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Hochschulporträt

Studieren an der Zukunftsfakultät


Von Sven Siebenand, Freiburg / Das Institut für Pharmazeutische Wissenschaften der Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg, konnte in den vergangenen Jahren national und international vielfach in positiver Weise auf sich aufmerksam machen. Ein Grund mehr für die PZ, sich im Rahmen der Reihe Hochschulporträt einmal genauer im Breisgau umzusehen.

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Die Fakultät für Chemie, Pharmazie und Geowissenschaften der Universität Freiburg versteht sich als Zukunftsfakultät. Auf den Internetseiten der Uni ist noch mal näher beschrieben, was damit gemeint ist. »Der Ansatz unserer Fakultät, eine optimale Balance zwischen Spitzenforschung und exzellenter Lehre anzustreben, liefert beste Voraussetzungen, die Studierenden auf die Herausforderungen des Berufslebens vorzubereiten.«




Foto: Pharmazie Uni Freiburg


Das Institut für Pharmazeutische Wissenschaften nimmt dieses Vorhaben offenbar sehr ernst. »Unser Institut hat zum Beispiel die Bewerbung der Universität bei der Exzellenzinitiative erfolgreich unterstützt«, informiert Professor Dr. Andreas Bechthold, Geschäftsführender Direktor des Instituts. Das könne man an drei Aspekten festmachen: Erstens sei die Freiburger Pharmazie Mitantragsteller bei Graduiertenschulen gewesen, zweitens seien Wissenschaftler des Institutes an Projekten der Exzellenzcluster beteiligt und drittens sei die Einrichtung der Pharmazeutischen Bioinformatik durch eine erfolgreiche inneruniversitäre Antragsstellung im Rahmen des Zukunftskonzeptes »Windows for Research« der Universität ermöglicht worden.

 

Bei der Pharmazeutischen Bioinformatik handelt es sich um eine neue Fachrichtung. »So etwas ist bislang einzigartig in Deutschland«, sagt Bechthold. »Die Bioinformatik wird durch die personalisierte Medizin und die Systembiologie in Forschung und Therapie immer größere Bedeutung gewinnen.« Daher sei die Zeit für diese neue Disziplin auch reif.

 

Bachelor oder Staatsexamen

 

Gleiches gelte übrigens auch für den neu etablierten Bachelor-Studiengang »Pharmazeutische Wissenschaften«. Dessen Einführung im Jahr 2009 sei die logische Konsequenz der Freiburger Erfolge. Bechthold: »Der Studiengang, der mit Begeisterung angenommen wird, ist eine Brücke zu allen anderen Bachelor-Studiengängen der Universität und verstärkt die wissenschaftliche Integration der Freiburger Pharmazie in der Universität Freiburg.« Der darauf aufbauende Master-Studiengang werde ab dem Wintersemester 2012/13 angeboten.

 

»Diese Einrichtung geht aber nicht auf Kosten des Staatsexamens-Studienganges Pharmazie«, stellt der akademische Direktor des Instituts, Dr. Franz-Josef Volk, klar. Vielmehr sei der neue Studiengang im Rahmen des Programmes »Hochschule 2012« vom Land Baden-Württemberg gefördert worden. Wozu noch ein zweiter Studiengang Pharmazie? Bechthold gibt die Antwort: »Es gibt Studenten, die von Anfang wissen, dass sie später nicht in der Apotheke arbeiten wollen. Für sie kann es dann von Vorteil sein, wenn sie im Rahmen des neuen Studienganges forschungsnäher ausgebildet werden.



Ein Quereinstieg in den Staatsexamenstudiengang ist nach erfolgreichem Bachelorabschluss dann immer noch möglich, allerdings muss man sich hierfür um einen freien Studienplatz bewerben, wovon erfahrungsgemäß nur wenige zur Verfügung stehen.« Bechthold bezeichnet seine Studenten als sehr gut und sehr fleißig. Gründe, weshalb der Großteil der Anfänger das Studium auch erfolgreich abschließt.

 

Etwa 15 Prozent der Studenten hängen sogar noch eine Diplomarbeit an, teilweise im Ausland oder außerhalb der Universität. Bechthold: »Das Diplom halte ich für eine gute Sache. Denn so können Studenten sehen, ob ihnen wissenschaftliches Arbeiten Spaß macht.«

 

Förderung des Nachwuchses

 

Vielen macht es offenbar Spaß. »Denn die Zahl der Promotionen pro Jahr und Professor ist in Freiburg seit Jahren überdurchschnittlich hoch«, so Bechthold. Zudem werde auch akademischer Nachwuchs sehr erfolgreich in Freiburg ausgebildet und gefördert. Zum Beispiel erhielten in den vergangenen Jahren alleine aus der Pharmazeutischen Biologie zwei Jungwissenschaftler Rufe an andere Universitäten. Kürzlich wurde in der Pharmazeutischen Chemie eine Juniorprofessur für »Chemische Biologie« geschaffen, die ebenfalls der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses dient.


Steckbrief: Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg

Im Jahr 1457 feierte man im Freiburger Münster die Gründung einer Universität. Ihr Finanzier und Namensgeber: Erzherzog Albrecht VI. Damals hatten die ersten Studenten die Wahl zwischen Theologie, Jura, Medizin und Philosophie. Es gab nur diese vier Fakultäten. Heute hat sich dieses Bild komplett geändert. An der Volluniversität Freiburg ziehen mittlerweile mehr als 160 Studiengänge insgesamt etwa 21 000 Studierende, darunter viele internationale Studenten und Nachwuchs-Wissenschaftler, an. Im Jahr 2007 erhielt die Universität die höchste Auszeichnung im Rahmen der deutschlandweiten Exzellenzinitiative von Bund und Ländern. Damit ist die Albert-Ludwigs-Universität eine von nur neun deutschen Universitäten, die in allen drei Linien dieses Wettbewerbs (Graduiertenschule, Exzellenzcluster, Zukunftskonzept) erfolgreich waren. Insgesamt gibt es heute an der Universität elf Fakultäten. An der Fakultät für Chemie, Pharmazie und Geowissenschaften werden derzeit pro Jahr circa 90 angehende Apotheker im Staatsexamens-Studiengang Pharmazie ausgebildet, hinzu kommen pro Studienjahr etwa 40 Bachelorstudenten im Studiengang »Pharmazeutische Wissenschaften«.


Vor Promotion und Hochschulkarriere steht jedoch das Studium. Auch hier erhielt Freiburg in der Vergangenheit gute Noten. So belegt das Institut im aktuellen CHE-Hochschulranking einen Spitzenplatz. Das gilt für Indikatoren wie »Reputation in Studium und Lehre«, »Zahl der Publikationen pro Wissenschaftler«, »Verfügbarkeit und Zustand von Laborarbeitsplätzen«, »Betreuung« und die »Studiensituation insgesamt«. Bechthold: »Das spricht für die Beliebtheit der Freiburger Pharmazie bei den Studierenden und für eine sehr gute Kommunikation zwischen ihnen und den Lehrenden, aber natürlich auch für die wissenschaftliche Qualität.«


Forschungsgebiete der Freiburger Professoren

Ein Forschungsschwerpunkt der Freiburger Pharmazie sind die biogenen Arzneistoffe. In allen Abteilungen existieren Projekte, die den biogenen Arzneistoff in den Mittelpunkt setzen. Da-rüber hinaus haben sich folgende Forschungsschwerpunkte etabliert: Epigenetik, Biotechnologie, Chemische Biologie, molekulare Wirkmechanismen, Gentherapie und Drug Targeting.

 

Das wichtigste Forschungsprojekt der Arbeitsgruppe um Professor Dr. Andreas Bechthold ist die Suche, Herstellung und Entwicklung neuer Antibiotika. Dabei kommt auch die »kombinatorische Biosynthese« zum Einsatz, ein molekularbiologisches Verfahren, bei dem durch Neukombination von Biosynthese-Genen neue Naturstoffe entstehen. Weitere Schwerpunkte dieser Gruppe sind die Charakterisierung und Modifikation von Enzymen, die an der Biosynthese von Naturstoffen beteiligt sind.

 

Den zweiten Arbeitskreis in der Abteilung Pharmazeutische Biologie und Biotechnologie leitet Professor Dr. Irmgard Merfort. Im Mittelpunkt ihrer Forschung stehen Naturstoffe sowie die Untersuchung molekularer Wirkmechanismen und zellulärer Signalwege. Gesucht wird nach Naturstoffen mit entzündungshemmender, wundheilender oder antitumoraler Aktivität in traditionellen Arzneipflanzen Europas, Costa Ricas und Brasiliens. Bei der Aufklärung molekularer Wirkmechanismen von Naturstoffen mit entzündungshemmender Wirkung steht vor allem der Transkriptionsfaktor NF-kappaB im Mittelpunkt des Inte- resses.

 

Im Fach Pharmazeutische und Medizinische Chemie gibt es zwei Professuren und eine Junior-Professur. Die Gruppe von Professor Dr. Manfred Jung befasst sich mit der Synthese und Charakterisierung neuer Wirkstoffe sowie der Entwicklung neuer Verfahren für die Inhibitortestung. Im thematischen Fokus befindet sich dabei die Epigenetik. Targets für die Untersuchungen sind Proteine, die über posttranslationale Modifikationen an Histonen an der epigenetischen Regulation beteiligt sind. Den Schwerpunkt bilden Enzyme, welche die reversible Acetylierung und Methylierung an Lysinen bewirken, zum Beispiel Histon-Desacetylasen.

 

Die Arbeiten der Gruppe um Professor Dr. Michael Müller konzentrieren sich auf das Gebiet der angewandten bioorganischen Chemie, der chemoenzymatischen Naturstoff- und Wirkstoffsynthesen und der Entwicklung biomimetischer Synthesestrategien. Auf diese Weise gelangen die Forscher zu bekannten und neuen potenziellen Wirkstoffen auf nachhaltige biotechnologische Weise. Die asymmetrische Synthese stellt eine methodische Klammer dar.

 

Die Junior-Professur hat Dr. Jennifer Andexer inne. Sie befasst sich mit der strukturellen und funktionellen Charakterisierung von Enzymen. Diese stammen zum Teil aus den Biosynthesewegen von pharmazeutisch interessanten Produkten.

 

Am Lehrstuhl für Pharmazeutische Technologie und Biopharmazie entwickelt Lehrstuhlinhaber Professor Dr. Rolf Schubert Strategien zur einfachen Kopplung von Peptiden und Antikörpern an die Oberflächen von Nanocarriern, um gezielt Tumoren mit Liposomen oder Nanoemulsionen anzusteuern. Tabletten und Granulate sind weitere Arbeitsgebiete der Gruppe um Schubert. Zum einen werden Verfahren zur lösungsmittelarmen Herstellung von Granulaten und der Befilmung von festen Arzneiformen optimiert. Zum anderen werden polymere Filmüberzüge entwickelt, die eine spezifische Wirkstofffreisetzung im Dickdarm durch bakteriellen Abbau der Polymere ermöglichen.

 

Das Team um Professor Dr. Regine Süss am Lehrstuhl für Pharmazeutische Technologie und Biopharmazie beschäftigt sich vorwiegend mit der Entwicklung parenteraler lipid- und polymerhaltiger Nanocarrier. Ein Schwerpunkt liegt auf dem Transport von Nukleinsäuren zur Therapie genetischer Defekte und dem gezieltem Ansteuern von Tumorzellen mit an die Nanocarrier assoziierten Chemotherapeutika.

 

In der Abteilung Pharmazeutische Bioinformatik arbeitet die Gruppe um Junior-Professor Dr. Stefan Günther an der Weiterentwicklung von Methoden aus der Informatik für die Anwendung auf aktuelle Fragestellungen der pharmazeutischen Wissenschaften. Ein Teilgebiet ist die Analyse von Genomen neusequenzierter Mikroorganismen. Ein weiteres Forschungsfeld ist die Proteinstrukturbiologie. Proteinmodelle in atomarer Auflösung werden dazu verwendet, neue Wirkstoffe mithilfe des virtuellen Screenings zu identifizieren.


Anne Schäfer, Pharmaziestudentin in Freiburg, kann das nur bestätigen. »Ich bin sehr zufrieden mit den Studienbedingungen in Freiburg«, fasst sie zusammen. Die Organisation des Studiums sei sehr gut, die Praktika sehr gut betreut und es würden immer noch weitere Verbesserungen zur Optimierung des Studiums durchgeführt. Dass es nach dem Regierungswechsel in Baden-Württemberg weiterhin Studiengebühren geben wird, ist eher unwahrscheinlich.

 

Ob für Skripte, Glasbruch oder Laborausrüstung: »Im Fach Pharmazie konnten die Gelder jedenfalls im Sinne der Studenten eingesetzt werden«, so Professor Dr. Manfred Jung vom Lehrstuhl für Pharmazeutische und Medizinische Chemie. Auch das kann Schäfer bestätigen. Sie schätzt vor allem das Angebot an praxisorientierten Veranstaltungen. Dazu gehört unter anderem ein Seminar auf freiwilliger Basis zum Thema »Experten-Laien-Kommunikation« sowie Workshops zum Thema Suchtprävention sowie Lesen und Auswertung klinischer Studien.

 

Klinische Pharmazie interdisziplinär

 

Im Gespräch mit der PZ hebt Professor Dr. Irmgard Merfort auch die enge Verbundenheit des Instituts mit der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg hervor. Als Beispiel nennt sie die traditionelle Freiburger Sommerakademie, eine Apothekerfortbildung, die alle zwei Jahre an der Uni stattfindet. Zudem fördere die Kammer bestimmte Projekte finanziell, zum Beispiel im Fach Klinische Pharmazie.




Lehre und Forschung am Institut für Pharmazeutische Wissenschaften in Freiburg übernehmen: Professor Dr. Andreas Bechtold, Professor Dr. Regine Süss, Junior-Professor Dr. Stefan Günther, Professor Dr. Manfred Jung, Professor Dr. Irmgard Merfort, Professor Dr. Michael Müller, Junior-Professor Dr. Jennifer Andexer und Professor Dr. Rolf Schubert (von links)

Foto: Thomas Kunz



Apropos Klinische Pharmazie: Diese wird in Freiburg interdisziplinär abgedeckt. Merfort: »Das ist eher als Vorteil zu sehen, denn als Nachteil. So bleiben wir bei der Besetzung von Themen flexibel.« Die Zusammenarbeit mit den Kollegen aus dem Fachbereich Medizin laufe sehr gut, und es gebe keinen Grund, etwas daran zu ändern. Die starke lokale und überregionale Vernetzung des Instituts für Pharmazeutische Wissenschaften mit anderen Disziplinen zeigt sich nicht nur an dieser Stelle, sondern auch darin, dass es an vielen Forschungsverbünden, wie an Sonderforschungsbereichen, Graduiertenkollegs oder BMBF-Projekten, beteiligt ist. Überdies werden zahlreiche Projekte von der Industrie, der DFG und durch Stiftungen gefördert. »An der Volluniversität Freiburg nimmt somit das interdisziplinäre Fach Pharmazie eine zentrale und zugleich integrierende Rolle an der Schnittstelle von Naturwissenschaften, Medizin, Geistes- und Sozialwissenschaften ein«, fasst Bechthold zusammen. / 


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Beitrag erschienen in Ausgabe 19/2011

 

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