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Anabole Steroide: Gesundheitsgefahren im Web

TITEL

 
Anabole Steroide


Gesundheitsgefahren im Web


Von Ulrike Holzgrabe und Jens Schmitz, Würzburg / »Schnell zum Traumbody, mehr Muskeln in zehn Tagen, maximale Kraft und Power«: Die Anabolika-Werbung im Internet ist oft provokativ, zum Teil gar aggressiv, immer jedoch gefährlich.

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Der Missbrauch von Anabolika ist nicht nur im Leistungs- sondern auch im Breitensport zu beobachten. Dieses ist besonders fatal angesichts der Tatsache, dass die Einnahme androgener Steroide tödliche Folgen haben kann.

 

Unter dem Stichwort »Anabolika« finden sich in der Internetsuchmaschine Google circa 220 000, zum Großteil von geradezu bizarrer Werbung geprägte Einträge. Dieses spiegelt die »Bedeutung« des Missbrauchs im Doping, aber auch auf dem »Anti-Aging«-Markt wider.

 

Die World Antidoping Agency (WADA) schätzt, dass jährlich circa fünf Millionen Menschen 700 Tonnen anaboler Steroide zu sich nehmen. Einer Aussage der ehemaligen Justizministerin Brigitte Zypries gemäß, gab es 2002 allein in Deutschland 200 000 Konsumenten.

 

Gewaltiger Schwarzmarkt

 

Hinter dem zumeist illegalen Hormon- und Anabolikahandel im Web steht ein gewaltiger Schwarzmarkt, der das Gros seiner Kunden nicht bei Athleten, Wettkämpfern oder Fightern, sondern bei »Otto Normalverbraucher« rekrutiert, der bereit ist, zur Verbesserung seiner körperlichen Optik durch Lifestyle-Drogen viel Geld auszugeben. Dies gilt insbesondere für Bodybuilder, Türsteher und Bodyguards, aber auch für Männer und Frauen, die sich im Fitness-Studio einfach nur »stählen« wollen (Abbildung 1).




Abbildung 1: Der zumeist illegale Anabolikahandel im Internet rekrutiert das Gros seiner Kunden in der Szene der Bodybuilder, aber auch in gängigen Fitness-Studios.

Foto: Superbild


»Ich bin 17 Jahre alt und wiege 65 Kilogramm. Ich gehe regelmäßig ins Fitnessstudio, aber ohne Erfolg. Deshalb habe ich mich entschieden, Anabolika oder dergleichen zu nehmen. Ich weiß jetzt nur nicht, welche Sorte. Wenn einer einen Tipp hat, dann bitte posten, welche Wirkungen und Nebenwirkungen es hat«: Zahlreiche Internetforen sind zwischenzeitlich von Anfragen nach Anabolika, aber auch Somatotropin und Erythropoetin (Epo) geprägt.

 

Im Web werden die weitgehend nicht legalen Hormone zu überhöhten Preisen und häufig in schlechter Qualität angeboten. Sie stammen zumeist nicht aus Deutschland, sondern oft aus China und Thailand.

 

Zunehmend wird der Dopinghandel von kriminellen Organisationen geprägt, da hohe Gewinne bei geringeren Risiken als zum Beispiel im Drogenhandel erzielt werden können. »Der Anabolikamissbrauch ist von einem Ärgernis im Sport zu einem Problem in der Gesellschaft und im öffentlichen Gesundheitswesen geworden«, konstatierten Sjöqvist et al. schon 2008 im Lancet (1).

 

Prägnante (Neben-)Wirkungen

 

Zum Muskelaufbau werden vorrangig anabole, androgene Steroide wie Testosteron und Dihydrotestosteron (DHT; Abbildung 2) sowie Somatotropin genutzt. Sie sollen der Zunahme der Skelettmuskelmasse, der Hämoglobinkonzentration und der roten Blutkörperchen sowie der Abnahme des Körperfettanteils bei gleichzeitiger Kontrolle der Körperfettverteilung und verstärkter Calciumaufnahme der Knochen dienen.




Abbildung 2: Zum Muskelaufbau werden neben Somatropin vorrangig anabole, androgene Steroide wie Testosteron und...

Die Konsumenten zahlen auch körperlich einen hohen Preis. Die Einnahme von Anabolika in Dosierungen, die Leistungssteigerung auf verschiedenen Spielfeldern versprechen, wird von schwerwiegenden Nebenwirkungen begleitet. Die Steroidstruktur der Substanzen geht mit Lebertoxizität bis hin zur Bildung von Tumoren einher.

 

Durch Suppression des für die körpereigene Testosteronproduktion verantwortlichen gonadalen Regelkreises über intrazelluläre Steroidhormonrezeptoren kommt es infolge negativer Rückkopplung bei beiden Geschlechtern zum Abfall des Gonadorelins, beim Mann zusätzlich zum Abfall des körpereigenen Testosterons sowie zur Reduktion der Spermiogenese und des Hodenvolumens. Weitere unerwünschte Wirkungen beim Mann sind Feminisierung und hier zum Beispiel Gynäkomastie, Blutfettveränderungen, Ödemneigung, Akne und psychische Veränderungen.




...Dihydrotestosteron genutzt.

Bei der Frau wiederum ist ein Abfall der Estrogensynthese zu verzeichnen. Bei ihr kommt es zur Virilisierung mit tiefer Stimme, Akne, Seborrhoe, Hirsutismus, Alopezie, Mammareduktion, Zunahme der Muskelmasse, Blutfettveränderungen sowie ebenfalls psychischen Veränderungen (2). Ob Mann oder Frau: Ein Übermaß an Anabolika (Abbildung 3 [Steht aus rechtlichen Gründen nicht mehr zur Verfügung.]) kann, wie im Fall von Andreas Münzer, zum Tode führen.

 

Tod durch massives Doping

 

Der 1964 geborene österreichische Bodybuilder erlag kurz nach seinem letzten Wettkampf in den USA 1996 in München den Folgen eines jahrelangen massiven Dopings.


Die Obduktion ergab tischtennisballgroße Tumore in der Leber, Schwellungen der Nieren, ein schmales Nebennierenmark, fast kein Unterhautfettgewebe, kleine Hoden, Herzhypertrophie sowie subendokardiale Blutungen (2), zum Teil hervorgerufen durch eine massive Rhabdomyolyse infolge des zu schnellen Muskel-Aufbaus, der wiederum zu minderwertigen Myofibrillen und letztlich deren Untergang führte.

 

Die Wettkampfmaße von Andreas Münzer betrugen 108 kg Gewicht, 147 cm Brust- und 53 cm Oberarmumfang bei 1,73 m Körpergröße. Die Kosten für das dafür notwendige Bodybuilding konnte er nur bestreiten, indem er bis zu 50 Mal im Jahr auftrat. Das bedeutete, dass sich sein Körper nie erholen konnte.

 

Der Dopingplan von Andreas Münzer in seinem letzten Lebensjahr umfasste neben der Einnahme unter anderem von Ephedrin, Amphetaminen, Acetylsalicylsäure, Benzodiazepinen und dem Kälbermastmittel Clenbuterol die Injektion einer Vielzahl anaboler Steroide sowie von Somatotropin und Insulin in steigenden Dosierungen. Gleichzeitig nahm er zahlreiche Nahrungsergänzungsmittel.

 

In den zehn Tagen im Vorfeld eines Wettbewerbes trank er nur noch weniger als einen halben Liter Wasser pro Tag. Die darauf basierende Reduktion der Gewebsflüssigkeit sollte bei gleichzeitiger Einnahme von Diuretika die Muskeln im Kampf besser durch die Haut scheinen lassen. Münzer starb an multiplem Organversagen.

 

Biosynthese und (Patho-)Physiologie

 

Androgen (andro, griech. = männlich; gen, griech. = erzeugend) heißt »zum Manne machend«. Das wichtigste Androgen ist Testosteron, das für die Entwicklung des männlichen Individuums von ausschlaggebender Bedeutung ist, jedoch auch im weiblichen Organismus eine Rolle spielt. Das Verständnis des Gefahren-Ausmaßes setzt die Kenntnis der (Patho-)Physiologie voraus.

 

Die Biosynthese von Testosteron geht viele Wege, die gekennzeichnet sind durch Hydroxylierungen und Oxidationen sowie Umlagerungen der Doppelbindungen in den Steroidringen A und B. Androgen sind auch Dehydroepiandrosteron (Prasteron, DHEA), Androstendion, Androstendiol und Androsteron als wichtige Zwischenstufen in der Testosteron-Biosynthese in den Leydig-Zellen des Hodens.

 

Testosteron wird zum aktiven Metaboliten DHT und zum ebenfalls aktiven Estradiol und weiter zum Estriol umgesetzt. Androstendion wird zu Estron aromatisiert, das wieder zu Estradiol und Estriol metabolisiert. Der Abbau des Testosterons über Androstanolon und Androstandion zu Androsteron erfolgt in der Leber. Schlussendlich erfolgt die Glucuronidierung und Sulfatierung zur schnellen Ausscheidung.

 

Während die aromatisierten weiblichen Hormone am Estrogen-Rezeptor angreifen, wirken die Testosteronderivate am Androgenrezeptor. Die höchste Affinität zum Androgenrezeptor und damit auch die stärkste androgene Wirkung besitzt das Reduktionsprodukt DHT.

 

Die Androgenwirkung von DHT und Testosteron dient naturgemäß der pränatalen Förderung der Entwicklung männlicher Sexualhormone und Geschlechtsmerkmale sowie der pubertären Regulation der Spermienproduktion. Sie fördert den Knochen- und Muskelaufbau in der Pubertät.

 

Bei Männern trägt sie unter anderem zur Aufrechterhaltung der Funktion der Sexualhormone und Erhöhung von Libido und Potenz bei. Sie stimuliert die Erythrozytenproduktion. Sie verstärkt die Talgproduktion. Sie kann allerdings auch Ursache für Haarverlust und androgenetische Alopezie sein beziehungsweise bei exogener Zufuhr von Testosteron zu den bereits beschriebenen Nebenwirkungen führen (Abbildung 4).

 

Einsatz in der Therapie

 

Die synthetischen Abkömmlinge des Testosterons wurden zum Teil schon während des Zweiten Weltkriegs entwickelt. Sie sollten ursprünglich entkräfteten und unterernährten Kriegsgefangenen eine bessere Rekonvaleszenz ermöglichen. Außerdem wurden sie aufgrund ihrer Eiweiß aufbauenden Wirkung bei konsumierenden Krankheiten und Muskelatrophie sowie als Mittel gegen Blutarmut eingesetzt.




Abbildung 4: Durch Suppression des für die körpereigene Testosteronproduktion verantwortlichen gonadalen Regelkreises über intrazelluläre Steroidhormonrezeptoren lassen sich die Nebenwirkungen erklären. Zum Vergößern klicken!

Heute dienen Testosteron und Methyltestosteron der medikamentösen Therapie des männlichen Hypogonadismus, sprich: der fehlenden oder verminderten Aktivität der Geschlechtsdrüsen mit gestörter Aus- und gegebenenfalls auch Rückbildung der primären und auch sekundären Geschlechtsmerkmale mit Ausbleiben oder Stillstand der Pubertät im Kindes- und Jugendalter.

 

Sie werden zudem zur Therapie endokriner Impotenz oder männlicher klimakterischer Symptome im Erwachsenenalter eingesetzt. Die Testosteronsubstitutionstherapie kann bei Störungen der Spermatogene durch Androgenmangel sowie bei androgenmangelbedingter Osteoporose angezeigt sein. Früher wurden beide Steroide auch zur Therapie des Mammakarzinoms genutzt, heute verwendet man nur noch die besser verträglichen Anti-Estrogene (3).

 

Testosteron gilt als »das Anabolikum schlechthin«, wird jedoch bei oraler Gabe bereits bei der ersten Leberpassage nahezu quantitativ abgebaut, sodass es seine Wirkung nicht entfalten kann. Der First-Pass-Effekt wird durch die intramuskuläre Applikation von Testosteron-Estern verschiedener Kettenlänge, so zum Beispiel von Propionaten oder Undecanoaten in öligen Lösungen (zum Beispiel Nebido®), umgangen (Abbildung 5 [Steht aus rechtlichen Gründen nicht mehr zur Verfügung.]). Mit zunehmender Alkankettenlänge steigt auch die Wirkdauer. In der Therapie eingesetzte Testosteron-Pflaster und Gele (zum Beispiel Androtop-Gel®) sowie buccale Tabletten sorgen für einen gleichmäßigeren Blutspiegel ohne Spitzen (4).

 

Missbrauch als Dopingmittel

 

Metabolisch nur wenig stabiler ist Nortestosteron, besser bekannt unter dem Namen Nandrolon (Deca-Durabolin®). Als nur in Österreich und in der Schweiz im Handel erhältliches Arzneimittel wird es zur Förderung des Eiweißaufbaus eingesetzt, wenn Diäten allein nicht helfen, so zum Beispiel bei Anorexia nervosa, schlecht heilenden Knochenbrüchen oder Osteoporose.


Auch Nandrolon wird zur Umgehung des First-Pass-Effektes als Ester in Depotform intramuskulös appliziert. Anderenfalls wird es zu den drei stereoisomeren unwirksamen Metaboliten Norandrosteron, Norepiandrosteron und Noretiocholanolon verstoffwechselt.

 

Nandrolon gilt als optimales Dopingmittel (Deca™), das durch den Langläufer Dieter Baumann in den Fokus des Medieninteresses gerückt wurde. Es wird im Internet als »Extrem-Anabol« beworben, das »240 Prozent anaboler als Testosteron« sein soll. Es seien, so heißt es, »diese Umstände, die Deca zu einem äußerst sicheren und potenten Muskelaufbau- und Kraftsteigerungs-Produkt machen«. Diesen Eigenschaften verdanke »Deca auch seine Popularität und die hohen Anwenderzahlen« (5).

 

Der ausgeprägte First-Pass-Effekt des Testosterons kann durch Alkylierung in Position 17 zurückgedrängt werden. Die Methylderivate Methyltestosteron, Met(h)andienon und Stanozolol (Abbildung 6) sind daher oral wirksam und zeichnen sich durch einen langsameren Metabolismus aus.




Abbildung 6: Der ausgeprägte First-Pass-Effekt des Testosterons wird durch Alkylierung in Position 17 zurückgedrängt; daher ist auch Stanozolol oral wirksam und wird langsamer metabolisiert.

Allerdings sind diese Abkömmlinge weniger aktiv als Testosteron. Dieses wird dadurch »wettgemacht«, dass sie eine geringere Affinität zu ihrem Transportprotein, dem sexualhormon-bindenden Globulin (SHBG), und damit einen größeren freien Anteil im Blut haben. So sind sie im Vergleich zu Testosteron hepatotoxischer und verändern den Blutfettspiegel. Sie lassen HDL sinken und LDL steigen.

 

Auch Methyltestosteron dient der oralen Therapie des Hypogonadismus. Gleichermaßen war Metandienon in Deutschland als Arzneimittel Dianabol® im Handel, ist heute aber legal in der Bundesrepublik nicht mehr zu beziehen. In Polen und Rumänien, vor allem aber im Internet ist es jedoch käuflich zu erwerben. Die Werbung ist auch hier entsprechend grotesk. »Dianabol – Kein anderer Name hat die Bodybuildingwelt über einen so langen Zeitraum in Atem gehalten«, so ist im Web zu lesen (6).

 

Sprint-Weltrekord und Sperre

 

Stanozolol wiederum hat traurige Berühmtheit durch Leichathleten (Abbildung 7) und hier unter anderem den Amerikaner Ben Johnson erlangt, der es mittels dieses Anabolikums zum Sprintweltrekord, aber auch zur Dopingsperre gebracht hat.




Abbildung 7: Anabolika wie Stanozolol haben traurige Berühmtheit durch Leichathleten erlangt, die es mit Hilfe der leistungssteigernden Wirkstoffe zu Weltrekorden, aber auch zur Dopingsperre gebracht haben.

Foto: Superbild


Werden, wie aufgezeigt, die meisten Androgene zu Estrogenen aromatisiert, so kann dieses bei hohen Dosierungen zu einer Feminisierung des Mannes führen. Die Aromatisierung kann verhindert werden, wenn zum ersten Ring A gesättigt ist, zum zweiten an C1 eine Methylgruppe sitzt (wie zum Beispiel bei Mesterolon), wenn zum dritten C4 über ein Chloratom verfügt (wie zum Beispiel Clostebol und Dehydrochlormethyltestosteron) und/oder zum vierten eine Doppelbindung an C1 lokalisiert ist (wie zum Beispiel Methenolon; Primobolan®) (7).

 

Dehydrochlormethyltestosteron, Oral-Turinabol®, ist in der Szene bekannt für »extrem schnelles Wachstum von Muskeln« (8). Es wurde in den 1960er-Jahren vom VEB Jenapharm zur Unterstützung von Heilungsprozessen bei schweren Verletzungen und Knochenschwund entwickelt. Später nutzten DDR-Sportfunktionäre den breiten Einsatz des Mittels im Leistungssport häufig ohne Wissen der Athleten als Zusatz zu Getränken (9) oder in Form der berühmt gewordenen »blauen Bohnen«, auch »blaue Blitze« genannt (8). Zum Teil waren schon Sportler im Alter von 13 Jahren betroffen.

 

1994 stellte Jenapharm die Produktion von Oral-Turinabol® ein; es wird allerdings in China weiter hergestellt und ist somit im Internet illegal erhältlich. Viele ehemalige DDR-Athleten, denen das Anabolikum verabreicht wurde, haben die Hersteller auf Schadensersatz verklagt.

 

Unklare Studienlage

 

Im Internet werden zudem Vorläufermoleküle des Testosterons beziehungsweise Nortestosterons (Nandrolon) als Prohormone propagiert. Als »körperidentische Prohormone« und Nahrungsergänzungsmittel werden derzeit 4-Androstendion, 4-Androstendiol, 5-Androstendion, Dehydroepiandrosteron (DHEA) und 5-Androstendiol im Ausland und hier insbesondere in den USA gehandelt.

 

DHEA (auch Prasteron genannt, Abbildung 8) nimmt hierbei eine Sonderstellung ein. In Deutschland verschreibungspflichtig wird es in Kombination mit Estradiolvalerat zur Substitutionstherapie im Klimakterium oder nach Ovarektomie eingesetzt. In den USA wird es als Nahrungsergänzungsmittel, als Anti-Aging-Hormon sowie als Mittel zur Verbesserung erektiler Dysfunktionen vertrieben.




Abbildung 8: Eine Sonderstellung einnehmend wird Dehydroepiandrosteron (Prasteron) in Deutschland in Kombination mit Estradiolvalerat zur Substitutionstherapie im Klimakterium oder nach Ovarektomie verschrieben.

Das DHEA-haltige Produkt Ultimate Nutrition DHEA™ wird als »Hormon der ewigen Jugend« beworben, das der »Erhöhung der Libido, der Energiereserven und des Wohlbefindens sowie der Reduzierung von Fettleibigkeit, Ablagerungen in den Gefäßen sowie Depressionen bei gleichzeitiger Steigerung der kognitiven Auffassungsgabe« dient (9).

 

Nicht nur hier, auch für, laut Anbieter, »the strongest mass builder on earth« (10) 4-Androstendion (Andro™, ASD™) beziehungsweise für das »populärste Prohormone aller Zeiten« (11) 4-Androstendiol (4-AD RD™) ist die Studienlage unklar. Zwar scheint die Lebertoxizität geringer. Doch konsumieren die »User« häufig große Mengen (> 200 mg) mehrmals täglich (11), sodass die Gefahr dadurch wieder steigt.

 

In Lösung ist Norandrostene-3b-ol-17-one (Deca-Vol Utt™) erhältlich, das zu Nandrolon konvertieren soll. Die wiederum abenteuerliche Werbung spricht von einem »ultraeffizienten Muskelmacher, der für solide Muskelzuwächse steht: Nimm zweimal täglich im Abstand von acht Stunden einen Milliliter und belasse ihn für circa 30 Sekunden unter der Zunge«, so lautet die Empfehlung (10). Immerhin sollte das »niemals länger als sechs bis acht Wochen« geschehen. Alle Substanzen sind in der Bundesrepublik als Arzneimittel nicht zugelassen. Ihr Handel ist illegal.

 

Irreführende Werbung

 

Haben Testosteron-Booster das Ziel, den körpereigenen Testosteron-Spiegel zu erhöhen, so erfolgt diese Erhöhung dabei je nach Booster auf verschiedene Art und Weise. Die im Internet zu findende, irreführende Aussage heißt: »Da das körpereigene Testosteron erhöht und kein Testosteron von außen zugeführt wird, sind keine Nebenwirkungen zu erwarten« (11). Selbstverständlich spielt es für die Entstehung von Nebenwirkungen keine Rolle, ob Testos­teron von außen zugeführt oder »körpereigen« ist. Testosteron ist Testosteron.

 

Insbesondere das von mehreren Webseiten in naher Vergangenheit noch stark beworbene Novedex XT™ soll »dem Körper auf natürliche Weise helfen, die Testosteronproduktion zu steigern« (11). Wird das Wirkgemisch als Dianestrozol bezeichnet, so lässt sich die Zusammensetzung auch für Experten nicht nachvollziehen. Wie in vielen Boostern scheint mit Sicherheit unter anderem ein Aromatasehemmstoff enthalten zu sein, der allerdings nicht die Produktion des Testosterons erhöht, sondern nur dessen Aufbau verhindert, sodass die Testosteron-Blutspiegel theoretisch erhöht werden können. Zwischenzeitlich wurde der Vertrieb von Novedex T™ im Internet eingestellt.

 

Als Testosteronbooster werden ebenso Nahrungsergänzungsmittel wie Tribestan und Tribulus Terrestris (Erd-Burzeldorn aus der Familie der Jochblattgewächse; Zygophyllaceae) beworben, dessen Extrakte gern in Kombination mit Prohormonen verkauft werden. Die anabole Wirkung wird Steroidsaponinen vom Typ der Phytosterole (hier Protodioscin) zugeschrieben.

 

Obgleich Tribulus terrestris breite Anwendung findet und die »Erhöhung des körpereigenen Testosteronsspiegels um über 40 Prozent bei gleichzeitiger deutlicher Zunahme von Muskelmasse und Kraft« gepriesen wird, konnte die anabole Wirkung bisher nicht nachgewiesen werden, vielmehr wurde in neueren Studien mit Athleten die Wirkungslosigkeit belegt (10, 13, 14).

 

Handel auch mit Somatotropin

 

Zur Steigerung der von vielen Menschen geradezu manisch betriebenen Stärkung der Muskelkraft wird auch das aus 191 Aminosäuren bestehende Polypeptid Somatotropin (Human Growth Hormon, HGH) eingesetzt. Als endogenes menschliches Wachstumshormon, das zur medikamentösen Therapie von Minderwuchs bei Kindern und bei Erwachsenen als Ersatztherapie bei HGH-Mangel genutzt wird, trägt es zur Steigerung von Muskelmasse und -kraft sowie zur Erhöhung der anabolen Wirkung der Sexualhormone bei und wird gleichermaßen im Internet entsprechend gehandelt.

 

Als effektorische Hormonwirkungen von Somatotropin sind die Mobilisierung von Fettsäuren aus Fettgewebe, die Erhöhung der Blutzuckerkonzentration durch Förderung der Gluconeogenese in der Leber und die Steigerung der Aufnahme von Aminosäuren beziehungsweise der Proteinbiosynthese im Muskelgewebe zu nennen.

 

Die glandotrope Wirkung wird indirekt durch die Stimulation der Somatomedin-C-Bildung (Insulin growth factor 1, IGF-1) insbesondere in der Leber vermittelt. IGF-1 ist verantwortlich für Knorpel-, Knochen- und Muskelwachstum.

 

Während therapeutisch genutztes Somatotropin ausschließlich als Injektionslösung (zum Beispiel als Genotropin®) gehandelt wird, findet man es in der Bodybuilding-Szene auch als Tabletten und Kautabletten, wobei die Frage offen bleibt, wie viel Wirkstoff nach Magen-Darm-Passage tatsächlich seine Effekte entfalten kann.

 

Aus China kommt Somatotropin als Jintropin®, das auf dem Schwarzmarkt erhältlich ist. Dieses wird sehr blumig mit »Muskelaufbau, Reduktion des Körperfetts, Hautverdickung, Faltenreduktion, Haarwuchs, Wiederherstellung der Haarfarbe, Steigerung von Energie und Sexualfunktion, Verbesserung des Cholesterolprofils, Wiederherstellung von Leber, Pankreas, Herz und anderen Organen, Verbesserung des Sehens und Gedächtnisses, Regulation des Blutdrucks und schlussendlich Stärkung des Immunsystems« als ideales Anti-Aging-Mittel beworben.

 

Fälschungen und Schmuggel

 

In Deutschland ist der Verkauf und Erwerb von anabolen Steroiden und Somatotropin laut § 6 des Arzneimittelgesetzes verboten beziehungsweise nur mittels Rezept erlaubt. Gemäß § 95 wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft, wer entgegen § 6 Arzneimittel zu Dopingzwecken im Sport in den Verkehr bringt, verschreibt oder bei anderen anwendet.

 

In fremden Ländern wie China und Thailand hergestellt, werden diese Substanzen zur Umgehung von Handelsverboten vielfach über osteuropäische Länder vertrieben (Abbildung 9) und über die Grenzen in die Bundrepublik geschmuggelt. Interessanterweise ist im Web beim Versuch des Kaufes häufig der Wechsel auf eine thailändische Internetseite zu registrieren.




Abbildung 9: Ist der Verkauf und Erwerb von anabolen Steroiden und Somatotropin in Deutschland verboten, so werden diese Substanzen zur Umgehung von Handelsverboten vielfach über osteuropäische Länder vertrieben.

Foto: Superbild


Es gibt viel Geld zu verdienen, daher ist die Anziehungskraft dieses »Marktes« für das organisierte Verbrechen nicht verwunderlich. In Bonn wurde vor Kurzem ein Händlerring aufgedeckt, der circa 12,5 Millionen US-Dollar umgesetzt hat. In Heidelberg konnte ein Anabolika-Händler festgenommen werden, der 3000 Ampullen und 300 000 Tabletten Potenz- und Dopingmittel besaß. In Filderstadt hat die Polizei einen länderübergreifenden Anabolika-Händlerring aufgehoben. Das alles im Zeitraum von Oktober bis Dezember 2010.

 

Schon in den 1980er-Jahren stellte die Food and Drug Administration (FDA) fest, dass Anabolikapräparate häufig zu wenig, gar keine oder falsche Wirkstoffe enthalten. In den nicht immer aseptischen Produkten sind pflanzliche Öle und hier auch hochgiftige Wirkstoffe zu finden. Beobachtet werden Blut- und Methanolvergiftungen, häufig auch Abszesse an der Einstichstelle. Auch die Gefahren durch Fälschungen oder durch die infolge unsteriler Herstellung in Untergrundlabors entstehenden mikrobiellen Verunreinigungen sind bekannt. 2009 wurde unter anderem über eine Totalfälschung von Somatotropin berichtet. Die Ampullen enthielten Cortisol. /


Literatur

...bei den Verfassern


Die Autoren

Ulrike Holzgrabe studierte von 1974 bis 1979 Chemie in Marburg und von 1978 bis 1981 Pharmazie in Marburg und Kiel. Es folgten Approbation (1982), Promotion (1983) und Habilitation in Pharmazeutischer Chemie (1989) sowie 1990 Rufe auf C3-Professuren nach Bonn und Berlin. Als C3-Professorin ging Holzgrabe bis 1999 nach Bonn, bevor sie nach Rufen 1998 auf C4-Professuren nach Tübingen, Münster und Würzburg schließlich 1999 Lehrstuhlinhaberin in Würzburg wurde. Den Ruf auf eine C4-Professur 2004 in Berlin lehnte sie ab, gleichermaßen das Angebot zur BfArM-Präsidentschaft 2008. Holzgrabe war von 1997 bis 1999 Prorektorin der Universität Bonn und von 2004 bis 2007 Präsidentin der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft (DPhG). Seit 2008 ist sie Mitglied des Executive Committees der European Federation for Pharmaceutical Sciences (EUFEPS). Holzgrabe ist Vorsitzende des BfArM-Ausschusses »Pharmazeutische Chemie« sowie Mitglied der Deutschen Arzneibuchkommission und des wissenschaftlichen Beirats am BfArM. Gleichermaßen ist sie Mitglied der Europäischen Arzneibuchkommission.

 

Jens Schmitz studierte von 1999 bis 2004 Pharmazie in Würzburg und erhielt 2005 die Approbation als Apotheker. 2008 wurde er in Pharmazeutischer Chemie promoviert und arbeitet seitdem als Postdoc am Lehrstuhl für Pharmazeutische und Medizinische Chemie in Würzburg.

 

Prof. Dr. Ulrike Holzgrabe

Institut für Pharmazie und Lebensmittelchemie der Universität

Am Hubland

97074 Würzburg

u.holzgrabe@pharmazie.uni-wuerzburg.de


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Beitrag erschienen in Ausgabe 19/2011

 

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