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Tanorexie: Braun, brauner, krank

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Tanorexie

Braun, brauner, krank


Von Nicole Schuster / Ein brauner Teint gilt für viele Menschen als Schönheitsideal. Wie Magersüchtige es mit dem Abnehmen übertreiben, kann auch das Streben nach Bräune außer Kontrolle geraten. Vorschnelle Hautalterung und ein erhöhtes Hautkrebsrisiko sind die Folgen. Der Sucht liegen oft psychische Störungen zugrunde, die einer Behandlung bedürfen.

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Tanorexie ist eine Wortschöpfung aus Anorexia nervosa, der Magersucht, und dem englischen Begriff für bräunen »tan«. Tatsächlich gibt es Ähnlichkeiten zwischen beiden Störungen, die sich vor allem in der zwanghaften Beschäftigung mit dem eigenen Körper äußern. »Anders als Magersüchtige empfinden sich Tanorektiker nicht als zu dick, sondern als zu blass – egal wie braun sie schon sind«, sagte Professor Dr. Wolfgang Harth von der Klinik für Dermatologie und Allergologie am Vivantes Klinikum in Spandau gegenüber der Pharmazeutischen Zeitung. Die Folge dieser Fehlwahrnehmung sind ständige, im Ex­tremfall tägliche Besuche in Solarien.




Sonnenbank-Besuche können süchtig machen: Als Tanorexie wird das neue Phänomen bezeichnet, das zu frühzeitiger Hautalterung und einem erhöhten Hautkrebsrisiko führt.

Foto: Fotolia/Toome


Unter Tanorexie leiden vor allem junge Menschen. »Es gibt aber noch keine Untersuchungen, wie viele Menschen in Deutschland genau betroffen sind«, so der Experte. Hinweise können Studien aus anderen Ländern geben, zum Beispiel liegen Daten aus den USA aus dem Jahre 2006 vor, nach denen bei 21 Prozent der befragten jugendlichen Solarienbesucher ein Entzug zu Unruhe, Gereiztheit und Problemen in der sozialen Interaktion führte. »Bei den Tanorektikern handelt es sich um einen rein psychischen Entzug«, erklärte Harth.

 

Eine Rolle dabei könnten glücklich machende Hormone, die Endorphine, spielen. Diese könnten einer Theorie zufolge beim Bräunen verstärkt freigesetzt werden. Ohne Solarium keine Endorphinfreisetzung, was die Betroffenen dazu verleiten kann, rasch wieder die Sonnenbank aufzusuchen. »Tanorektiker sind häufig Menschen, die sozial isoliert sind und ein eher freudloses Leben führen. Solarienbesuche werden für sie zur einzigen Möglichkeit, Glücksgefühle zu empfinden«, erklärte Dr. Armin Bader, Leiter der Abteilung und Ambulanz für Psychotherapie und Psychoonkologie am Klinik für Dermatologie und Venerologie des Klinikums der Ruhr Universität Bochum, gegenüber der PZ. Hinzu komme, dass das Solarium für manche Patienten zum sozialen Mittelpunkt geworden sei und sie nur hier ihre Freunde treffen könnten. Oft geht die Tanorexie mit anerkannten psychischen Krankheiten wie Depressionen und körperdysmorphen Störungen einher oder wird als solche diagnostiziert. »Zu beachten ist, dass Tanorexie bislang nur eine Laiendiagnose ist«, so Harth.

 

Die Folgen des ständigen Sonnenbades sind eine merklich beschleunigte Hautalterung, Pigmentstörungen sowie ein erhöhtes Risiko für Hautkrebs. Besonders gefährdet sind Menschen mit hellem Hauttyp, roten oder blonden Haaren und vielen Leberflecken. Von den etwa 140 000 Neuerkrankungen an Hautkrebs pro Jahr in Deutschland machen Experten Solarienbesuche für einen nicht geringen Teil verantwortlich.

 

Bewusstsein für Gefahr entwickeln

 

In der Behandlung gilt es, ein Bewusstsein für die Risiken des Dauerbräunens zu erzeugen. Dabei ist es auch wichtig, dass Selbstbewusstsein der Patienten zu stärken, damit sie erkennen, dass die inneren Werte eines Menschen zählen und nicht der Bräunungsgrad seiner Haut. Auf dem Weg in ein Leben mit gesunder Blässe kann auch eine Verhaltenstherapie eine wertvolle Stütze sein. Im Extremfall ist ein Aufenthalt in einer Suchtklinik erforderlich. »Mit Medikamenten gehen wir in der Therapie wegen des Suchtpotenzials vieler dieser Mittel zurückhaltend um«, sagte Bader. Bei begleitend auftretenden Depressionen könnten aber zum Beispiel Antidepressiva gegeben werden.

 

Als Präventionsmaßnahme hält Bader die Aufklärung unter den besonders suchtgefährdenden jungen Menschen für unverzichtbar. Die Politiker haben hier bereits ein deutliches Zeichen gesetzt, indem sie Menschen unter 18 Jahren den Besuch von Solarien verboten haben. Ein allgemeines Verbot von Sonnenbanken hält Harth jedoch für nicht durchsetzbar. Vielmehr sollten Anwender auf das rechte Maß achten. »Eine moderate Nutzung ist okay, ein exzessiver Gebrauch ein Gesundheitsrisiko«, sagte der Experte. Liebhaber von Sonnenbanken sollten außerdem nicht vergessen, dass die tief Gebräunten von heute die »Backpflaumen« von morgen seien. /

 

 

Literatur

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Beitrag erschienen in Ausgabe 19/2011

 

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