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Porphyrien: Gefährlicher Stopp der Häm-Synthese

TITEL

 
Porphyrien


Gefährlicher Stopp der Häm-Synthese


Von Claudia Borchard-Tuch / Eine Porphyrie ist eine Stoffwechselstörung, die auf einer Störung der Häm-Biosynthese beruht. Dies kann lebensgefährliche Folgen haben. Die Krankheit kommt häufiger vor als vermutet und wird oftmals gar nicht oder zu spät erkannt.

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»Seit meiner Geburt leide ich an Porphyrie«, schreibt eine Betroffene in einem Internetforum (1). »Die Erkrankung wurde erst nach 35 Jahren diagnostiziert.« Dass eine Porphyrie spät oder gar nicht erkannt wird, stellen auch Experten mit Ernüchterung fest. Fehldiagnosen und unzureichende Therapieversuche seien nicht selten.

 

Da in Europa statistisch nur einer von 75 000 Einwohnern an einer akuten Porphyrie-Attacke erkrankt, ist dieses Krankheitsbild nicht jedem Apotheker oder Arzt bekannt. Insgesamt dürfte die Stoffwechselerkrankung öfter vorkommen als angenommen wird (2). Berichtet ein Kunde in der Apotheke über verdächtige Symptome, zum Beispiel häufige unerklärliche Abdominalkoliken oder lichtempfindliche Haut, sollte ihn das Apothekenteam zu einem Experten schicken, um eine Abklärung nicht zu verzögern.




Rot wie Blut: Das oxygenierte Hämoglobin gibt die Farbe.

Foto: Fotolia/Arutyunyan


»Erschwerend für die Diagnostik ist, dass es ›die‹ Porphyrie nicht gibt«, erklärte Professor Dr. Hans Friedrich Merk vom Universitätsklinikum der RWTH Aachen im Gespräch mit der PZ. »Es kommen vielmehr verschiedene Formen vor, die durch spezifische Muster von Porphyrinen und -vorläufern in Urin, Blut und Stuhl diagnostiziert werden.« Allen Porphyrien gemeinsam ist, dass sie durch enzymatische Defekte in der Häm-Biosynthese entstehen, wobei Häm-Vorstufen kumulieren (3).

 

Was sind Porphyrine?

 

Die weite Verbreitung der Porphyrine erklärt sich aus ihrer zentralen Funktion im Stoffwechsel von Menschen, Tieren, Pflanzen und Mikroorganismen. Porphyrine absorbieren elektromagnetische Strahlung und vermitteln im Chlorophyll die Nutzung des Sonnenlichts für die Fotosynthese. Im Hämo- und Myoglobin sorgen sie durch reversible Bindung von Sauerstoff für dessen Transport in Blut und Gewebe. Häm-haltige Enzyme wie Cyclooxigenasen, Peroxidasen und Katalasen katalysieren zahlreiche komplexe biochemische Reaktionen.

 

Alle kernhaltigen Zellen können mithilfe von vier Enzymen (ALA-Synthase, ALA-Dehydratase, Porphobilinogen-Desaminase und Uroporphyrinogen-III-Synthase) den Porphyrinring synthetisieren (Grafik 1). Nach weiteren drei enzymatischen Reak­tionen wird Eisen mithilfe der Ferrochelatase in den Porphyrinring eingesetzt und so schließlich Häm gebildet.




Grafik: Häm-Synthese (Mitte), die beteiligten Enzyme (links) und die Erkrankungen bei entsprechenden Enzymdefekten. Zum Vergrößern klicken!

Ist ein Enzym in dieser Synthesekette defekt, entsteht ein Mangel an Porphyrinvorstufen und Porphyrinen, die diesem enzymatischen Schritt nachgelagert sind (»Engpassstelle«). Letztlich resultiert ein Mangel an rotem Blutfarbstoff. Der Körper versucht, den Häm-Mangel auszugleichen und steigert die Aktivität der Enzyme vor der Engpassstelle. Dies normalisiert zwar letztlich die Häm-Konzentration, doch kommt es zugleich zu erhöhten Konzentrationen von Porphyrinen und ihren Vorstufen vor der »Engpassstelle«: Eine Porphyrie entsteht (3).

 

Dieses Zuviel ist äußerst gefährlich, da sich Porphyrine und ihre Vorstufen in der Leber, im Knochenmark und anderen Organen ablagern und diesen hierdurch erheblich schaden können.

 

Die meisten Porphyrien werden durch geschlechtsunabhängige, autosomal dominante Gendefekte verursacht, bei denen lediglich ein Allel betroffen ist. Die heterozygoten Gendefekte lösen meist nur dann Krankheitszeichen aus, wenn zusätzlich begünstigende Faktoren wie Stress, Infektionen oder andere hinzukommen. Beschwerden zeigen sich daher oft erst im frühen Erwachsenenalter. Im Gegensatz dazu sind bei den rezessiven Porphyrieformen bei homozygoter Vererbung bereits im Kindesalter Symptome erkennbar. Diese verursachen vermehrt schwere Krankheitsbilder, sind jedoch seltener.

 

Verdächtige Symptome

 

In den letzten 20 Jahren hat die Klassifikation in akute und nicht-akute Porphyrien immer mehr an Bedeutung gewonnen (3) (Tabelle 1). Diese Einteilung ist für die Praxis wichtig, da es bei den akuten Porphyrien zu lebensgefährlichen Attacken kommen kann, die sofort diagnostiziert und therapiert werden müssen (4).


Tabelle 1: Einteilung in akute und nicht-akute Porphyrien

Einteilung Porphyrieform 
akut Doss-Porphyrie
akute intermittierende Porphyrie
hereditäre Koproporphyrie
Porphyria variegata 
nicht-akut X-chromosomal dominante Protoporphyrie
kongenitale erythropoetische Porphyrie
Porphyria cutanea tarda
erythropoetische Protoporphyrie 

Im Allgemeinen sind Porphyrien durch zwei Hauptsymptome gekennzeichnet: Abdominalkoliken und lichtempfindliche Haut. Bei den akuten hepatischen Formen, beispielsweise der akuten intermittierenden Porphyrie (AIP), kann es neben abdominellen auch zu anderen Störungen wie Lähmungen oder Herzrasen kommen. Bei den nicht-akuten Porphyrien führt die Anhäufung von Porphyrinen in Haut und Leber zu einer erhöhten Lichtempfindlichkeit der Haut (Photodermatose) und schließlich zu schweren Leberschäden.

 

Am häufigsten kommen die akute intermittierende Porphyrie (AIP), die Porphyria cutanea tarda (PCT) und die erythropoetische Protoporphyrie (EPP) vor.

 

Achtung: Lebensgefahr bei AIP!

 

Verschiedene Medikamente, Toxine, Sexualhormone, Alkohol, Nikotin oder Kohlenhydratdefizit bei Nahrungsmangel führen dazu, dass der Bedarf an Häm in der Leber steigt, da Häm als prosthetische Gruppe an zahlreichen enzymatischen Reaktionen beteiligt ist (5, 6). Stress, Entzündung oder Infektionen hingegen erhöhen den Abbau von Häm, da sie die Bildung von Hämoxygenase 1, einem Akute-Phase-Protein, erhöhen. Um den gesteigerten Hämabbau auszugleichen, wird die ALA-Synthase 1 aktiviert. Diese Induktion führt zu erhöhter Synthese neurotoxischer Porphyrinvorstufen wie Aminolävulinsäure (ALA) und Porphobilinogen (PBG) sowie Porphyrinen (Grafik) (6).

 

Alle akuten hepatischen Porphyrien treten gewöhnlich erst im jungen Erwachsenenalter auf. Zunächst stehen Bauchschmerzen im Vordergrund. Dies führt häufig zu Fehldiagnosen. So wird bei einem jungen Patienten, der unter unklaren Bauchbeschwerden leidet, oft zuerst an eine Infek­tion der Gallenblase oder Blinddarmreizung gedacht. »Es gibt Porphyrie-Patienten, denen der Blinddarm oder die Gallenblase entfernt wurde«, so Merk. »Häufig müssen die Patienten eine wahre Odyssee durchlaufen, bevor ihnen selbst auffällt, dass sich ihr Harn dunkel verfärbt.« Die krampfartigen Bauchschmerzen treten meist attackenweise auf (3). Im Allgemeinen sind sie im Mittel- und Oberbauch lokalisiert, häufig verbunden mit Übelkeit, Erbrechen und Verstopfung. Zusätzlich können Herzrasen, Bluthochdruck und Hyponatriämie hinzukommen. Der Urin verfärbt sich im Stehen meist dunkelrot.

 

Besteht der Verdacht, dass ein Kunde unter einer Porphyrie leiden könnte, sollte der Apotheker nachfragen, welche Medikamente er in letzter Zeit eingenommen hat oder ob er gerade eine Infektion hat. Nützlich ist die Empfehlung, einen Experten aufzusuchen. Meist findet man bestimmte Ursachen für einen akuten Porphyrieschub, beispielsweise die Einnahme eines porphyrinogenen Medikaments (Tabelle 2). Bedenken sollten der Apotheker und sein Team allerdings, dass Menschen, die eine Veranlagung zu einer Porphyrie haben, sehr individuell reagieren können. Die Reaktion auf ein Medikament ist nicht vorhersehbar. Während es bei einigen Menschen eine Attacke auslöst, ist dies bei anderen Betroffenen nicht der Fall. Tritt jedoch eine Reaktion auf, dann immer in Form einer akuten Attacke, die sich innerhalb von Tagen nach der Arzneimitteleinnahme entwickelt (2).


Tabelle 2: Beispiele für Medikamente, die eine Porphyrie auslösen können; mod. nach (5)

Substanzgruppe Substanzen (Beispiele) 
Androgen Danazol 
Antibiotikum, Antiinfektivum Chloramphenicol, Cotrimoxazol, Dapson, Erythromycin, Nalidixinsäure, Sulfonamide 
Antiepileptikum Carbamazepin, Ethosuximid, Mesuximid, Oxcarbazepin, Phenytoin, Primidon 
Antiestrogen Aminoglutethimid 
Antihypertonikum Clonidin, Dihydralazin, Methyldopa 
Antimykotikum Griseofulvin, Ketoconazol systemisch 
Gestagen Progesteron 
H 1-Antihistaminikum Clemastin, Dimenhydrinat 
Hypnotikum, Narkotikum Barbiturate, Etomidat 
Migränemittel Ergotaminderivate, Methysergid 
Muskelrelaxans Orphenadrin 
NSAR, Analgetikum Pyrazol-Derivate: Metamizol, Phenylbutazon 
Orales Antidiabetikum Tolbutamid 
Tuberkulostatikum Pyrazinamid 

Wird die Erkrankung nicht erkannt und behandelt, kann es gefährlich werden. Es kommt zu Lähmungen, die zuerst die Muskulatur an Händen und Armen befallen. Die Lähmungen können aufsteigen und zu einem lebensbedrohlichen Atemstillstand führen. Bei einigen Patienten kommt es zu Krampfanfällen, Verstimmungen oder Erregungszuständen.

 

Molekulargenetische Diagnostik

 

Die Diagnose einer akuten Porphyrieattacke lässt sich durch einen mehr als zehnfach erhöhten Wert von Porphobilinogen (PBG) im Urin sichern (6). Ist eine akute Porphyrie analytisch gesichert, kann bei AIP eine standardisierte Bestimmung der PBG-Desaminase im Blut erfolgen. Es gibt allerdings eine Variante der AIP mit normaler erythrozytärer PBG-Desaminase. Dann ist eine molekulargenetische Analyse indiziert. Mithilfe solcher Tests können auch Verwandte ersten Grades herausfinden, ob sie selbst Träger des mutierten Gens sind.


Häm – Hämoglobin – Methämoglobin

Häm ist ein Porphyrinderivat mit einem eingelagerten zweiwertigen Eisen-Ion. Es ist der farbige Bestandteil des Hämoglobins in den Erythrozyten, des Myoglobins sowie der Cytochrome (Proteine der Zellatmung).

 

Eine der wichtigsten Aufgaben des Blutes besteht darin, den in der Lunge aufgenommenen Sauerstoff zu den Organen und Geweben zu transportieren sowie das hier gebildete Kohlendioxid zur Lunge zurückzuführen. Diese Funktion des Blutes wird im Wesentlichen durch den roten Farbstoff Hämoglobin in den Erythrozyten erfüllt. Im Hämoglobin sind vier Polypeptidketten mit je einem Häm-Molekül zu einem Molekülaggregat zusammengeschlossen. Beim Sauerstofftransport wird O2 ohne Wertigkeitsänderung des Eisenatoms in reversibler Bindung an Häm angelagert. Hämoglobin geht dabei in Oxyhämoglobin über. Ähnlich wie Sauerstoff kann Kohlenmonoxid ebenfalls reversibel an Häm angelagert werden.

 

Außer der Oxygenierung an der Hämgruppe kann hier auch eine echte Oxidation stattfinden, bei der das zweiwertige in dreiwertiges Eisen übergeht. Das bei diesem Prozess entstehende Hämoglobin bezeichnet man als Methämoglobin. Ändert das Eisen seine Wertigkeit von Fe2+ nach Fe3+, kann es keinen Sauerstoff mehr transportieren. Es gibt verschiedene Arten von Methämoglobinbildnern, zum Beispiel Nitrite, Anilin oder Stickstoffmonoxid. Oxidationsmittel ändern bei der Reaktion mit Hämoglobin ihre Wertigkeit durch Sauerstoffabgabe. Praktische Bedeutung haben beispielsweise Chlorate in Zahnpasten, Reinigungs- und Bleichmitteln.


Voraussetzung ist, dass die Mutation eines Betroffenen genau bekannt ist. Mit der gezielten Genanalyse können symptomfreie Mutationsträger identifiziert und über Porphyrie-auslösende Faktoren informiert werden. Vorsichtiger Optimismus ist angebracht. Immerhin bleiben rund 80 bis 90 Prozent der Genträger lebenslang symptomfrei. Auch bei einer Variante der akuten intermittierenden Porphyrie mit normaler Porphobilinogen-Desaminase ist eine molekulargenetische Analyse von großem Nutzen (6).

 

Intensivtherapie der AIP-Attacke

 

Bei einer akuten Attacke ist meist eine intensivmedizinische Überwachung notwendig. Die Infusion von Hämarginat (Beispiel: Normosang®) 3 bis 5 mg/kg KG einmal alle 24 Stunden über vier Tage ist meist erfolgreich. Hämarginat hemmt die ALA-Synthase in der Leber, vermindert so die Bildung von Porphyrinen und toxischen Zwischenstufen und behebt zumindest teilweise den Häm-Mangel. Im Allgemeinen kommt es innerhalb von 48 Stunden zu einer Besserung.

 

Wie Hämarginat hemmt auch Glucose die ALA-Synthase in der Leber und damit die Synthesekaskade. Glucose-Infusionen werden meist zusammen mit Hämarginat eingesetzt, da dies weitaus wirksamer ist (7) (Tabelle 3).


Tabelle 3: Therapie des akuten Porphyriesyndroms; nach (6)

Maßnahme Details 
Erstmaßnahme Absetzen porphyrinogener Medikamente
intensivmedizinische Überwachung 
Behandlung mit Glucose
und/oder Hämarginat 
Glucoseinfusion 300 bis 500 g/24 h
Hämarginat 3 bis 5 mg/kg KG per Infusion einmal alle
24 Stunden über vier Tage 
Symptomatische Maßnahmen

Schmerzen
Tachykardie und Hypertonie
Unruhe, Brechreiz
Ileussymptomatik
Atemlähmung
Infektionen
Anzeichen von Lähmungen 
Elektrolyt- und Volumenkontrolle und ggf. -ausgleich

Acetylsalicylsäure, Morphinderivate, Gabapentin
Propanolol, Metoprolol, Valsartan
Chlorpromazin, Chloralhydrat, Ondansetron
Neostigmin
assistierte oder kontrollierte Beatmung (evtl. Tracheotomie)
Antibiotika
sofortige Physiotherapie 

Manchmal lässt sich die Erkrankung nicht zum Stillstand bringen. Dann muss eine Lebertransplantation erwogen werden, da es zu einer vollständigen Zerstörung des Lebergewebes und zu einem Leberausfallkoma kommen kann. Vereinzelt gelang es, durch die prophylaktische Gabe von Hämarginat (»Intervalltherapie«) die Symptomatik zu bessern.

 

Prophylaktisch muss der Patient vorrangig darauf achten, auslösende Faktoren wie Medikamente, Fasten, Alkohol und Rauchen zu meiden. Da Maßnahmen zur Lebensführung für den weiteren Verlauf einer akuten hepatischen Porphyrie entscheidend sind, muss er diese Bedingungen genau kennen. Die Ernährung sollte kohlenhydratreich sein. Es ist empfehlenswert, stets Traubenzuckerstücke mit sich zu führen. Bei beginnenden abdominellen Schmerzen kann deren Einnahme eine gefährliche Entwicklung verhindern. Internationale Porphyrieausweise sind beim Hersteller von Hämarginat kostenlos erhältlich.

 

EPP: Porphyrie bei Kleinkindern

 

Bereits im Kleinkindalter tritt die häufigste nicht-akute Porphyrie auf: die erythropoetische Protoporphyrie (EPP). Ursache der EPP ist eine verminderte Aktivität der Ferrochelatase, die das Eisen in den Protoporphyrinring einbaut. Bei der Erkrankung häuft sich daher vor allem Protoporphyrin an, das vor der »Engpassstelle« gebildet wird. Dieses lagert sich in der Haut ab – mit schlimmen Folgen: So absorbiert Protoporphyrin Licht der Wellenlänge 400 bis 410 Nanometer, das heißt UV-A-Strahlung und den blauen Anteil des sichtbaren Lichts. Die aufgenommene Lichtenergie gibt Protoporphyrin an das Hautgewebe ab. Hierbei entstehen Sauerstoffradikale, die Strukturen im Gewebe zerstören können (oxidativer Stress).




Strikter Sonnenschutz, am besten durch dichte Kleidung, ist für Kinder mit EPP ein Muss.

Foto: Fotolia/Denis


Hauptsymptom der Erkrankung ist daher eine akute phototoxische Reaktion auf Sonnenlicht. Bereits wenige Minuten nach Sonnenbestrahlung schmerzt die Haut an den belichteten Stellen. Der Schmerz kann sehr intensiv sein. Betroffen sind Handrücken und Gesicht, besonders Nase und Ohren, häufig auch Fußrücken und andere sonnenexponierte Körperstellen. Bei leichteren Schmerzattacken kann die Haut völlig unverändert sein; die Symptome werden dann auch als Jucken, Brennen oder Beißen beschrieben. Bei schwereren Attacken kommt es zu Schwellungen, Rötungen und bläulich-violetten Verfärbungen oder winzigen stecknadelkopfgroßen Blutungen (7).

 

Die Haut erholt sich rasch und ist völlig unauffällig, wenn sie nicht dem Sonnenlicht ausgesetzt ist. Daher wird diese Porphyrieform oft jahrelang übersehen. Die Kinder und ihre Eltern werden manchmal sogar als psychisch krank eingestuft, da ihre Beschwerden unglaubwürdig klingen. Die mittlere Zeit zwischen Erstauftreten der Symptome und Diagnose liegt bei 16 Jahren (7).

 

Bei der EPP finden sich, anders als bei den übrigen Porphyrien, keine erhöhten Porphyrin-Werte im Urin. Unter dem Fluoreszenzmikroskop ist aber eine kurzzeitige Fluoreszenz der Erythrozyten erkennbar, und die quantitative Bestimmung des Protoporphyrins in den Erythrozyten zeigt stark erhöhte Werte (mehr als 5-fach über dem oberen Normwert) (7).

 

Lichtschutz als beste Therapie

 

Therapeutisch ist der Lichtschutz von höchster Bedeutung, wobei dicht gewobene, feine Baumwollstoffe in dunkler Farbe am besten schützen. Da die Empfindlichkeit hauptsächlich gegenüber sichtbarem (blauem) Licht besteht, sind herkömmliche Sonnenschutzcremes, die lediglich gegen ultraviolette Strahlung (besonders UVB) schützen, im Allgemeinen wenig wirksam. Reflektierender Sonnenschutz, zum Beispiel auf der Basis von Titandioxid oder Zinkoxid, schützt gegen UVA, UVB und sichtbares Licht und ist deshalb effizienter.

 

Wie die Vitamine C und E inaktiviert auch Betacaroten (β-Carotin, Provitamin A) Singulett-Sauerstoff und freie Radikale. Damit wirkt es der Photosensibilisierung durch Protoporphyrin entgegen und verbessert die Lichttoleranz. Daher wird es bei der EPP eingesetzt. »Die Dosierung ist sehr unterschiedlich«, sagte Merk. »Die Patienten benötigen eine individuelle Einstellung. Es gibt Patienten, bei denen lediglich 75 mg Betacaroten ausreichend sind. Andere hingegen brauchen mehr als 300 mg pro Tag.«




Porphyria cutanea tarda: Wird die Haut dem Sonnenlicht ausgesetzt, treten Blasen und Erosionen auf.

Foto: medicalpicture


Das α-MSH-Analogon (Melanozyten stimulierendes Hormon) Afamelanotid wird zurzeit in einer klinischen Phase-III-Studie bei EPP-Patienten geprüft. Afamelanotid regt die Haut zur Eumelanin-Produktion an, einem dunklen Pigment, das für seine photoprotektiven Eigenschaften bekannt ist. Es schützt die Haut vor Sonnenlicht und UV-Strahlung.

 

Bei fortgeschrittener Leberbeteiligung kann zunächst die Gabe von Erythrozytenkonzentraten zur Supprimierung der Erythropoietin-Sekretion versucht werden. Die Unterdrückung der Erythropoese reduziert die weitere Anflutung von freiem Protoporphyrin und entlastet so die Leber. Bei ausgeprägtem Gallenstau (Cholestase) und fibrotischem Umbau (Zirrhose) ist eine Lebertransplantation in der Regel unumgänglich. Die erste erfolgreiche Stammzelltransplantation gelang vor einigen Jahren in Schweden (6).

 

PCT: Vorsicht Sonnenlicht!

 

Auch bei der Porphyria cutanea tarda (PCT) ist die Lichtempfindlichkeit erhöht. Ursache der PCT ist eine verminderte Aktivität der Uroporphyrinogen-III-Decarboxylase. Aufgrund der Decarboxylierungsstörung kommt es in Leber und Haut zur Anhäufung von Uro- und Heptacarboxyporphyrinen. Infolge der Ablagerung in der Haut wird die Energie des Sonnenlichts verstärkt absorbiert und schädigt die Haut. An sonnenlichtexponierten Hautpartien entstehen Blasen und Narben.

 

Die Haut ist zudem leicht verletzlich. »Typisch ist, dass sich Patienten bereits beim Bettenmachen verletzen. Die Wundheilung verläuft sehr langsam«, so Merk. Bei der Diagnostik darf der Arzt keine Hautbiopsie machen (3). Vielmehr sollten die Porphyrine bestimmt werden: In Urin und Plasma sind sie extrem erhöht. Dies kann problematisch für den Patienten sein. Bereits ab einer Urinausscheidung von 2 mmol/Tag ist die Leber voll beladen mit Porphyrinen. Diese fluoreszieren unter ul­traviolettem Licht im Lebergewebe intensiv rot. Auch in Phasen ohne Hautsymptome sind die Aminotransferasen im Serum erhöht (6).

 

Die homozygote PCT wird mit der Aderlasstherapie nach Ippen behandelt, denn bei den meisten Patienten ist eine vermehrte Eisenspeicherung nachweisbar. Eisen spielt eine komplexe, noch nicht vollständig aufgeklärte Schlüsselrolle in der Pathogenese der PCT. So finden sich häufig zugleich Genmutationen, die denen einer Hämochromatose entsprechen. Ziel der Therapie ist es, die Eisenspeicher des Körpers zu entleeren und den Serum­eisenspiegel zu senken, um eine schwere Eisenüberladung des Körpers zu verhindern. Es wird angestrebt, den Eisenspiegel auf 50 µg/dl zu senken. Andererseits soll der Hämoglobinwert nicht unter 11 g/dl fallen.

 

Beide Parameter muss der Arzt bei der Aderlasstherapie regelmäßig kontrollieren. Praktisch geht man wie folgt vor: 200 bis 500 ml Blut werden zunächst einmal wöchentlich, dann in zwei- bis vierwöchentlichen Abständen entnommen. Dies wird über mindestens drei bis sechs Monate fortgeführt.

 

Bei heterozygoter PCT reicht eine Behandlung mit Chloroquin aus. Der Arzneistoff bildet mit Uro- und Heptacarboxyporphyrinen wasserlösliche Komplexe und erhöht somit deren Elimination aus dem Gewebe und die Ausscheidung mit dem Urin. Eine Behandlung mit Chloroquin in niedriger Dosierung gilt als Therapie der Wahl; der Patient nimmt zweimal pro Woche 125 mg oder jeden zweiten Tag 80 mg. Meist wird nach drei Monaten eine klinische und nach sechs bis zwölf Monaten auch eine biochemische Remission erreicht (6).

 

Zu den auslösenden Faktoren der Erkrankung zählen unter anderem Alkohol und Estrogene. Alkoholkarenz führt zu einer deutlichen Besserung der Symptomatik. Frauen sollten hormonale Kontrazeptiva meiden oder eine Hormonersatztherapie absetzen (6).

 

Prophyrien ohne Erblast

 

Daneben gibt es noch eine Vielzahl von Schadstoffen und Krankheiten, die die Häm-Synthese stören können. Bei diesen sogenannten sekundären Porphyrinämien, die meist symptomlos verlaufen, handelt es sich um Reaktionen des Porphyrinstoffwechsels auf eine andere Erkrankung des Körpers.

 

Nicht immer verlaufen die sekundären Porphyrien klinisch stumm. »In den Sechziger Jahren trat in Anatolien die sogenannte Porphyria turcica auf«, berichtet Merk. »Man verwendete versehentlich Saatweizen anstelle von Weizen zur Herstellung von Brot. Im Saatweizen befand sich Hexachlorbenzol, das bei Tausenden von Menschen zu schweren toxischen Leberschäden führte.«

 

Neben toxischen Leberschäden können auch Fettleber, Hepatitis, Cholestasen, Pankreatitis, HIV-Infektionen oder Krebserkrankungen eine sekundäre Porphyrie auslösen. Ob es sich wirklich darum handelt, können genaue Analysen von Porphyrinen und Vorläufermolekülen zeigen (6). /


Auf einen Blick

Porphyrien sind Krankheiten, die schwer verlaufen können und meist spät erkannt werden. Die Diagnose erfolgt durch Bestimmung von Porphyrinen und ihren Vorläufern in Urin, Blut, Stuhl und Plasma. Zur Behandlung der akuten hepatischen Porphyrien stehen neben einer symptomatischen Therapie Glucose und Hämarginat zur Verfügung. Nicht-akute Porphyrien erfordern einen effektiven Lichtschutz durch Kleidung und Sonnenschutzcremes, am besten auf Pigmentbasis. Hierauf sollten Apotheker bei der Beratung ebenso achten wie auf porphyrinogene Arzneistoffe bei gefährdeten Patienten.


Literatur

  1. Medicoconsult, Forenübersicht, Porphyrie, Erfahrungsberichte. www.medicoconsult.de/forum/viewforum.php?f=35&sid=931b794f21683a516a8f751417d70f54, 2011
  2. Vetter, C., Porphyrien: Erhebliche Dunkelziffer. Dtsch. Arztebl. 103, Nr. 38 (2006) A-2446 / B-2121 / C-2045.
  3. Poblete-Gutiérrez, P., et al., Labordiagnostik und Therapie der Porphyrien. Hautarzt 57 (2006) 493-501.
  4. Frank, J., Petrides, P. E., Kongressbericht. Porphyrien: Europäische Initiative fördert Zusammenarbeit. www.epp-deutschland.de/mediapool/21/211484/data/Frank_Petrides_2007_Darmstadt.pdf, 2011.
  5. European Porphyria Initiative. www.porphyria-europe.com, 2011.
  6. Stölzel, U., Stauch, T. Doss, M. O., Porphyrien. Internist 51 (2010) 1525-1534.
  7. Minder, E., Porphyrien im Kindesalter, www.swiss-paediatrics.org/sites/default/files/paediatrica/vol21/n5/pdf/60-62.pdf, 2011.

Danksagung: Professor Dr. Hans Friedrich Merk, Klinik für Dermatologie und Allergologie, Universitätsklinikum der RWTH Aachen, danke ich vielmals für seine wertvolle Unterstützung.


Die Autorin

Claudia Borchard-Tuch studierte Medizin an der Universität Düsseldorf, erhielt 1982 die Approbation und schloss ein Jahr später ihre Promotion ab. Nach einer Tätigkeit als Assistenzärztin studierte sie Informatik an der Fernuniversität Hagen und schloss mit dem Diplom ab. Seit 1983 ist Dr. Borchard-Tuch freiberuflich tätig als Fachjournalistin und bearbeitet naturwissenschaftliche und medizinische Themen für Fachzeitschriften und große Zeitungen. Zudem verfasst sie wissenschaftliche Publikationen für die Pharma­industrie und ist Autorin mehrerer Bücher.

 

Dr. med. Claudia Borchard-Tuch

Forsthofweg 9

86441 Zusmarshausen

claudia.borchardtuch@googlemail.com


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Beitrag erschienen in Ausgabe 20/2011

 

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