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Arzt-Patient-Beziehung: Der »Halbgott in Weiß« hat ausgedient

MEDIZIN

 
Arzt-Patient-Beziehung

Der »Halbgott in Weiß« hat ausgedient


Von Hannelore Gießen, München / Früher waren die Zuständigkeiten klar: Der Arzt ist Experte und der Patient vertraut dessen Empfehlung. Heute informieren sich viele Menschen vor allem im Internet über ihre Erkrankung. Danach wollen sie gemeinsam mit ihrem Arzt Für und Wider der Behandlungsmöglichkeiten abwägen.

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Die Patienten von heute sind mündiger als früher. Und das hat Folgen für die Kommunikation zwischen Arzt und Patient, die im Mittelpunkt eines Symposiums Ende März im Münchner Klinikum rechts der Isar stand. Schon der Begriff »Patient« ist unscharf geworden: Was Krankheit bedeutet, ist nicht mehr dasselbe wie vor 20 oder 30 Jahren. Die Ansprüche an das körperliche und seelische Wohlbefinden sind deutlich gestiegen, ebenso das Interesse an allem, was mit Gesundheit zusammenhängt.




Arzt erklärt, Patient hört andächtig zu - das war einmal. Heute wollen Patienten über ihre Erkrankung informiert und an der Therapieentscheidung beteiligt werden.

Foto: Fotolia/Monkey Business


War früher der Patient ein kranker Mensch, so werden zunehmend mehr Gesunde vielleicht nicht zu Patienten, aber doch zu Nachfragern medizinischer Dienstleistun­gen, die nicht der Behandlung einer Erkran­kung dienen, sondern das Wohlbefinden steigern sollen. Der Patient sieht sich zunehmend als Kunde, mit wachsenden Ansprüchen an den Gesundheitsbetrieb.

 

Der mündige Patient

 

In der tradierten paternalistischen Arzt-Patient-Beziehung war der Patient passiver Empfänger von Behandlungsangeboten, die ihm sein Arzt unterbreitete, nachdem er den Gesundheitszustand des Patienten festge­stellt hatte. Der Mediziner entschied allein über die diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen, die aus seiner professionellen Sicht am besten dazu geeignet waren, die Gesundheit des Patienten wieder herzustellen.

 

Doch das Verhältnis von Arzt und Patient ist im Wandel begriffen: von der paternalistischen Beziehung zu einer auf Augenhöhe, in der der Mediziner seinen Patienten über die Behandlungsmaßnahmen informiert und beide gemeinsam die Therapie festlegen. Viele Patienten wünschen sich eine solche partizipative Entscheidungsfindung, im angelsächsischen Raum als »Shared-Decision-Making« bezeichnet. Sie ermöglicht ihnen, in den Abwägungsprozess ihre persönlichen Bedürfnisse und Vorstellungen, vielleicht aber auch ihre Ängste über ihre Erkrankung und die geplanten diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen einzubringen.

 

Partizipative Entscheidungen sind besonders wichtig bei chronischen Krankheiten mit sehr variablem Verlauf, unsicherer Prognose und mehreren Behandlungsoptionen, wie dies beispielsweise bei Multipler Sklerose der Fall ist. Auch bei präventiven Maßnahmen wie Früherkennungsuntersuchungen ist es sinnvoll, wenn Arzt und Patient gemeinsam entscheiden.

 

Gemeinsame Entscheidung

 

Ein Shared-Decision-Making, zu dem beide Partner zu je 50 Prozent beitragen, überfordere jedoch vor allem bei schweren Erkrankungen den Patienten, schränkte Professor Dr. Alexander Kiss vom Universitätsspital Basel ein. Der Internist zitierte dazu eine im vergangenen Jahr im »Journal of Clinical Cancer« publizierte Studie: 87 Prozent der befragten Tumorpatienten wünschten zwar, alle Informationen über ihre Erkrankung sowie Nutzen und Risiken der Behandlungsmöglichkeiten zu erfahren. Ein anderes Bild zeigte sich jedoch in Bezug auf die Wahl einer Therapie: Nur knapp 40 Prozent der Befragten wollten gemeinsam mit ihrem Arzt darüber entscheiden. Etwa 15 Prozent stimmten sogar dafür, die Entscheidung über die Behandlung völlig ihrem Arzt zu überlassen.

 

Eine Voraussetzung für gute, tragfähige Entscheidungen ist eine gründliche Information des Patienten. Hier zeigen Untersuchungen wie der Bertelsmann Gesundheitsmonitor aus den Jahren 2003 und 2005 noch viele offene Wünsche bei den Patienten: Rund die Hälfte der Befragten fühlte sich nicht umfassend informiert. Gern hätten viele noch besser Bescheid gewusst über Vor- und Nachteile einer Behandlung oder eines Medikamentes und vermissten Hinweise auf weitere Informationsquellen – Wünsche, die sich auch auf die Beratung in der Apotheke zur Selbstmedikation übertragen lassen. /


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Beitrag erschienen in Ausgabe 19/2011

 

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