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Altmedikamente

Wohin mit dem Müll?


Von Daniela Biermann / Als föderaler Staat ist Deutschland berühmt für Flickenteppich-Lösungen. So auch seit zwei Jahren bei der Entsorgung von Altmedikamenten. Die Pharmazeutische Zeitung (PZ) hat sich bei Kammern und einigen Entsorgern umgehört, wie die Dinge stehen.

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Zum 1. Juni 2009 stellte die Recyclingfirma Vfw GmbH ihren flächendeckenden Service ein, bei dem Apotheker kostenlos Säcke mit Arzneimittelmüll abholen lassen konnten. Grund hierfür war eine Änderung der Verpackungsverordnung. Arzneimittelhersteller sind verpflichtet, für die Entsorgung von Schachteln, Blistern & Co aufzukommen. Allerdings können Entsorger wie Vfw diese Primär- und Sekundärverpackungen nicht mehr gewinnbringend wiederverwerten. Und damit lohnt sich eine Entsorgung der eigentlichen Arzneimittel nicht mehr, die bislang quersubventioniert wurde (lesen Sie dazu auch Altmedikamente: Viel Lärm um Müll, PZ 36/2009).




Jede Menge Abfall: Viele Apotheken nehmen Altarzneimittel an. Die Entsorgungssituation ist jedoch sehr unübersichtlich.

Foto: imago


Der Deutsche Apothekerverband hatte sich mit Vfw um eine einheitliche Lösung für ganz Deutschland bemüht – vor allem sollte sie kostenneutral für Apotheker und Patienten sein. Dies scheiterte jedoch am Widerstand der Pharmafirmen, die nicht für die Abholung in den Apotheken aufkommen wollen. Auch auf Landesebene konnten die Apothekerverbände bislang keine entsprechenden Verträge ab­schließen.

 

Die Entsorgung wird seitdem unterschiedlich gehandhabt – von Kammerbezirk zu Kammerbezirk, von Gemeinde zu Gemeinde, von Apotheke zu Apotheke. Der Bayerische Apothekerverband hat ermittelt, dass rund 75 Prozent der Apotheken im Freistaat noch Altmedikamente annehmen. Die Zahl sei trotz Novellierung der Verpackungsverordnung relativ konstant geblieben, so Pressesprecher Thomas Metz.

 

Fest steht: Die Apotheker sind und waren nie verpflichtet, Altmedikamente anzunehmen. Jeder Apotheker kann also selbst entscheiden, ob er Medikamentenmüll annimmt und (oft auf eigene Kosten) entsorgt. »Als Kammer meinen wir jedoch: Wer für die Versorgung verantwortlich ist, sollte sich auch um die Entsorgung kümmern«, sagte Dr. Stefan Derix, Geschäftsführer der Apothekerkammer Nordrhein gegenüber der Pharmazeutischen Zeitung. Das müsse nicht unbedingt eine Rücknahme bedeuten, »auch wenn wir das gut fänden«, so Derix. Wichtig sei, die Patienten aufzuklären und ihnen weiterzuhelfen.

 

Bedenken vor der Hausmülltonne

 

»Wir haben schon empörte Anrufe von Patienten bekommen, deren Stammapotheken die Altmedikamente nicht annehmen wollten«, erzählt Derix. »Die Patienten wollten die Medikamente jedoch nicht einfach in den Hausmüll geben.« Dies zeige erfreulicherweise, dass die Patienten Arzneimittel nicht als einfaches Konsumprodukt ansehen, sondern seine Besonderheit wahrnehmen. Die Annahme von Altmedikamenten könne sich für eine Apotheke sogar als Wettbewerbsvorteil lohnen. Wer diesen Kundenservice nicht anbieten will, sollte in jedem Fall darüber informieren, wie und wo die Medikamente am besten selbst zu entsorgen sind. Entsprechende Broschüren bieten zum Beispiel die Umweltministerien in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Thüringen an.

 

Meist keine toxikologische Gefahr

 

»Apotheker sollten ihren Kunden klarmachen, dass von Altmedikamenten mit einigen Ausnahmen keine unmittelbare toxikologische Gefahr ausgeht. Sie sollten die Arzneimittel einfach unauffällig unter den Hausmüll mischen«, sagte Derix. Der Weg über die Hausmülltonne ist mittlerweile die von Umweltministerien und Apothekerkammern empfohlene Lösung – solange der Hausmüll kindersicher aufbewahrt und anschließend verbrannt wird.

 

Der kommunale Entsorger informiert, ob der Müll der Gemeinde in der Verbrennungsanlage landet. Auf Deponien können die Arzneistoffe in den Boden sickern und ins Grundwasser gelangen. Um dies zu vermeiden, dürfen Altmedikamente auch nicht die Toilette hinuntergespült werden.

 

Bei der Entsorgung über den Hausmüll ist Folgendes zu beachten: Umkarton und Packungsbeilage sollten zum Altpapier gegeben werden, leere Blister in die Wertstoffsammlung. Am einfachsten und für den Entsorgenden am sichersten ist es, die eigentlichen Arzneimittel in ihrer Primärverpackung zu lassen. Einige Medikamente und Abfälle dürfen jedoch nicht in den Hausmüll (siehe Kasten).


Was nicht in den Hausmüll darf

Spritzen und Kanülen dürfen in den Hausmüll, solange sie durchstichsicher verpackt sind. Nicht in den Hausmüll gehören Zytostatika (auch Oralia) und Sprays mit Restmengen wie Asthma-Dosieraerosole. Chemikalien zählen ebenfalls als Sondermüll. Quecksilberthermometer können bei der Verbrennung giftige Gase freisetzen und gehören deshalb auch in den Sondermüll. Infektiöse Materialien, zum Beispiel aktive Impfstoffe, sollten ebenfalls besser dem Sondermüll zugeführt werden. Die Vernichtung von Betäubungsmitteln ist in § 16 BtM-Gesetz geregelt. Dabei müssen »nicht mehr verkehrsfähige Betäubungsmittel« in Gegenwart von zwei Zeugen (drei Unterschriften) so vernichtet werden, dass eine Wiedergewinnung der Inhaltsstoffe nicht möglich ist, ohne Mensch und Umwelt zu gefährden. Opioidpflaster können beispielsweise an den Oberflächen zusammengeklebt werden. Matrixpflaster können zerschnitten werden. Vorsicht: Bei Membranpflastern können dabei erhebliche Wirkstoffmengen austreten!


In kaum einem Bundesland gibt es eine einheitliche Lösung. Die Apothekerkammern selbst haben vor allem in Flächenländern so gut wie keine Chance, jedes Mitglied detailliert über Angebote in seinem Umfeld zu informieren. Stattdessen bleibt annahmewilligen Apothekern nichts anderes übrig, als sich beim Umweltamt ihrer Gemeinde zu erkundigen. Denn Abfallrecht ist Landesrecht und durch entsprechende Verordnungen letztlich Kommunalsache. Städtische Gewerbehöfe und Schadstoffmobile nehmen Arzneimittel von Patienten kostenlos zurück. Vom Apotheker abgegeben, zählen die Altmedikamente jedoch als Gewerbemüll und können vielerorts nur kostenpflichtig entsorgt werden.




In Berlin haben rund ein Viertel der Apotheken die sogennante »Medi-Tonne«. Ein Schwerkraftschloss verhindert, dass Unbefugte und Kinder an den Müll gelangen.

Foto: BSR


Wie es gehen kann, zeigen einige Beispiele (eine umfassende Darstellung finden Sie hier): Die Bremer Apotheker haben eine gemeinsame Lösung mit einem Großhändler gefunden. In Leipzig ist die Stadtreinigung auf den Apothekerverband zugekommen, da es dort keine Müllverbrennungsanlage gibt. Sie holt nun Altmedikamente in den Apotheken kostenlos ab, sobald eine bestimmte Sammelmenge erreicht ist. »Das sollte die Regellösung sein«, kommentierte Dr. Ulrich Bethge, Geschäftsführer des Apothekerverbands Sachsen. Bethge hofft, dass andere Gemeinden dem Beispiel Leipzigs folgen. Auch die Lübecker Apotheker dürfen sich über eine kostenlose Abholung des städtischen Entsorgers freuen; die Gewerbehöfe in Münster nehmen immerhin Altmedikamente kostenlos an.

 

Erfolgsmodell »Medi-Tonne«

 

In Berlin baut die Stadtreinigung ihr Angebot der »Medi-Tonne« gerade flächendeckend aus. Zu Jahresbeginn nahmen rund ein Viertel der Apotheken das kostenpflichtige Angebot an. Dabei dürfen auch andere »gemischte Siedlungsabfälle« in die Tonne, sodass die »Medi-Tonne« eine normale Restmülltonne ersetzen kann und sogar kostengünstiger ist. Das Besondere an der »Medi-Tonne« ist ihr Schwerkraftschloss. Unbefugte und Kinder können so nicht an den Müll. Nur die Apotheke hat einen Schlüssel. Bei der Leerung im Müllfahrzeug öffnet sich die Tonne automatisch. Ähnliche Mülltonnen bieten laut Apothekerkammer auch einige Gemeinden in Thüringen an. Für das Saarland empfiehlt Kammergeschäftsführer Carsten Wohlfeil, dass sich die Kollegen zusammentun, um Medikamentenmüll zu einer der zwei Müllverbrennungsanlagen zu bringen.

 

Falls die Stadtreinigung keine Altmedikamente in den Apotheken abholt und die Zeit fehlt, den Müll selbst wegzubringen, helfen gegen Gebühr spezialisierte Entsorger. Einige Beispiele: Vfw bietet weiterhin seinen Abholservice »Vfw Remedica Altmedikamente« an. Ein Set mit 20 Säcken und einem Kanülensammler inklusive Abholung nach Vereinbarung kostet 100 Euro. Apotheker können es per Fax bestellen (+49 2234 9587 733). Die Abholung wickeln die Wepa Apothekenbedarf GmbH & Co KG oder die K + M Handels GmbH ab. Laut Vfw nehmen mehr als 4000 Apotheker diesen Service in Anspruch.

 

In Hessen nahmen im vergangenen Jahr etwa ein Viertel der Apotheken ein Angebot des Apothekerverbands und der Kilb Entsorgung GmbH an. Das Unternehmen holt einmal im Monat drei Säcke à 70 Liter zum Preis von 16 Euro ab. In Mecklenburg-Vorpommern empfiehlt die Apothekerkammer ihren Mitgliedern den Service von Vfw sowie ein Angebot der ALBA-Gruppe.

 

Der Braunschweiger Großhändler Kehr bietet seinen Kunden seit Oktober 2010 die »Abox« an, die Apotheker für 9,95 Euro über die Pharmazentralnummer 5694326 bestellen können. Ist der 50 Liter fassende Behälter voll, wird über die PZN 5694800 die Abholung bei der nächsten Tour gebucht. Kehr und die anderen neun privaten Großhändler der Kooperation Pharma Privat bieten den Service ab Mai in acht der 15 Niederlassungen an und wollen ihn auf das gesamte Bundesgebiet ausweiten. Die Nachfrage sei entsprechend groß, teilte ein Sprecher von Kehr der PZ mit. Die eigentliche Entsorgung übernimmt das internationale Unternehmen »Veolia Environment«.

 

Patienten schätzen Rücknahmeservice

 

Dass die Patienten den Rücknahme-Service der Apotheken schätzen, belegt eine Umfrage des Marktforschungsinstituts Bartsch im Auftrag von Vfw. Demnach geben rund 70 Prozent der 300 Befragten ihre Altmedikamente in der Apotheke ab. Vor allem ältere Kunden nutzen das An­gebot.

 

Es wurde sogar eine Petition beim Bundestag eingereicht. Apotheker sollen demnach gesetzlich verpflichtet werden, Altmedikamente kostenlos anzunehmen. Vergangene Woche endete die Zeichnungsfrist. Allerdings war die Mindestzahl von 50 000 mit 1124 Unterzeichnern bei Weitem nicht erreicht. Der Aussage der Antragsteller, Apotheker und Pharmahersteller gehörten »noch immer zu den wirtschaftlich wohlhabendsten Branchen, eine wirtschaftliche Überforderung ist daher nicht zu erwarten«, stimmt mittlerweile wohl kein Apotheker mehr zu.

 

Die eigentliche Begründung der Petition würden jedoch vermutlich die meisten unterstützen: »Von Medikamenten gehen erhebliche Gefahren aus, sofern sie in falsche Hände oder unkontrolliert in die Umwelt geraten. Es ist daher sinnvoll, wenn es Anwendern so leicht wie möglich gemacht wird, eine unkomplizierte ortsnahe Entsorgung durchführen zu lassen. [...] Auch kennen sie (die Apotheker) die Produkte am besten und können gut einschätzen, welchen Entsorgungsweg das einzelne Medikament nehmen muss. Die Entscheidung, welche Medikamente über den Hausmüll unschädlich entsorgt werden können, überfordert den Verbraucher.« Apotheker sollten sich also nicht nur aus Marketingaspekten, sondern vor allem aus Gründen des Patienten- und Umweltschutzes gut überlegen, ob sie die Annahme von Altmedikamenten verweigern. / 


Informationen im Internet

Umfassende Informationen zum Thema Arzneimittelmüll haben wir für Sie hier zusammengestellt. Für jedes Bundesland finden Sie die Informationen der einzelnen Kammern sowie weiterführende Links.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 17/2011

 

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