen


Von Frederik Jötten / Wer sein gesamtes Leben kontrollieren möchte, ist zum Scheitern verurteilt. Überzogene Erwartungen an sich selbst und andere führen zu Dauerstress und können im Zusammenbruch enden. Mittel der Wahl gegen Burnout ist es, alles etwas entspannter anzugehen.

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Brigitte Schmidt (Name von der Redaktion geändert) ist heute froh, dass ihr Leben zusammenbrach vor anderthalb Jahren. Die 52-jährige Führungskraft im Marketing eines börsennotierten Unternehmens stand vor der Arbeit am Fenster, blickte in den Garten und dachte: »Ich muss unbedingt Unkraut jäten. Ich muss mehr Zeit mit meiner schwerkranken Mutter verbringen. Ich muss die Nebenkostenabrechnung für die Wohnungen meines Vaters machen. Ich muss verhindern, dass mein Sohn Haschisch raucht. Ich muss meiner Familie heute Abend etwas Gutes kochen.« Sie schrieb die Punkte 17 und 18 auf ihre To-do-Liste. In der Nacht war sie mehrmals im Schlaf hochgeschreckt, weil ihr noch etwas eingefallen war, das sie dachte, erledigen zu müssen.




Hohe Ansprüche an sich selbst bereiten Stress. Auf Dauer kann dies zu Erschöpfung und Depression führen – möglicherweise der Beginn eines Burnout-Syndroms.

Foto: Fotolia/Breijer


Im Büro kam ein Kollege zu ihr und wollte einen Entwurf für ein Projekt abholen, den sie hatte überarbeiten wollen – sie erinnerte sich nicht einmal daran, am Vortag mit ihm gesprochen zu haben. Dann versuchte sie, eine Wettbewerberanalyse zu schreiben – und schaffte es nicht, einen Satz zu formulieren. Als ihre Vorgesetzte eintrat und sagte, sie müsse die Analyse nicht fertig machen, wenn es ihr nicht gut gehe, brach Schmidt in Tränen aus. Die Tränen liefen ihr über das Gesicht, sie zitterte am ganzen Körper. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie die Kontrolle verloren.

 

Jahrelang hatte Brigitte Schmidt alles im Griff gehabt, die Karriere, die Familie, den Haushalt. Jetzt musste sie sich eingestehen, dass es nicht mehr ging. »Mein Wille, alles kontrollieren zu wollen, hatte mich krank gemacht«, sagt sie. Die Diagnose: Burnout. Sie konnte nicht mehr schlafen, sich nicht mehr konzentrieren, war extrem vergesslich.

 

»Wer sein Leben völlig unter Kontrolle haben will, muss scheitern«, sagt Hannelore Weber, Professorin für Psychologie an der Universität Greifswald. Starke Stresssymptome seien die Folge, im Extremfall bis zum Zusammenbruch. Die meisten Menschen kennen das Gefühl, angespannt zu sein, weil etwas nicht so funktioniert, wie sie es sich vorgestellt haben. Schließlich planen wir unsere Tage oft minutiös und kommen schon aus dem Konzept, wenn ein Zug verspätet ist oder wir im Stau stehen. Aber irgendwann gibt es im Leben jedes Menschen Situationen, die nicht dadurch zu ändern sind, dass man sein Leben straffer organisiert. Bei Brigitte Schmidt wurden die Eltern pflegebedürftig, ihr 18-jähriger Sohn hatte schlechte Schulnoten und rauchte Haschisch. Doch so sehr sie sich auch ihren Eltern widmete, so sehr sie ihrem Sohn nachspionierte und seine Sachen durchsuchte: Sie konnte nicht ändern, dass es ihren Eltern schlecht ging, sie konnte nicht verhindern, dass ihr Sohn kiffte.

 

»Unser Leben wird zu einem großen Teil von Zufällen bestimmt und von Menschen, deren Verhalten wir nicht steuern können«, sagt Weber. »Das widerspricht dem Ideal des selbstbestimmten Menschen, wie es in westlichen Kulturen vermittelt wird.«

 

Viele leben nach dem Motto: Jeder ist seines Glückes Schmied. Das führt dazu, dass sie permanent unter Druck stehen – eine große Belastung für das Herzkreislaufsystem. Guido Gendolla, Professor für Psychologie an der Universität Genf, erforscht diesen Zusammenhang. Er hat Experimente gemacht, bei denen Probanden in kurzer Zeit eine Liste von Namen auswendig lernen sollten. Die Testpersonen bekamen einen leichten Stromschlag, wenn sie einen Fehler machten. Die Teilnehmer in einer zweiten Gruppe erhielten den Elektroschock jeweils nach Abschluss der Aufgabe, gleichgültig ob sie erfolgreich gewesen waren oder nicht. Bei den Probanden, die beeinflussen konnten, ob sie bestraft werden würden, stiegen Blutdruck und Puls rapide an. Die Teilnehmer aus der anderen Gruppe ergaben sich dagegen in ihr Schicksal, ihr Herzkreislaufsystem reagierte nicht auf den Test.

 

»Immer, wenn man glaubt, beeinflussen zu können, wie sich eine Situation entwickelt, steigen Puls und Blutdruck«, sagt Gendolla. »Wer denkt, alles im Leben kon­trollieren zu können, hat eine sehr schwere Lebensaufgabe und wird mit hoher Wahrscheinlichkeit krank werden.« Denn auf Dauer führe eine solche Belastung zu chronischem Bluthochdruck.

 

Am Abend des Tages, an dem Brigitte Schmidt kollabiert war, rief sie einen befreundeten Arzt an und fragte ihn um Rat. Der empfahl ihr dringend einen Aufenthalt in einer Klinik. Schmidt wollte nicht. Sie hielt sich nicht für krank, sie hatte Angst, im Job als Drückebergerin zu gelten und sie dachte, sie könne ihren Sohn nicht ein paar Wochen allein lassen. Der Arzt machte ihr schließlich klar, dass sie das Leben mit ihren gewohnten Verhaltensmustern nicht mehr in den Griff bekommen würde. Wenige Tage später bezog sie ein Zimmer in der Oberbergklinik in Hornberg im Schwarzwald. Klinikchef und Chefarzt Götz Mundle behandelt viele Führungskräfte, Menschen, die sich und ihre Mitarbeiter kon­trollieren, die sich für so unverzichtbar halten, dass sie nicht in Urlaub gehen wollen. »Diese Patienten vertrauen weder sich noch anderen«, sagt er. »Dahinter steht die Angst, zu versagen und dann nichts mehr wert zu sein.« Auch Brigitte Schmidt hatte den Sinn ihres Lebens darin gesehen, viel zu leisten. In der Klinik lernte sie, mit sich selbst gnädiger zu sein.

 

»Ich muss heute nicht mehr alles perfekt machen, um mich selbst zu mögen«, sagt sie. Mittlerweile arbeitet sie wieder in ihrem Beruf, aber nicht mehr bis nachts. Wenn es ihren Eltern schlecht geht, nimmt sie eine Auszeit im Job. Ihren Sohn kontrolliert sie nicht mehr, sondern diskutiert mit ihm. Er hat sein Abitur geschafft und ist kein Junkie geworden. »Ich kann die Dinge nicht ändern, nur meine Einstellung«, sagt sie. »Ich weiß jetzt, dass ich nicht alles im Griff haben kann.«

 

Mundle sieht die Erkrankungen seiner Patienten als Teil eines gesellschaftlichen Phänomens. »In Deutschland sehen viele Menschen das Leben nicht als Prozess, in dem sich ständig etwas ändert«, sagt er. »Dass alles gleich bleibt, ist aber eine Utopie.« Wer könne heute schon sicher sein, dass sein Berufsbild in zehn Jahren noch genau wie heute aussehe? »Die einzige Möglichkeit, mit der allgegenwärtigen Unsicherheit umzugehen, ist locker zu lassen und sich dem Fluss des Lebens anzuvertrauen.« /


Kurzbeschreibung Burnout

Besonders häufig von Burnout betroffen sind Manager, Lehrer, Menschen in sozialen und Pflegeberufen, Polizisten und generell Frauen und Männer, die eine sehr hohe Motivation bei der Arbeit haben. Erste Warnsignale sind ständige Nervosität, Müdigkeit, Konzentrationsschwäche und Schlafstörungen. Diese Symptome führen oft zu einer emotionalen Distanz vom Beruf, der dadurch schlechter ausgeübt wird. Das steigert die Unzufriedenheit noch, auch weil die Anerkennung durch das Umfeld für burnoutgefährdete Menschen oft besonders wichtig ist.

 

Im fortgeschrittenen Stadium kommt es zu totaler Erschöpfung, die bis zur Depression führen kann. Auch Menschen, die noch nicht die Kriterien eines Burnout-Syndroms erfüllen, aber dazu neigen, sich zu viele Aufgaben aufzuhalsen, können sehr davon profitieren, auf diese Symptome zu achten und gegebenenfalls gegenzusteuern.

 

Eine sichere Diagnose kann nur ein Arzt oder ein Psychotherapeut stellen. Hinweise auf die Störung lassen sich anhand von drei Fragebögen ableiten: dem »Maslach Burnout Inventory«, dem »Copenhagen Burnout Inventory« und dem AVEM-Fragebogen (Arbeitsbezogenes Verhaltens- und Erlebensmuster).

 

Zur Behandlung von Patienten mit Burnout-Syndrom wird meistens die Verhaltenstherapie eingesetzt. Dabei wird untersucht, welche eigenen Denkmuster die Probleme verstärken. Dann versuchen Patient und Therapeut, diese zu modifizieren. Im Mittelpunkt stehen dabei Entspannungstechniken, das Erlernen neuer Techniken zur Konfliktlösung und ein besseres Gespür für die Grenzen der eigenen Belastbarkeit.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 25/2011

 

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