Die Zeitschrift der deutschen Apotheker

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

PZ-Innovationspreis: HPV-Vakzine überzeugt die Jury

PHARMAZIE

 
PZ-Innovationspreis

HPV-Vakzine überzeugt die Jury

Von Brigitte M. Gensthaler, Düsseldorf

 

Der gegen humane Papillomviren (HPV) gerichtete Impfstoff Gardasil® erhielt den PZ-Innovationspreis 2007. Die dreimalige Impfung schützt junge Frauen vor einer viralen Infektion und damit vor einer Krebserkrankung am Gebärmutterhals sowie Genitalwarzen. Die Vakzine ist gut verträglich und hoch immunogen.

ANZEIGE

 

Zum 13. Mal zeichnete die Pharmazeutische Zeitung einen modernen Arzneistoff mit dem PZ-Innovationspreis aus. PZ-Chefredakteur Professor Dr. Hartmut Morck überreichte den Preis am 29. September in Düsseldorf an Dr. Ralf Ehret, Leiter Marketing HPV und Reisemedizin beim Impfstoffhersteller Sanofi Pasteur MSD GmbH.

 

Die unabhängige Jury prüfte insgesamt 30 Arzneistoffe, die zwischen dem 1. Juli 2006 und dem 30. Juni 2007 auf den deutschen Markt kamen. Sieben stufte sie als Schein- und zwölf als Schrittinnovation ein. Elf wurden als Sprunginnovation bewertet und fünf von diesen schafften es in die engere Auswahl, berichtete Morck vor Journalisten. Für den HPV-Impfstoff habe sich die Jury entschieden, weil damit erstmals eine Prävention eines bei jungen Frauen häufig auftretenden Krebses möglich sei. Zudem sei der Impfstoff hoch immunogen und gut verträglich und werde inzwischen auch von der STIKO für junge Mädchen empfohlen. Der Impfschutz hält vermutlich mindestens fünf Jahre an.

 

Der Impfstoff schützt gegen Infektionen mit den vier wichtigsten Typen humaner Papillomviren (6, 11, 16 und 18), die zusammen die große Mehrheit der HPV-assoziierten Genitalerkrankungen verursachen, einschließlich drei Viertel aller Zervixkarzinome. Die Viren werden durch genitalen Haut- und Schleimhautkontakt, vorwiegend beim Geschlechtsverkehr, übertragen. Drei Viertel aller sexuell aktiven Menschen in Europa infizieren sich mit HPV. Bei neun von zehn heilt die Infektion jedoch folgenlos aus. Kann das Immunsystem die Eindringlinge nicht eliminieren, überdauern sie in der Basalzellschicht und lösen Zellveränderungen bis hin zum Krebs aus, berichtete Ehret.

 

Erschreckend häufig

 

Häufigste und schlimmste Folge der Dauerinfektion ist ein Zervixkarzinom; 75 Prozent dieser Tumoren beruhen auf einer Infektion mit HPV-16 und -18, die die WHO bereits 1995 als kanzerogen für den Menschen eingestuft hat. Doch auch Krebs an der Scheide und im äußeren Genitalbereich, Anal- und Peniskarzinome sowie Genitalwarzen (Kondylome) und manche Hautwarzen werden den HP-Viren zur Last gelegt.

 

Das Zervixkarzinom ist nach Brustkrebs weltweit die zweithäufigste Krebsform bei Frauen im Alter von 17 bis 45 Jahren, erläuterte Privatdozentin Dr. Monika Hampl, Leiterin der Dysplasie-Sprechstunde an der Frauenklinik der Universität Düsseldorf. Acht von zehn betroffenen Frauen leben in Entwicklungsländern, wo es weder eine Möglichkeit der Früherkennung noch der Therapie gibt. Vulvakarzinome nähmen in den vergangenen Jahren erheblich zu, berichtete die Oberärztin. Drei Viertel davon seien durch HPV, meist vom Typ 16 und 33, bedingt.

 

Die Fallzahlen sind erschreckend: In Europa erkranken etwa 33.500 Frauen pro Jahr an Gebärmutterhalskrebs, etwa 15.000 sterben an den Folgen. Das sind 40 Frauen jeden Tag. In Deutschland erkranken jedes Jahr 6000 Frauen an Gebärmutterhalskrebs und 3000 sterben daran. Umso trauriger ist die Tatsache, dass nur etwa die Hälfte der Frauen die angebotenen und von den Krankenkassen bezahlten Früherkennungsuntersuchungen beim Gynäkologen wahrnimmt.

 

Nicht lebensbedrohlich, aber höchst unangenehm sind Genitalwarzen. Schätzungsweise 80.000 Männer und Frauen erkranken jedes Jahr in Deutschland daran. Die Warzen sind zwar gut behandelbar, doch bei einem Drittel bis der Hälfte der Patienten kommen die hässlichen Auswüchse wieder.

 

Produziert von Hefezellen

 

Nicht alle HPV sind gleichermaßen gefährlich. Etwa die Hälfte der rund 100 bekannten Typen sind menschenpathogen. Die Typen 16 und 18 verursachen etwa drei Viertel der Zervixkarzinome, HPV-6 und -11 etwa 90 Prozent der Genitalwarzen. Dies war der Grund, eine Vakzine zu entwickeln, die gegen diese vier HPV-Typen schützt,erklärte Ehret.

 

Doch der klassische Weg der Impfstoffherstellung über die Anzucht und Inaktivierung der Viren war bei HPV nicht möglich, da Papillomaviren sich im Labor nicht in ausreichenden Mengen produzieren lassen. Der Impfstoff wird daher durch gentechnische Verfahren gewonnen. Dabei werden Hefezellen gentechnisch so verändert, dass sie virale Proteine bilden. Die auf diese Weise produzierten viralen Hüllproteine lagern sich zu Virus-ähnlichen Partikeln (virus like particles, VLP) zusammen. Diese VLP werden vom Immunsystem wie Viren behandelt, sind aber nicht infektiös, da sie kein Erbgut enthalten.

 

Die europäische Zulassungsbehörde (EMEA) erteilte die Zulassung vor genau einem Jahr. Heute ist der Impfstoff in 80 Ländern weltweit zugelassen und wird dort vermarktet, sagte Ehret. In Deutschland ist er zugelassen für Kinder und Jugendliche von 9 bis 15 Jahren und Frauen ab 16.

 

Drei-Jahres-Daten liegen vor

 

Der tetravalente Impfstoff hat seine Wirksamkeit in vier großen placebokontrollierten Doppelblindstudien mit mehr als 20.000 Frauen von 16 bis 26 Jahren nachgewiesen. Jetzt liegen die Drei-Jahres-Ergebnisse der großen Future-1- und -2-Studien vor. Eingeschlossen waren etwa 5400 sowie rund 12.000 Frauen. Endpunkte waren HPV-assoziierte anogenitale und zervikale Erkrankungen (Krebs und Krebsvorstufen).

 

In der Future-1-Studie entwickelte keine der komplett geimpften HPV-naiven Frauen eine Läsion (100 Prozent Effektivität), berichtete Hampl. Bei Frauen, die das strenge Impfschema nicht eingehalten hatten oder vor der Impfung bereits HPV-infiziert waren (modified intention to treat group), lag die Wirksamkeit noch bei 50 bis 73 Prozent. Betrachtete man alle anogenitalen und zervikalen Erkrankungen unabhängig vom auslösenden HPV-Typ, lag die Wirksamkeit der Vakzine bei 20 bis 30 Prozent.

 

Nach den Daten der Future-2-Studie konnten 98 Prozent der zervikalen Läsionen durch die Impfung verhindert werden (per protocol group). Betrachtete man alle Frauen, die randomisiert worden waren, lag die Wirksamkeit bei 44 Prozent, so Hampl. Die Wirksamkeit gegen alle hochgradigen zervikalen Läsionen, unabhängig vom HPV-Typ, lag nur noch bei 17 Prozent.

 

Die Studien zeigen klar, dass die Impfung nur vor Erkrankungen durch die Virustypen 6, 11, 16 und 18 schützen kann, nicht aber vor anderen pathogenen Typen. Laut Hampl besteht jedoch eine gewisse Kreuzprotektion gegenüber Virustypen, die verwandt mit HPV-16 und -18 sind, zum Beispiel den Typen 31, 45, 52 und 58. Zudem zeigen die Studien, dass die Frauen vor der Impfung möglichst noch nicht mit HPV infiziert sein sollten.

 

Impfung vor dem ersten Mal

 

Die Impfempfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert-Koch-Institut in Berlin vom März 2007 bezieht sich nur auf Mädchen von 12 bis 17 Jahren. Da die Viren nahezu ausschließlich durch Sexualkontakt übertragen werden, sollte die dreimalige Impfung möglichst vor dem ersten Geschlechtsverkehr abgeschlossen sein. Laut STIKO müssen 98 Mädchen geimpft werden, um einen Fall von Gebärmutterhalskrebs zu verhindern.

 

Dem Expertenvotum ist auch die Gesundheitspolitik gefolgt. Demnächst rechne man mit der offiziellen Bestätigung des Vorschlags des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) durch das Bundesgesundheitsministerium, sagte Ehret. Dann können Mädchen innerhalb der STIKO-Altersgrenzen beim Arztbesuch über ihre Versichertenkarte zulasten der GKV geimpft werden. Bislang handhaben die Kassen die Erstattung der Impfkosten noch unterschiedlich.

 

Aus Sicht der Gynäkologin gibt es keine strikte Altersgrenze. »Die Impfung ist auch für ältere Frauen sinnvoll«, sagte Hampl. Selbst wenn sich diese bereits mit einem HP-Virus infiziert hätten, schütze die Vakzine sie vor den anderen Typen und hebe den natürlichen Antikörpertiter an. Stu-diendaten zur Impfung bei Frauen bis 45 Jahren würden für nächstes Jahr erwartet, ebenso Daten zum Impferfolg bei jungen Männern.

 

Die Vakzine ist nicht infektiös, gut verträglich und hoch immunogen, resümierte Hampl. Praktisch jeder, der geimpft wird, bilde schützende Antikörper. Nach der kompletten Grundimmunisierung bildet sich ein immunologisches Gedächtnis durch T-Zellen aus. Die Wirksamkeit halte für mindestens fünf Jahre an; dann sei eine Boosterung möglich.

 

Ein bekanntes Problem ist die mäßige Impfbegeisterung bei vielen Jugendlichen. Kinder- und Jugendärzte sowie Gynäkologen wurden bereits umfassend über die Vakzine informiert. Als günstige Gelegenheiten nannte Hampl die Mädchen-Sprechstunden und die Jugenduntersuchung J1, die im Alter zwischen 10 und 14 Jahren stattfindet. Die STIKO hofft, dass die Ärzte die Chance nutzen, den Impfschutz der Jugendlichen insgesamt zu überprüfen und zu vervollständigen. Die zeitgleiche Gabe von rekombinanten Hepatitis-B-Impfstoffen beeinflusst die Immunantwort auf HPV nicht, allerdings wurden niedrigere Antikörperkonzentrationen gegen Hepatitis B beobachtet. Die klinische Relevanz dieser Befunde ist noch unklar.


Glückszahl 13

Abciximab war der erste Arzneistoff, der den PZ-Innovationspreis für sich verbuchen konnte. Dies war 1995 in München. Seitdem vergibt eine Jury unter Leitung von Professor Dr. Ulrich Schwabe, Herausgeber des Arzneimittelreports, Heidelberg, jedes Jahr diese Auszeichnung für ein hoch innovatives Arzneimittel. Spiritus rector des Preises ist PZ-Chefredakteur und Arzneimittelexperte Professor Dr. Hartmut Morck. Diesmal standen 30 Arzneistoffe aus 19 Indikationsgruppen zur Diskussion. »Es gibt weniger Scheininnovationen als früher«, stellte Morck fest. Deren Entwicklung lohne sich für die Firmen nicht mehr. In die engere Wahl kamen diesmal fünf Stoffe. Schließlich konnte der HPV-Impfstoff Gardasil® von Sanofi Pasteur MSD das Rennen für sich entscheiden: Er ist der 13. Preisträger. Manchem bringt die »13« eben Glück.


Weitere Themen im Ressort Pharmazie...

Beitrag erschienen in Ausgabe 40/2007

 

Das könnte Sie auch interessieren

 

 











DIREKT ZU